C.V. Hunt

Kein Platz für ein Kind

»Ich fasse es nicht, dass ich mich habe überreden lassen«, sagte Eve. Sie schob den Beifahrersitz nach hinten, lehnte sich zurück und rieb sich über ihren kugelrunden Bauch.

Ich blickte wieder auf das Navigationsgerät und schaute auf die Uhr. Wir hatten Salem bereits vor zwanzig Minuten passiert. Unsere Abfahrt würde bald kommen. Ich warf einen Blick in den Rückspiegel um sicherzustellen, dass der Möbeltransporter noch hinter uns war.

Eve seufzte. »Wenigstens sind hier im Herbst die Blätter schön.« Sie blickte gedankenverloren auf das wechselnde Laubwerk der Bäume, die die Straße säumten. Ihre Finger spielten mit den Haaren ihres goldfarbenen Pferdeschwanzes.

»Weißt du, was ich nicht fassen kann?«, fragte ich und deutete mit dem Daumen über meine Schulter. »Dass diese Gangster-Rapper die Fahrtzeit bezahlt bekommen.«

»Ganster-Rapper?« Eve lachte, während sie weiter aus dem Fenster blickte. »Ich glaubte nicht, dass die Jungs Gangster-Rapper sind, Shawn.«

»Sie benehmen sich wenigstens wie Gangster«, grummelte ich. »Hast du denn ihre Hosen nicht gesehen?«

Sie drehte sich zu mir um. »Du warst es, der umziehen wollte. Zweieinhalb Stunden weg von St. Louis.«

»Und es war deine Mutter, die sagte, dass es nur zweihundert Mäuse kostet, Möbelpacker anzuheuern«, erwiderte ich.

»Ich weiß nicht, wie du darauf kommst, dass es nur zweihundert Mäuse kosten kann, all unser Zeug mitten ins Nirgendwo zu karren.«

»Wir hätten uns einfach einen LKW mieten sollen.«

Eve deutet auf ihren Babybauch. »Hallo? Glaubst du vielleicht, das Baby wäre früher gekommen, um uns beim Möbelschleppen zu helfen?«

Ich seufzte geschlagen. »Du hast ja recht.«

Die gedämpfte Frauenstimme des Navis sagte uns, dass wir kurz vor unserer Abfahrt waren.

»Erzähl mir noch einmal, warum das hier eine gute Idee ist.« Eve stöhnte. Sie rieb ihren Bauch und streckte die Beine.

Ich atmete tief ein und langsam wieder aus. »Ich will nicht, dass unser Kind in der Stadt aufwächst. Ich bin auf dem Land groß geworden, bin in eine kleine Schule gegangen. Und so soll es bei unserem Kind sein. Ich will nicht, dass wir Angst um ihn haben müssen, wenn er alleine unterwegs ist.«

»Du hättest wenigstens ein halbwegs bewohnbares Haus aussuchen können.«

Ich folgte den Anweisungen des Navis und bog auf eine Schotterstraße. Der Möbeltransporter folgte uns.

»Das Haus ist völlig in Ordnung«, sagte ich.

Eve lachte.

»Was ist?«, fragte ich.

»Da spricht nur der Architekt aus dir.«

»Hey, ich würde dieses Haus lieben, auch wenn ich anderen Job hätte.« Ich deutete auf unser neues Zuhause, dass auf der rechten Seite inmitten einer Baumgruppe stand.

Eve stöhnte, als ich auf die Auffahrt bog. Ich fand das Haus einfach großartig. Zwar kannte ich nicht die Geschichte des dreistöckigen Gebäudes. Ehrlich gesagt, interessierte sie mich auch nicht. Aber es war offensichtlich, dass das Haus früher einmal ein doppelgeschossiges Farmhaus war. Einer der Vorbesitzer musste mit der Anzahl der Zimmer nicht zufrieden gewesen sein. Oder er war einfach ein bisschen größenwahnsinnig gewesen. Und so hatte man das Haus aufgestockt und ohne erkennbaren Plan Räume hinzugefügt. Der dritte Stock war komplett mit Fenstern gesäumt, was ihn wie eine Art Wintergarten aussehen ließ. Alle neuen Zimmer waren aus unterschiedlichen Materialien gefertigt worden. Eines sah aus, als wären seine Wände aus einem alten Holzboot gezimmert.

