Booster wischte den Dunst von seiner Atemschutzmaske und drückte sein Gesicht an den Briefschlitz in der Tür von 222 Foxglove Avenue.

Sogar durch die Maske schmeckte die Luft nach faulem Fisch. Im Wohnzimmer war es dunkel. An den Fenstern klebte schwarze Luftpolsterfolie, die Vorhänge waren zugezogen. Er musste warten, bis im Fernseher eine hell erleuchtete Gameshow begann, bevor er mehr erkennen konnte.

Zwei Füße ragten leichensteif über das Ende des Sofas. Die Socken waren zu klein und hatten diese niedlichen kunterbunten Zehentaschen. Gott, er hoffte, dass es ein Mann war, der die Socken seiner Freundin trug. Frauen waren schlimm.

Das zweite Opfer lag zusammengebrochen in der Ecke. Ein Stuhl und Marshmallow-Müsli lagen auf dem Boden neben ihm. Milch und blutiges Erbrochenes tränkten den Teppich. Er war ein kleiner, drahtiger Latino, der kein Shirt trug, damit er mit seinen Tattoos und seiner Kette vom heiligen Christophorus angeben konnte.

Auf dem Couchtisch standen große digitale Wagen und viele leere Glasbehälter – Krüge, Flaschen, Schüsseln, Becher und sogar eine ausgeleerte Blumenvase.

Er klappte den Deckel des Briefschlitzes hinunter und drehte sich zu den anderen Feuerwehrmännern um. Sie standen hinten beim Fahrzeug in voller Montur, mit Äxten in den Händen, bereit, die Tür zu öffnen. Die Polizei hatte die Sackgasse mit ihren Streifenwagen abgesperrt. Zweimal hatten sie schon nach Verstärkung rufen müssen, um den Menschenauflauf unter Kontrolle zu halten – Schaulustige, Reporter, Anwohner, die sich nichts sehnlicher wünschten, als das Nachbarshaus in Flammen stehen zu sehen.

»Mach es nicht so spannend«, sagte Delroy, der Einstzleiter. Seine Koteletten trieften vor Schweiß. So viel Aufregung gab es selten in einem kleinen Nevada-Städtchen.

»Zwei Tote.«

Delroy winkte den Melder herbei.

»Funk die Leitstelle an. Sie sollen noch einen Leichenwagen schicken. Der Anrufer hat einen übersehen.« Er wandte sich wieder Booster zu. »Was glaubst du? Ein Mischoxid?«

»Nein. Was immer es auch ist, es war schnell. Sie waren tot, bevor sie überhaupt gemerkt, dass sie müde wurden.«

»Die Entlüftungsrohre sind zugeklebt, und das Dach ist extra dick isoliert. Wahrscheinlich eine Drogenküche.«

»Das passt zu dem, was ich gesehen habe. Könnte wirklich übel sein. Wenn die Typen Phosphinsäure statt rotem Phosphor benutzt haben und das Zeug zu heiß geworden ist… dann ist das Haus voll mit Phosphorwasserstoff. Das brennt dir nicht nur die Lungen weg, es entzündet sich, wenn es mit Sauerstoff in Berührung kommt.«

»Verdammt. Könnte da drin noch jemand am Leben sein?«

»Keine Ahnung.«

»Du bist der mit dem Chemiestudium.«

»Ja. Vielleicht.«

»Ich lass die Jungs Streichhölzer ziehen. Mal gucken, wer den Kanarienvogel macht.«

»Ach, scheiß drauf«, sagte Booster. »Ich mach’s. Und zwar alleine. Wenn’s passieren soll, dann passiert’s eben. Da hilft auch kein zweiter Mann.«

Delroy gab ihm einen anerkennenden Klaps auf die Schulter. Sie wussten beide, dass Booster es machen würde. Der Rest der Mannschaft pfiff voller Bewunderung.

Booster plante das weitere Vorgehen mit dem zuständigen Sicherheitsbeamten.

Währenddessen verbreitete Delroy das Wort, die jeder Feuerwehrmann hasst: Gefahrgut. Vier weitere Einsatzwagen und ein Entseuchungstrupp kamen aus dem benachbarten Verwaltungsbezirk. Die Polizei erweiterte die Sicherheitszone auf einhundert Meter.

Booster überprüfte ein letztes Mal seine Ausrüstung und schloss die Manschetten an seinen Händen und Füßen, damit kein Fitzelchen Haut frei lag. Dann setzte er das Brecheisen an die Tür. Seine Maske beschlug schon wieder. Es zwackte in seiner Lunge. Seine Atmung hörte sich an wie die von Darth Vader. Er spannte seine Pobacken so fest, dass er mit ihnen Bleistifte hätte anspitzen können.

