Das Schiff machte kehrt, um zu forschen, und Clara versuchte, es davon abzuhalten. Nicht, weil sie nicht neugierig gewesen wäre, sondern weil sie immer noch homo sapiens war, wenn es darauf ankam. Es machte ihr Angst, die Kontrolle zu verlieren. Aber die Männer und Frauen, die sie unterstützten, hatten auch in die besten Designer für künstliche Intelligenz investiert, und der Zentralcomputer würde seine Befehle nicht einfach über Bord werfen.

Clara war tief mit dem Schiff verbunden, so tief, dass sie auf eine Art nur ein weiteres Teil davon darstellte, eine Komponente in Menschenform in einer Wiege aus Gel und Kabelspleiß. Die verästelten Nervenstränge in ihren Unterarmen und ihrer Wirbelsäule waren mit Plastik, Metall und Glas verbunden. Sie spürte und beeinflusste alle Systeme – bis auf diese eine eigenständige Einheit.

Ihr Kampf verlief leise und behutsam, bis Clara entschied, dass der Zentralcomputer am verwundbarsten sein würde, wenn er die Korrektivzündungen durchführte. Das Navigationsprogramm verband sie, und Clara versuchte, es zu schließen, es umzuleiten. Ohne Erfolg. Der kühle, orangefarbene K-Stern war einfach zu nah, als dass das Schiff ihn ignorieren konnte, und auch Clara blickte voller Verzauberung, als sie sich den Schatten der Kometenwolke näherten.

Sie hörte auf zu kämpfen, vielleicht zu schnell, und stellte ihre Fähigkeiten in den Dienst des Schiffes. Es würde Wochen an Mathematik benötigen, um sie sicher durch das äußere System zu manövrieren. Es war eine neue Aufgabe und der Adrenalinschub tat gut. Trotzdem fügte sie dem Bericht, den das Schiff per Nachrichtenstrahl nach Hause schickte, ein schmutziges Wort hinzu.

***

Die Dunkelheit und die Kälte waren wie Freunde für sie. Mehr als alles andere mochte es Clara, sehen zu können, deshalb waren Licht und Atmosphäre nichts weiter als Hindernisse – Licht, weil es die Teleskope blendete, und Luft, weil sie verzerrte. Noch vor ihrem dritten Namenstag hatte sie begriffen, wie sehr es sie einschränkte, immer nur an einem Ort zu leben. Ihr gefiel es, sich treiben zu lassen. Darin war sie gut. Es erfüllte sie.

Sie war ein gescheitertes Experiment, ein elternloses Kind des Staates, ex utero gewachsen und eigentlich genetisch gefertigt, um in den komplexen Orbiten der Asteroidenminen Erze zu schichten, Schiffe zu betanken und Transporter in den Cluster hinein und wieder hinaus zu leiten. Zuerst war es eine Herausforderung gewesen, zuletzt nur noch eintönig.

Sie war vor sechshundert Jahren von zuhause weggegangen – sechshundert Jahre nur sie alleine, auf einem Flug weg von bekannten Sphären, mit magischem Blick nach vorne und zu allen Seiten. Die Verwaltung war großzügig gewesen. Es tat ihnen leid, was sie aus ihr gemacht hatten. Sie gaben ihr das Stoßschiff, um das sie gebeten hatte. Natürlich machten die unermesslichen Reichweiten der Makroskope jede Forschungsreise nahezu gegenstandslos. Doch im Laufe der Zeit fand sie neue Blickwinkel und hier und dort die Möglichkeit zu einer genaueren Betrachtung. Aber ihre Freiheit hatte einen Preis. Sie hatten den Zentralcomputer darauf programmiert, möglicherweise bewohnbare Systeme, die den G- und K-Sternen ähnelten, zu erforschen. Es machte Clara nichts aus. Sie tat genau das, was sie tun wollte: Sie fütterte ihren verschrobenen Verstand mit den Bildern, die sich in der Reichweite ihrer langen Augen auftaten.