Das Erdgeschoss war knallgelb gestrichen. Einige Ecken des Hauses waren mit Vinylplatten bedeckt, andere mit Holzschindeln. Irgendjemand hatte eine Mixtur aus ägyptischen und keltischen Schriftzeichen in mühevoller Kleinarbeit um die Türen und Fenster gepinselt. Alles in allem sah das Haus wie ein riesiges Baumhaus aus. Ich stellte mir den Vorbesitzer als einen alten Exzentriker mit einem großen Kinderherz vor. Ich musste zugeben, dass ich mich in das Haus verliebt hatte.

Eve schüttelte beim Anblick auf das Gebäude nur den Kopf. »Sieht aus, als würde es jeden Moment einstürzen.«

Ich parkte den Wagen und legte meine Hand auf ihren Bauch. »Ich hätte es niemals gekauft, wenn es eine Gefahr für dich oder das Baby wäre. Das Haus ist grundsolide. Es hat eine bessere Struktur als unser alter Wohnblock.«

Sie schenkte mir ein halbherziges Lächeln.

»Und es genügt allen Bauvorschriften«, sagte ich und gab ihr einen Kuss auf die Nase.

»Vertrau mir. Alles wird gut.«

»Wenn du das sagst.«

»Ja, das sage ich.«

***

Im Inneren des Hauses herrschte genauso ein Kuddelmuddel wie außen. Es sah aus, als hätte der Vorbesitzer für jedes Zimmer jemand anderen zum Dekorieren angeheuert. In der Küche hingen pastellblaue Schränke, die Wände waren pfirsichfarben gestrichen. Die Tür, die nach draußen führte, war lindgrün.

Eve stand im strohgelben Wohnzimmer, das gleich neben der Küche lag, und dirigierte die Möbelpacker. Sie strich sich über die Arme, um sie zu wärmen, und warf ein Stück Brennholz auf das Feuer, das ich im Kamin entzündet hatte.

Die Nachmittagssonne schien durch das Erkerfenster ins Wohnzimmer. Die Strahlen streiften ihr Haar, als sie umherlief und das Zimmer inspizierte. Für einen Moment schien es, als trüge sie einen goldenen Heiligenschein. Ich ließ mich von diesem Bild gefangen nehmen, bevor ich zu ihr ins Zimmer ging.

Sie bemerkte mich und erwachte aus ihrer Trance. Sie sah mich an und grinste.

»Was ist?«, fragte ich.

»Nichts weiter.« Ihr Grinsen wurde breiter. »Du siehst wirklich glücklich aus.«

Ich schloss sie in meine Arme und küsste sie. Ich roch an ihrem Haar und flüsterte: »Ich bin wirklich glücklich. Bist du glücklich?«

»Hm. Nach ein paar Eimern Farbe und neuen Fußböden werde ich es sein.«

Wir glucksten und küssten uns. Schritte auf dem Holzboden unterbrachen uns. Wir drehten uns um und sahen die Möbelpacker unsere Matratze schleppen. Ihre Gesichter waren rot und schweißgebadet.

»Wo soll sie hin?«, schnaufte einer von ihnen.

»Ganz nach oben«, antwortete Eve. »In das Zimmer mit den vielen Fenstern.«

Die Möbelpacker stöhnten und machten sich auf den Weg die Treppe hinauf.

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Ganz nach oben?«

»Ich mag das Zimmer mit den Fenstern. Es ist, als ob man im Freien wäre… und es nicht so abscheulich gestrichen wie die anderen Zimmer.«

»Es ist schlicht«, sagte ich.

