Ihr Leben, sagt er, sei das beste überhaupt. Ich solle mir vorstellen, sagt er, wie es sei, in die plüschigste Limousine zu kriechen, die ich mir denken kann, oder wie es sei, in einen tiefen, weichen Ledersessel zu plumpsen, der mit dem Flaum von Riesengänsen befüllt ist, oder wie es sei, die innere Wettermaschine auf »Ausgezeichnet« zu stellen und eine sich ständig wechselnde Kulisse und eine pausenlose Versorgung mit Nahrung und Flüssigkeit zu haben.

Ich solle mir vorstellen, sagt er dann, dass ich nichts weiter zu tun hätte, als zu essen und Babys zu machen und mein Leben in schwelgerischer Behaglichkeit vorüberziehen zu lassen. Der amerikanische Traum, nur dass er überall zuhause ist. Ihm ist von Natur aus gegeben, wonach wir alle streben. Und es sei ganz egal, wie groß du wirst, sagt er, denn wenn du zu groß wirst, dann spaltet sich ein Teil von dir ab und wird zu einem weiteren Du. Ganz ohne Partner und ohne Paarung und ohne unangenehme gesellschaftliche Peinlichkeiten wie der zähflüssige Faden klebriger Spucke, der dir dick von den Zähnen auf die Zunge hängt, während du versucht, eine Frau von unbestimmter sexueller Orientierung davon zu überzeugen, es wie die Schimpansen zu treiben.

Ganz ohne Kreditkartenrechnungen.

Und seine Kinder, sagt er voller Stolz, kämen haargenau nach ihm. Die Möglichkeit eines deplatzierten Chromosoms bestehe einfach nicht. Jedes seiner Kleinen sei ein perfekter Schnitt vom ursprünglichen Klumpen – und das schon seit Äonen.

Er spricht nicht zu mir als Individuum. Das erkenne ich an seiner Stimme, die sich durch mein Nervensystem schlängelt und mein Trommelfell von innen vibrieren lässt. Die Vorstellung eines »Ich« ist ihm unmöglich. Wenn er mich als »Du« anspricht, dann weiß ich, dass er unsere ganze Spezies meint – jeden einzelnen Menschen, der einen potentiellen Wirt darstellt.

»Du bist viel angenehmer als die Elefanten«, sagt er. »Sie tranken nicht genug Wasser und gaben uns immer dieselben Sachen zu essen. Du versorgst uns mit weichen Teilen von Tieren. So können wir uns schneller verbreiten. Wir sind überall. Und wir wachsen.«

Ich stelle mir Susurrus als ein »Er« vor, denn mit Frauen komme ich nicht klar. Ich habe mich schon immer wohler in der Gesellschaft von Männern gefühlt. Ich mag den Gedanken nicht, dass ein weibliches Wesen durch meine Eingeweide kraucht und über mich richtet: »Sieh sich einer an, wie du deinen Körper misshandelst. Zu viele Rückstände von rotem Fleisch in deinem oberen Verdauungstrakt! Und dein Dickdarm könnte jeden Augenblick verstopfen! Wie wäre es mit ein bisschen Kleie? Oder grünem Tee? Du musst etwas tun! Dieser Ort ist ein Saustall.«

Ich habe Susurrus nach dem analogen SSSSS benannt, das seine Stimme begleitet, wenn sie sich durch meinen Kopf schlängelt. Das Zischgeräusch geht seinen Worten voraus und schwingt ihnen nach wie ein Juckreiz tief in meinem Ohr. Manchmal bleibt das Geräusch für Stunden. Dann höre ich Jazz-CDs über meine Kopfhörer, und es hört sich an, als würden sich alte Schallplatten unter einer Nadel drehen.

Susurrus war nicht immer in meinem Kopf, aber ich habe ihn kultiviert und zu einem Teil von mir gemacht. Wenn ich meditiere, dann stelle ich mir vor, wie sich die Fasern meines Rückenmarks wie Fühler nach ihm strecken. Sie schwingen und zucken und wühlen sich in meinen Bauch und verbinden mich mit ihm. Sein Zischen rutscht mir das Rückgrat hinauf und verschmilzt mit meinem langsam skandierten Mantra, meinem gemurmelten »Om namah«, bis alles nichts weiter ist als weißes Rauschen. Für einen Augenblick bin ich in ihm und in mir selbst, und ich spüre seine Zufriedenheit, wenn seine Münder sich strecken und an den säuerlichen Resten meiner Mahlzeiten schlürfen – kleine Wursthäppchen und das Zucker einer Limonade und in Öl getunktes Ciabattabrot.

