Adam Howe

Der Todesswagen des Plainfield-Schlächters

Gibbons nahm einen kräftigen Schluck aus dem Flachmann. Mit einer Hand am Steuer folgte er der Fahrzeugkarawane von Schaustellern, die über die Fernstraße zum nächsten Auftrittsort donnerte. Er verzog das Gesicht, als sich der Schnaps durch seinen Körper brannte. Im Rückspiegel sah er die Umrisse des Wagens, der unter einer Plane versteckt hinter seinem Truck hing.

Eigentlich hatte er mit diesem verdammten Wagen sein Glück machen wollen. Seinen allerletzten Penny hatte er dafür ausgegeben. 1960 sollte sein Jahr sein. Schon längst wollte er sich in der Sonne Floridas aalen. Doch stattdessen zog er mit diesem drittklassigen Rummel durch die Saure-Gurken-Zeit und kam gerade so über die Runden. Was zur Hölle war nur schiefgelaufen?

Er konnte es nicht begreifen. Er hatte sich immer eingebildet, vielleicht nicht den Finger am Puls Amerikas zu haben, aber doch wenigstens seine Hand in Amerikas Eingeweiden. Die Leute wollten so etwas sehen, dessen war er sich sicher gewesen. Psycho war gerade ganz groß herausgekommen. Die Zuschauer kamen in Scharen. Aber warum sich mit einem Film begnügen, wenn man sich den wahren Horror angucken konnte?

Der Wagen von Eddie Gein, dem Plainfield-Schlächter: ein authentisches Relikt von Hitchcocks Psychokiller. Es machte Gibbons wahnsinnig zu sehen, wie der fette britische Mistkerl sich in dem Rampenlicht breit machte, das eigentlich ihm gebührte. Was für ein Scheißfilm. Abgesehen von Janet Leighs Titten, verstand er nicht, was die Leute daran fanden.

Gibbons gönnte sich noch einen Schluck, dann schraubte er den Deckel auf den Flachmann. Er brauchte noch etwas für später, um sich für die Show am Abend in Stimmung zu bringen. Er blickte noch einmal in den Rückspiegel. Eine Ecke der Plane hatte sich gelöst und flatterte umher wie eine riesige Fledermaus. Er dachte kurz daran anzuhalten und die Plane wieder festzuzurren. Der verbogene Kühlergrill gierte ihn an wie ein Satz rostige Zähne — als ob der Wagen einen Bissen von ihm nehmen wollte. Aber er wusste, dass die Karawane nicht auf ihn warten würde.

Das Management suchte schon längst nach einem Grund, um ihn loszuwerden. In der letzten Stadt, in der sie aufgetreten waren, hatten ihn die Bullen aus dem Verkehr gezogen, bevor er überhaupt sein Zelt aufbauen konnte. Allzu viele Chancen würde er nicht mehr kriegen, hatte ihn das Management wissen lassen. Gibbons tat gelassen. »Auch schlechte Werbung ist Werbung, stimmt's?« Von wegen. Wenn der Wagen nicht bald Geld einbrachte, würde er fliegen und auf der Straße sitzen. Der Gedanke daran machte ihm Angst.

Der Rummel war alles, was er kannte.

***

Er war als Kind zum Rummel gekommen, nachdem er von zu Hause weggelaufen war — weg von seiner tyrannischen Mutter, die ihm, je mehr er über den Gein-Fall las, wie Eddies eigene Feuer und Schwefel speiende Mutter vorkam. Gibbons war erleichtert, dass es keine weiteren Gemeinsamkeiten gab. Anders als Gein war Bonarparte »Bunny« Gibbons überhaupt kein Muttersöhnchen. Und was seine Vorlieben anging – das konnten die Mädchen aus der Stripshow bezeugen — so spürte er nie das Verlangen, seiner Mama zu Ehren Gräber auszurauben und die Haut von Toten zu tragen.