»Weiße Wände und Parkettboden sind schlicht?«

»Es hat nicht so viel Charakter wie die anderen Räume.«

Sie ließ ihren Blick durch das Wohnzimmer streifen. »Das mag sein. Aber ich mag es schlicht, und ich möchte, dass es so bleibt.«

»Wie du willst.«

***

Ich schmiss den Speck aufs Grillblech und schob es in den Ofen. Vorsichtig durchstöberte ich noch eine Kiste mit Töpfen und Pfannen, bis ich die große Bratpfanne fand. Ich stellte den Gasherd an und fischte die Eier aus dem Kühlschrank, der bis zum Bersten gefüllt war. Das Leben auf dem Land war nicht so bequem wie das in der Stadt. Hier gab es nicht ein jeder Ecke einen Lebensmittelladen. Deshalb legten Eve und ich, nachdem wir den ersten kräftezerrenden Tag mit auspacken verbracht hatten, einen großen Vorrat an.

Eve schlurfte in die Küche, gerade als ich den Eierkarton auf der Küchenzeile abstellte. Sie fuhr eine Hand durch ihr zerzaustes Haar. Ich kratzte meine Brust und beobachtete sie.

»Guten Morgen«, sagte ich gutgelaunt.

Eve grummelte und blickte mich finster an, als sie sich auf dem Stuhl am Küchentisch niederließ.

»Rührei oder Spiegelei?« Ich hielt den Karton in die Höhe.

»Rührei«, murmelte sie.

Ich schlug ein paar Eier in einer Schüssel auf und verquirlte sie. »Wie hast du geschlafen?«

»Schrecklich. Ich hatte Alpträume. Dieses Haus ist so düster. Ich glaube, es beeinflusst mein Unterbewusstsein.«

»Wie denn das?« Ich goss die Eier in die Pfanne.

»Keine Ahnung. Meine Träume waren so stockfinster und so verwirrend. Wie das Haus, wenn das Licht aus ist.«

»So etwas wie Lichtverschmutzung gibt es hier draußen eben nicht.«

»Ich weiß. Und das bin ich nicht gewöhnt. Ich bin ein Mädchen aus der Stadt. Erinnerst du dich?«

»Jup.« Ich holte den Speck aus dem Ofen und rührte die Eier in der Pfanne. »Und die Wanzen? Haben sie dich gebissen?«

»Wanzen?« Eve blickte nervös in der Küche umher.

Ich kicherte, schob die Eier auf zwei Teller und setzte mich zu ihr an den Tisch. Eve stürzte sich hungrig auf ihr Frühstück. Ich zog mein T-Shirt hoch und zeigte ihr die drei feuerroten erbsengroßen Punkte auf meiner Brust.

Ihre Augen wurden groß. »Oh, Shawn«, sagte sie mit vollem Mund und besorgter Miene.

»Damit musst du zum Arzt.«

»Ach, das sind nur Insektenbisse. Die sind in ein paar Tagen verschwunden. Kein Grund zur Sorge.« Ich zog mir das T-Shirt wieder an und kratzte mich.

»Das muss doch wehtun.« Sie schlug mir auf die Hand. »Hör auf zu kratzen! Sonst kriegst du eine Infektion.«

»Es tut nicht weh, es juckt nur wie die Hölle.«

»Wir besorgen nachher eine Kortisonsalbe.«

»Das ist wirklich nicht nötig.«

Für eine Weile aßen wir wortlos. Ich kratzte mich ohne es zu merken. Eve schien ganz in ihren Gedanken verloren zu sein.

»Wovon hast denn geträumt?«, fragte ich schließlich.

