Adam Cesare

So schlecht

»Diese auch noch«, sage ich und lege eine weitere Kassette auf den Stapel. Der Typ auf dem Cover sieht aus wie Charles Bronson. Tatsächlich ist es eine Illustration, die Charles Bronson ähnelt. Aber gut getroffen ist er nicht. Und sein Name steht auch nicht auf der Hülle. Der Vertrieb hat aber sein Bestes getan: Das Wort »Death« steht ganz vorne im Titel.

Wahrscheinlich trägt die Hauptfigur in dem Streifen nicht einmal einen Schnauzbart. Wahrscheinlich habe ich den Film bereits unter einem anderen Titel gesehen. Vielleicht ist es irgendein Schrott, der aus Steuergründen in Kanada produziert wurde. Oder einer dieser schwer zu ertragenden und selbstverliebten Schinken, die ein paar Typen an ihren Wochenenden auf Video gebannt haben.

Ich hoffe auf einen Volltreffer. Ich werde es erfahren, wenn ich die Kassette heute Abend einwerfe.

Eddie zählt die Kassetten, als ob er es zum ersten Mal macht. Ich kann das Alter von Menschen jenseits der Vierzig schlecht einschätzen, aber jede Wette, dass Eddie mindestens fünfundsechzig ist. Er hat einen Stand auf dem Flohmarkt von Berlin, gleich hinter der Brücke in Jersey, vierzig Autominuten von Philadelphia bei wenig Verkehr, eine verdammte Million bei viel Verkehr.

Bis jetzt war es ein relativ ruhiger Sonntag. Ich habe einen Karton mit ungefähr zwanzig Kassetten. Einige davon sind Duplikate von Filmen, die ich schon habe, aber ihre Hülle ist hübscher. Ich werde mir die Qualität der Kassetten angucken, wenn ich wieder zu Hause bin, und die weniger guten auf Ebay anbieten.

Ich sammle hauptsächlich VHS-Kassetten aus den Bereichen Horror, Action und Science Fiction. Aber auch religiöse Sachen und Fitness-Tapes, wenn der Promi vorne auf dem Cover exzentrisch genug ist.

Es gibt eine erschreckende Statistik, nach der fast achtzig Prozent aller VHS-Aufnahmen nie den Sprung auf eine DVD schaffen und für immer verloren gehen — eine Verlustrate, so schlimm wie beim Zelluloidfilm. Das ist es, was Leute wie mich um den Schlaf bringt.

»Macht zweiundvierzig«, sagt Eddie. Ich bin sein bester Kunde, aber ich bezweifle, dass Eddie eine besondere Zuneigung für mich empfindet. Ich fahre alle zwei Wochen raus nach Berlin, manchmal häufiger, wenn ich sonst nichts zu tun habe. Aber es freut ihn nie, mich zu sehen.

Was an meinem Alter (26) liegen könnte, und daran, dass ich mehr Lebenszeit übrig habe als er. Vielleicht sind es meine Tätowierungen. Mein linker Arm ist ganz den Filmen von Joe Dante gewidmet: Gizmo und seine Freunde, einer der Aliens aus Explorers, eine langfingrige Klaue aus Das Tier. Dazu kommen ganz unterschiedliche Motive auf meinem rechten Arm.

Eddie hat, soweit ich es gesehen habe, nur ein einziges Tattoo: einen verblassten, kahlköpfigen Adler auf seinem rechten Bizeps. Wahrscheinlich war er mal beim Militär. Ich habe ihn nie danach gefragt.

»Nicht vierzig? Ganz sicher?«, frage ich im Scherz. Pro Kassette verlangt er zwei Scheine. Ich habe einundzwanzig Stück.

Trotz der hunderten von Dollars, die ich bei unseren Transaktionen gelassen habe, gab’s von Eddie nicht ein einziges Mal Rabatt oder auch nur ein »Schönen Tag noch!«, geschweige denn ein Lächeln.

Eddie nimmt meinen Scherz mit zusammengekniffenen Augen zur Kenntnis. Darüber lachen mag er nicht.