Er war für den Rummel geboren. Er hatte das Handwerk gelernt, als er mit einem Mäusezirkus hausieren ging. Dann kam er zur Freakshow. Man könnte auch sagen, es hatte ihn hingezogen. Schnell stieg er in der Hierarchie nach oben. Es dauerte nicht lange, bis er als Anheizer die Bauerntrampel mit leeren Versprechungen von Wundern und Kuriositäten in die Zelte lockte. Mit seinem Spitzbart, dem Zylinder, dem Mantel und dem Gehstock sah er aus wie eine verruchte Version von Colonel Sanders, dem legendären Gründer vom Kentucky Fried Chicken. Kein anderer Schausteller konnte den Leuten das Geld aus der Tasche leiern wie Bunny Gibbons.

Die Freakshow war gut zu ihm. Es waren glückliche Zeiten.

Aber nach den Kriegen — zuerst der Große, dann der in Korea — ahnte Gibbons, dass die Tage der Freakshow zu Ende gingen. Zu viele Ehemänner, Väter und Söhne waren ohne Arme, Beine und sogar Gesichter nach Hause gekommen und hatten ihre eigene Freakshow mit nach Amerika gebracht. Plötzlich wollte keiner mehr dafür Eintritt zahlen. Gibbons, ein Mann der Tat, gab den Freaks ohne einen Blick zurück den Laufpass und suchte nach der nächsten Einnahmequelle.

Und dann, gerade als Eddie Gein erwischt worden war, wie er irgendeine Tussi in seinem Holzschuppen an einen Fleischerhaken hing, gab Gibbons Mutter den Löffel ab und hinterließ ihm eine kleine Erbschaft. Er konnte sein Glück kaum fassen. Ihr Timing war einfach perfekt. Als die Gein-Story in jeder Zeitung auftauchte und die Titelseiten mit Geschichten über Grabraub, Kannibalismus und Frauenfummel aus Frauenhaut schmückte, war Hitchcock nicht der einzige, der einen schnellen Dollar roch.

***

Geins Besitz kam unter den Hammer, um seinen Prozess zu finanzieren. Gibbons machte sich sofort auf den Weg. Als er in er Plainfield, Wisconsin ankam, diesem Kaff im Arschloch von Nirgendwo, checkte er in einem Motel unter falschem Namen ein. Er hielt sich bedeckt und tauschte seinen schnittigen Anzug gegen etwas Unauffälliges. Nicht, dass er sich wegen der trauernden Familien der Opfer sorgte. Die scherten ihn herzlich wenig. Nein, er fürchtete, dass ihm ein anderer Schausteller zuvorkommen könnte.

Denn seine Idee war genial: Er wollte mit seinem Erbe Ed Geins Haus des Horrors kaufen und darin Amerikas großartigstes Spukhaus eröffnen. Ein Disneyland der Hölle. Die Freakshow war nicht tot. Gibbons musste sich nur die Gaffer bei einem Autounfall und die Schaulustigen bei einem öffentlichen Selbstmord anschauen, um das zu wissen. Die Geschmäcker der Menschen änderten sich nicht — besonders nicht die, die nach Sensationen gierten.

Am Tag vor der Versteigerung brannte Geins Haus bis auf die Grundmauern ab. Ein Kabelbrand, sagte der Chef der Feuerwehr. Komisch nur, dachte Gibbons, dass das Haus gar nicht ans Stromnetz angeschlossen war. Er wusste, dass irgendwer es abgefackelt hatte. Verdammte, verblödete Landeier. Das Spukhaus löste sich zusammen mit Bunnys Traum in Rauch auf.

Aber die Versteigerung fand trotzdem statt. Also blieb er. Das Ackerland stand noch zum Verkauf, und Werkzeuge und Geräte...

Und Ed Geins Wagen.