Sie war nie allein. Wenn sie Geräusche brauchte oder andere Gedanken, fand sie fast immer ein Funksignal, in das sie sich einklinken konnte. Und wenn die Kommunikationstechnik in einigen wenigen Gebieten durch eine Sonne geblockt oder durch Staub verdeckt wurde, hatte der Computer immer noch Millionen von Stunden Funkverkehr aufgezeichnet.

Clara reiste mit einem Bruchteil an Lichtgeschwindigkeit und würde die Sphären mit menschlicher Aktivität erst in einigen Jahrhunderten hinter sich gelassen haben. Darum schlief sie. Sie schlief viel. Das Schiff setzte sich selbst in Stand und kümmerte sich auch um sie. Jedes Mal, wenn sie erwachte, begegnete sie einem neuen Augenschmaus aus Farben und Formen, dem Uhrwerk aus Sternen, die aneinander zerrten, dem Glorienschein aus Stein und Eis. Sie wollte weiter, für immer. Aber ihr wurde klar, zu spät, dass sie zu arglos gewesen war.

***

Sie befanden sich 17,7 Lichtjahre jenseits der nächsten verzeichneten Kolonie. Clara konnte keine Informationen verkaufen, nicht für Nahrung oder Hardware oder Sex. Aber sie konnte Patches für Software bekommen, und die waren vielleicht die Schlüssel zur Umprogrammierung des Computer. Schlüssel zur Freiheit.

Sie hatte noch eine Chance zu kämpfen, als sich das Schiff ins Innere bewegte, vorbei an einem gasförmigen Riesenstern, und seinen Kurs erneut anpasste. Aber Clara kämpfte nicht. Stattdessen verwendete sie ihre Energie auf die Karten und die Sims. Unglücklicherweise bestand der Rest dieses Systems lediglich aus zwei inneren Planeten und einigen Kometenverbünden. Es gab hier nichts von Wert außer dem zweiten Planeten, einen braunschwarzen Gesteinsbrocken mit primitiver Atmosphäre.

Sie kalibrierte ihre Augen für eine genauere Betrachtung, was sowohl schmerzvoll als auch ein Vergnügen war. Die Schmerzen waren körperlicher Art. Extreme Anpassungen brachten Schweiß und Beschwerden mit sich, aber der Lohn für ihre Mühen war, dass sie zum Halbgott dieser Welt wurde und jeden Staubpartikel, die Poesie seiner Winde, die Biegungen seiner Hülle, die heißen, widerhallenden Aufschlüsse seiner Oberfläche ermessen konnte.

Der Sauerstoffgehalt, den das Schiff auf dem Planeten aufspürte, war kaum mehr als ein Hauch. Clara wunderte sich nicht darüber, dass sie den Sauerstoff überhaupt wahrnehmen konnte – ihre Augen waren stark genug – aber sie fragte sich, ob er verwertbar sein würde. Wäre es für einen Menschen möglich, sich auf diesem Planeten aufzuhalten? Wenn sie zehntausend Kometeneinschläge verursachte und so mehr Wasser in die Außenwelt pumpte, könnte sie eine erdbildende Reaktion auslösen, die den Planeten lebenswert machte, bevor andere kommen würden?
Dieser Gedanke versprach einen Haufen Geld und Einfluss und noch etwas anderes, von dem sie nicht geglaubt hätte, dass sie es brauchte. Erlösung. Clara bereute ihre Entscheidungen nicht, aber sie war trotzdem eine Frau, die jedem, den sie kannte, den Rücken zugekehrt hatte.

Dies war ihre Chance, alte Kontakte wieder herzustellen, sie in gewisser Hinsicht sogar mitzunehmen. Sie hätte nie gedacht, dass sich diese Vorstellung so gut anfühlen würde, und sie war sich nicht sicher, ob ihr das gefiel. Sie fügte dem nächsten Nachrichtenstrahl des Schiffes eine ganze Reihe von schmutzigen Wörtern hinzu. Und sie lachte.

