North Bonneville, 1934.

Ruth sitzt in der Küche des firmeneigenen Hauses und blättert langsam in den Seiten ihres Sammelalbums. Die Uhr im Bücherregal schlägt zehn. Im Zimmer nebenan, dem einzigen anderen Zimmer, hört sie ihren Ehemann, der sich zurechtmacht. Sonntags lässt er es gemächlich angehen, denn das hat er sich verdient. Irgendwas wegen der Arbeit, sagt er hinter der Tür. Irgendwas wegen der Männer. Ruth hört ihm nicht zu. Sie starrt auf den Zeitungsausschnitt, der in ihrem Album klebt. Er zeigt das Foto einer Dame aus der feinen Ostküstengesellschaft, im Urlaub, irgendwo im tropischen Süden: eine hübsche junge Frau in einem makellosen weißen Leinenkleid, fläzend auf einer Bank, die den mächtigen Stamm eines Palmbaums umschließt. Ein weicher, gepflegter Rasen umgibt die Frau und den Baum wie ein samtiges Meer. Ruth streicht sich mit der Hand über den Nacken und malt sich die Hitze in dem Foto aus, den lieblichen Biss und das Brennen der ungefilterten Sonne. Ihr Blick schweift hoch zur Zimmerdecke. Nicht einmal ein Jahr alt, und doch sind schon Regen und Schimmel durch das Schindeldach gesickert und haben die cremefarbene Decke mit abscheulichen Blüten verfärbt. Es sollte eigentlich Sommer sein, aber in diesem Teil des Landes hängen immer Wolken im Himmel. Sie blättert um. Noch mehr Fotos und Bilder, die ihr im Laufe der Jahre ins Auge gesprungen waren. Aber ihre Gedanken sind noch immer bei dem riesigen Palmbaum, an den sich die Frau schmiegt wie eine schläfrige Geliebte, und der Leere um sie herum, als wären sie die einzigen Objekte, die es je gegeben hätte.

Henry kommt ins Zimmer, nimmt seinen Mantel und deutet ihr, dass sie ihren nehmen soll. Ruth beißt die Zähne zusammen und schließt das Sammelalbum. Wieder einmal hat sie ein Versprechen abgegeben, das sie nicht halten will. Aber so wichtig ist es nicht und so behält sie ihre Meinung für sich, und außerdem ist es Zeit zu gehen.

Ihr Nachbar steuert sein rostendes Auto die Staubstraße hinunter, vorbei am Stadtrand und hinauf auf den provisorischen Highway. Sein Auto ist eines von vielen in der Karawane aus verbeulten Trucks und Kutschen und Blechkisten. Ruth sitzt hinten, mit einem Korb voll Brötchen auf dem Schoß, neben der anderen Ehefrau. Es hatte Anfang der Woche als zwangloser Vorschlag von einigen der Frauen beim Einkaufen und Tratschen begonnen, und nun kamen fast vierzig Personen. Ein Wochenende der Flucht aus der Routine ihrer trostlosen Leben in einen kleinen Park weiter unten am Columbia River, weit weg von der riesigen Baustelle für den größten Staudamm der Welt, der innerhalb von zehn Jahren die Kraft des Flusses bezwingen und ihn unterwerfen soll. Die Ehefrauen bereiten ein Picknick aus mitgebrachten Speisen, die entbehrlich sind, und tratschen und achten auf die Kinder. Die Männer essen und trinken und beschweren sich über ihre Frauen und ihre Jobs und die durchgängig miesen Zustände überall im Land. Und dann gehen sie einen Weg hinauf, fast zweihundertfünfzig Meter hoch, zum Gipfel eines uralten Vulkangesteins namens Beacon Rock.

