Die Occupy-Bewegung gab mir meinen Glauben zurück. Dabei gab ich einen Scheiß auf Revolution und hielt soziale Gerechtigkeit für ein Hirngespinst. Solange ich denken konnte, war die Welt ein abgefuckter Ort, und nur weil ein Haufen privilegierter College-Punks sauer war, dass Mama und Papa nicht länger ihr Schulgeld bezahlten, würde niemand die Geschichtsbücher umschreiben oder die einzig wahre Motivation des Menschen seit Anbeginn der Zeitrechnung neu programmieren. Uns treibt nur eine Sache an: Profit. Und ich würde mir todsicher keine Gelegenheit entgehen lassen, selber welchen zu machen.

Ich ging hinein und warf Eddie den San Francisco Chronicle in den Schoß. Der Raum roch wie Fisch von gestern. Eddie und seine Schwester Rox teilten sich eine Einzimmerwohnung mit Blick auf Chinatown. Unten in der Gasse boten schmierige Nudelhäuser Tag und Nacht ihren Fraß an. Straßenkatzen schlichen in dem Gestank umher und fauchten.

Eddie warf einen kurzen Blick auf die Titelseite. Ein Foto zeigte den Justin Herman Plaza, auf dem es vor Zelten und moosbärtigen Hipstern nur so wimmelte. Man konnte sie fast »We Shall Overcome« trällern hören. Aber was genau werden wir denn überwinden? Die Kreditgrenze im Bed Bath & Beyond?

»Warum zeigst du mir diesen Schwachsinn?« Eddie fegte die Zeitung auf den Boden und angelte sich einen Zigarettenstummel aus dem überfüllten Aschenbecher.

»Lies es.« Ich ging zur Küchenzeile, um mir eine Marlboro Red am Gasherd anzuzünden.

»Was scheren mich diese dreckigen, stinkenden Hippies? Wenn sie ihre dazu Zeit benutzten, sich einen Job zu suchen, anstatt darüber zu lamentieren, wie ungerecht das Leben ist…«

Ich musste lachen.

»Was ist so verdammt lustig?«

»Wann hattest du denn das letzte Mal einen Job?«

»Ungefähr zur selben Zeit wie du, Arschloch.«

»Ich habe einen Job.«

»Genau. Teilzeit an der Buchausgabe der Universität.«

Ich zog langsam an meiner Zigarette.

»Also, was willst du?«, fragte Eddie. »Was immer es ist, mach schnell. Rox kommt bald von ihrer Schicht. Sie ist sowieso die ganze Zeit fuchsig, und es wird nicht besser werden, wenn sie dich hier sieht.«

»Ach, deine Schwester liebt mich. Nun lies endlich den verdammten Artikel.«

Eddie grinste schräg und hob die Zeitung auf. »Hol mir wenigstens ein Bier aus dem Kühlschrank.«

Die Wohnung war eine Müllkippe. Teller mit Essensresten standen im Spülbecken gestapelt. Zigarettenstummel schwammen in einem halben Dutzend halb leerer Flaschen. Hartnäckige braune Flecken klebten fest an den Böden von ungewaschenen Kaffeebechern. Genau das war Eddies Problem – er hatte keinen Ehrgeiz. Was wäre er nur ohne mich?

»Wie spät kommt deine Schwester nach Hause?« Ich warf einen Blick aus dem Fenster, durch das Gewirr aus Feuerleitern, hinein in den Betondschungel. Die Straße hinunter schlichen kleine Gauner aus Tenderloin um die Verstoßenen und die Glücklosen herum. Hier ist der Unterschied zwischen denen und uns: Während sie um ein paar Pennies spielen und auf ihre große Chance warten, nehmen Typen wie ich ihr Schicksal selbst in die Hand.

»Sie muss jede Minute da sein. Und genau deswegen…« Eddie hörte mitten im Satz auf.

Als ich mich zu ihm umdrehte, grinste er übers ganze Gesicht.

»Hab ich mir doch gedacht, dass dir das gefällt.«

Er griff nach seinem Bier. »Ich kann nicht glauben, dass sie es auch noch groß ankündigen.«

»Wem sagst du das!«

»Das ist Kohle für umsonst.«

»So sieht’s aus.«

»Keine Waffen?«

»Keine Waffen.«

»Kein Ärger?«

»Als ob wir den Truck direkt an den Tresor fahren.«

Ich blickte hinunter auf die Schlagzeile, die ausgebreitet auf dem Couchtisch lag.