Ein abgetakelter Ford Sedan, Baujahr 1949. Als der Auktionator ihn vorfahren ließ, sah es aus, als würde der Wagen mit dem zerbrochenen Frontscheinwerfer links und dem verbogenen Kühlergrill rechts das dämliche Grinsen und das hängende Auge seines Besitzers nachäffen. Hatte Ed während einer seiner nächtlichen Ausflüge zum Friedhof vielleicht einen Grabstein gerammt? Selbst wenn es nicht stimmte, konnte Gibbons die Geschichte für seine Vorstellung benutzen.

Der alte Ford hatte viel mitgemacht: Die Karosserie war verbeult, das Trittbrett hatte einen Knick. Der kastanienbraune Lack war von Rost durchsetzt. Im Innenraum roch es nach totem Stinktier. Aus den zerrissenen Lederpolstern quollen Pferdehaare und rostige Metallfedern wie Unkraut hervor. Ein richtiges Stück Scheiße von einer Klapperkaste.

Aber Gibbons sah einen goldfunkelnden Todeswagen. Das war, wonach er gesucht hatte. Egal, das der Wagen das gesamte Erbe verschlingen würde — fast eintausend Scheinchen — er musst ihn haben.

Als Gibbons den Zuschlag erhielt, sorgte der stolze Preis für Stirnrunzeln unter den Landeiern in Plainfield. Sie hatten befürchtet, dass ein Mann wie Bonaparte Gibbons versuchen würde, aus ihrem Unglück Kapital zu schlagen.

Aber das war erst der Anfang.

***

Der Rummel baute seine Zelte auf einem Hügel oberhalb des Städtchens auf. Die Schausteller arbeiteten schnell, um vor Einbruch der Dunkelheit bereit für die Landeier zu sein. Der wolkenverhangene Himmel drohte mit Regen. Gibbons betete, dass die Nacht kein Schlag ins Wasser werden würde. Er errichtete seine Bude am Rand des Rummels auf. In der Mitte war kein Platz mehr für Bunny Gibbons. Er war neben die Klohäuschen verbannt worden. Nur mit Glück würde ihn einer der Deppen auf dem Weg zum Pissbecken entdecken. Der Geruch der Latrinen erinnerte ihn an seine Karriere.

Er löste den Ford von seinem Truck und begann, das schwarze Leinenzelt darüber zu errichten. Das Zelt war mit grausigen Bildern von Geins Horrorhaus geschmückt. Sie waren im Stil der grellen Schundhefte gehalten, die Gein so geliebt hatte. Unheimliche Geschichten aus der Gruft oder irgend so ein Scheißdreck. Gekritzelte Werbebanner schrien:

AUFGEPASST!

Der Schlächter aus Plainfield, Wisconsin!

Grabräuber und Mörder!

ACHTUNG!

Das Verbrechen, das das ganze Land schockierte!

Ed Geins Todeswagen, der die Toten aus ihren Gräbern zog!

Als der Film anlief, stellte Gibbons ein neues Banner dazu:

Der ECHTE Psycho-Killer!

Von Hitchcock autorisiert!

Er hätte sich die Mühe sparen können.

Bunny betrat das Zelt und stellte seine Requisiten auf. Er hängte ein paar Fledermäuse aus Gummi und falsche Spinnweben unter die Decke. Innen waren die Wände mit Grabsteinen und wandelnden Skeletten bemalt. Der Leichengeruch, der im Zelt hing, war nicht sein Verdienst. Der kam gratis mit dem Wagen und hielt jedem Raumspray stand. Gibbons steckte eine ramponierte Schaufensterpuppe hinters Lenkrad. Sie war wie Gein gekleidet: die typische Karojacke, die Jagdmütze. Er legte eine Schaufel und ein Brecheisen auf den Beifahrersitz — Eddies Werkzeuge zum Aufbrechen der Gräber. Der Rücksitz war mit Gummiknochen und Totenschädeln aus einem Trödelladen übersät. Ein blutiger Handabdruck prangte auf dem Seitenfenster.