Sobald er die Tür öffnete, könnte die Bude in die Luft fliegen. Dieser erste Hauch, den das Haus einatmete… Kawoom.

Er stemmte sein Gewicht gegen das Brecheisen und die Tür sprang auf.

Eins. Zwei. Keine Explosion. So weit, so verdammt gut.

»Ich bin drin«, sagte er in das Funkgerät in seinem Helm.

»Schön sachte«, sagte Delroy.

Zuerst ging er nach oben. Wenn es Überlebende gab, dann dort, weil Phosphorwasserstoff schwerer war als Luft.

Oben war niemand. Es gab hier nicht einmal Möbel, außer ein paar Schlafsäcken und einem Campingbett – und kleinen Plastikfässern mit Warnzeichen. Er sah sie sich genauer an. Wie er bereits vermutet hatte: Phosphinsäure. Es überraschte ihn, dass sie sich erst jetzt selber ins Jenseits befördert hatten. Sie waren ziemlich schlampig mit den leeren Behältern umgegangen.

»Der erste Stock ist sauber. Keine weiteren Opfer.«

Er ging wieder nach unten ins Wohnzimmer und zwang sich, den Toten auf dem Sofa näher zu betrachten. Es war ein Mann, ein Weißer, Ende Zwanzig. Filzige Dreadlocks und eine blutende Nase. Seine Halskette war gerissen. So sehr hatte nach Luft gerungen. Auf seinen offenen Augen lag eine dünne Schicht Staub. Er musste auf einem heftigen Trip gewesen sein, denn er hatte nicht versucht, davonzulaufen.

Das galt auch für das zweite Opfer an der Heizung. Keine Hautverfärbung. Milch und Blut auf seiner Brust. Gang-Tattoos und Mädchennamen über den Schlüsselbeinen, portugiesische Wörter anstelle von Augenbrauen.

Booster schob sich durch einen Perlenvorhang in die winzige Küche. Er öffnete eine Tür am Ende des Raumes und fand Opfer Nummer Drei auf halbem Weg die Treppe hinunter zum Keller liegen.

Er hatte langes gebleichtes Haar. Es war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der ihm ins Gesicht hing. Er hatte sich bis zur Taille einen weißen Schutzanzug angezogen. Weiter war er nicht gekommen, denn das Ding hatte sich um seine Füße gewickelt. Es hätte ihm sowieso nicht geholfen, denn der Stoff war voller Brandlöcher.

Es war also eine Drogenküche. Sogar eine ziemlich große. Sie hatten zwei Reihen aus Tischen aufgebaut. Sie standen voll mit Geräten. Plastikschläuche und Glasrohre verliefen zwischen großen Milchflaschen. Die Flüssigkeit darin hatte sich in zwei Schichten geteilt. Ein Campingkocher stand unter einem rußschwarzen Farbeimer. Zum Glück war die Flamme erloschen, bevor der Phosphorwasserstoff weiter verdichtete. Sonst wäre das ganze Gebäude in die Luft geflogen.

Booster stieß mit dem Schienbein gegen etwas, als die Treppe wieder hinaufging. Sieh nicht hin, dachte er. Geh weiter. Mach, dass du rauskommst.

Aber er sah hin. Er beugte sich hinunter und sah hin.

»Heilige Scheiße«, sagte er.

Delroy piepste ihm ins Ohr: »Was ist passiert? Ist alles klar bei dir? Antworte!«

»Es ist… es ist nichts. Bin nur ausgerutscht.«

Es war alles andere als nichts. Es war eine Sporttasche voller Geld. Fette Bündel, die von Haargummis zusammengehalten wurden und in Damenstrumpfhosen steckten. Es war zu viel, um es auf die Schnelle zu zählen.

»Boost. Wir werden nervös hier oben. Was ist los?«

»Es gibt ein drittes Opfer. Im Keller.«

Er wusste nicht, warum er es tat. Er verdiente nicht schlecht, Cassie, seine Frau, sogar noch besser. Außerdem war ihr Vater stinkreich und sie war Daddys Liebling und stand ganz oben in seinem Testament. Die Hypotheken waren alle bezahlt. Er hatte keine Kinder, um die er sich kümmern musste. Er würde nie welche haben. Seine Kreditkarten und Konten lagen alle im grünen Bereich, das Studentendarlehen zurückgezahlt. Er hatte keine…

Er zog den Reißverschluss der Tasche zu, wickelte sie in Mülltüten ein und stopfte sie in den Wassertank der Heizung. Er ging zurück in die Küche und weiter ins Wohnzimmer, als plötzlich…

…Klatsch…

Es klang wie ein Fisch, der auf ein Bootsdeck aufschlug.