»Zuerst einmal«, sagte sie, »könnt ihr ihn nach mir benennen.«

***

Clara durchlief einhundert Umlaufbahnen und fand nichts als neue Fragen. Die Oberfläche des Planeten war unfruchtbar. Hier und dort wuchsen Schimmelpilze, Flechten und Unkräuter, aber nicht genug, um die zerbrechlich wabernde Atmosphäre oder das tierische Methan zu erklären.

Es gab Leben hier. Nur wo? Clara horchte die Aufschlüsse in der Hülle des Planeten ab, doch ihre schiere Anzahl frustrierte sie. Selbst die offensichtlichen Luftlöcher – die warmen Stürme und Ströme von unterhalb der Erde – halfen ihr nicht. Zweimal isolierte sie Öffnungen, die Spuren von Biomasse enthielten, aber die Pfade nach innen waren unentwirrbare, zerrissene Labyrinthe.

Die Hülle brach überall. Dieser Planet hatte einen schwachen Kern und nur dreiviertel der Erdgravitation. Es brodelte in ihm. Entlang seines Äquators verlief ein Pulk von Höhlen über eine Breite von sechshundert Kilometern.

Einige dieser Aufschlüsse waren in sich geschlossen und für immer dunkel und still. Andere enthielten oder teilten sich kleine Ozeane. Das erschien ihr vielversprechend, doch der Schwefelgehalt in vielen von ihnen war erdrückend und tödlich. Die meisten der Aufschlüsse waren leer. Claras Bilderfassung spielte wie ein hektisches Lied aus Spitzen und Tiefen. Jede einzelne erklang in ihrer ganz eigenen Art und enthielt alles Mögliche, wie ein paar Millibar Luft oder klebrigen Salzschlamm.

Ein riesiger Krater klaffte nahe einem Rand des äquatorialen Labyrinths – eine vierzehn Kilometer große Blase, die vor Äonen zerfallen war. Clara taufte es das Spülbecken. Der Krater bot alles, außer dem, was sie wirklich wollte – einen eindeutigen Beweis. Dunkle Unkräuter gediehen auf seinem zerklüfteten Boden. Sie lebten von Ausgasungen und Wasserdämpfen. Die Wände der Grube schützen vor Wind und hielten die Wärme der Sonne fest. Sie beobachtete. Sie wartete. Es gab Käfer im Spülbecken, Kreaturen mit harter Schale und kaum größer als ein Fingernagel. Einige fraßen Laub. Einige fraßen die anderen.

Das Schiff wollte landen.

»Nein«, sagte Clara, obwohl ein Zeichen genügt hätte. Die Muskeln in ihrem Rücken zuckten, als wollte sie sich umdrehen und davonrennen. Würde sie einen Kampf um die Kontrolle gewinnen? Die Erbauer hatten dem Schiff ganz offensichtlich mehr Autonomie gegeben, als sie ihr gesagt hatten.

Das Schiff nannte Gründe für eine Landung. Es waren gute Gründe. Sie brauchten Proben. Nur durch das Abtasten würden sie nie erfahren, ob das chemische Make-up dieser Ökologie Bedrohungen enthielt, die zu bösartig waren, um sie überwinden zu können. Wie zum Beispiel die Ansammlung von Viren auf Ceti IV, die den ersten Siedlern nichts angetan hatte, aber die zweite Generation nahezu zerstörte und sie mit achthundert blinden und zurückgebliebenen Kindern zurückließ. Selbst der dickköpfige Zentralcomputer wusste, dass es keinen Sinn machte, weitere Zeit mit diesem Planeten zu verschwenden, wenn ihm solch eine tödliche Bedrohung innewohnte.