Ich zähle ihm zwei Zwanziger und zwei Eindollarscheine vor und verstaue meine Einkäufe in dem Karton, die ich eigens mitgebracht habe.

Als ich den Karton in meinem Wagen verstaue, werfe ich noch einen Blick auf die Kassetten, bevor ich den Kofferraumdeckel zuschlage. Die Ausbeute haut mich nicht um, schlecht ist sie aber auch nicht. Zu den Highlights gehören Der Abgrund der lebenden Toten — Jess Franco miesestes Werk — in einer total zerknautschten Big Box von Wizard Video, sowie Mystor — Todesjäger II auf einer alten Verleihkassette. Zwar ohne Originalhülle, dafür mit einer coolen Klappschachtel, auf der noch die Adresse der Videothek steht: VideoScope, 137 Cooper Landing, Cherry Hill, NJ 08002.

Hm. Nie davon gehört. Der Laden hat wahrscheinlich schon in den Neunzigern dicht machen müssen wegen eines Blockbusters oder eines Hollywood Videos. Von denen sind auch nicht mehr viele übrig.

Der Rest ist ziemlicher Schund, den ich entweder gleich wieder verscherble oder zum Tauschen benutze.

Gerade als ich den Kofferraumdeckel herunterdrücke, fällt mein Blick auf die eine Kassette ohne Namen.

Ich bin von Natur aus neugierig. Die verblassten Etiketten oben und vorne auf der Kassette geben keinen Hinweis auf den Inhalt. Könnte nichts weiter sein, als irgendwelche Football-Aufnahmen aus dem Fernsehen. Trotzdem hab ich sie gekauft, nur um der Gewissheit wegen.

Es ist ja nicht so, dass ich ein tollkühner Archivar wäre, der sich durch private Sammlungen in den hintersten Provinzen wühlt, um nach verloren geglaubten Kurzfilmen von Lumière oder Eisenstein zu suchen. Aber wenn ich etwas Außergewöhnliches entdecke, lade ich es auf meinen YouTube-Kanal oder stelle es dem örtlichen Kino zur Verfügung.

Die Sache ist: Ich steh auf Filme, die den Verstand korrumpieren.

Es sind nicht allein die mit Sex und Gewalt getränkten 08/15-Eurotrash-Reißer (ich würde niemals eine lesbische Vampirin von der Bettkannte stoßen), sondern die bizarren Streifen, die augenscheinlich von Menschen gedreht wurden, die noch nie im Leben einen Film gesehen haben, geschweige denn wissen, wie man einen macht.

Und ja, wenn irgendwer fragt »Wie The Room?« Genau solche Filme wie The Room — bevor jeder Depp ihn kannte.

Der Grund, warum ich solche Filme so liebe, ist nicht, dass sie so schlecht sind, dass sie schon wieder Spaß machen oder irgend so eine Scheiße. Nein, der Grund ist, dass solche Streifen, wenn sie gut sind, das perfekte alchemistische Gebräu aus verfehltem Autorenfilm und Merkwürdigkeiten aus dem Bereich des Autismus bilden.

Es ist ja nicht so, dass ich keinen guten Geschmack hätte — immerhin habe ich einen Abschluss in Filmwissenschaft. Aber diese Filme sind wahre Art brut, die Demokratisierung des Kinos, lange bevor das iPhone aus jedem Hans und Franz einen neuen Michael Ballhaus machte.

Ich schließe den Kofferraum und muss ihn ein zweites Mal herunterdrücken, bevor die Riegel einklinken. Dann springe ich hinters Lenkrad und beginne meine Fahrt zurück nach Fishtown und hoffe auf das Beste, was den Verkehr auf der Ben-Franklin-Brücke angeht.

Während der Fahrt vertreibe ich mir die Zeit mit Gedanken an all die Dinge, die wohlmöglich auf der geheimnisvollen Kassette zu sehen sind.

Es könnte wirklich alles Mögliche sein, und das bereitet mir Nasenbluten. Deshalb konzentriere ich mich auf etwas anderes.