Ruth nimmt Haltung an. Plötzlich hält sie eine Karte in ihren Händen, eine plumpe Zeichnung von etwas, das aussieht wie ein gezacktes Ei, über das sich schwarze Linien schlängen. Das ist der Pfad, den die Männer nehmen werden, erklärt die Frau. Mehr als fünfzig enge Kehren. Der Karavan hat Halt gemacht. Ruth reibt ihre Augen. Sie hat sich daran gewöhnt, an diese Fetzen verlorener Zeit, in denen ihr eintöniges Dasein von den Gezeiten ihrer Wachträume fortgespült wird. Sie schwankt aus dem Wagen und klammert sich an die Tür. Die Welt ist hier nicht mehr als eine stahlgraue Schüssel aus Stille und Vertigo, in sich geschlossen und doch grenzenlos. Überall Berge und Raum und Himmel, und das Rauschen des Flusses ist nicht mehr als das Summen einer Mücke. Übelkeit schwillt ihr hoch bis an die Kehle und ein mattes, schmerzhaftes Pfeifen flutet ihre Ohren. Sie fühlt sich wie betrunken, wie auf hoher See. Von irgendwo her sagt Henry, sie solle sich umdrehen, sie solle gucken. Dort ist es, sagt er, und zieht an ihrem Ärmel wie ein Kind. Ruth dreht sich um. Ihre nassen Augen suchen, suchen entlang des Horizonts, bis sie endlich-

Irgendwas -

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-der Felsen.

Ruth hebt ihren Kopf. Sie sitzt an ihrem Küchentisch, eine Hand an einer lauwarmen Tasse Kaffee. Vor ihr liegt das Sammelalbum, geöffnet, erwartungsvoll, und ihre andere Hand blättert eine Seite um. Auf der rechten Seite des Albums lehnt sich die Frau im tropischen Süden an den Palmbaum inmitten des endlosen Meeres aus Gras und wartet.
Henry steht vor ihr, den Hut auf dem Kopf, und spricht. –Hör auf zu träumen, Ruthie, und zieh deinen Mantel. Zeit zu gehen.

-Gehen wohin?

-Wie abgemacht. Zum Beacon Rock.

Die Uhr im Bücherregal schlägt zehn.

Draußen fliegt ein Flugzeug übers Haus. Das Brummen der Motoren schwillt an und wieder ab. Ruth reibt ihre Augen, sammelt sich. Jeder Tag in dieser farblosen Stadt am Rande dieses farblosen Landes ist wie der davor, ohne Unterschied, unveränderlich. Sie kann sich nicht daran erinnern, aufgewacht zu sein, sich angezogen und Kaffee gekocht zu haben. Und draußen ist etwas, eine Präsenz, eine alles verzehrende Welle aus schwarzem Rauschen, gleich hinter der Stille des Morgens und dem traurigen Gesang des Flugzeugs. Sie legt die Stirn in Falten und lauscht angestrengt.

Henry spricht, und die Worte, die ihm aus dem Gesicht purzeln, klingen wie das dumpfe Grollen einer Steinlawine. Er spricht, aber Ruth versteht kein Wort.

-Gib mir einen Augenblick, ich glaube, mir wird schlecht, sagt Ruth vor sich hin und schiebt den Tisch ein Stück zur Seite. Sie macht sich nicht die Mühe, die Haustür hinter sich zu schließen, als sie die gebrechlichen Stufen hinaus in die warme Luft und das schwere, graue Sonnenlicht hinunterläuft. Ruth taumelt nach hinten, hinters Haus, wo sie innehält, beide Hände auf die Holzwand legt und sich vorne beugt, keuchend, und das Erbrochene wieder nach unten würgt. Langsam lässt das zähflüssige Gefühl nach und die kleinen schwarzen Punkte, die in den Ecken vor ihren Augen tanzen, verschwinden wieder. Sie richtet sich auf und läuft die staubige Gasse zwischen den Reihenhäusern hinunter.