Er ist immer mit sich im Reinen, dieser gefräßige Strang des Nirwanas.

Auf dem letzten Röntgenbild, das mein Radiologe machte, war er schon über fünfzehn Meter lang und wuchs immer noch. Meine Ärzte entnahmen Stücke aus meinen Stuhl – pulsierende Eiersäckchen, die nur darauf wartenden, Wasser oder Fleisch zu finden, um den Zyklus der Expansion in Gang zu halten.

Sie sagen, dass er kein Bandwurm sei, kein Medinawurm, nichts von dem, was sie je gesehen hätten. Er scheint überhaupt keinen negativen Einfluss auf meine Physiologie zu haben. Nur meine Lebensmittelkosten steigen und steigen. Trotzdem halten es die Ärzte für das Beste, ihn zu entfernen. Ich sage ihnen, dass ich Pazifist bin und dass es meiner Natur widerspricht, einer Kreatur Leid zuzufügen – besonders wenn von ihr keine Bedrohung ausgeht. Sie antworten mir mit Stirnrunzeln und besorgten Blicken, widersprechen aber nicht.

Ich glaube, sie warten darauf, dass das Ding mich umbringt, damit sie mich aufschneiden und mir seinen spulenförmigen Körper entnehmen können. Finde eine neue Spezies, gebe ihr deinen Namen, schreibe Artikel für die wichtigen Magazine, kassiere Subventionsgelder.

Ich bin ein Goldesel mit Wurmbefall. Und mit wenig Zeit, vermuten sie. Besonders weil sich dieses Ding ausbreitet. Eines seiner Enden schlängele sich an meine Genitalien, sagen sie, und das andere wickle sich um meine Wirbelsäule hinauf in mein Gehirn. Es hätte immer mehr Münder, und sie seien nicht mehr nur in meinem Bauch.

»Wie ist es aus meinem Magen herausgekommen?«, frage ich sie. Ich verschweige meine Meditation und wie wir zusammenfanden, wie ich ihn ermutigte, ein Teil von mir zu werden.

»Nun, das wissen wir nicht genau. Es scheint, als hätte der Wurm auf seinem Weg zur Wirbelsäule einen Ausgang im Zwölffingerdarm gefunden. Dort, wo es durch das Gewebe gestoßen ist, hat sich eine zystenartige Kalkeinlagerung gebildet. Sie verhindert, dass Sie von Ihren körpereigenen Säuren vergiftet werden. Aber das ist alles Spekulation. Wenn Sie uns einen invasiven Eingriff gestatten würde…«

»Keine Chance, Doc. Sie sagen selbst, dass mir dieses Ding nicht schadet. Wie groß ist die Gefahr, dass es solch einen Eingriff nicht überlebt?«

Sie wissen es nicht. Diese Typen wissen wirklich gar nichts. Warum sollte ich sie mit ihren Skalpellen an meinem Körper – an unseren Körpern – spekulieren lassen?

***

Ich glaube, ich weiß wo er herkam, dieser neue Teil meines Lebens.

Vor fünf Monaten, während der Abenddämmerung, joggte ich durch die hügelige Grünparkanlage nicht weit von meinem Haus. Ich sog gerade eine Lunge voll Luft ein, als ich einen schwebenden Sumpf aus Stechmücken passierte. Ihre kleinen Körper wurden durch die Woge meines Laufs in die Höhe gefegt und verfingen sich in meinem Schweiß. Einige wurden von mir verschluckt und in meinen Alveolen in ihre Bestandteile zerlegt.

Aber eines der Viecher… eines von ihnen blieb an meinem Gaumen kleben. Ich verspürte ein Kribbeln (es fühlte sich fast so an wie das Zischen von Susurrus) und wollte auf der Stelle ein Nickerchen machen.

Und genau das tat ich auch. Ich sackte zu Boden, ohne die Laktazidose zu ahnen, die meine Muskeln heimsuchen würde, kauerte mich zwischen die Entenscheiße und den Ameisen in das Gras und fiel in einen Schlaf.

Als ich erwachte, klebte anstelle der Stechmücke eine feste Blase an meinem Gaumen. Es tat weh, wenn ich sie mit meiner Zunge stupste, also vermied ich weitere Berührungen.

Später am Abend verhärtete die Blase sich zu einer kleinen Beule aus pinkfarbenem Gewebe und einem weißlichen Gipfel. Ich starrte sie im Spiegel an. Ich war wie gebannt von ihrer bizarren neuen Form.