Sie zog die Augenbrauen nach unten, während sie auf einem Stück Speck kaute. »Ich habe geträumt, dass ich ihm Wohnzimmer saß. Das Licht war aus, nur der Fernseher lief. Nichts besonderes, nur irgendein Spielfilm. Doch plötzlich, mitten im Film, erschienen diese wahllosen Bilder. Ich kann mich nur an das letzte erinnern. Es war eine alte Frau. Ihr Gesicht füllte den ganzen Bildschirm. Sie starrte mich nur an. Keine Ahnung wieso, aber es fühlte sich an, als stünde sie mitten im Zimmer. Sie sah wütend aus. Dann wurde der Bildschirm schwarz, als ob der Film vorüber wäre. Nur gab es keinen Abspann. Es war plötzlich stockfinster. Und dann spürte ich einen stechenden Schmerz in meiner linken Hand.« Sie hob ihre Hand und rieb sie. »Es fühlte sich so echt an«, flüsterte sie und sah mich an. »Als ob eine Klauenhand nach mir griff. Ich bekam Panik und irrte in der Dunkelheit umher, bis ich unser Zimmer gefunden hatte. Ich weckte dich und zeigte dir meine Hand. Die Klauenhand war noch immer da. Du nahmst sie und warfst sie zu Boden. Wir konnten sie im Mondlicht sehen. Die Klauenhand sprang auf ihre Finger und rannte auf uns zu.« Eve starrte auf ihr Frühstück.

»Was passierte dann?« Ich war wie gebannt von ihrer Geschichte.

Eve blickte zu mir auf. »Bin aufgewacht.«

»Klingt wie ein schlechter Horrorfilm.«

»Ich hatte schreckliche Angst.« Sie stocherte in ihren Eiern. »Es fühlte sich so echt an.«

»Es liegt wahrscheinlich an der neuen Umgebung.« Ich kratzte mich wieder. »Wenn du dich erst einmal eingelebt hast, legt sich das.«

Eve nickte und schob ihren Teller beiseite. »Ich habe keinen Hunger mehr.«

Ich tätschelte ihre Hand. »Ich mache uns ein großes Mittagessen.« Ich nahm unsere Teller und stellte sie in die Spüle. »Ruh dich doch ein bisschen aus. Ich muss heute den Computer aufbauen. Der Typ von der Kabelfirma kommt nachher und schließt uns ans Internet an. Es warten bestimmt eine Million Emails auf mich.

»Ich bin wirklich noch müde«, sagte sie. »Ich denke, ich lege mich noch einmal hin.«

***

Eve schlief tief und fest, als der Typ von der Kabelfirma im Haus herumhämmerte. Ich versuchte sie zum Mittagessen zu wecken, aber sie grunzte mich nur an, drehte sich weg und schlief wieder ein. Nachdem ich einige Kisten entpackt und mein Büro eingerichtet hatte, entschloss ich mich, einen kurzen Spaziergang zu machen. Vielleicht gab es in der Nähe einen Wanderpfad.

Ich lief bis an die hintere Grenze unseres Grundstücks und fand einen kleinen Weg. Er war zugewuchert, aber ich entschloss mich, ihn trotzdem zu erkunden. Der Boden war mit mit Laub bedeckt. Das Gezwitscher der Vögel und das Knistern der Blätter unter meinen Schuhen ergaben einen großartigen, entspannenden Soundtrack. Nach fünf Minuten entdeckte ich eine Lichtung, nur wenige Meter entfernt. Als ich näher kam, sah ich ein paar merkwürdige Steine durch das Dickicht blitzen. Erst am Rand der Lichtung erkannte ich, um welche Art von Steinen es sich handelte.

Die Lichtung war ein kleiner Friedhof. Warum legte jemand mitten im Wald einen Friedhof an? Ich zählte zwölf Grabsteine, bevor ich den ersten näher betrachtete. Auf dem Stein standen weder Name noch Datum. Nur ein einziges, unmissverständliches Wort war in seine Oberfläche gemeißelt worden: Säugling.