Opfer Nummer Zwei. Der Gangbanger. Er zappelte mit dem Oberkörper und versuchte sich aufzurichten. Dann klatschte er wieder auf den Boden. Er würgte und spuckte Blut. Seine Hand umklammerte seine Kehle und seine Augen rollten voller Furcht. Booster beugte sich zu ihm hinunter, um ihm aufzuhelfen und nach draußen zum Krankenwagen zu schaffen.

Er dachte nicht großartig darüber nach. Er tat es einfach. Erst später wurde ihm klar, was er getan hatte. Er nahm das Kissen, das unter den kunterbunten Socken vom Toten auf der Couch steckte und presste es dem Gangbanger aufs Gesicht. Er drückte sein Knie auf die Brust des Typen. Viel Kraft brauchte er nicht, nur genug, bis er die Nase deutlich unter dem Stoff des Kissens spürte. Der Typ wehrte sich kaum. Er war sowieso schon so gut wie tot.
Er schaute für anderthalb Minuten auf seine Uhr. Dann steckte er das Kissen zurück unter die Füße des ersten Toten. Er verließ das Haus, ging zum Dekon-Wagen und ließ die Jungs vom ABC ihren Job machen.

***

Als er zuhause ankam, stand sein Abendessen bereits in der Mikrowelle – ein riesiges Stück von Cassies selbstgemachter Lasagne. Oben drauf lag ein frischer Zweig Rosmarin, als Zeichen, dass sie ihm nicht böse war. So etwas gab es nicht oft: die Frau eines Feuerwehrmannes, die »Ich verstehe, dass wir uns nicht häufig sehen werden« sagte und es zehn Jahre später immer noch so meinte.

Er warf die Pasta auf zwei dicke Scheiben Weißbrot. Er würde die Kohlenhydrate brauchen, um schlafen zu können. Er zog einen Hocker an den Küchentresen und aß.

Arme wickelte sich um seinen Hals.

Ihm lief es kalt den Rücken runter, seine Haare stellten sich auf, in seiner Kehle brannte es.

Hände wanderten hinunter zu seiner Brust und zwickten ihn. Es war Cassie. Er aß weiter, während sie sich zu ihm setzte und ihm von ihrem Tag erzählte: die Blumenschau, die sie besucht hatte; dieser fantastische Steingarten, den sie gesehen hatte; was sie in den nächsten Wochen zu tun hatte – zwei Beratungsgespräche in der nächsten Woche, zwei weitere in der übernächsten. Als sie anfing selbständig zu arbeiten, waren es kaum zwei in einem Vierteljahr gewesen.

»Weiß du noch, dass wir nicht wussten, wie’s werden würde, als ich bei Teller’s kündigte? Und nun bin ich, Cassiopeia Brewster, das kleine Mädchen aus Caliente, in der Lage, Aufträge abzulehnen. Bezahlte Aufträge! Ist das nicht unglaublich? Baby, vielleicht können wir uns doch noch einen Pool leisten… mit Springbrunnen!«

Ihr Mund bewegte sich unentwegt. Er wusste, er hätte ihr zuhören, hätte ihr antworten sollen. Aber er war nicht einmal in der Lage, ein Aha oder auch nur ein einziges Klar doch! von sich zu geben. Er spürte noch immer diese Nase, die sich in seine Handfläche bohrte.

»Sobald Mr. Shellacky sich meldet, kaufen wir uns den Lexus, auf den ich so scharf bin. Jeden Tag schaue ich nach, ob er noch bei Egan’s steht. Ich weiß, ich sollte das nicht machen. Irgendwer wird ihn bis dahin längst gekauft haben, aber trotzdem… und Shellacky ist ein Hauptgewinn. Der Mann hat Kois. Die sind nicht billig. Wenn er anbeißt, sind das sechzigtausend Dollar plus Material. Ich müsste ein paar Hilfen anstellen, aber trotzdem… Arbeit für drei Monate! Wir sollten verreisen. Vielleicht nach Südamerika. Wenn dort Karneval ist! Mardis Gras. Ein bisschen südländische Würze…«

Er schlug mit der flachen Hand auf den Küchentresen.