Berge, die tief gegen den fernen Horizont liegen, schimmern grün und grau in dem klaren, ruhigen Licht. Ruth stoppt am Ende der Gasse. Sie leckt ihre Lippen und starrt. Ihr Rücken schmerzt. Jenseits der Kurven des Geländes, sieht sie… Ruth beugt sich wieder nach vorne, geht in die Hocke, legt den Kopf in die Hände, die Ellbogen auf die Knie. Dieser Tag… dieser Tag ist schon passiert. Dessen ist sie sich sicher. Sie fuhren, sie fuhren den Highway hinunter, die Frau neben ihr, die redete wie ein Wasserfall. Sie hielten sich an das Ufer des breiten Flusses und nahmen die letzte Kurve und hielten an und Ruth stieg aus und klammerte sich an den Wagen wie Spucke am Schaft eines harten Schwanzes und sie sah auf und und und.

Und nun fragt sie irgendein Firmenbalg, ob sie okay sei. Hey, Lady, ist Ihnen schlecht oder müssen Sie kacken, fragt er kichernd. Ruth steht auf und klatscht ihm eine, knackig und fest. Der Junge japst und verschwindet zwischen den Häusern. Ruth beißt auf die Zähne und versucht, nicht zu weinen, und läuft zurück zum Haus. Henry steht neben der offenen Autotür, Wut und Verderben tanzen ihm übers Gesicht. Ihr Mantel und ihre Tasche und der Korb mit den Brötchen liegen schon auf dem Rücksitz. Neben der Frau. Sie redet schon wieder ohne Unterlass und reibt sich über den Bauch, während sie auf den von Ruth blickt, mit blasierten Augen und falschem Lächeln wie eine falsche Schwester, als ob sie es wüsste. Als ob sie überhaupt etwas wissen könnte.

Der Himmel ist wie geschmolzenes Blei, dunkle, aufgewühlte Wolkenbänke, ausgespuckt von einer Gießerei am Firmament. Ruth dreht am Fensterheber und drückt ihre Nase in den Spalt. Die Luft riecht nach Erde. Die Mittelgebirge fliegen in starren vorsintflutlichen Wellen vorüber. Irgendwas wegen des Auflaufs, sagt die Firmenschlampe. Irgendwas über Gelatine und Babys. Über Niedrigwasser. Ruth berührt ihre Stirn und runzelt. In ihrer Erinnerung klafft ein Loch, schwarz und randlos, und sie fühlt sich klein und zerbrechlich. Sie hasst dieses Gefühl nicht. Nicht zur Gänze. Sie führt ihre Hand zur Fensterkante, die Finger gespreizt, als wolle sie das Land umpflügen und seinen kolbenförmigen Kern freilegen. Der ferne Horizont wiegt sich gegen das blasse Licht, gegen ihr Fleisch, bekommt sie aber nicht zu fassen. Es ist nicht der Ort dafür. Sie weiß, dass sie schon am Beacon Rock gewesen ist. Tief im Innern verloren, doch eine Spur bleibt. Sie stieg aus dem Auto und sie drehte sich um, und die Berge und die grünen Felder und, aus der Mitte empor gestoßen, eine geologische Eruption, eine Bruch, hart und breit und hoch und dann: nichts. Dort war etwas, sie weiß, dass sie es gesehen hat, aber der Krater in ihrem Kopf hat alles bis auf den glitschigen Rand verschluckt.

Sie verzieht den Mund, leise, und versucht Worte zu formen, die beschreiben können, was jenseits des Fehlens von Geräuschen und Stille, von Dunkelheit und Licht liegt, außerhalb und in ihrem Kopf. Als ob solche Worte existierten. Und jetzt sind sie da, das Auto nimmt die letzte Kurve des Highways vor dem Park. Sie kurbelt das Fenster ganz nach unten und reckt ihren Kopf und ihren rechten Arm ins Freie. Ein Kontinent dahinter folgt ihr Körper ihrem Arm, wie eine Larve, die sich windet und vertrocknetem Fleisch entschlüpft, hinaus aus dem Auto, weg von dem Gezeter, dem hässlichen Brummen des Motors, hinein in das wild zuckende Rauschen, das gerade wie ein Sturm losbricht. Sie sah Beacon Rock, damals und heute. Die Anderen, sie sahen den Felsen, aber sie, sie sah in ihn hinein, unter den Vulkanschichten sah sie es, und jetzt spürt sie es und hört es, und es hört sie auch.
Sie blickt auf, als sie fällt, und-