Zugegeben, es sah alles ziemlich dilettantisch aus. Mehr nach Ed Wood als Alfred Hitchcock. Aber das eigentliche Highlight befand sich im Kofferraum. Gibbons hatte ihn mit versteckten Lautsprechern und einem Skelett an einem Drahtseil ausgestattet. Gegen Ende der Vorstellung, nachdem er ein anschauliches Bild von Gein gezeichnet hatte, der gerade auf dem Heimweg von einem seiner Friedhofsbesuche war, unterbrach ihn ein seltsames Geräusch aus dem Kofferraum... als ob Fingernägel am Blech kratzten. Gibbons tat verdutzt, um das Publikum zu verunsichern. Er näherte sich dem Kofferraum, wischte sich den Angstschweiß von der Stirn und streckte seine zitternde Hand aus...

Und dann sprang der Kofferraum auf und das Skelett schoss mit einem gellenden Schrei hervor.

Die Leute machten sich vor Angst in die Hose.

Scheiß auf die Duschszene. Hitchcock wäre vor Neid grün geworden.

Was war nur schiefgelaufen? Er konnte sich noch immer an den Abend erinnern, an dem er den Wagen zum ersten Mal präsentiert hatte. Wie die Landeier schrien, als das Skelett aus dem Kofferraum geflogen kam. Er war sich sicher gewesen, dass er auf eine Goldgrube gestoßen war. Doch stattdessen verließ ihn das Glück.

Bei jedem Auftritt des Rummels kamen die Bullen und aufgebrachte Eltern und brachen seine Show wegen irgendwelcher blödsinnigen Verstöße gegen die guten Sitten ab. Für sie war Gibbons eine Art Monster, nicht ein Unternehmer mit Weitblick. Man hätte glauben können, Eddie Gein selbst wäre aus dem Irrenhaus abgehauen und in die Stadt gekommen. Wir müssen unsere Kinder schützen, hatten sie gesagt. Was für ein Schwachsinn! Die Kinder standen immer ganz vorne in der Schlange.

Den anderen Schaustellern gefiel es gar nicht, dass ständig die Bullen auftauchten. Hinter den Zelten den Rummels passierte so einiges, von denen die Gesetzeshüter keine Ahnung hatten. Und so sollte es auch bleiben. Außerdem, das wusste jeder Schausteller nur zu gut, war Pech einfach ansteckend.

Gibbons wurde schnell zum Außenseiter. Er und Eddies Wagen.

In den seltenen Fällen, wo er den Wagen vorführen konnte, ohne dass die Bullen ihm auf die Pelle rückten, blieb das Pech ihm treu. Das Zelt brach während der Show zusammen. Der Kofferraumdeckel klemmte. Die Lautsprecher gaben den Geist auf. Und niemand hielt den Gestank des Wagens lange aus. Kinder weinten, Schwangeren platzte die Fruchtblase, fette Typen reiherten Bier und Hotdogs ins Zelt. Einmal löste sich die Handbremse und der Ford rollte einem der Landeier über den Fuß. Dabei war der Untergrund eigentlich völlig eben.

Sogar Gibbons, ein Skeptiker durch und durch, glaubte irgendwann, dass mit dem Wagen etwas nicht stimmte. Wie die Türen sich von selbst schlossen und seine Finger erwischten, wenn er die Hand nicht schnell genug zurückzog. Oder wie die Hupe nachts losplärrte wie ein Wolf, der den Mond anheulte, und Gibbons und die anderen Schausteller wachhielt. Schnell verbreitete sich das Gerücht, auf dem Wagen läge ein Fluch. Vielleicht stimmte es, dachte Gibbons. Aber vielleicht war es auch seine Mutter, die ihm aus dem Grab heraus zeigte, was sie von seiner Investition hielt.