Clara versuchte, die Maschine mit einem Kompromiss zu besänftigen. Sie manövrierte das Schiff in eine synchrone Umlaufbahn oberhalb des Spülbeckens und begann eine kleine Sonde in ihrer Nano-Einheit herzustellen, wofür sie Edelstahl und Gummi benutzte. In der Zwischenzeit wendete sie ihre ganze Aufmerksamkeit den Käfern zu. Sie durchlief Simulationen, die auf den erkennbaren Stoffwechselaktivitäten der Tiere basierten. Sie ließ menschliche DNA gegen unvollständige Modelle in einem Planspiel antreten.

Sie fand ein anderes Schiff.

***

Es war kaum mehr als ein Wrack, entleert bis auf die Hülle, von der ebenfalls das meiste fehlte. Was übrig blieb, lag zur Hälfte in einem Erdrutsch verborgen. Clara hatte es nur deshalb entdeckt, weil sie verdammt enge Raster durchlief.

Das kaputte Rahmenwerk war alt, älter als sie. Vielleicht außerirdisch? Die Prämie für solch einen Fund würde unvorstellbar sein. Die Menschheit war bisher nicht auf eine andere denkende Spezies gestoßen. Selbst Bakterien und Käfer waren selten. Wahrscheinlich war es nur eines der selbstreplizierenden Raumschiffe aus der Jahrtausendwende, das verloren gegangen war. Oder es gehörte einer religiösen Gruppe oder Freibeutern oder wem auch immer.

In den Schichten um das Heck des Schiffes lagen von Hitze gekrümmte Trümmerteile verstreut. Hatte es eine Explosion im Inneren gegeben? Vielleicht ein Zusammenstoß mit einem Stück Weltraumabfall. Aber es sah aus, als hätte die Besatzung eine kontrollierte Landung geschafft. Sie waren alle tot. Sie konnten nicht einmal besonders weit gekommen sein, denn sonst hätte Clara schon vor Wochen Anzeichen auf sie wahrgenommen. Selbst eine Handvoll Versprengte unten in den Höhlen hätten auf den Röntgenbildern tiefrote Punkte hinterlassen – von einer gedeihenden Siedlung ganz zu schweigen.

Clara war wütend über sich selbst, denn sie fühlte sich erleichtert. Was, wenn sie eines Tages auf Hilfe angewiesen war? Würde sie eine Rettung verdienen?

***

Sie hielt das Schiff für neunzehn Tage beschäftigt, bevor es anfing, merkwürdig zu werden. Der Computer spuckte Rückmeldungen in dreifacher Ausführung aus, selbst für Routinesachen wie Mahlzeiten und körperliche Ertüchtigung. Schließlich gab Clara auf. Ihr fehlte Schlaf, ihr war mulmig, sie hegte Zweifel. Es war schrecklich, ihrem Zuhause zu misstrauen.

Sie landeten auf der größten Felsplatte, die sie finden konnte, obwohl diese zwei Kilometer vom Wrack entfernt lag und mit Eis- und Wasserlachen überzogen war. Ihr Schiff wog zwar nur vier Tonnen, doch Clara traute den Rissen im Boden des Kraters nicht. Sie bevorzugte den glitschigen Reif auf der Felsplatte. Aber selbst hier hätten sie ein Beben auslösen können. Deshalb ließ Clara die Düsen des Schiffes noch mehr als eine Minute lang Treibstoff verbrennen, um im Fall der Fälle wieder abheben zu können.

Zur selben Zeit gerieten die Käfer in einen plötzlichen, ausufernden Taumel. Ein Großteil der Lachen war in der Hitze der Düsen verdunstet, als sich ein dichter Nebel vom Schiff wegbewegte und auf die Kälte stieß. In diesem Nebel paarten und fraßen sich die Käfer. Unkräuter entluden Sporen und fielen in sich zusammen und offenbarten Blüten, die wie Zungen aus ihnen hervorstießen. Sie hätte es wissen müssen. Jede Art von Beeinträchtigung setzte eine Fülle von Energie frei, und das Ökosystem hier gierte danach. Ein gutes Zeichen. Clara hatte nicht die Absicht, sich ins Freie zu wagen. Sie wollte das Schiff überzeugen, dass sie schon genug riskiert hatte. Sie versuchte sich vorzustellen, dort draußen einen Schritt zu tun. Bewegung, Geräusche, der Hauch von Reibungswärme – die Käfer würden sofort ausschwärmen. Vielleicht würden sogar die Pflanzen versuchen, sie mit Nesseln oder Ölen anzugreifen und ihren Druckanzug zu beschädigen. Das Schiff war zwar unnachgiebig in seinen Prioritäten, aber es war auch auf sie angewiesen. Es beugte sich ihr, solange sie seine Ziele verfolgte.