Ich denke über Eddie nach, und wie er an all diese Kassetten kommt. Es sind so viele, dass er seinen Stand zwischen meinen Besuchen locker wieder aufstocken kann. Ich habe ihn einmal danach gefragt, und er knurrte etwas von seiner »Garage voll mit diesem Dreck«, ohne Details über ihre Herkunft zu verraten.

Einmal habe ich den Fehler gemacht und ihn gefragt, ob ich vorbeikommen und sie mir anschauen dürfte. »Warum?«, fragte er. «Damit du mich ausrauben kannst, wenn ich nicht zuhause bin?” Der Mann hat einfach kein Vertrauen.

Und so komme ich nur kleckerweise an seine Sachen. Wenn ich die Kassetten, die ich haben will, mit denen aufrechne, die mich nicht interessieren, dann muss er tausende besitzen. Dann denke ich daran, dass seine Garage wahrscheinlich nicht klimatisiert ist und das Dach vielleicht ein Leck hat. Und schon dreht sich mir der Magen um.

Da mich irgendwie alles aufzuregen scheint und sich auf der Brücke vor mir ein Meer aus Bremslichtern erstreckt, drehe ich den CD-Player auf und lasse mich von dem Dröhnen einer Underground-Doom-Metal-Band (was sonst?) durch den Verkehr leiten.

***

Ich habe ein kleines Apartment in einem Reihenhaus mit eigenem Eingang und Nachbarn oben und unten, aber keinen Mitbewohner. Hab keinen mehr gehabt, seit ich es mir leisten kann.

Niemanden scheint der Krach aus meinen Fernsehapparat zu stören. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Dame über mir Marihuana anpflanzt, und die Kids unter mir schmeißen so viele Partys, dass sie jedes Recht, sich zu beschweren, verwirkt haben.

Ich habe meine Ruhe. So gefällt’s mir am besten. Mein Job bringt genug für die Miete und für Essen aus der Mikrowelle. Und ich kann mir dabei Filme auf meinem Smartphone angucken.

Keine Ahnung, wann der Durchschnittsbürger das letzte Mal eine Videokassette in Händen gehalten hat. 2002? Hat sich vielleicht eines der Star-Wars-Prequel gekauft (was ihm heute sicher peinlich ist), bevor er ganz auf digitale Quellen umgestiegen ist.

Jeder, der je einen Stapel Videokassetten herumgeschleppt hat (vielleicht um ihn auf einem Flohmarkt loszuwerden), der weiß um das Gewicht von einem Karton mit einundzwanzig Kassetten.

Mich packt religiöser Eifer, als ich den Karton drei Häuserblocks von meinem Parkplatz hinauf zu meinem Apartment trage. Ich könnte die Fuhre aufteilen und zweimal laufen. Drauf geschissen. Ich will eine scharfe Nudelsuppe (Shin Bowl), und ich will wissen, was auf der Kassette ist. Und wenn es nur eine Riesenenttäuschung ist, wie z.B. ein miese Kopie von Verrückt nach Mary, dann habe ich immer noch den Film mit Nicht-Wirklich-Charles-Bronson. Oder irgendetwas anderes von meinen Einkäufen. Oder aus meiner Sammlung.

Meine Sammelwut ist irgendwann aus dem Ruder gelaufen. Ich hoffe, dass meine Miete niemals erhöht wird. Denn ich müsste sie bezahlen. Nie im Leben kann ich aus diesem Apartment ausziehen. Magnetisiertes Kino, mehrere hundert Kilo schwer, säumt die Wände um mein Couchbett. Ich klaubte Kassetten, von Eddie und aus anderen Quellen, bis die Tapete nicht mehr zu sehen war und die Bänder schließlich in Wellen zu Boden stürzten und mehr oder weniger geordnete Haufen bildeten und rechteckige Abdrücke auf dem Acryl-Belag hinterließen.