Gibbons redete sich ein, dass das alles nur Hirngespinste waren. Verrückt wie Eddie Gein. Aber wie sonst ließ sich erklären, dass das Autoradio — vom dem der Auktionator gesagt hatte, das es kaputt war — plötzlich zu dudeln begann und Shall We Gather at the River spielte — das Lied, das bei der Beerdigung seiner Mutter gesungen wurde? Es brachte solch unerwartet schmerzliche Erinnerungen in Gibbons hoch, dass er, alleine seinem grausigen Zelt, wie ein Baby losheulte. Er erinnerte sich an die Notiz seiner Mutter, die dem Erbe beilag: Geh weise damit um. Ich fürchte, du tust es nicht.

Der beste Freund eines Jungen ist seine Mutter. Von wegen.

***

Die Nacht hüllte sich wie ein Mantel um den Rummel und die Leute kamen herbeigeströmt. Genau wie der Regen. Über den Hügeln fegte ein Sturm. Die Wände des Zelts wölbten sich im Wind, als ob der Wagen lebendig wäre und atmen würde. Regen prasselte auf Gibbons Zylinder, als er vorm Zelt stolzierte, seinen Gehstock wirbelte und lauthals gegen das Grollen des Sturms sprach.

»Hier ist es, Leute! Das Verbrechen, das das ganze Land schockierte! Sie haben davon im Life-Magazin gelesen! Sie haben es in Psycho gesehen! Schauen Sie es sich jetzt leibhaftig an! Der Todeswagen des Plainfiel-Schlächters! Nur fünfundzwanzig Cent!«

Niemand schenkte ihm Beachtung. Kaum einer hörte ihn wegen des Sturms.

Später kam der Manager des Rummels und fand Gibbons verzweifelt und zusammengekauert vor seinem durchnässten Zelt hocken. Er machte sich nicht länger die Mühe, seinen Flachmann zu verstecken.

»Tut mir leid, dass es so gekommen ist, Bonaparte«, sagte der Manager. Er runzelte die Stirn beim Anblick der Bildchen auf Gibbons Zelt und schüttelte angewidert den Kopf. »Was hast du dir bloß dabei gedacht?« Er wandte sich ab und ging zurück zu den bunten Lichtern des Rummels.

»Die Leute wollen sowas sehen!«, rief Gibbons hinter ihm her. Doch der Manager hörte ihn nicht mehr.

Gibbons raffte sich auf, torkelte ins Zelt und zog die Plane hinter sich zu. Eine Öllampe flackerte schwach im Dunkeln. Gibbons starrte auf den Wagen, kippte den Rest des Fusels in sich hinein und schleuderte die leere Flasche gegen das Fenster in der Fahrertür. Das Glas zersprang, und mit ihm sein jämmerliches Spiegelbild. Er atmete schwer, kämpfte mit den Tränen und sank auf die Knie. Das war's, entschied er. Er musste das verdammte Ding loswerden. Hätte er schon vor Monaten machen sollen. Es irgendeinem Trottel aufschwatzen. Oder es einfach im Sumpf versenken.

Ein Blitz zuckte hell und Gibbons erschrak. Er sah die Schemen einer Menschenmenge, die sich vor dem Zelt versammelt hatte.

Argwöhnisch betrachtete er den Wagen. Der verbogene Kühlergrill grinste ihn an, der zerbrochene Scheinwerfer blinzelte ihm zu. Vorsichtig lugte er durch die Zelttür nach draußen. Er erwartete die Bullen oder eine Schar von aufgebrachten Landeiern, die ihn aus der Stadt jagen wollte. Doch die Leute, die sich vor dem Zelt versammelt hatten, trugen ihre feinsten Sonntagskleider. Einige der Männer hatten sich Blumen in die Brusttaschen ihrer Anzüge gesteckt. Die Frauen trugen Hüte mit Gesichtsschleiern. Ein bisschen dick aufgetragen für einen drittklassigen Rummel, dachte Gibbons, aber er beschwerte sich nicht. So viel Kundschaft hatte er seit Monaten nicht gehabt. Er wirbelte seinen Zylinder überschwänglich und führte die Menge in sein Zelt. Die Leute flüsterten erwartungsvoll. Ihre rauen Stimmen klangen wie trockenes Herbstlaub.