Occupy erobert morgen das Bankenviertel

Die Statistik zu Banküberfällen sieht ziemlich vielversprechend aus. Deswegen geht keiner mit ihr hausieren. Tatsächlich kommt man in achtzig Prozent aller Fälle ungeschoren davon. Vier von fünf. Nicht schlecht. Aber wenn man es zu oft macht, ist es wie ein Spiel mit einer geladenen Pistole.

Eddie und ich standen uns schon immer nahe wie Brüder. Wir waren Nachbarn in Philly, kannten uns seit unserer Geburt, zogen nach der High School westwärts, wo wir lange Zeit mordsmäßig abräumten, ohne irgendjemanden zu ermorden. Es waren tolle Jahre für uns. Von Lima nach Columbus, dann weiter nach Indiana und Fort Wayne. Wir waren nie zu gierig, haben’s nie übertrieben. Eine Bank. Ein Volltreffer. Wir holten uns ein Jahresgehalt und genossen unsere freie Zeit.

Von diesem einen Tag abgesehen, benahmen wir uns wie der Rest von den Trotteln da draußen. Wir hatten unauffällige Freundinnen, unauffällige Wohnungen, Möbel von Target und IKEA. Wir standen jeden Morgen um sieben auf (um den Schein zu wahren) und gingen in eine Bar, spielten Pool, guckten nachmittags einen Film im Kino. Wir taten, wonach uns gerade war. Bis das Geld zur Neige ging.

Dann ging es in die nächste Stadt. Der nächste Volltreffer. Neue Wohnung, neue Freundin. Das Ganze von vorne.

Fast zwanzig Jahre lang lebten wir so.

Bis zu dem Tag, als wir in einer National City Bank in Danville Scheiße bauten und irgendein Typ dabei draufging. Daraufhin machten wir einen Schwur: nie wieder Waffen. Was einen Banküberfall natürlich deutlich schwerer macht. Ohne Knarre riskiert man, erwischt zu werden. Aber mit Knarre riskiert man San Quentin oder, noch schlimmer, einen dreifachen Cocktail auf Staatskosten.

Eddies Schwester Rox arbeitete als Krankenschwester hier in San Francisco. Er zog zu ihr. Es stand außer Frage, dass ich mitkommen würde.

Manchmal redeten wir darüber. Noch einmal zuschlagen. Noch einmal groß abkassieren. Aber wir hatten einen Schwur geleistet und wir wollten ihn nicht brechen.

Doch nun, diesen Occupy-Clowns sei’s gedankt, mussten wir das auch nicht.

***

Am nächsten Morgen gingen wir in die Market Street, wo es zuging wie bei der Tour de France. So viele verdammte Fahrräder. All diese Deppen mit ihren Fubu-Mützen und Muschelketten und ihren Flanellhemden über T-Shirts mit markigen Werbeslogans aus den 80ern. Welch eine Ironie, dass sie nichts weiter waren als wandelnde Reklametafeln für den Kapitalismus. Und jedes ihrer Gespräche drehte sich nur um Unterdrückung und wie man es »denen da oben« mal so richtig zeigen kann, und dabei benutzten sie Worte, die man nur an einer Uni lernt. Verdammte Poser.

Eddie und ich zogen uns entsprechend an. Ich trug ein altes Fußballtrikot mit einer afrikanischen Flagge unter einer erbsengrünen Sportjacke. Eddie hatte sich in seine engste Hose gequetscht. Natürlich zog ich ihn deswegen auf.

»Das sind Skinny Jeans, Arschloch. Alle Hipster tragen sie. Guck dir nur die Apple-Werbung an.«

Unten im Bankenviertel ging es zu wie in einem Tollhaus. Wir sahen unzählige Menschen, die durch Megafone schrien, mit Pappplakaten wedelten und sich zusammentaten, um den Zugang zur Bank of America, zu Wells Fargo, zu Chase und zu Goldman Sachs zu verschließen – eben all den großen Kreditinstituten, denen die Occupy-Bewegung vorwarf, für die ganzen Zwangsvollstreckungen und die finanziellen Notlagen des »kleinen Mannes« verantwortlich zu sein. Kein Wort darüber, dass der kleine Mann vielleicht keine Kredite hätte aufnehmen sollen, wenn er sie nicht bezahlen kann. Ich bin zwar nichts weiter als ein verdammter Dieb, aber ich habe nie über meine Verhältnisse gelebt.