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Die Uhr im Bücherregal schlägt zehn. Ihre verkrampfenden Finger lösen sich langsam von der kalten Kaffeetasse. Henry ist im Zimmer nebenan, macht sich zurecht. Ruth hört ihn zu ihr sprechen. Seine Stimme tröpfelt wie müdes Wasser über verwitterte Kieselsteine. Irgendwas wegen des Firmenpicknicks. Irgendwas wegen deformierte, zerfallende Stauseen aus gefangenem Raum und geologischer Zeit. Irgendwas wegen des Felsen.

Sie sieht auf zur Zimmerdecke wegen kleinen prasselnden Geräuschen auf Papier, dann hinunter zum Tisch. Bluttropfen platschen auf die offene Seite in ihrem Sammelalbum. Ruth führt eine Hand zu ihrer Nase, drückt sie zusammen und legt den Kopf zurück. Blut fließt in ihre Kehle, und sie schluckt es hinunter. In dem Zeitungsausschnitt verschwindet das Gesicht der jungen Frau unter einem purpurfarbenen Schwall, eine winzige Eruption der Sonne um ihren Kopf, die ihre lächelnden weißen Zähne verdeckt. Rote Kränze überall, auf ihre in Leinen gehüllten Beine, auf der groben Rinde des Palmbaums, auf dem phosphorhellen Samtrasen. Irgendwo draußen fliegt ein Flugzeug vorüber, oder etwas, das sich wie ein Flugzeug anhört. Es ist eine Fläche, eine Ebene aus Rauschen und Geräuschen, all die Reste der Geburt und des Kampfes und der Todesschreie des Planeten, die sich in einer unablässigen Welle vermischen und aus einer unbekannten, abwegigen Quelle am Ende der Welt strömen. Ruth schiebt das Sammelalbum beiseite und wischt sich mit den Bünden ihrer Strickjacke und den Rücken ihrer Hände über die Nase. Ihre Lippen öffnen und schließen sich stumm, während sie versucht, sich es vorzustellen und die Worte zu finden, die beschreiben können, was dort draußen ist, groß wie ein Berg und kalt und einsam, und auf sie wartet, was ihren Namen in den Wind haucht wie ein rauschender Schwall, was mit jedem Schub des Flusses pulsiert und dröhnt und ihren Körper anzieht und ihren Verstand abstößt. Sie hat es gesehen und sie will es wieder sehen und sich erinnern, sie will den uralten Stein auf ihre Zunge schmecken und sich mit gespreizten Beinen an ihm reiben, bis er in sie eindringt und sie aushöhlt wie eine geistlose pinkfarbene Hülle. Sie will hineinfallen und nie wieder zurückkehren.

- Nicht schon wieder, sagt sie zur Zimmerdecke, zu den Wänden, als Henry die Tür öffnet. – Nicht schon wieder, schon wieder, schon wieder.