Gibbons schnappte sich die Öllampe. Die Menge versammelte sich ganz nah um ihn herum, als ob sie die Wärme der stotternden Flamme suchten. Es war kalt geworden. Gibbons konnte seinen frostigen Atem sehen. Höchste Zeit, seine Kundschaft in Stimmung zu bringen.

Er begann seine Vorstellung, wie er es immer tat: direkt ans Eingemachte, ohne Umweg. Jeder kannte die Story aus den Zeitungen und dem Film. Was sie verlangten, waren Details, jede kleine Einzelheit.

»Die vermisste Frau fand man im Holzschuppen an den Füßen aufgehängt und ausgenommen wie ein Schwein«, begann Gibbons. »Ihre Eingeweide füllten die Blechwanne, die unter dem Stumpf ihres Halses stand. Ihr Kopf befand sich im Haus... zusammen mit den anderen.«

Die Menge war gespenstig still, geradezu atemlos, als Gibbons Inventur von Geins Horrorhaus machte wie ein Makler aus der Hölle: Die Köpfe der Frauen, mit Lippenstock und Rouge geschminkt und wie welke Trophäen an den Wänden hängend. Die Lampenschirme, in Nazi-Manier aus Haut gefertigt. Organe und Koteletts aus Menschenfleisch, die im Kühlschrank lagen. Nasen und Ohren in Einmachgläser konserviert. Weibliche Genitale, die wie braunes, verklumptes Seegras in Formaldehyd schwammen. Ein primitiv geschneiderter Anzug aus Haut — komplett mit Beinteilen und hängenden Frauenbrüsten — in Geins Kleiderschrank. Eddie trug ihn wie faulende Wäsche und schlurfte darin durch das schäbige Farmhaus, um auf makabre Art und Weise seine Mutter nachzuahmen.

Diese Vorstellung war Bunnys Glanzstück. Er war gut wie nie zuvor. Er schleuderte der sprachlosen Menge Blut und Eingeweide entgegen wie ein Affe im Zoo, der mit Fäkalien um sich warf. Hatte er also doch recht gehabt: Die Leute wollten sowas sehen. Es hatte nur das richtige Publikum gebraucht, um die Magie wieder zu entfachen. Scheiß auf das Management. Er würde einen anderen Rummel finden. Einen Platz, an dem man sein Talent zu schätzen wusste. Aber zuvor, heute Nacht, würde er feiern. Eine frische Flasche Schnaps besorgen. Vielleicht eine halbe Stunde mit Penny aus der Stripshow verbringen. Es ging endlich wieder aufwärts.

»Und hier ist er, Leute«, zischte Gibbons in die Stille des Zeltes. »Der Wagen, den Gein während seiner Raubzüge zum Friedhof fuhr. In ihm stapelte er die menschlichen Überreste, mit denen er sein Haus dekorierte... oder eine frische Leiche, die er mit in sein Bett nahm.«

Die Menge rückte näher zusammen. Gibbons hob die Öllampe, damit die Leute besser sehen konnten. Die Flamme ließ die Skelette auf den Zeltwänden zwischen den Leuten tanzen. Das war Gibbons vorher nie aufgefallen. Die aneinander geschmiegten Körper umschlossen ihn. Er bemerkte Fliegen, die über ihren Köpfen summten.

Jesus, irgendetwas im Zelt stank heute Nacht ganz fürchterlich. Sogar Gibbons, der sich längst an den Geruch des Wagens gewöhnt hatte, stieg die verpestete Luft zu Kopf. Die Menge tat ihr Übriges. Benutzte denn niemand in dieser Stadt eine Badewanne? Die Menge drängte ihn gegen den Wagen.