Ein Schauer lief mir über den Rücken. Mein Magen zog sich zusammen bei dem Gedanken an ein totgeborenes Kind. Wie traurig, dass ihm nicht einmal ein Name gegeben worden war. Ich sah mir den zweiten Grabstein an: Säugling. Meine Kehle schnürte sich zu. Mir wurde übel. Meine Zunge fühlte sich geschwollen an. Mein Mund war wie ausgedörrt. Zaghaft begab ich mich zum nächsten Stein: Säugling.

Ich spürte eine kalte Hand, die mein Herz ergriff. Schweiß rann an mir herab. Voller Panik hastete ich von einem Grabstein zum nächsten. Jeder gab nur dieses eine einzige Wort von sich: Säugling.

Mir wurde schwindelig. Ich verließ die Lichtung und versuchte tief zu atmen.

Ich redete mir ein, dass diese Steine ziemlich alt sein mussten. Und die Sterblichkeitsrate von Kindern war vor hundert Jahren so viel größer als heute. Wahrscheinlich handelte es sich um den Friedhof einer einzigen Familie… einer Famile ohne Glück. Ich trat wieder auf den Weg, blieb an irgendetwas hängen und fiel hin.

Ich setzte mich auf und sah, dass ich über einen weiteren Stein gestolpert war. Ich zählte die Steine noch einmal durch. Diesen hatte ich vorher nicht bemerkt. Er sah anders aus, als die anderen. Er lag flach auf dem Boden und war mit totem Laub bedeckt.

Eine Stimme in mir schrie, dass ich mich so schnell wie möglich aus dem Staub machen sollte. Doch zuerst musste ich nachsehen, was auf diesem Stein geschrieben stand. Ich kroch auf Händen und Knien zum Stein und fegte das Laub von seiner kalten Oberfläche.

Darauf stand ein Wort: Mutter.

Die anderen Steine hatten mir einen Heidenschreck eingejagt, aber dieser hier stieß mit wie ein Eiszapfen direkt ins Herz. Ich sprang auf und rannte so schnell ich konnte zum Haus zurück.

***

Ich öffnete die Tür zur Küche und fand Eve, wie sie in den Schränken stöberte. Sie sah mich mit verschlafenen Augen an und fragte: »Wo sind denn die Teller?«

»Gleich hier.« Ich öffnete den Schrank über ihr.

»Wo warst du?« Sie sah mich fragend an. »Alles in Ordnung?«

»Ich war draußen im Wald spazieren.« Sie blickte mich eindringlich an und wartete darauf, dass ich noch etwas sagte. »Ist vielleicht besser, wenn du nicht in den Wald gehst… überall Giftefeu.« Mir gefiel es nicht, sie anzulügen. Aber es war besser, wenn sie nichts von dem Friedhof wusste. Warum sie aufregen? Es reichte, dass er mir einen gehörigen Schrecken eingejagt hatte. »Hast du dich ausgeruht?«

Sie öffnete den Kühlschrank und seufzte. »Nicht wirklich. Ich habe wieder von dieser alten Frau geträumt. Das war nicht schön.«

Ich nahm sie von hinten in den Arm und küsste ihr Haar. »Tut mir leid, Schatz.«

»Shawn!« Sie löste sich aus meiner Umarmung. »Ich will deine Giftefeuläuse nicht haben!« Eve legte ihre Hände schützend über ihren Bauch.

Ich hob meine Hände. »Du hast recht, du hast recht. Tut mir leid. Ich geh jetzt duschen. Eine heiße Dusche wird mir guttun.«

Als ich zur Treppe ging, warf ich einen Blick über meine Schulter und sah, wie Eve sich Reste aus dem Kühlschrank nahm. Durch das Küchenfenster sah ich die langen Schatten der Nacht, die sich in unseren Hinterhof schlichen. Für einen Augenblick glaubte ich, jemanden zwischen den Bäumen stehen zu sehen. Ich guckte genauer hin, doch es war niemand da.

***

Ich lag auf meiner Seite des Bettes und war kurz davor einzuschlafen. Es war still im Haus.

»Ich kann nicht schlafen«, flüsterte Eve.