Ich spürte meinen Herzschlag im Inneren der Beule. Auf keinen Fall wollte ich mit dem Ding im meinem Mund einschlafen. Was, wenn sie wachsen würde, bis ich an ihr erstickte?

Ich rieb eine Pinzette mit Benzylalkohol ein und stocherte und quetschte, bis die Beule zu bluten begann. Ein dünner Strahl Blut floss aus dem Fleisch-Stalaktiten . Je stärker ich ihn quetschte, desto dicker und dunkler wurde das Blut, bis es einer zähen gelben Flüssigkeit Platz machte, die den Geruch von saurer Milch an einem heißen Tag mit sich brachte. Ich drückte das spitze Endstück der Pinzette direkt in die wachsende Öffnung in der Seite der Beule.

Dann platzte sie.

Der Druck entwich augenblicklich. Am schlimmsten erwischte es den Spiegel. Eine Suppe aus toten Zellen schlug in der Flugbahn von Blut, das aus einer offenen Schlagader spritzt, auf ihn ein.

Dann kamen die Farben. Zwei Tropfen fielen aus der offenen Wunde in meinem Gaumen. In ihnen wirbelten Schattierungen wie in einer Öllache, die ich noch nie zuvor gesehen hatte und die außerhalb des Farbspektrums lagen, das meinen Augen begreiflich war. Sie lagen auf der Krümmung meiner Zunge wie waberndes Quecksilber.

Noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich solch ein Bedürfnis verspürt, etwas zu verschlucken.

Die Tropfen fühlten sich nicht flüssig an, sondern so, als krochen sie in mich hinein, zu ungeduldig, um den Prozess der Peristaltik abzuwarten.

Und wieder fiel ich fast augenblicklich in einen Schlaf. Dieses Mal träumte ich von einem Meer aus menschlichem Gewebe, das mich hin und her wog, heiß und sanft, und mich in seine Tiefe ziehen wollte.

Einen derart explosiven feuchten Traum hatte ich seit der High School nicht mehr gehabt.

Als ich wieder erwachte, zusammengekauert auf dem Boden meines Badezimmers, klebte meine Unterwäsche an mir wie durchnässtes Klopapier. Ich verspürte einen Hunger wie ein Neugeborenes.

***

Die nächsten vier Monate vergehen wie im Flug; unser Wahrnehmungsvermögen wächst weiter. Die menschliche Uhr läuft in kleinen Einheiten und innerhalb einer Todesgrenze von fünfundsiebzig Jahren.

Wir lachen über das Konzept des Todes – ein positiver Aspekt der Tatsache, dass wir »Wir« sind.

Und wir sind jetzt größer, achtzig Pfund schwerer, der Bauchraum erweitert und straff wie eine Wassermelone. Ein Stich mit einem Zahnstocher knapp unterhalb des Bauchnabels und wir zerreißen wie Krepppapier. Der Hals ist geschwollen und mit einem kreisförmigen Exanthem gemustert. Es sondert eine klare Flüssigkeit ab, die in den knochigen Falten unserer Schulterblätter verkrustet. Das Weiß in unseren Augen wird zu einem zähen Gelb. Haare fallen büschelweise von der weichen Oberfläche unseres Schädels.

Unser Penis ist schwerer geworden. Seine Haut ändert sich ständig, weiße Venen bilden sich unter ihr. Seine pilzförmige Spitze ist zu einer Blume erblüht. Sie ist offen und ohne Haut, ihre roten, rosenartigen Blätter pulsieren. Wir wickeln sie in einen Verband, damit sie uns nicht das Bein einnässt.

Wir gehen nicht mehr zu den Ärzten. Das letzte Mal flüsterten sie Buchstaben.

RKI, sagten sie.

Unser Ich-Gehirn sagte uns Unannehmlichkeiten voraus. So kurz vorm nächsten Zyklus konnten wir keine »Unannehmlichkeiten« gebrauchen. Wir zwangen die Ärzte, die Stückchen zu fressen, die sie aus unseren Exkreten gestohlen hatten. Es waren so viele von uns in jedem Segment, dass nicht einmal ihre Tests alle Eier zerstören konnten. Unser Körper zitterte, unsere schweißgebadeten Hände umklammerten ein öliges Metallwerkzeug, unsere Augen weinten. Seitdem kämpft es nicht mehr. Seine Empfindungen sind kaum mehr als sanfte Echos. Es herrscht Ruhe.

Wir verstecken uns bis zum nächsten Sonnensturz.

Unser Ich-Gehirn erinnert sich an Passwörter und benutzt fette, purpurrote Finger, um Sprachtasten zu drücken.