Dank den Zeitungen und den sozialen Netzwerken wussten wir genau, wie der Morgen ablaufen würde. Unsere Marschroute schrieb sich praktisch von selbst. So sieht Kriminalität im 21. Jahrhundert aus. Um halb neun sollte der Protestzug am Plaza starten. Die Demonstranten würden sich in kleinere Gruppen aufteilen und die einzelnen Filialen ins Visier nehmen. Die einzige Gruppe, die uns interessierte, war die, die in die Lobby der Wells Fargo eindringen wollte. Die Behörden hatten der Gruppe freien Zugang versprochen. Die Cops waren angewiesen, nicht einzugreifen, sofern alles friedlich zuging. Man muss die liberale Politik dieser Stadt einfach lieben. Natürlich war das nichts weiter als eine leere Geste. Die Gruppe würde ihre blödsinnigen Standpunkte darlegen dürfen, und dann würden die Cops die Versammlung auflösen.

Timing war das A und O. Es würde ein paar Minuten dauern, bis sich die Cops in Bewegung setzten, noch ein paar Minuten mehr, bis sie sich ihren Weg durch die wütende Menge gebahnt hatten, und eine ganze Weile, bis sie die Punks abtransportieren und das Gedränge auflösen würden. Ich rechnete mit einer guten Viertelstunde, die wir für den Tresorraum hätten, bevor die Bank ihren normalen Geschäftsbetrieb aufnehmen würde.

Aber bis dahin hätten Eddie und ich die Kohle bereits in unseren Händen und würden geradewegs aus der Bank verschwinden und im Chaos untertauchen.

Doch zuerst mussten wir die wagemutigen Seelen finden, die diese Scharade anführten. Leider waren auf der Occupy-Webseite keine Profilbilder der Rädelsführer zu finden, und es liefen eine Menge verdächtiger Kandidaten in den Straßen herum.

»Hast du ’ne Zigarette?«

Ich reichte Eddie meine Schachtel.

»Bist du sicher, dass es klappt?« Er zog nervös an seiner Zigarette.

»Wenn es zu riskant wird, gehen wir einfach wieder«, sagte ich. Aber da hing der Duft des Geldes schon zu penetrant in der Luft.

Der Boden grollte. Am Horizont standen Dutzende Zelte, die sich wie bunte Fahnen im Wind kräuselten. Die Cops warteten in Kampfausrüstung. Stimmen skandierten Solidaritätsbekundungen.

»Diese Arschgeigen machen mich krank«, sagte Eddie.

Ich stupste ihn scherzhaft in die Seite. »Sei nett. Ohne diese Witzfiguren können wir das Ding nicht drehen.«

Eddie und ich trennten uns, um die Lage auszukundschaften. Eddie steuerte auf eines dieser Weltraumklos zu – ein riesiges grünes Monstrum, das aussah, wie aus einem Science-Fiction-Film. Davor standen ein paar spindeldürre Jungs mit zu großen Brillen auf der Nase und unterhielten sich mit zwei käsigen Mannweibern. Ich näherte mich mutig einer anderen Gruppe, die aus ein paar Typen meines Alters bestand. Einer von ihnen trug ein übergroßes Tintenfischkostüm. Kein Witz.

Ich konnte kaum hören, was sie sagten. Der Mob stampfte im Gänsemarsch über den Asphalt und schrie Parolen im Call and Response.

»Banken werden gerettet!«

»Wir werden verraten!«

»Wem gehört die Straße?«

»Uns gehört die Straße!«

Haltet eure Fressen.

Tintenfischmann und seine Kumpel wussten genauso wenig wie die Typen, die vorm Starbucks standen und ihre Fünf-Dollar-Moccacinos schlürften. Niemand schien eine Ahnung zu haben, welche mysteriöse Gruppe die Wells Fargo aufs Korn nehmen würde.

Uns lief die Zeit davon. Wir wollten weder der Gruppe hinterherlaufen, noch vor ihr in die Bank stürmen. Beides würde unserem Manöver den entscheidenden Vorteil nehmen.