Cassies schloss den Mund. Sie schob ihren Hocker sorgfältig unter den Tresen und ging ins Bett. Er aß noch zwei, drei Bissen Lasagne. Die Tür zum Schlafzimmer knallte. Die Bettfedern knirschten. Er warf die Schüssel an die Wand. Rote Soße verteilte sich im ganzen Raum. Er brauchte eine halbe Stunde, um alles aufzuwischen. Danach ging er auch ins Bett. Die Kohlenhydrate halfen ihm nicht einzuschlafen. Sie bereiteten ihm nur Bauchschmerzen.

Zwei Wochen später reichte der Brandinspektor seinen Bericht ein; der Gerichtsmediziner gab die Leichen für die Familien der drei Mistkerle ein; und sogar die Jungs vom Drogendezernat schlossen ihre Untersuchungen ab. Nicht einer von ihnen hatte etwas von irgendwelchen Geld in ihren Berichten geschrieben. Warum auch?

Er nahm sich einen Tag frei, zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren, als sein seine Diagnose bekommen hatte. Delroy fragte nicht einmal nach dem Grund. Er nickte nur und sagte: »Nimm dir so lange, wie du brauchst.«

Er parkte zwei Blocks entfernt von dem Haus und ging zu Fuß. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, die Tür auszutauschen. Sie ließ sich mit einem sanften Schubs öffnen. Zerrissene Stücke vom Absperrband lagen verstreut auf dem Boden, die Oberflächen waren übersät mit dem Pulver für Fingerabdrücke. Er musste sich zwingen einzuatmen, denn wenn er es tat, da war er sich sicher, würde er Blut spucken.

Ein großer, fetter Mann in blauen Overalls stand im Wohnzimmer, genau dort, wo der Latino gestorben war. Weiße Haarbüschel wucherten auf beiden Seiten seines Kopfes, oben zierten blaue Venen zierten seinen kahlen Schädel.

Er führte einen schwarzen Kasten an der Wand entlang. Er piepste über einem Stück Gipsputz, eine rote LED-Leuchte blinkte. Der Mann markierte die Stelle mit einem Stift, setzte sich einen Gehörschutz auf die Ohren und legte eine Bohrmaschine an die Markierung an. Er drückte den Auslöser und die Maschine kreischte los. Er bohrte ein Loch bis tief in die Ständerwand. Der Krach war so laut, dass Booster sich die Ohren zuhielt und schrie.

Der fette Kerl nahm seinen Finger von der Bohrmaschine und wartete, bis sie aufhörte zu rotieren. Dann drehte er sich um.

»Wer sind denn Sie?« Er sprach, als ob seine Kiefer miteinander verdrahtet wären.

»Jack Brewster. Ich bin von der Feuerwehr.«

»Vince Marshall. Elektroinstallateur.« Er steckte ein langes Werkzeug mit Haken dran in das Loch in der Wand und fischte eine Röhre mit weißem Plastik und Kabeln heraus. »Mir wurde gesagt, dass ihr hier fertig seid. Dauert nur noch einen Moment.« Er öffnete seinen Werkzeugkoffer und verstaute das Ding in ein Fach mit einem halben Dutzend identischer Stücke mit weißem Plastik und Kabeln. »Hab’s gleich geschafft.«

Er nahm seinen Koffer und ging nach draußen. Als er in seinem Van saß, legte er die Seite einer Zeitung auf seinen Schoß und nahm ein halb gegessenes Riesensandwich von der Ablage.

Booster ging in die Küche und öffnete die Tür zum Keller. Dort unten roch es immer noch nach Fisch. Auf den unteren drei Stufen klebten dunkle Flecken. Einer davon zeigte einen Handabdruck in seiner Mitte. Booster krempelte seinen Ärmel auf und tauchte seinen Arm bis zum Boden des Wassertanks. Er berührte Metall.

Sie war weg…

…suchte mit den Händen und…

…sie war weg…

…spürte Plastik unter seinen Fingernägel knistern. Er zog die Tasche aus dem Tank und öffnete sie. Sie hatte ein paar feuchte Stelle davongetragen, aber nichts Gravierendes. Er hievte sie über seine Schulter und ging nach oben. Sie war schwerer als in seiner Erinnerung.

In der Mitte der Treppe bemerkte er ein weiteres Loch in der Betonwand, zwei in der Küche und noch eines im Wohnzimmer. Vinces Van stand nicht mehr draußen. Seine Bohrmaschine hing noch immer an der Steckdose.