Ich öffnete die Augen, war aber zu müde, um mich umzudrehen. Ich dachte kurz daran, so zu tun, als würde ich schon schlafen. Aber vermutlich kannte sie mich gut genug, um zu wissen, dass das nicht stimmte.

»Liegt wahrscheinlich daran, dass du den ganzen Tag geschlafen hast«, nuschelte ich in mein Kissen.

Sie seufzte.

Der Himmel war klar und das Mondlicht schien durch die großen Fenster in den Raum. Unser Schlafzimmer hatte noch keine Tür. Eve hatte das Licht eine Etage tiefer im Flur des zweiten Stockes brennen lassen, damit das Haus nicht komplett im Dunkel lag. Von meinem Platz im Bett konnte ich die ganze Treppe bis nach unten sehen.

Wieder seufzte Eve.

Das war ihre Art zu sagen, dass etwas nicht stimmte und dass sie darüber reden wollte. Sie konnte mir nicht einfach sagen, dass sie reden wollte. Nein. Zuerst musste ich fragen, was nicht stimmte und dann würde sie reden. Ununterbrochen. Ich kannte das Thema schon: was sie alles an dem Haus hasste. Irgendwann würde ich einschlafen und am Morgen wäre sie sauer auf mich, würde mir vorwerfen, dass ich mich nicht um sie scherte. Also zwang ich mich, die Augen zu öffnen und wach zu bleiben.

»Stimmt was nicht?«, fragte ich und drehte mich zu ihr um.

»Es sind diese Träume… und die alte Frau, die immer wieder in ihnen auftaucht.«

Ich unterdrückte ein Gähnen, suchte nach ihrer Hand und tätschelte sie. »Ist schon gut«, sagte ich und schloss die Augen. »Die ersten Tage waren hart. Ich bin sicher, dass…«

Ein lautes Summen unterbrach mich. Ich drehte mich zur Treppe um, denn von dort kam das Geräusch. Eve sprach zu mir, aber ihre Worte drangen nicht zu mir durch.

Unten an der Treppe entdeckte ich einen Schatten. Er sammelte sich auf dem Boden wie ein öliger Fleck. Ich öffnete den Mund, fand aber meine Stimme nicht.

Der Schatten wurde dunkler und erhob sich vom Boden. Er wuchs und formte die Umrisse einer Frau in einem Kleid, das am Hals geschlossen war und lange Ärmel hatte. Sein Saum berührte den Boden, der Stoff war mattschwarz. Aber das Geischt der Frau konnte ich nicht erkennen.

Wieder versuchte ich zu sprechen, doch mir stockte der Atem. Ich versuchte mich zu Eve umzudrehen, doch mein Körper war wie ans Bett gefesselt. Ich konnte mich nicht rühren.

Die Frau unten an der Treppe beugte sich vor, setzte ihre Hände auf die Stufen und kroch in ruckhaften Bewegungen zu uns nach oben.

Panik ergriff mich.

Ich wollte aufspringen. Ich wollte Eve beschützen. Ich gab alles, was in mir steckte, um mich aufzuraffen oder zu schreien. Doch weder mein Körper noch meine Stimme gehorchten mir.

Als die Frau die oberste Treppenstufe erreicht hatte, richtete sie sich auf und stand plötzlich neben unserem Bett. Meine Muskeln zuckten schwach bei meinen Versuchen zu sprechen oder mich zu rühren. Ich wollte die Frau fragen, was zur Hölle sie in meinem Haus trieb. Aber alles, was ich hervorbrachte, war ein erbärmliches Winseln.

Die Frau erhob ihre Hand und deutete auf etwas neben mir. Ich schaffte es, meinen Kopf langsam in die Richtung zu drehen, in die sie zeigte.

Eve schlief neben mir. Eine dünne Decke lag auf ihrem schwangeren Bauch. Und auf den deutete die Frau. Sie schob ihren gesichtslosen Kopf über mich. Ihre Hand verwandelte sich in eine Klauenhand, die sie auf Eves Bauch legte.