Er gafft sie kurz an, bemerkt die roten Tupfer, die unter ihrer Nase und über ihrem Mund verkrusten. – Mach es weg, sagt er. Er schnappt sich seinen Mantel und deutet auf das Spülbecken. Es ist immer dieselbe Reise, und das Ziel kommt niemals näher. Ruth wäscht sich rasch das Gesicht und folgt ihm nach draußen in den heißen, sonnenfreien Morgen. Die andere Frau sitzt hinten und tätschelt den Sitz neben ihr. Irgendwas übers Wetter, sagt sie. Ihr Mund spuckt die Worte in kleinen feixenden Spritzern aus, während ihre Augen über Ruths nassrotes Gesicht huschen. Sie glaubt, sie wüsste, was passiert ist. Viele Ehefrauen laufen gegen verschlossene Türen. Irgendwas übers Ende der Prohibition. Irgendwas über die Geister eines lang zurückliegenden Krieges. Ruth lehnt ihren Kopf gegen die Fensterscheibe, die Augen geschlossen, und lässt die einseitige Unterhalten aus der Frau wie Erbrochenes fließen. Sie führt ihre Hand unter das blaukarierte Handtuch, das über den Brötchen liegt, und fährt mit dem Finger über das mit Mehl bedeckte Gebäck. Fühlt sich an wie Kopfsteinpflaster. Flusssteine, von Wasser glatt geleckte Kiesel, dicker Schotter, der unter ihren Füßen knirscht. Sie drückt einen Finger durch die Kruste in die weiche Mitte des Brötchens. Genau das wird es mit ihr machen, dort draußen. Durch ihre Schädeldecke stoßen und sein Basaltwesen durch sie hindurch drängen und ihre Organe zerstampfen und ihr Herz pürieren. Das Auto heult und klappert, als es jedes Schlagloch in der Straße mitnimmt. Das Getriebe knirscht, als der Mann von der Firma durch die Kurven navigiert. Ruth fährt mit einer Fingerspitze über ihre geschlossenen Lider, drückt kleine, feste Kreise in die Haut und spürt, wie die geleeartigen Hügel darunter hin und her rollen bis es schmerzt. Die Landschaft draußen baut sich zu einem Negativ hinter ihren Lidern, raue, öde Berge, an dessen Kämme schwefelgelbes Licht explodiert. Sie kann es sehen, sogar den Gipfel, eine monströse Schönheit in der Ferne, hinter den letzten Erhebungen des Landes. Jemand muss es auch gekannt und entsprechend benannt haben. Eine wüste Perversion der Natur, die durch das ewige Grab der Nacht nach ihr ruft und blinde Blicke auf sie richtet.

Die Frau fasst ihren Arm. Das Auto hat angehalten. Henry und der Mann sind draußen und versuchen, die rauchende Motorhaube zu öffnen. Ruth löst ihren Arm vom Griff der Frau und öffnet die Tür. Der Rest der Karawane hat sie schon überholt und die Kurve hin zum Park genommen. Ruth geht ein paar Schritte am Rand der Straße, langsam, ungezwungen, als ob sie nur ein bisschen Luft schnappt. Als ob sie das könnte. Die Luft ist verblutet, nur rauschende Stille ist übrig geblieben und füllt ihre Kehle und Lungen mit einem Lied tief wie das Hadal.

–Ich komme, sagt sie. –Bin schon fast da. Sie hört die Frau kommen und geht schneller.

-Lauft nicht zu weit, Mädchen, hört sie den Mann von der Firma rufen. –Das haben wir in null Komma nix repariert.

Ruth schlüpft aus ihren Schuhen und rennt. Hinter ihr ruft die Frau nach den Männern. Ruth lässt ihre Handtasche fallen. Sie rennt, wie sie es als Kind getan hat, ein sommersprossiger Wildfang, der durch die Weizenfelder auf einer Farm in North Dakota sauste. Sie rennt wie ein Tier, und die Bäume und die Uferbänke des Flusses huschen vorüber und ihre Beine pumpen wie Kolben durch die lange Kurve der Straße. Ihre Lungen brennen und ihr Herz pocht wie verrückt gegen ihre Brust und Tränen laufen ihr in Mund und Nase, aber das ist ihr egal, denn es ist so nah und es ruft nach ihr mit einer Melodie und holt sie ein wie einen Fisch an der Angel und Henrys Hand greift nach ihrem Nacken und dann der Kies und die Straße, die ihr ins Gesicht schlagen, und sie windet sich, schlägt um sich, und alles, was sie tun muss, ist ihren Kopf zu heben, nur ein kleines Stück, und ihre Augen geschlossen halten und dann wird sie endlich sehen-