Er versuchte, nicht zu rennen, als er zu seinem Wagen zurückging. Er schaffte nicht einmal hundert Meter, dann rannte er wie der Teufel.

Viertausend und sechzehn frische grüne Scheinchen.

War es das wert gewesen?

Er verteilte sie auf dem Boden seiner Waschküche und suchte nach einem Schein, der kein Hunderter war. Er brauchte zwei Stunden. Und fand keinen einzigen. Er war derart durch den Wind, dass er einen Taschenrechner brauchte, um die Summe auszurechnen. Das machte es nur noch schlimmer. Noch wirklicher. Er tippte die Zahlen zehnmal ein, bevor er es glauben konnte.

Vierhunderteinstausendsechshundert Dollar.

Das war’s wert gewesen.

Er hinterließ keine Nachricht. Er hatte nicht einmal vorgehabt zu gehen. Er war auf dem Weg zur Tankstelle, um den Wagen fürs Wochenende zu betanken und vielleicht noch einen Sixpack Heineken mitzunehmen. Und plötzlich war es fünf Stunden später und er auf dem Weg nach Reno über die US 395.

Er blieb am äußeren Rand der Stadt, weit weg von den Touristenfallen und den professionellen Spielern – von jedem, der ihn als Auswärtigen erkennen konnte. Er parkte vor einem heruntergekommenen Kasino. Er hatte schon vom Grand Sierra gehört, dem Atlantis, Harrah’s, dem Peppermill und all den anderen. Aber dieses… nun, es gehörte nicht in diese Reihe. Das Zephyr ein Ort, den solche Menschen aufsuchten, die vor den echten Kasinos abgewiesen worden waren, oder die an den letzten Tagen ihrer tödlichen Krankheit nicht Dringenderes zu tun hatten. Auf dem Parkplatz stand ein Mädchen, das die ankommenden Autos auf ihre Plätze wies, auch wenn dort bisher nur vier Autos standen.

Er nahm seine Tasche aus dem Kofferraum und trat sie quer über den Boden, als ob darin nichts weiter als dreckige Wäsche war und bis sie richtig schön zerkratzt und voller Dreck war. Er hob sie auf und machte sich auf den Weg zum Kassenschalter.

Zwei der drei Bars in dem Kasino waren verschlossen und verriegelt. Die meisten der Spieltische waren mit weinroten Plastikdecken bedeckt. Ein Meer aus grauen Haaren und sonnenbrandroten Halbglatzen machte sich an den Spielautomaten zu schaffen.

Eine Wand aus goldgefärbten Münzschließfächern stand bei den Fahrstühlen, damit die Gäste ihre Taschen bunkern konnten. Er warf ein paar Münzen in eines der Fächer und schob die Tasche hinein. Er nahm sich sechszehnhundert Dollar und ließ den Rest dort.

Er fuhr zu einem echten Kasino, eines, dessen Name Cassie erkennen würde, um sich ein Zimmer zu nehmen. Auf dem Weg dorthin riss er den Anhänger von dem Schließfachschlüssel ab und warf ihn aus dem Fenster, nur für den Fall, dass irgendwelche Punks ihn überfallen würden.

Sein Plan war gewesen, mit den sechszehnhundert Scheinchen drei Tage lang zu spielen. Er verlor sie innerhalb einer dreiviertel Stunde. Roulette, Blackjack und Poker kosteten ihn den größten Teil davon, der Rest davon wanderte in die Spielautomaten. Es fühlte sich fast schon surreal an, das Geld zu verpulvern und glücklich dabei zu sein. Es hätte ihm nichts ausgemacht zu gewinnen, aber das war nicht entscheidend für seinen Plan. Alles, was er wollte, war der Kassenbeleg, den er mit den Spielchips bekam. Auf denen stand der Name des Kasinos geschrieben.

Er würde mit dem Beleg und der Tasche wieder nach Hause fahren. Er konnte es sich schon vorstellen:

»Keine Ahnung, was in mich gefahren ist. War nur so ein Gefühl. Hab alles auf deinen Geburtstag gesetzt. Hab mir vorgenommen aufzuhören, sobald ich nicht mehr gewinne. Wie du siehst, Baby… ich hab nicht aufgehört zu gewinnen.«

Er würde die Tasche auf den Tisch stellen und sie würden zusammen das Geld zählen. Sie würden es darauf miteinander treiben und dann zum Händler fahren, wo der weiße Lexus stand… und wenn sie nicht zu müde waren, würden sie es darin nochmal miteinander treiben. Wenn er die Geschichte nur schnell genug erzählte, würde sie ihm keine Fragen stellen.