Endlich fand ich Eddie wieder. Als er mir entgegen lief, hatte er diesen besonderen Ausdruck im Gesicht.

»Glück gehabt?«

»Dort drüben«, sagte er und deutete die Straße hinunter auf eine kleine Truppe von Hosenscheißern, die uns vergnügt zuwinkten. Es waren vier Pappnasen, vielleicht gerade zwanzig Jahre alt, die sich mit den albernsten Klamotten aus einem Second-Hand-Laden herausgeputzt hatten. Sie trugen kitschige Jacken, Bowlingschuhe, Modeschmuck und Kleider wie Raggedy Ann. Zwei Typen und zwei Mädchen, von denen eines ziemlich fett war.

»Kein Wunder, dass die Cops so locker drauf sind.« Ich gab Eddie einen Klaps auf die Schulter. »Gute Arbeit.«

»Ich glaube, ich kann das nicht machen.«

»Was?«

»Ich kann das nicht durchziehen.«

»Bekommst du etwa kalte Füße?«

»Nein, das ist es nicht…« Eddie schien irgendwie verstört. »Ich habe mit den Leuten geredet.« Er deutete auf eines der Mädchen. Sie hatte einen erdbeerroten Wuschelkopf und Sommersprossen wie ein zurückgebliebenes Landei.

»Echt übel, Alter. Die Bank hat ihre Mutter aus ihrem Haus geschmissen. Die Frau hat Knochenkrebs. Ist Lehrerin. Hat ihr ganzes Leben gearbeitet, für ’nen Hungerlohn. Die Schule muss sparen und schmeißt sie raus. Und die Bank setzt sie auf die Straße.«

»Und wir werden die Bank ausrauben, Eddie. Besser so? Los jetzt…«

»Du kapierst es nicht, Mann. Siehst du den Typen?« Er deutete auf einen Trottel mit hauchdünnem Schnurrbart und John-Lennon-Brille. »Seine Frau erwartet ein Baby. Sie kriegen keine Krankenversicherung, denn eine Schwangerschaft gilt bei denen als Vorerkrankung. Unfassbar!« Eddie war sichtlich getroffen. »Den Leuten hier geht’s echt nicht gut, Mann.«

Die Demonstranten schwärmten durch die Market Street wie aufgebrachte Bienen.

»Wem gehört die Straße?«

»Uns gehört die Straße!«

»Wem gehört die Straße?«

»Uns gehört die Straße!«

Die Cops sicherten die Umgebung ab und hielten Tränengaskanister, Schutzschilde und Gummiknüppel bereit.

Eddies neue Freunde – Wuschelkopf, John Lennon und die anderen beiden – kamen zu uns herübergelaufen. Sie pusteten auf diesen nervtötenden Plastiktröten herum.

»Ich habe keinen Schimmer, wovon du faselt«, zischte ich Eddie zu. »Erzähl’s mir später. Und jetzt konzentrierst du dich verdammt noch mal!«

John Lennon streckte mir seine Hand entgegen. »Willkommen in der Bewegung, Kumpel.«

Ich zuckte kurz zusammen.

»Willst du eine Vuvuzela?«, fragte er und reichte mir seine Plastiktröte.

Wuschelkopf hakte ihren Arm unter Eddies und lehnte ihr Sommersprossengesicht an seine Schulter.

Kaum lasse ich den Typen für ein paar Minuten aus den Augen, schon lässt er sich von einer Hippie-Sekte den Kopf verdrehen.

»Wir müssen uns endlich Gehör verschaffen!«, sagte der andere Typ mit einer Fistelstimme. Er trug eine karierte Schiebermütze und hatte das spitze Gesicht eines Opossums.

Das pummelige Mädchen sagte nichts.

Wir stellten uns kurz gegenseitig vor. Von ihren Namen bekam ich nichts mit. Ich war zu sehr damit beschäftigt, die Straße im Auge und unseren Plan am Laufen zu halten. Ich war nur froh, dass Eddie mich mit dem falschen Namen, den wir uns ausgedacht hatten, ansprach.

»Okay«, sagte John Lennon. »Lasst uns den Bonzen zeigen, dass die Revolution begonnen hat!« Dann holte er sein iPhone hervor, um nach der Uhrzeit zu sehen.