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Ruths Hände liegen fest verschlossen in ihrem Schoß. Krümel sammeln sich auf der Oberfläche in einer fast leeren Tasse Kaffee. Ein Schluchzen entflieht ihrem Mund, und sie schlägt ihre Hand darauf und schiebt ihn wieder in sich hinein. Dieses kleine Haus. Dieses kleine Leben. Dieser Käfig. Sie kann es nicht länger tun. Die Uhr im Bücherregal schlägt zehn. -Es ist das letze Mal, Ehrenwort, sagt Ruth und wischt sich die Tränen von den Wangen. Das Zimmer ist leer, aber sie weiß, mit wem sie spricht. Es weiß es auch. –Ich weiß, wie ich dich kriegen kann. Ich weiß, wie ich dich sehen kann. Heute ist der verdammt noch mal letzte Tag.

Das Sammelalbum liegt vor ihm auf dem Küchentisch und zeigt ihren liebsten Zeitungsausschnitt. Ruth reißt ihn behutsam von der gilbenden Seite und hält ihn gegen das Licht. Irgendwo im tropischen Süden: eine hübsche, junge Frau in einem fleckigen weißen Leinenkleid, fläzend auf einer Bank, die den mächtigen Stamm eines Palmbaums umschließt, ein Baum, der keinen Anfang und kein Ende hat, und dessen Wurzeln tief in die Erde schlagen, vorbei an Raum und Zeit, und sich irgendwo oben in dem endlosen kosmischen Ozean verschlingen und herabsteigen und sich zu mächtigen Palmblättern verformen und den Kopf der Frau mit Schattentupfern krönen. Um die Frau und den Baum herum kleben trockene Blutspritzer wie die Tränen einer sterbenden Sonne. Das Gesicht der Frau liegt hinter einem Kreis, dunkelbraun, erdbraun, holzbraun, leichenbraun. Sie lächelt, mit offenen Augen, und atmet alles in sich hinein. Ruth zerknüllt den Ausschnitt und legt sich ihn in den Mund und kaut kurz, bevor sie ihn hinunterschluckt. Es gibt keinen anderen Ort, an dem die Frau und der Palmbaum je gewesen sind oder sein werden. Allein, abseits, entfernt, unberührt. Alles Leben fließt an ihnen vorbei. Es berührt sie nicht. Es ist ihnen egal. Der Zyklus ihres Lebens entspringt nicht dieser Welt.

Im Zimmer nebenan macht Henry sich zurecht. Sie hört nicht, ob er zu ihr spricht. Überall fliegt schwarzes Rauschen durch die Luft, seltsame Gleichungen und Koordinaten und vergangene Sprachen und wunderliche Geometrien, zusammengepfercht in einer Stille, die so alt und tief ist, dass sie alle anderen Geräuschen zunichte macht. Ruth schließt das Sammelalbum und steht auf. Sie wischt den Schweiß von ihren Handflächen in ihr Sonntagskleid. In einer der Schubladen in der Küche liegt ein großes Messer und neben dem Kamin steht eine Axt. Sie wählt das Messer. Sie kennt es besser, kennt den Griff in ihrer Hand, wenn sie durch Fleisch und Knochen schneidet. Als er endlich die Tür öffnet und den kleinen Raum betritt, führt sie die Klinge durch die mehligen Rillen der Brötchen. Ruth reicht Henry eins davon, er nimmt es. Kaum hat es seinen Mund berührt, sticht sie ihm in den Bauch, knapp über dem Gürtel, wo nichts Hartes den Gang der Klinge stoppen kann. Er bricht zusammen und sie fällt mit ihm. Sie zieht das Messer aus ihm heraus und geht in die Hocke und rammt es ihm in die Mitte seiner Brust, zweimal, denn sie weiß nicht genau, wo das Herz sitzt, und dann noch einmal von unten in die Gurgel. Blut fließt wie Wasser über Kieselsteine, fort in ein fernes, unsichtbares Meer. Sie kann es hören. Ruth wischt beim Aufstehen das Messer an ihrem Kleid sauber und legt es auf den Tisch. Sie nimmt den Korb, geht zur Haustür und öffnet sie einen Spalt.