»Immer schön sachte!« Er zwang sich zu einem Lachen. »Jeder darf mal gucken!«

Das Geräusch von kratzenden Fingernägeln schallte aus dem Kofferraum und erschreckte Gibbons mehr als seine Zuschauer. Ein bisschen zu früh. Verdammte Karre. Aber Gibbons reagierte wie ein Profi. Er wollte das Highlight nicht verderben. »Was zum Henker war denn das?« Er spielte den Überraschten mit Inbrunst. »Tschuldigung, Leute. Ich guck besser mal nach...«

Die Menge machte keine Anstalten, ihn vorbeizulassen. Merkwürdige Leute. Sie schienen mehr an ihm als an dem Wagen interessiert zu sein. Als wäre er die eigentliche Attraktion hier. Gibbons legte seine Hand auf den Arm des Gentlemans vor ihm, um ihn vorsichtig beiseite zu schieben. Doch seine Finger versanken in verfaultem Stoff und weichem Fleisch.

Gibbons stieß angeekelt einen Schrei aus. Er blickte sich in der Menge um und erstickte fast an dem süßlich-kranken Gestank. Eine furchtbare Ahnung überkam ihn.

Der Raum drehte sich um ihn herum wie ein Karussell. Seine Beine wurden weich. Er taumelte zurück gegen den Wagen und stützte sich mit einer Hand auf das Heck. Er spürte, wie etwas im Kofferraum kratzte und klopfte. Er versuchte sich zu erinnern, ob er überhaupt die Lautsprecher eingeschaltet hatte, aber es war ihm unmöglich, bei dem Klopfen und Kratzen klar zu denken. Anstatt den Kofferraum für das Highlight der Show zu öffnen, drückte er den Deckel nach unten und tat sein Möglichstes, um ihn geschlossen zu halten.

Was immer sich im Kofferraum befand, er wollte es nicht sehen. Alles andere ließ sich irgendwie erklären. Im kalten Tageslicht und mit genügend Schnaps im Körper würde er schon eine plausible Erklärung finden. Solange er nur nicht sah, was sich im Kofferraum befand.

Und dann krächzte das Radio los und plärrte Shall We Gather at the River mit schrecklich verzerrten Stimmen, als ob der Chor auf dem Boden eines Meeres singen würde. Und dann schoss ihm ein Bild durch den Kopf, ein Bild vom leeren Sarg seiner Mutter, und plötzlich musste er nicht mehr sehen, was im Kofferraum kratzte und klopfte. Er wusste es auch so.

Er sah flehend in die Menge.

»D-das war's, Leute«, keuchte er. »Die Vorstellung ist vorbei...«

Doch die Leute traten aus ihren Schatten und rückten immer näher. Im flackernden Licht der Lampe, die er wild hin und her schwenkte, sah er blass-grüne Gesichter, leere, welke Augen und faulig grinsende Münder.

Entsetzt taumelte Gibbons zur Seite. Seine Hand rutschte weg. Das Schloss des Kofferraums schnappte auf. Der Deckel ächzte mit einem übel stinkenden Rülpser in die Höhe.

Als die halb verweste Hexe nach ihm griff und ihn in ihren mütterlichen Arm zog, schrie Bunny Gibbons. Es war das Highlight des Abends.

Adam schreibt die Art von Geschichten, vor denen deine Mutter dich immer gewarnt hat. Seine Kurzgeschichte Jumper (verfasst als Garret Addams) wurde von Stephen King zum Gewinner des On Writing-Wettbewerbs erkoren. Andere Geschichten von ihm erschienen in Magazinen wie Nightmare Magazine, Thuglit, The Horror Library und Mythic Delirium. Er hat zwei Sammelbände veröffentlicht, Black Cat Mojo und Die Dog or Eat the Hatchet. Zurzeit arbeitet er an Tijuana Donkey Showdown, One Tough Bastard und einem gemeinsamen Buch mit Adam Cesare.

Übersetzt von Heiner Eden.