Sie entnahmen die erste Probe am Wrack, ohne ein abschließendes Ergebnis zu finden. Sie schossen ein Dutzend autarke Laboratorien – kleine Kisten voller chemischer Testreihen – in den Schlamm und durch die Luft. Clara genoss die Arbeit. Hier war alles neu und spannend, und das aus sicherer Entfernung. Nur die Funknachrichten kamen zurück ins Innere.

Die Gremlins kamen in der zweiten Nacht, ein schneller, wuseliger Schwarm aus kleinen Körpern. Säugetiere. Sie brannten heiß in Infrarot auf ihren Bildschirmen, und Clara lächelte und beugte sich vor. Diese Kreaturen hatten die Größe ihrer Hand, und sie wackelte mit den Fingern und imitierte ihre drahtigen Körper, die sich über den steinigen Krater drängten.

»Na bitte!«, sagte sie. Wie tief in den Höhlen mussten sie leben, um nicht auf den bisherigen Aufzeichnungen aufzutauchen? Und wie viele mehr konnte es von ihnen geben?

Sie waren robuste, üble Aasfresser, deren Krallen unablässig hoch zu ihren Mäulern zuckten. Sie entwurzelten Unkräuter und Nesseln entlang eines rasenden, willkürlichen Pfades, der seiner ganz eigenen Logik folgte.

Jeder Sonnenuntergang verursachte einen gewaltigen Temperatursturz. Die Pflanzen reagierten zuerst. Einige rollten sich zusammen. Andere schieden Pigmente aus, um sich zu schützen. Die Käfer flüchteten in ihre Erdlöcher und die Luft begann zu wabern. Clara genoss das Schauspiel aus der Immunität ihres Schiffes.

Ein frostiger Tanz fegte durch den Krater. Oben war die Kälte noch viel schlimmer und brachte schneidende Winde und messerscharfen Staub. Orkane wirbelten hinab in das Becken, wurden aber von warmen Luftströmen und Hitzestrahlen geschwächt.

Die Luft ließ sich nicht atmen, nicht außerhalb des Schleiers, der sich bildete, als sich die Atmosphäre in Schichten und Ranken teilte. Der Nebel, den sie aus den Lachen gekocht hatte, war warm und weiß gewesen. Diese Luftkanäle aber waren fast unsichtbar und lagen frostig auf dem Boden, und sie nahm an, dass die Gremlins in Infrarot sehen konnten oder doch zumindest hochsensibel auf Kälte reagierten. Hin und wieder schoben sie sich in die Klumpen brauchbarer Luft, aber manchmal mussten sie diese sicheren Gebiete verlassen. An vielen Stellen gab es Lücken.

Die Gremlins waren Zweibeiner mit dicken Rücken und Bäuchen. Große Lungen. Große Mägen. Entweder fraßen sie zu viel oder sie hungerten.

Sie waren hinter ihr her.

Diese Erkenntnis durchschoss Clara wie Krampf. Sie bahnen sich einen Weg zum Schiff. Das war von Anfang an ihr Plan. Die Meute drängte sich durch die Strudel und die toten Enden des Sturms und war bereits bis auf zweihundert Meter an das Schiff herangekommen. Es war nicht mehr als ein kurzer Sprint. Selbst wenn der Aufschluss, dem sie folgten, weiter von ihr weg führte, was er tat, konnten sie die Distanz überwinden. Sie hatte sie weitere Strecken zurücklegen sehen.