Nun musste er nur noch eine Weile abhängen, lange genug, damit sie ihm die Sache abkaufte. Drei Tage sollten reichen. Drei Tage und ein Anruf. Er würde ihr von den Leichen erzählen, wie sie mehr als üblich zugesetzt hatten, und dass er nur ein bisschen Zeit für sich brauchte.

Er ging hinauf auf sein Zimmer und schloss die Tür hinter sich zu. Dann lehnte er seinen Kopf gegen die Tür und seufzte. Hände legten sich um seinen Hals.

Er waren nicht Cassies.

Sie schleuderten ihn so hart gegen die Wand, dass das Bild vom Haken fiel. Dann stopften sie ihm eine Socke in die Mund. Er würgte und versuchte, die Arme zu greifen. Irgendetwas bohrte sich in seinen Rücken. Er musste es nicht sehen, um zu wissen, was es war. Er nahm die Hände hoch und sie führten ihn zu seinem Bett.

Zwei Männer saßen in den Sesseln am Fenster. Der eine war so um die sechzig und trug eine riesige, nach vorne geneigte Brille. Das Sonnenlicht spiegelte sich darin und legte sich wie ein Schleier über sein Gesicht. Er sah aus wie ein netter Opa. An den Fingern trug er viele Silberringe, die klimperten, als er die Hände über seinen gekreuzten Beinen faltete. Er nickte auf den einzigen leeren Stuhl. Der große Typ drückte Booster hinein.

»Mein Name ist Elvis«, sagte er.

»Hören Sie, ich hab mein ganzes Geld unten verloren. Vielleicht hab ich noch einen Fünfziger in meiner Jeans…«, sagte Booster. Der große Typ zog an der Socke.

»Zeig’s ihm, Ry«, sagte Elvis zu dem Mann neben ihm.

Ry war um einiges jünger und trug ein Hipster-Bärtchen und Hosenträger über einen Breton-Sweater, sowie eine Wollmütze, die aussah wie die Spitze eines Präsers. Er öffnete die Herschel-Tasche zwischen seinen Beinen und holte ein Laptop heraus. Seine Arme waren ziemlich muskulös.

Er stellte den Laptop auf seine Knie und drehte es herum. Ein Video spielte darauf. Es war in Farbe, ganz oben an der Wand in der Foxglove Avenue. Es zeigte zwei tote Typen.

Booster blickte auf. Vince, der Elektroinstallateur, lächelte zu ihm hinunter. Er griff Boosters Kopf und drehte ihn zurück zum Video, damit er sich selber dabei zusehen konnte, wie er den einen Typen umbrachte.

Sie zeigten es ihm noch einmal.

Und sie zeigten es ihm noch einmal.

Während des dritten Durchlaufs verlor er die Fassung. Rotz lief ihm aus der Nase und über die Lippen.

»Er war gerade achtzehn. Wusstest du das?« Elvis wartete nicht auf eine Antwort. »Wo ist mein Geld?«

»Als ich wieder dort war, war es weg.«

Vince drückte Booster noch fester in den Stuhl. Elvis schob Boosters Beine auseinander und öffnete ein Klappmesser. Er hielt die Spitze des Messers an Boosters Sack und lehnte sich vor. Sein Atem roch wie neues Leder. »Wo ist mein Geld?

»Vielleicht haben’s die Jungs vom Drogendezernat gefunden.«

Elvis fuhr die Messerspitze noch ein Stückchen vor. »Letzte Chance. Wo ist mein Geld.«

»Leck mich, Arschloch.« Sogar Booster war überrascht, als er es sagte.

Elvis sah ihm in die Augen. Booster blinzelte nicht. Hätte er es getan, da war er sich sicher, dann wäre er jetzt tot.

»Wir können ihn nicht hier erledigen.« Ry zog an Elvis wie ein kleiner Junge, der die Aufmerksamkeit seines Vaters sucht.

»Holt den Wagen.« Elvis klappte das Messer zu.

Sie nahmen den Fahrstuhl und führten ihn durch die Lobby, als wollten sie sich eine Show angucken. Sie ließen ihn vorneweg marschieren, bis sie zu einem verlassenen Parkplatz kamen, wo sie ihn in den Kofferraum eine schwarzen Lincoln Continental schoben.