Ich schoss hoch und schrie: »Verschwinden Sie aus unserem Haus!« Ich warf die Decke weg und sprang aus dem Bett.

Eve drehte sich zu mir. »Was ist denn los?« Ihre Stimme war schlaftrunken.

Die Frau stand nicht mehr neben dem Bett. Ich konnte sie nirgendwo sehen. Ich machte einen Satz zur Wand und drückte den Lichtschalter. Außer Eve und mir war niemand im Zimmer. Ich sah mich nach einer Waffe um, fand aber nichts, außer Eves High Heels. Ich schnappte mir einen der Schuhe und hielt ihn mit dem Absatz nach vorne in die Höhe. Wieder schaute ich mich im Zimmer um.

»Shawn?« Eve setzte sich auf und blinzelte gegen das grelle Licht. Ihre Haare waren zerzaust. »Was tust du da?«

»Irgendjemand ist in unserem Haus«, flüsterte ich.

Ich sah in den Kleiderschrank.

Eve schüttelte den Schlaf ab. »Was?« Sie zog sich die Decke wie zum Schutz über den Bauch.

»Ich habe eine Frau gesehen, hier im Zimmer«, sagte ich. »Sie ist nicht mehr da.« Mit dem Schuh in der Hand kam ich mir vor wie ein Idiot. Als ob er eine Art tödliche Waffe wäre, mit der ich uns hätte verteidigen können.

Eve seufzte und gab ihre Abwehrhaltung auf. »Meine Güte, Shawn. Du hast nur geträumt. Jetzt leg dich wieder schlafen.«

»Das war kein Traum. Das ist wirklich passiert.«

Eve hielt sich die Hände vors Gesicht, um das Licht von ihren Augen fernzuhalten, als wir ein Geräusch hörten. Irgendwo im Haus erklang das deutliche Schreien eines Babys. Eve sprang aus dem Bett und stierte mich mit angsterfüllten Augen an.

»Hörst du es?«, flüsterte ich. »Hier ist jemand. Ich werde nachsehen.«

Eve rannte ums Bett und griff meinen Arm, bevor ich zur Treppe gehen konnte. »Du kannst mich nicht alleine lassen«, zischte sie. »Ruf die Polizei!«

»Mein Handy hängt unten am Ladegrät. Ich sehe mich nur kurz um und komme mit dem Telefon wieder.«

»Ich komme mit.«

»Nein, das tust du nicht. Was, wenn die Person gefährlich ist?«

Eve sah sich im Zimmer um. »Was, wenn sie noch immer hier oben ist? Du hast gesagt, du hast sie hier oben gesehen.«

Sie hatte recht. Die Frau war in unserem Zimmer gewesen. Wohin konnte sie verschwunden sein? Ich konnte Eve nicht einfach zurücklassen.

Ich seufzte. »Also gut. Aber du bleibst hinter mir.« Ich drehte ihr den Rücken zu, um zur Treppe zu gehen.

»Oh, mein Gott«, flüsterte Eve.

Ich hielt an. »Was ist?«

»Dein Rücken ist voller Insektenbisse.«

»Darum kümmern wir uns später.«

Vorsichtig stiegen wir die Treppe hinab in den zweiten Stock.

***

Als wir die Treppe hinuntergingen, pfiff der Wind draußer lauter und das Schreien wurde schwächer. Das Licht im zweiten Stock flackerte. Eve wimmerte und klammerte sich an meine Pyjamahose.

»Es ist nur der Wind«, sagte ich. »Er macht diese Geräusche.«

»Nein.« Eve klang tief verängstigt. »Das ist ein Baby. Und es ist irgendwo im Haus.«

Langsam näherte ich mich dem zweiten Stoch. Ich trug Eves Schuh vor mir her und war bereit, damit zuzuschlagen. Ich warf einen Blick um die Ecke, um sicherzustellen, dass der Eindringling nicht im Flur war. Ich deutete Eve, mir zu folgen. Das Schreien schien aus dem Erdgeschoss zu kommen.