Es ging gut los – als ob ich selbst das Drehbuch dazu geschrieben hätte. Wir stürmten in die Lobby. Niemand stellte sich uns in den Weg. Wie auf Kommando platzierte sich ein halbes Dutzend Hippies im Schneidersitz draußen vor die Tür und versperrten den Eingang. Die Bankangestellten sahen halb verwirrt, halb gelangweilt zu, wie diese vier Idioten in ihre Vuvuzelas tröteten. Sie ließen diese Farce geduldig über sich ergehen.

Ein Wachmann latschte in unsere Richtung.

»Im Namen der Occupy-Bewegung übernehmen wir diese Bank!«, verkündete John Lennon.

»Aber wir tun es friedlich!«, fügte Wuschelkopf hinzu.

Dann setzten sie sich alle auf den Boden – auch Eddie. Er ließ sich auf seinen fetten Arsch plumpsen und hakte sich bei den Trotteln ein.

Der Wachmann beugte sich lustlos zu ihnen hinunter und fing mit dem Abtransport an.

Es musste jetzt passieren.

Ich nahm den Wachmann in den Schwitzkasten und riss die Pistole aus seinem Holster. Ich schleuderte ihn herum und schlug ihm mit dem Griff der Knarre die Nase ein. Er riss sich die Hände vors Gesicht und ging zu Boden. Blut strömte zwischen seinen Fingern hervor.

Ich richtete die Knarre auf die Bankleute. Keiner von ihnen wagte es, einen Alarmknopf zu drücken oder sich auch nur zu rühren.

»Keine Waffen haben wir gesagt!«, schrie Eddie zu mir hoch.

»Kleine Planänderung.«

»Was ist hier los, Eddie?«, fragte Wuschelkopf.

»Du hast ihr deinen echten Namen genannt?«

Eine Kassiererin machte ein paar kleine Schritte zurück. Ich richtete die Knarre direkt auf ihren Kopf und spannte sie. Die Kassiererin erstarrte.

Eddie, der Schwachkopf, saß nur da mit seiner kleinen Lagerfeuerbande. Draußen machten die Demonstranten ein riesiges Spektakel. Die Türen zur Bank blieben verschlossen.

»Geld«, sagte ich der Kassiererin. »Sofort. Und keine Mätzchen.«

Sie ging zur Tür des Tresorraums.

»Ich will deine Hände sehen.«

Ich sah zu, wie sie Geldbündel in eine große Bankmappe legte.

»Beeilung!«

Ich sah erst auf die Uhr und dann hinunter zu Eddie. Wuschelkopf hing noch immer an seinem Arm.

Die Kassiererin brachte die Bankmappe und warf sie mir vor die Füße.

Ich machte einen Schritt zurück. »Aufmachen.«

Sie drehte sich zum Filialleiter um.

»Schau nicht ihn an. Mach die verdammte Tasche auf!«

Sie tat es so behutsam wie möglich. Doch der Farbbeutel explodierte und färbte ihr Gesicht und ihre Hände blau.

Ich grinste. Und dann schlug ich ihr so fest in den Magen, dass sie sich sofort übergab. Sie fiel auf ihren Arsch und nässte sich ein.

Die College-Kiddies kreischten.

»Was soll denn das?«, schrie Eddie.

Ich richtete die Knarre auf Wuschelkopfs rote Haarpracht. »Also gut«, sagte ich ruhig und wendete mich dem Filialleiter zu. »Das versuchen wir gleich noch einmal. Sie holen das Geld. Sie haben dreißig Sekunden. Sonst erschieße ich die Kleine hier…« Ich richtete die Knarre auf die Bankangestellten. »Und jeden Einzelnen von diesen Wichsern. Und ganz zum Schluss Sie.«

Der Wachmann stöhnte. Die Kassiererin lag in einer Pfütze aus ihren eigenen Körperflüssigkeiten.

Fünfundzwanzig Sekunden später hatte ich mein Geld.

»Soll ich sie öffnen?«, fragte der Filialleiter.

»Ach, nein. Ich vertraue Ihnen.«

Ich stopfte die Mappe in den Jutebeutel, den ich in meiner Hosentasche mitgebracht hatte, und legte meine zusammengerollte Jacke obendrauf. »Lass uns verschwinden«, sagte ich zu Eddie. Ja, er hatte Mist gebaut, und ja, ich war stinksauer auf ihn. Aber er war wie ein Bruder. Ich würde ihn mir später zur Brust nehmen.