Ich öffne meine Wohnungstür und lasse den Karton augenblicklich zu Boden krachen. Er fällt so hart, dass die Kassetten fächerartig über den Teppich fliegen. Weit kommen sie nicht, denn auf dem Fußboden gibt es kaum noch freie Flächen. Eigentlich nur ein kleines Fleckchen hinter der Türschwelle, wo ich mir die Füße abtrete. Dann fangen schon die Haufen an.

Ich fluche hörbar und suche nach der namenlosen Kassette, dem Mysterium.

Jeder, da bin ich mir sicher, hat schon mal eine Videokassette fallengelassen, wobei das Plastikfenster über den Spulen zerbrochen ist, und trotzdem versucht, sie abzuspielen. Manchmal klappt’s. Manchmal hört man nur ein schreckliches Knirschen, während der Player das Band frisst.

Ich stoße einen der Kassettenstapel um (einer von dreien mit den Leidtragenden der Freiwilligen Selbstkontrolle) und finde sie, zu meiner Erleichterung unbeschädigt.

Ich steuere auf meinen Videoplayer zu und lege die Kassette ein. Dann schnappe ich mir eine der Fernbedienungen und schalte den Flachbildschirm ein. Ein netter Apparat, aber wenn ich mich besonders nostalgisch fühle und eine Kassette gucken möchte, wie es sich gehört, dann benutze meinen alten Röhrenfernseher mit dem gewölbten Bildschirm und dem eingebauten Kassettendeck.

Jup. Zwei Fernsehapparate, aber kein richtiges Bett. Ich habe selten Gäste.

Ich drücke die Play-Taste. Das Surren ertönt...

Es geht ohne Umschweife zur Sache. Auf dem Bildschirm: drei Gestalten in schwarzen Roben. Kontrastarmes Licht. Die Körnigkeit verrät mir, dass auf Film und nicht auf Video gedreht wurde. Zuerst glaube ich, dass ich die Szene schon kenne. Ich bin enttäuscht. Satanis, ein »Dokumentarfilm« über die Kirche des Satans. Ganz und gar nicht selten und sogar schon auf DVD zu kriegen.

Aber nein, das hier ist anders.

Die drei Gestalten haben jeweils ein drittes Auge, starr geöffnet, mit Modellierwachs auf die Stirn gebaut. Ein Klassiker.

Noch sind weder Vorspann und noch Titel in Sicht. Ich hole die Kassette aus dem Player um sicher zu gehen, dass ich am Anfang beginne. Jup. Unter dem linken Fenster ist nur ein dünnes, schwarzes Band zu sehen, die knappe Minute, die ich gerade geschaut habe. Kein gutes Zeichen. Es kann bedeuten, dass die Aufnahme unvollständig ist. Wer weiß, wie viel ich verpasse.

Ich hebe die Kassette hoch. Mein Magen knurrt. Es sind nur zehn Schritte bis zur Spüle und fünf weitere bis zur Mikrowelle. Die Nudeln wären im Nu fertig. Aber ich bin einfach zu fasziniert von was immer dies ist.

Die Kassette liegt wieder im Player und läuft. Sie zeigt jetzt eine andere Szene. Hab sie wohl genau auf einem Schnitt gestoppt. Eine Nahaufnahme von einer Blondine. Sie blickt direkt in die Kamera. Nur ihr Kopf ist zu sehen, ihr Hals und ihre Schultern. Nicht ihre Brust. Der Bildaufbau verrät ein wenig über die Produktion, bevor sie überhaupt ein Wort sagt.

»Bekenne dich zu ihm. Sei versichert, dass er dir das Beste geben kann”, sagt sie. Ihre Lippen hinken den Worten hinterher. Unpassende Synchro, denke ich, denn ihr Gesichtsausdruck kann nicht mit der Wucht der Stimme mithalten. Eine Meisterleistung im Tonstudio, aber nicht auf dem Filmset.

Streifen flackern auf und verdecken den Schnitt zu einer Außenaufnahme, gedreht durch die Scheibe eines Autos. Endlich etwas, an dem sich das Alter festmachen lässt. Vorbei an parkenden Autos und Häusern in der Vorstadt. Ich bin kein Autofreak, aber ich habe genug Filme gesehen — und Holzvertäfelungen — und tippe auf die Achtziger, irgendwann Anfang bis Mitte. Die Häuser sehen aus wie die in Berlin oder Cherry Hill, irgendwo in der Nähe. Dann erkenne ich ein Kennzeichen: Jersey.