Wir fühlen uns besser, nun wo wir sehen, dass der Bildschirm vor uns sich ändert.

Unsere Tickets sind bestätigt worden. Der leuchtende Kasten dankt uns für unseren Einkauf.

»Nichts zu danken«, flüstern wir. Der Bürostuhl ächzt unter unserem ständig wechselnden Gewicht. Wir stehen mit einem Grunzen auf und spüren, dass die Bandage um unseren Fleischsprössling schon wieder klitschnass ist. Aber Körperpflege ist nicht länger von Bedeutung.

Wir krabbeln auf vier knochigen Stängeln hinüber zu unserer Meditationsmatte. Wir entzünden den Weihrauch und versuchen, die Lotusstellung einzunehmen. Aber wir sind zu viel: Unsere Beine lassen sich nicht in den Raum verschränken, den unser zuckender Bauch nun einnimmt.

Wir legen uns auf den Rücken und starren an die Decke. Unser Mantra wurde von einem anderen Geräusch verdrängt. Wir schieben unsere Zunge durch die Zähne und lassen Luft entweichen. Ein konstantes SSSSSS erklingt, bis Ruhe und Gelassenheit in unser Ich-Gehirn einkehrt. Wir liegen in dem dunklen Zimmer, unser Körper bebt vom ständigen Fressen und Kriechen. Der Großteil des alten »Uns« ist jetzt leer. Unsere neuen Muskeln – es sind Tausende – pressen sich aneinander und rollen uns auf unsere rechte Seite.

Irgendwann stecken wir unsere Daumen in den Mund und lutschen das Fleisch von den Knochen.

Alles, um den neuen Zyklus zu speisen.

***

Der Sitz im Kino kann uns kaum halten. Aber wir sind hier und wir sind bereit. Es ist nach dem letzten Sonnensturz, inmitten der dunklen Phase. Wir tragen Lederhandschuhe, die uns kaum passen (nur unsere Daumen sehen in ihnen großartig aus), und einen Trenchcoat, den uns das Überbleibsel unseres Ich-Gehirns vorgeschlagen hatte.

Wir sitzen ganz hinten im Kinosaal. Die Plätze neben uns sind leer, aber die Reihen vor uns sind fast alle besetzt.

Ein grelles Licht erscheint ganz vorn im Saal, groß und schillernd. Unser Ich-Gehirn berichtet uns, dass es zu einem Mitternachtsfilm gehört, einem Spanischen, einem der besten. Der Film war lange nicht mehr zu sehen. Wir wussten, dass voll werden würde. Wir sehen, dass ein paar der Leute ihre Kinder mitgebracht haben. Alte Gedanken verursachen ein schmerzliches Gefühl. Aber es vergeht.

Dünne Wolken aus süßem, weißem Rauch schweben durch den Saal. Wir atmen ihn ein, saugen ihn mit einem Pfeifgeräusch tief in unseren nicht-kollabierten Lungenflügel.

Die Darbietung auf der Leinwand ist sonderbar, so wie die amüsanten Träume unseres Ich-Gehirns. Die Menschen verhalten sich nicht wie Menschen. Sie sind einer Höhle gefangen, die von einem Lagerfeuer erleuchtet wird. Sie traktieren sich gegenseitig mit brennenden Metallstäben, Frauen und Männer schreien, Häute werfen Blasen und platzen auf. Sie färben ihre Augen mit schwarzer Asche. Sie holen eine monströse Kreatur aus einem Käfig am Ende des Tunnels. Viele Männer stürzen, als sie das Ding an den Ketten, die durch seine Haut laufen, voranschleifen. Einige der gefallenen Männer brechen unter dem Ding zusammen, als es über sie hinweg gezogen wird, und es zieht sie hinauf in seine flüssige Masse, um sie zu absorbieren. Die Stelle, in der die Körper schmelzen und verschmelzen, sondert nun einen dicken, weißen Rahm ab. Frauen schöpfen ihn von seiner Haut, trinken ihn und tanzen ums Feuer, schneller und schneller. Die Frauen fallen zu Boden, ihre Leiber öffnen sich und offenbaren aufgeweichte Rippen und fehlende Herzen. Nacktschnecken schlüpfen aus weit aufgerissenen Brüsten und kriechen in Richtung der Kreatur, die im Dunkel wabert. Die Männer sitzen am Feuer und schwitzen schwarzes Öl. Licht erstrahlt ganz oben an ihren Stirnen. Die Schnecken wenden sich nun von der Kreatur ab und pirschen sich an das Kopflicht der Männer heran. Sie hinterlassen lange glänzende Spuren auf zitternder Haut.