Ich warf mir die Tasche über die Schulter. Als ich mich umdrehte, stand Eddie vor mir und hielt mir eine 9mm ins Gesicht.

»Keine Waffen haben wir gesagt.«

»Kleine Planänderung«, sagte Eddie.

Wuschelkopf sah zu uns auf. »Eddie?«, raunzte sie wie eine räudige Straßenkatze.

Als Eddie zu ihr hinunterblickte, riss ich meine Pistole hoch.

So standen wir da, Knarre gegen Knarre, Bruder gegen Bruder.

Draußen auf der Straße ging der Tumult unbeirrt weiter. Aus den Augenwinkeln konnte ich einen Cop auf einem Pferd vorbeireiten sehen. Das Sondereinsatzkommando machte sich bereit.

Wuschelkopf flehte ihn an: »Eddie, tu es nicht. Lass ihn einfach gehen.«

Die Anderen stimmten ein, sogar die Fette.

»Ja, lass ihn gehen!«

»Der Klügere gibt nach!«

»Der Typ ist unter deinem Niveau!«

Eddie blickte mir tief in die Augen. Dann hob er seine Hände. »Sie haben recht. Du solltest jetzt gehen.«

Ich kannte den Kerl schon mein ganzes Leben. Aber nach nur zehn Minuten mit diesen Typen war er einer von ihnen geworden. Unfassbar.

Ich musste lachen. »Und dann? Du bleibst hier und erzählst ihnen, wo sie mich finden können? Bist du high?«

Ich schoss ihm dreimal ins Herz.

Es war so verdammt laut dort draußen. All das Rufen und das Trampeln der Pferde und die Musik und die Megafone und die Polizeisirenen und diese beschissenen Vuvuzelas, die wie debile Trompeten durch die Gegend furzten – man hätte nicht einmal einen Kanonenschuss gehört.

»Also gut«, sagte ich zum Filialleiter und seinen Leuten. »Sie wissen, wie’s abläuft… runter auf die Bäuche.« Ich wedelte mit der Knarre vor Wuschelkopf, die leise über Eddies Leiche weinte. »Das gilt auch für dich, Schätzchen.«

Ich steckte mir die Knarre in den Hosenbund und klopfte an das Glas der Eingangstür. Einer der Hippies öffnete mir und ich quetschte mich nach draußen. Ich marschierte in den Wahnsinn hinein und mischte mich unter die Unzufriedenen, die irgendetwas von Fairness und Verbraucherrechten plärrten. Ein Cop auf einem Motorrad schlich an uns vorbei. Er grinste mich verächtlich an.

Weiter die Straße hinunter hielt ich an, um mein T-Shirt umzukrempeln. Irgendein Typ griff meinen Arm.

»Ist das zu glauben, Alter?« Der Junge trug ein breites, dümmliches Grinsen im Gesicht. »Das ist es, Mann! Das ist die Revolution!«

Ich löste mich behutsam aus seinem Griff und tätschelte seinen Kopf, als wäre er ein zappeliges Hundebaby. Ich ballte meine Faust und hielt sie in die Höhe.

»Alle Macht dem Volke.«

»Amen, Bruder!« Dann ging er zurück zu seinen Leuten, skandierte lauthals Parolen und hüpfte auf und ab wie ein Geistesgestörter.

Ich schlich mich in eine menschenleere Seitenstraße. In der Ferne sah ich die Berge in den Himmel ragen. Sie warfen ihre Schatten auf die Straßen und die Häuser der Stadt.

Ich lief los. Es war ein steiler, einsamer Weg.

Hinter mir hörte ich Sirenen leise durch das Tal hallen. Ich drehte mich nicht um. In solchen Augenblicken ist es besser, nicht zurückzuschauen.

Joe Clifford

Joe betreut Autoren für Gutter Books, findet Geschichten für The Flash Fiction Offensive und produziert Lip Service West, eine Lesereihe in Oakland, CA. Er hat selbst einige Romane geschrieben, u.a. Junkie Love und Lamentation. Sein neuestes Werk, December Boys, erscheint im Juni 2016. Mehr über Joe gibt es auf www.joeclifford.com zu erfahren.