Die Kamera fängt einen Teenager auf seinem Fahrrad ein. Das Auto passt sich seiner Geschwindigkeit an.

Oh, ja. Bitte. Ist das unser Protagonist? Bekomme ich einen Kinderdarsteller in angemessener Qualität zu sehen? Vielleicht gibt der Junge den James Dean und schlägt während eines dramatischen Monologs auf eine Wand ein.

Dann steigt etwas Rotes wie eine Rose aus seiner Schulter. Ein Einschuss. Ein Spezialeffekt, der verdammt gut aussieht. Dann ein zweiter Effekt für die Austrittwunde. Der Junge fliegt über den Fahrradlenker und schlittert über den Asphalt, bis er unter der Stoßstange eines geparkten Wagens liegen bleibt. Das Auto mit der Kamera fährt davon.

Bei solch einer grob fahrlässigen Gefährdung von Kindern spule ich natürlich zurück, um mir die Szene noch einmal anzusehen. Das Bild verzerrt, als der Junge wieder auf sein Fahrrad springt und das Loch in seinem Hemd sich wie von selbst stopft. Ich drücke die Play-Taste und sehe wieder die Blondine.

Nur dass die Aufnahme eine andere ist. Die Brennweite ist größer als vorher. Glaube ich. Bin mir fast sicher.

Sie ist nackt, guckt aber immer noch direkt in die Kamera. Sie hat einen fantastischen Körper mit langen Bräunungsnähten. Badeanzüge haben damals andere Bereiche als heutzutage bedeckt.

Die Frau ist hinreißend. Ich vergesse fast, dass sie jetzt eigentlich nicht auf dem Bildschirm sein dürfte. Ich habe zurückgespult, nicht vor. Ich drücke auf die Pause-Taste und gehe mit der Fernbedienung die verschiedenen Eingangskanäle durch. Erst als ich damit fertig bin, wird mir klar, dass das keinen Sinn macht und unmöglich das Problem mit der Wiedergabe beheben kann.

Was soll’s. Vielleicht ist die Kassette doch im Eimer. Oder mein Player kurz davor, den Geist aufzugeben. Was immer es ist, ich sollte mein Laptop einstöpseln und das ganze Ding digitalisieren.

Das VHS-Format ist auch deswegen so großartig, weil es seinem Wesen nach vergänglich ist. Eine neue Kassette funktioniert beim ersten Abspielen vielleicht noch makellos. Nach mehreren Runden im Player sieht das schon ganz anders aus. Doch der Verschleiß kommt nicht gleichförmig wie zum Beispiel bei Autoreifen, sondern stellenweise, so wie bei einer Lederjacke.

Das ist auch der Grund, warum Sharon Stones Leistengegend auf Leihkassetten von Basic Instict ein höheres Rauschen aufweist, als alle andere Teile des Films. Weil ich als Dreizehnjähriger die Stelle mit der Möse angehalten und zurückgespult und in Zeitlupe abgespielt habe, bis die Videoköpfe des Players das Band dünngerubbelt hatten.

Jede Kassette macht aus ihrem Zuschauer — ein wenig Aufmerksamkeit vorausgesetzt — einen Anthropologen oder Archäologen. Beides, denke ich.

»Würde er dich kennen, würde er dich lieben. Aber du bist so winzig, deshalb bist du ihm egal«, sagt die Frau. Auf dem Ton liegt ein Hauch von Rückkopplung. Mies vorgetragenes Geschwafel. Wer immer das verzapft hat, hielt sich vermutlich für kryptisch und tiefsinnig und für einen Jodorowsky aus South Jersey. Aber dann folgt ein übler Wackler mit der Kamera, der ihn eindeutig als Amateur entlarvt.