-Henry geht’s nicht gut, sagt sie zu dem Mann von der Firma. Wir bleiben heute zu Hause. Sie gibt ihm die Brötchen und stiert auf die Ehefrau auf dem Rücksitz, als er zum Wagen zurückläuft. Die Frau mustert sie verwirrt. Ruth schließt die Tür. Das Miststück hat doch keine Ahnung.

Ruth schlüpft nach draußen, hinten, durch das Fenster in ihrem kleinen Schlafzimmer. Der Karavan aus Fahrzeugen rollt bereits Richtung Highway, flussabwärts, hin zum Beacon Rock. Sie werden es nicht zum Picknick schaffen. Sie werden es nicht sehen. Das tun sie nie. Sie wandert durch die Gassen, vorbei an der letzten traurigen Reihe von Firmenhäusern und hinein in den hohen Fichtenwald, der das Ende von North Bonneville markiert. Mit jedem Schritt tiefer in den Wald spürt sie, wie die Last der Stadt langsam von ihr abfällt, wie etwas Riesenhaftes sich in den leeren Raum wühlt. Als sie so lange und so weit gegangen ist, dass sie ihren Namen vergessen hat, hält sie an und drückt ihre Finger tief in ihre Augenhöhlen, fischt ihre Augen heraus und zwickt die lange Fleischfäden ab, die ihnen aus ihrem Körper wie klebriger Zwirn folgen. Das, was ihrem Mund entweicht, könnte ein Schrei sein, oder ihre Seele, und es erstickt in der gleichgültigen Stille der Natur.

Und jetzt sieht es, und es bewegt sich in die Richtung, in die es sieht, und huscht hin und her durch die versteckten nachleuchtenden Falten der Länder, durch die Dunkelheit, die von unbekannten Farben und funkelnden Lichtern durchstochen wird, sterbendes Fleisch, das durch die Wälder rankt, die vom Fehlen der Zeit wie versteinert sind, vorbei an unzugänglichen Gebirgskämmen, nadelspitze Gipfel, die Kringel in die vorbeifließenden Ströme der Sterne schneiden. Ein Schleier aus Fliegen schwebt über den Höhlen seiner Augen und seines Mundes, auf und ab mit jedem faulenden Schritt, und Stücke von Fleisch verteilen sich in granatapfelrotes Blut getunkt über die Erde wie unfruchtbarer Samen. Wenn es noch Schmerz gibt, verweigert sein Körper jede Rückmeldung darüber. Es gibt nur das hell brennende Licht und das donnernde Lied, das sonore Rufen des emporragenden Basalts, der einatmet, ausatmet, die Dunkelheit beiseite schiebt. Und es gibt, schließlich, hinter der Biegung der überwuchernden Wildnis, eine üppige Ebene aus smaragdgrünem Gras, reif und füllig unter einer fetten, heißen Sonne, eine breite Bank aus geschliffenem Holz und einen Palmbaum, der sich in makelloser Krümmung gegen seinen schmalen Rücken schmiegt, warm und hart und gewetzt wie ein uralter Stein. Wenn es nach oben sieht, kann es das Ende des Baumes nicht erkennen. Sein Blick steigt mit den Ästen ins Unendliche, dort wo die Träume sind, vorbei an allen Grenzen der Zeit. Und so soll es sein.

Livia Llewellyn

Livia schreibt Dark Fantasy, Horror und Erotika. Ihr erster Sammelband, Engines of Desire (2011), war für den Shirley Jackson Award nominiert. Ein zweiter Band, Furnace, ist dieses Jahr bei Word Horde Press erschienen. Ihre Adresse im Internet lautet liviallewellyn.com.