Sie nahmen sein Handy, seine Schlüssel und seine Brieftasche. Seine Hände fesselten sie nicht, aber es gab nichts in dem Kofferraum, womit er sich hätte verteidigen können, kein Wagenheber, kein Radschlüssel, nichts. Er versuchte sich zu merken, wie sie fuhren. Zweimal links, einmal rechts, 10 Minuten geradeaus. Sein Verstand und sein Herz rasten und er kam bald nicht mehr mit. Es war verdammt heiß dort drinnen.

Sie fuhren zwei Stunden lang über holprige Straßen. Seine Muskeln verkrampften und sein Schädel brummte. Er würde ihnen alles erzählen. Das war die einzige Chance, die er hatte.

Der Wagen stoppte ruckartig. Schritte bewegten sich in seine Richtung. Sie öffneten den Kofferraum und er musste sich zwingen, seine Augen zu öffnen. Die Silhouetten der drei Männer zeichneten sich vom immer noch hellen Himmel ab. Sie zogen ihn heraus und stellten ihn auf die Füße. Einer trat ihm so fest in den Hintern, dass er in die vertrockneten Reste eines Kreosotbusches stolperte.

Sie waren draußen in der Wüste, umgeben von dunklen Bergen und Wänden aus Staub, die der heulende Wind aufwirbelte. Der Boden war weich. Ihre Fußabdrücke überschnitten sich mit den Fährten von Wildtieren.

»Buddeln.« Elvis warf ihm eine gezackte Armeeschaufel vor die Füße. Vince zielte mit einer AK47 auf ihn. Sie hatte ein Zebramuster und sah aus wie die Lieblingswaffe eines afrikanischen Warlords. Ry trug zwei Revolver mit Perlmuttgriffen im Bund seiner Shorts.

»Ich erzähl ich alles, was ihr wissen wollt.« Booster hob die Schaufel auf.

»Dafür ist es zu spät. Wir werden es auf die altmodische Art finden. Und jetzt fang an zu buddeln.«

»Wo?«

»Nach unten.«

Booster suchte sich eine Stelle bei den Felsen aus und schwang die Schaufel. Er schwitzte. Sein Rücken schmerzte. Der Wind peitschte den losen Sand in breiten Fächern in seine Augen. Sein Plan war, die Schaufel auf denjenigen zu schmeißen, der nah genug kam, dann seine Waffe zu greifen und zum Wagen zu rennen. Aber keiner rührte sich. Elvis stand rauchend neben dem Lincoln und telefonierte. Ry saß auf einem Felsen und malte mit einem Stock Muster in den Sand. Vinces Arm war müde. Die AK47 hing über seiner Schulter. Er bemerkte, dass Booster ihn anblickte und deutete ihm, dass er weiterbuddeln sollte.

Das Loch war groß genug, um hineinzutreten. Sie würden ihn nicht töten. Niemals. Sie wollten nur ordentlich Angst einjagen und ihn dann nach einmal nach dem Geld fragen. Er würde es ihnen erzählen, wenn sie ihn nur ließen. Würde sie direkt hinfahren, wenn sie es nur wollten. Sie hatten ihren Spaß gehabt. Es wäre bald vorbei. Ganz sicher. Jede Minute.

Aber er grub und grub, bis die Sonne unterging und er bis zu den Oberschenkeln in dem Loch stand. Sein Mund war trocken wie Reisig und seine Hand mit Blasen bedeckt.

»Aufhören.« Vince trat an das Loch, knapp außerhalb von Boosters Reichweite.

»Nein, nein, nein…« Booster grub immer weiter. Die Schaufel kratzte an Gestein und sprühte Funken.

»Wenn der Boss sagt, dass es reicht, dann reicht es.« Er trat Steine mit der Kante seiner Stiefel in das Loch und traf Booster am Hinterkopf.

Der grub immer weiter, immer wilder, noch eine Schaufel voll, und noch eine. Er bearbeitete die roten Felsen am Rande des Lochs, bis kleine Brocken davon einen Spalt im Felsen hinunter purzelten.

»Nun mach endlich!«, schrie Ry.

»Willst du’s machen, Pisser?«, rief Vince über seine Schulter. Die kleinen Steinbrocken klapperten noch immer in dem Felsen wie ein Tamburin aus Knochen. Booster kapierte schneller als Vince, was es war. Er griff in den Spalt. Seine Hand schloss sich um etwas Sehniges, Kräftiges. Er schleuderte es herum, bevor er darüber nachdenken konnte, was er tat.