Und nun geht’s zurück zum Anfang der Kassette: die drei Gestalten mit den lausigen künstlichen Augen auf der Stirn. Zwischen diesen Aufnahmen und denen mit der nackten Frau fehlt die Szene von dem Jungen auf dem Fahrrad. Als ob die Kassette sie verschluckt hätte.

Ein ungutes Gefühl steigt in mir auf. Ich stelle mir lebhaft vor, was passieren wird, wenn ich versuche, die Kassette aus dem Player zu nehmen. Das braunschwarze Band wird sich abwickeln und vom Player gefressen werden.

Noch funktioniert die Wiedergabe. Noch ist Zeit genug, mein Laptop anzuschließen und wenigstens einen Teil zu digitalisieren und für die kommenden Generationen zu retten. Aber ich bin zu vertieft in das Gezeigte, kann meine Augen nicht davon lösen.

Die Gestalt in der Mitte hebt ihre Hände. Eine antiquierte Bohrmaschine erscheint unten am Bildrand. Drei Paar Lippen bewegen sich im Gleichklang, eine Art Singsang. Aber es ist nichts zu hören. Nur das Gedudel des Soundtracks. Synthiepop, der so schlecht ist, dass er irgendwie die Kurve bekommt und in seiner experimentellen Atonalität ins Geniale gleitet.

An der Bohrmaschine baumelt ein Kabel nach unten aus dem Bild. Der Typ, der sie hält, lässt sie aufheulen. Ich kann das Werkzeug durch den Soundtrack hören, nicht aber ihre Stimmen. Vielleicht ist die Musik ihr Singsang. Vielleicht ist dieser Scheiß tatsächlich tiefsinniger, als er ausschaut. Vielleicht ist es weniger ein Spielfilm, sondern eine Installation, ein Kunstwerk. Vielleicht sollte ich Kopfhörer benutzen.

Die Gestalt auf der linken Seite dreht der Kamera ihren Rücken zu und lässt ihren Umhang sinken. Es ist die Blondine. Ich erkenne sie an ihren Haaren und den Bräunungsnähten.

Ein Schnitt, und der Bohrer ist in Großaufnahme zu sehen. Die Kamera macht einen Sprung von mehr als hundertachtzig Grad. Da ist aber jemand nicht zur Filmschule gegangen. Welch Überraschung.

Der Bohrer drängt vorwärts. Das Gesicht der Blondine mit dem gewölbten dritten Auge erscheint auf der anderen Seite des Bildschirms.

Ich kenne diese Einstellung nur zu gut. Hab sie schon oft gesehen. Fulci hat sie bekannt gemacht. Jup. Wie geahnt, findet der Bohrer sein Ziel im dritten Auge der Blondine und reißt das Gummiteil samt Hautkleber mit einem Plop! von ihrer Stirn. Das Blut darunter sieht fürchterlich künstlich aus.

Aber dann zieht sich der Bohrer mit dem aufgespießten Gummiauge zurück und die Kamera schwenkt auf das lächelnde Gesicht der Blondine. Sie trägt roten Lippenstift und zeigt ihre weißgelben Zähne. Der Nikotinbelag stammt aus einer Zeit, als es so etwas wie Zahnweißer noch nicht gab.

Und dann geschieht das Unerwartete. Der Bohrer fräst sich in das Lächeln der Blondine. Und sie lächelt weiter, als ob sie ihr gefallen würde, dass sich der Bohrer durch ihre Schneidezähne arbeitet und eine Wolke aus Blut und Zahnsplittern aufwirbelt.

Es ist so echt, dass ich wegschauen muss. Ich übergebe mich in eine gebrauchte Nudelsuppentasse. In diesem Augenblick bin ich froh, dass ich nie aufräume. Sonst hätte ich meine Couch und meine Kassetten vollgekotzt.

Dann ist es vorbei und es geht zurück zur Blondine — mit all ihren Zähnen — in Nahaufnahme. Sie blickt direkt in die Kamera und wiederholt, was sie vorhin schon sagte. Oder zumindest etwas ganz Ähnliches, sodass ich den Unterschied nicht erkenne.