Aber was dann? Sie würden das Risiko sicher nur eingehen, wenn die Luft um sie herum brauchbar war. Aber selbst wenn, was konnten sie schon tun? Krallen auf Stahl.

Es waren achtzehn von ihnen. Sie wuselten zu schnell für Claras Augen, aber ihre Systeme hatten bereits jeden einzelnen erfasst. Sie waren gewitzte, gut organisierte kleine Haarbüschel. Ihr Anführer hatte jede Seite der Gruppe mit Spähern flankiert, die ständig umherstreiften und die Meute von einem Klecks brauchbarer Luft zum nächsten führten.

Clara bereitete ein Ladung Nano-Spitzen vor, doch sie feuerte sie nicht ab. Die Spurverfolger würden nur ein wenig schmerzen, wenn sie auf Haut und Muskeln trafen. Sie würde warten, bis die Gremlins den Weg zurück zu ihren Löchern gingen. Möglicherweise würden sie sonst die Mündungsfeuer ihrer Mikro-Kanonen sehen, und sie wollte sie nicht provozieren. Sie wollte nicht, dass sie die Pfeile mit ihr in Verbindung brachten.

Wie intelligent konnten sie sein? Ihre Mikrofone und Subsysteme zeigten, dass sie keine Sprache hatten, nur einfache Grunzlaute. Ihre Gebärden aber kamen dem Äquivalent einer Sprache schon recht nahe. Das ergab Sinn. Sie lebten in einer Welt, in der nicht immer brauchbare Luft zur Verfügung stand… und vielleicht gab es dort unten in den Höhlen Raubtiere, die unentwegt nach ihnen lauschten.

Clara blickte in das erstarrte Gesicht des Anführers. Für einen Augenblick war es in ihrem Kopf so ruhig wie draußen um das Schiff. Und dann stürzten all die Gedanken, die hinter der Stille lauerten, auf sie ein, und sie setzte den Fusionsmechanismus der Maschinen in Gang.

Nichts wie weg hier, dachte sie.

Die Behaarung der Gremlins verfälschte die Größe ihrer Schädel, ohne sie zu übertreiben, und das Radar bestätigte, dass ihr Körperfell auf ganz eigene Art zurechtgestutzt worden war, um für Wärme und Schutz zu sorgen. Ihre Augen hatten sich an das Tageslicht angepasst. Sie hatten opponierbare Daumen und trugen Granittupfer in ihren Händen.

Sie standen an der Schwelle zur Zivilisation und Clara begriff, dass genau das ihr die größte Angst bereitete.

Nichts wie weg.

Aber das Schiff widerrief ihren Startversuch, nicht weniger als vier Sicherheitsstufen blockierten ihr Vorhaben. Clara zuckte zusammen und versuchte es mit dem Notfall-Eingriff. Wieder wurde sie abgeblockt.

Ein neuer Luftstrom strich in ihre Richtung, und die Gremlins nutzten ihn, um näher ans Schiff zu kommen. Clara feuerte die Nano-Spitzen in einer Salve ab, nur um sie zu erschrecken. Mehr als ein Drittel der Geschosse verfehlte ihr Ziel oder vermeldete suboptimale Treffer. Der Rest plärrte Daten zurück, konnte die Meute aber nicht aufhalten. Und dann waren sie da.

Clara schrie.

Ihre Stimme klang so verdammt einsam. Aber das half ihr auf eine Art, sich zu fangen. Sie hatte niemanden außer sich selbst. Sie wand sich in ihrer Kiste aus Gel und Draht und setzte so alle Systeme in Gang. Es gab auf dem Schiff keine Angriffswaffen, aber wenn es ihr gelang, das Schiff zu überlisten, dann würden sie abheben und die kleinen Monster ersticken oder rösten oder platzen lassen. Und sie hatte die Nano-Einheit. Sie könnte eine Katzenkralle fertigen, wenn sie nur genügend Zeit hatte.