Die Klapperschlange traf Vince an der Brust. Er kreischte und sprang umher. Er verlor das Gleichgewicht und fiel in das Loch. Ry zog einen seiner Revolver und schoss. Die Kugel zischte über Boosters Kopf.

Booster schnappte sich die Schaufel und stieß sie Vince in die Zähne. Er würgte, als die Schaufel seine Mund traf. Er packte Boosters Bein. Eine zweite Kugel flog vorbei und bohrte sich in den Boden.

Booster hob einen Fuß an und trat auf die Schaufel. Sie schnitt durch Vinces Kiefer bis in den Sand unter ihm. Schwarzes Blut schoss Vince in die Nase und die Augen.

Booster trat noch einmal zu mit Gebrüll. Dann hob er die AK auf. Ry kam auf ihn zugerannt, als er aufsprang. Rys Augen wurden groß, als er die Waffe sah. Er stürzte bei dem Versuch, sich wegzudrehen, als Booster abdrückte. Der Rückstoß traf ihn so hart, dass er hinten über fiel und die Kugeln über das Auto verteilte. Der Alarm ging los.

Rys Schritte knisterten auf dem Boden. Booster rappelte sich auf. Er drückte die Waffe eng an seinen Körper und feuerte eine Salve. Rys Wade explodierte wie ein blutroter Ballon, und er stürzte schreiend in die Büsche.

Booster ging ihm nach und schoss ihm in den Rücken. Einer der Hosenträger schnappte auf und schnipste ihm hart gegen den Hintern. Booster rollte ihn mit seinem Fuß herum – Rys Augen hingen auf Halbmast und seine Zunge hing ihm hinunter bis ans Kinn.

Die Kugel traf Booster, bevor er den Schuss hörte. Sie traf ihn in den Bauch und flog aus seinem Rücken wieder raus. Er spürte eine heiße, nasse Beule, die sich unter seinem T-Shirt bildete. Er fiel auf die Knie. Die nächste Kugel traf ihn in die Rippen. Sie brannte in ihm. Sein Herzschlag setzte aus. Zweimal. Dreimal.

Und noch einen. Der nächste Treffer schlug ihm durch die Schulter. Er heulte auf und wirbelte herum. Elvis lehnte über die Motorhaube des Lincoln. In seinen Händen hielt er eine mattgraue Automatik.

Booster drückte den Abzug, bis die Waffe nur noch klackte. Das Auto verschwand unter einer Wolke aus schwarzem Staub und Lacksplittern. Er robbte bis zu Rys Leiche und riss ihm den Revolver aus der Hand.

Er schleppte sich um den Kofferraum des Wagens und fand Elvis im Staub liegen. Seine Beine waren nichts mehr als ein Flickwerk aus Blut und Knochensplitter. Er klammerte sich an die Brieftasche in seiner Hand. Daran steckte der goldfarbene Stern der Drogenbehörde.

»Nicht«, sagte er. »Ich kann dir…«

Booster streckte den Revolver hoch an seinen Kopf und drückte ab. Elvis Stirn klappte in sich zusammen. Booster durchsuchte ihn nach den Autoschlüsseln und stieg ein. Sein Zeug war in der Tasche unten im Fußraum. Er fand sein Handy und rief Cassie an.

Ihre Mailbox sprang an.

»Ich liebe dich, Cassie. Ich möchte, dass du das weißt. Ich liebe dich so sehr. Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir bleibt. Ich habe etwas gemacht, und ich kann nicht behaupten, dass ich es für uns gemacht habe. Ich habe es gemacht und nun sterbe ich. Ich versuche irgendwo hinzukommen, wo sie meine Leiche finden werden. Unter meinen Sachen ist ein Schlüssel, denn du nicht kennen wirst. Sag nichts. Er gehört zu einem Schließfach im Zephyr in Reno. Vier-null-drei. Dort findest du ein Geschenk für dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich.«

Er war sich nicht sicher, wie viel davon auf der Mailbox landete, bevor sie ein Piep ihm das Wort abschnitt. Er war sich nicht sicher, ob der Wagen starten würde mit all den Einschusslöchern in der Motorhaube. Er wusste nicht, wohin der Weg führte, denn der Wind hatte alle Spuren fortgefegt.

Er drehte den Zündschlüssel herum.

Matthew Hockey

Matthey verbrachte die letzten zwei Jahre damit, Englisch in Südkorea zu unterrichten. Zurzeit durchstreift er die Dschungel Asiens und ist nur auf Facebook zu finden. Seine Kurzgeschichten erschienen unter anderem im Thuglit und im All Due Respect.