Bevor mir bewusst wird, dass der Player das Band zerstören könnte, drücke ich die Rückspultaste, um die Sequenz mit dem Bohrer noch einmal anzuschauen. Vielleicht erkenne ich einen Schnitt, an dem ihr Gesicht gegen eine Attrappe eingetauscht wurde.

Die Sequenz ist nicht mehr da. Stattdessen folgt eine neue Szene. Dabei habe ich zurückgespult. Ganz bestimmt.

***

So mache ich weiter — Abscheulichkeiten zurückspulen und sie offensichtlich von der Kassette löschen, denn sie tauchen nie wieder auf — bis ich einschlafe.

Als ich erwache, fällt kein Licht mehr durch die Vorhänge.

Das kann nicht stimmen, denke ich. Selbst wenn die Kassette im Long-Play-Modus aufgezeichnet ist, würde der Platz nur für vier Stunden reichen. Aber ich schaue schon viel länger.

Sie kann unmöglich immer noch laufen.

Aber ich weiß jetzt, dass »möglich« und »tatsächlich« zwei ganz unterschiedliche Begriffe sind. Das wurde mir heute ganz deutlich gezeigt.

***

Es sind nicht die Gewaltszenen. Sie sind zu nahe an der Realität. Ich hasse das. Es sind auch nicht die markigen Dialoge. Sie sind mir zu bedeutungsschwanger und zu viel des Guten. Aber aus einem unerfindlichen Grund bin ich immer noch nicht aufgestanden, um etwas zu essen.

Ich rieche Urin. Ich blicke nicht nach unten, weil es mir egal ist oder weil ich mich schäme. Jedenfalls nicht, weil ich Angst hätte.

Ein Mann tackert Zettel an einen Laternenpfahl. Er sucht nach einem Hund. Er ist alt genug, um jemandes Vater zu. Er hat Ringe unter den Augen. Als ob er schon seit Tagen Zettel tackert. Eine ungehörte Stimme ruft ihn hinüber zu einem Auto. Er erreicht es, und etwas Schreckliches passiert.

Schnellrücklauf.

Wieder die Predigt.

Eine Frau zieht sich aus. Sie redet mit wem auch immer hinter der Kamera. Sie tut ganz schüchtern, als ob es das erste Mal ist, das sie so etwas macht. Für Geld. Die Blondine kommt hinzu und bemalt den Körper der Frau. Kleine Sterne über ihre Brustwarzen. Ein Dreieck um ihren Bauchnabel herum. Dann passiert etwas Schreckliches.

Schnellrücklauf.

Wieder die Predigt.

Ich nehme einen kleinen Schluck aus einer alten Nudelsuppentasse, die in der Nähe steht. Es schmeckt fürchterlich und ich spucke es wieder aus.

Die Kassette läuft weiter. Ich habe Angst, sie aus dem Player zu nehmen.

Ich könnte etwas verpassen.

***

Ich werde schwach. In mir ist nichts mehr, das ich erbrechen könnte. Es strengt mich schon an, die Tasten auf der Fernbedienung zu drücken. Mein Arm und meine Finger schmerzen. Zurück und Wiedergabe.

Es sind nur ein paar Schritte bis zu meinen Nudeln. Ich könnte den Fernsehapparat die ganze Zeit im Auge behalten.

Aber ich bringe es nicht fertig aufzustehen. Meine Augen sind nun so nah am Bildschirm, dass ich die einzelnen Lichtpunkte zählen kann.

Es ist so schlecht, dass es schon wieder gut ist.

Adam kommt aus New York und lebt in Philadelphia. Er hat mehrere Romane geschrieben, z.B. Mercy House, Video Night, The Summer Job und Tribesmen, die von Fangoria, Rue Morgue, Publishers Weekly und Bloody Disgusting überschwänglich gelobt wurden. Außerdem ist er als Kolumnist für Cemetery Dance Online tätig. Einige seiner Bücher erscheinen demnächst auf Deutsch bei Voodoo Press.

Übersetzt von Heiner Eden.