Aber die Gremlins fanden eine Nahtstelle an ihren Mikrokanonen und eine weitere an ihrer Unterseite. Sie ließen von der ersten ab und schmissen sich strampelnd und klammernd an den Riss. Sie bogen die Aluminiumlegierung zurück.

Zu spät erkannte das Schiff die Gefahr. Zu spät vergaß es die Vorschriften und übergab ihr die Kontrolle. Die Gremlins waren schon im Inneren und schlängelten und quetschten sich durch jeden verfügbaren Raum, durch Wartungsschächte, Belüftungsrohre, Versorgungskreise. Sie zerfraßen die Innereien des Schiffes wie ein schreiendes, kletterndes Krebsgeschwür.

Sie waren menschlich.

»Könnt ihr mich verstehen?« Clara schickte ihre Worte per Funk und Sonar durch das Schiff. Sie war hysterisch. Sie musste wenigstens ihre Angst zum Ausdruck bringen.

Sie waren menschlich. Die Daten waren eindeutig. Clara wollte es nicht glauben, aber der Schwall an Informationen aus den Nano-Spitzen war unmissverständlich. Trotz jeder Anpassung waren diese Monster Menschen – und das würde es ihr erleichtern, sie zu jagen.

Sie versuchte es erneut. »Aufhören! Aufhören! Lasst uns reden!« Aber zur selben Zeit entwickelte sie ein Nervengas in ihrer Nano-Einheit.

Sie zogen ohne erkennbare Absicht durch das Schiff, vorbei an dem Diagnose-Netzwerk, mit dem Clara sie verfolgte. Stattdessen bissen sie sich durch den Schaltkreis eines Makroskops. Es machte keinen Sinn. Es war… nein. Ihr Ziel war dasselbe wie draußen zwischen den Unkräutern. Sie griffen keinen Feind an. Sie plünderten eine unerwartete Quelle.

»Aufhören!«, rief Clara.

Sie waren wie Wilde. Selbst wenn sie mit all dem Material entkamen, das sie tragen konnten, selbst wenn sie das Schiff in seine Einzelteile zerlegten und es langsam und Stück für Stück ausweideten, die Metalle und Kabel und alles andere bedeuteten für sie nur schärfere Messer, bessere Seile oder was für lächerliche Dinge sie sonst noch fertigen konnten.

»Dies ist eure letzte Chance«, sagte sie. »Bitte! Bitte.«

Sie setzte die Verkabelung des Makroskops unter Strom und grillte drei von ihnen. Dann verschloss sie ihre Kiste, kurz bevor sie das Gift im Schiff verteilte. Es war ein kleiner Sturm inmitten der Nacht.

Die Gremlins schlugen um sich und richteten weiteren Schaden an.

Und dann war es still.

Clara war zu aufgewühlt, um zu trauern, aber sie schloss für einen Moment ihre Augen. Achtzehn waren tot, eine ganze Einheit. Hatte sie soeben das Schicksal derer besiegelt, die noch in den Höhlen saßen, indem sie die stärksten und klügsten von ihnen tötete?

Das Schiff brauchte dringend Wartungsbots, aber Clara konnte es problemlos überzeugen, zuerst eine Katzenkralle zu fertigen – einen pfeilschnellen Tausendfüßler mit ausgeprägten Sägezähnen – um die kleinen Kadaver zu beseitigen und das Schiff zu verteidigen, bis es wieder raumfahrtüchtig war.

Sie sorgte dafür, dass sie das Kommando hatte. Dann schickte sie die Katzenkralle los, um den Kern des Zentralcomputers zu zerstören.

***

Clara blieb ein weiteres Jahr in der Umlaufbahn und folgte den Gremlins. Sie infiltrierte jeden Stamm und jedes ihrer Geheimnisse. Ihre ersten Erkenntnisse bestätigten sich schnell.

Sie waren so menschlich wie jede andere genetische Fertigung. Wie Clara selbst. Trotz ihrer drastischen Veränderungen trugen sie genügend Basis-DNA in sich, die sie weitergeben konnten.