Wir berühren uns, während diese Bilder vor uns erstrahlen. Wir haben uns die Hose heruntergezogen. Eine schleimige Flüssigkeit durchdringt das Leder unserer Handschuhe. Unseren Mantel öffnen wir nicht, aber wir wissen, dass die pulsierende Rose zwischen unseren Beinen ein leuchtend rotes Licht versprüht. Ein Zischen schlüpft aus ihrer Mitte.

Wir sind so leise wie möglich. Wie erwartet verdeckt das Getöse der Besucher unsere Gebärgeräusche. Die Leute im Saal lachen, atmen, rauchen und sind fasziniert von einer Welt, die nicht ihre ist.

Wir können sie auf unserer Zunge schmecken. Zwei unserer Köpfe recken sich in die Höhe. Sie sind durch unser Bauchfell gestoßen und zischen passend zur Stimmung im Saal.

Wir gleiten hinunter zu dem geschwollenen Fleischsprössling in unserem Schritt und umwickeln ich ihn mit unseren langen Körpern. Unsere Münder finden und verbeißen sich mit scharfen Zähnen in ihre Unterkiefer. Wir sind jetzt ein Schoß, und wir ziehen uns fest zusammen und gleiten auf und nieder. Wir pulsieren. Die blühende Rose an unserer Spitze füllt sich mit einem öligen Regenbogen aus Farben.

Auf der Leinwand ist nun eine Wüste zu sehen. Die Höhle ist über den Menschen eingestürzt. Ein einziger Mann mit Cowboyhut schafft es raus. Er läuft auf Krücken aus Elfenbein. Er hinterlässt keine Spuren im Sand.

Wir sind bereit für den nächsten Zyklus. Wir zischen in einer höheren Tonlage. Unser Menschenkopf klappt nach hinten und drückt gegen die hintere Wand im Kinosaal. Kleine Brocken grauer Müllmasse fließen aus ihm heraus.

Unsere Münder lösen sich von einander und wir hören auf, uns zwischen den Beinen zu berühren. Wir beißen in die Rosenblüte und schmecken unser altes, warmes Blut und die Öle unserer Werdung. Wir ziehen uns zurück und der Fleischsprössling zerfällt in zwei Teile.

Das Überbleibsel unseres Ich-Gehirns glaubt, dass es jetzt an einem Ort namens »Himmel« weilt. Es fühlt sich so gut an. So lebendig.

Es denkt ein Wort. Erleuchtung.

Unsere Bauchmuskeln kontrahieren und pressen nach unten. Eine dicke, blutige, wurstförmige Hülle quält sich aus der Öffnung, die wir in unseren Schritt gerissen haben. Die alten Blätter unseres Fleischsprösslings flattern und kleben an der Geburt.

Es ist ein seltenes Glück, diesen Punkt des Zyklus zu erreichen. Wir sind gesegnet.

Hastig nehmen wir die Hülle in unsere Menschenhände und führen sie an unseren Mund. Wir lecken sie sauber. Der Geschmack verursacht eine alte Gefühlserinnerung an den Tag im Park, als wir die Stechmücke verschluckten.

Eine unserer neuen Triebe kriecht durch unseren Menschenhals und gleitet über unsere geschwollene Menschenzunge. Wir beißen in die Hülle und reißen sie weit auf.

Wir lächeln.

Ihre Flügel trocknen schon.

Der Film ist so bizarr. Als der Mann in der Wüste plötzlich von den Schatten tausender kleiner Schnacken verschluckt wird, stockt den Leuten der Atem. Sie lächeln verblüfft und überwältigt von dem Spektakel auf der Leinwand.

Wir reiten auf den Wellen ihrer Exhalationen und finden sanften Halt.

Und die Leute schlafen und träumen und erwachen zum Klang eines dezenten Zischens. Sie kennen es gut. Sie hören es in ihrem Blut.

Wir sind die Wellen eines Ozeans vergangener Tage. Wir schlagen ans Ufer und fegen alles fort.

Jeremy Robert Johnson

Jeremy ist Gewinner des Wonderland Awards und der Autor von Skullcrack City, We Live Inside You, Angel Dust Apocalypse, Siren Promised (Mitautor: Alan M. Clark) und Extinction Journals. Seine Erzählungen wurden von Chuck Palahniuk, David Wong und Jack Ketchum gelobt und erschienen rund um den Globus. Mehr Infos sind auf www.jeremyrobertjohnson.com zu finden