Es war unmöglich zu bestimmen, wie viele Generationen vergangen waren, seit ihre Vorväter sie angepasst hatten. Das selbstreplizierende Raumschiff musste so schwer beschädigt gewesen sein, dass ihnen selbst solch eine menschenunfreundliche Welt wie ein Geschenk des Himmels erschienen war. Diese Biosphäre erhielt einige wenige Zuckerarten, aber keine, die Gifte enthielten. Ein Siedler könnte hier wahrscheinlich ein Leben lang fortbestehen. Die Frage war, wie viele Leben, wie wenige Menschen hier fortbestehen konnten. Der Mangel an Luft, Wasser und Nahrung war ein unumgehbares Hindernis.

Einige der Vorfahren hatten genügend Weitblick gehabt, um zu erkennen, was möglich war und was nicht. Mit langen Augen blickten sie jenseits der Opfer und taten, was sie für das Beste hielten. Bevor sie die übriggebliebenen Ressourcen verbraucht hatten, bevor ihre einzige Chance dahin war, schufen sie eine neue Art von Söhnen und Töchtern.

Clara hatte mit diesen Überlebenden mehr gemein, als auf den ersten Blick zu erkennen war. Vorstellungsgabe. Durchhaltevermögen. Die Einzigartigkeit anders zu sein. Ja, die Gremlins hatten mit ihrer Größe auch einen Teil ihrer Intelligenz eingebüßt. Clara glaubte an einen Fehler oder eine unerwartete Nebenwirkung. Aber die Gremlins gewannen ihre geistigen Fähigkeiten zurück.

Sie waren Sammler. Sie horteten noch immer große Teile ihres zerstörten Schiffes unten in den Höhlen. Sie hüteten Metalle und Kunststoffe, sie beklauten einander, sie betrieben Handel, ohne zu wissen, welchen Nutzen diese Stoffe hatten, außer als Zahlungsmittel und Werkzeuge zu dienen.

Sie waren Menschen in allen Bereichen, in denen es drauf ankam. Sie züchteten Schimmel als Nutzpflanzen. Sie stapelten Steine zu Mauern, um Speicher für Wasserdampf zu bauen. Die Gremlins lebten und vermehrten sich und starben. Sie erforschten, wuchsen, scheiterten und errangen Erfolge. Clara brachte es nicht übers Herz, sie zu hintergehen. Diese Welt war so viel mehr wert, als sie je hätte benennen können. Sie brauchte nur wenig, und das Schiff gehörte ihr nun ganz allein.

Sie konnte sie nicht retten. Sie konnte sie nur zugrunde richten. Die Ankunft von anderen Menschen mochte unvermeidlich sein, aber sie konnte ihnen Zeit verschaffen. Jahrhunderte. Würde das reichen, damit sie ihre Intelligenz zurückerlangten und anderen Menschen trotz ihrer geringen Größe als ebenbürtig gegenübertraten?

Vielleicht nicht.

Vielleicht waren sie einfach zu winzig, um je besonders gescheit zu werden – aber die Chance bestand, und so fertigte Clara zwölf Monate lang Medizin und Werkzeug und Bücher und schmiss sie auf den Boden des Kraters. Dann sendete sie ihre sorgfältig entworfenen Lügen zurück in besiedelten Weltraum. Biogefahr. Diese Welt ist instabil und arm an Atmosphäre und voller Säurebakterien. Clara platzierte ein Funkfeuer in der Umlaufbahn, das die Warnung bis in alle Zeiten wiederholen sollte. Dann verließ sie den Planeten und folgte wieder ihren eigenen Blicken.

Jeff Carlson

Jeff ist der Autor von den international gelobten Sci-Fi-Thrillern Plague Year, Plague War und dem demnächst erscheinenden dritten Teil Plague Zone. Sein Kurzroman The Frozen Sky belegte den ersten Platz im Writers of the Future Contest. Im WWW ist er unter www.jverse.com zu Hause.