Der Wind heulte in unregelmäßigen Stößen auf. Ein Blitz zuckte vorm Fenster des Flures. Ein Donnergrollen folgte ihm. Regen prasselte gegen das Haus.

Wir tasteten uns über den Flur hinüber zur Treppe, die ins Erdgeschoss führte. Das Licht flackerte noch einmal und erlosch. Eve kreischte und fing an zu schluchzen, was sich fast anhörte, wie das Schreien des Babys. Ich hielt an und nahm sie fest in meine Arme.

»Alles ist gut«, sagte ich.

Ein Blitz erhellte den Flur für eine Sekunde. Über Eves Schulter sah ich die Frau, die nur wenige Meter hinter uns stand.

»Mein Gott!«, schrie ich und sprang beiseite. Ich zog Eve mit mir.

»Was?« Eves Stimme war voller Panik.

Eve wand sich in meinem Armen, um zu sehen, was mich so erschrecken ließ. Wieder zuckte ein Blitz durch den Flur. Und wieder war die Frau zu sehen. Sie streckte ihre Arme nach uns aus und kam näher.

Eve schrie, riss sich von mir los und rannte zur Treppe nach unten. Ich warf den Schuh nach der Frau und folgte Eve.

Wir erreichten das Wohnzimmer und Eve griff nach meinem Handy. Ein unheimliches Licht durchzog den Raum. Das Holz im Kamin war auf dunkelrot glühende Kohlen heruntergebrannt. Eve schluchzte hemmungslos, während sie versuchte, die Tasten des Telefons zu bedienen. Ich schnappte mir den Schürhaken. Das Schreien des Babys schien von überall zu kommen.

Eve fluchte und warf das Handy zu Boden.

»Was machst du denn?«, fragte ich. »Ruf die Polizei!«

»Kein Empfang!«

»Das kann nicht sein.«

Ich machte einen Satz und hob das Handy auf. Eve hatte Recht. Der Signalbalken leuchtete nicht. Das Handy war noch im Suchmodus. Ich hatte es seit unserem Einzug noch nicht benutzt.

Eve sah auf und schrie. Die Frau war plötzlich im Wohnzimmer und schritt auf uns zu.

»Das ist die Frau aus meinen Träumen!«, kreischte Eve.

»Was machen Sie in unserem Haus?« Ich riss den Schürhaken in die Höhe. »Zwingen Sie mich nicht dazu, Lady!«

Im fahlen Licht des Wohnzimmers sah ich, wie die Frau ihren Mund öffnete. Ein Schwarm schwarzer Insekten flog aus ihrer Kehle und stürzte sich auf mich. Die Insekten bissen mich. Ich schlug mit dem Schürhaken nach ihnen, aber es half nicht. Hinter mir hörte ich Eve schluchzen. Das Schreien des Babys wandelte sich in ein Johlen. Und dann verschwanden die Insekten so schnell, wie sie gekommen ware. Ich japste erschöpft und starrte die Frau an.

»Wer sind Sie?«, schrie ich. »Was wollen Sie?«

Der Mund der Frau bewegte sich nicht, aber ich hörte ihre Worte: »Noch ein Zimmer oder noch ein süßes Kind.« Sie deutete mit ihrer Hand.

Widerwillig ließ ich meinen Blick ihren Fingern folgen. Sie deuteten auf Eve. Ich machte einen Schritt zurück und baute mich vor Eve auf.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Eve hysterisch.

»Vergessen Sie’s, Lady«, sagte ich. »Sie bekommen unser Baby nicht.«

Die Frau bewegte sich auf uns zu und sagte: »Dann bauen Sie mir noch ein Zimmer.«

»Raus aus unserem Haus!«, schrie Eve.

Wieder riss ich den Schürhaken in die Höhe und drohte der Frau: »Bei Gott, ich werde Ihnen den Schädel einschlagen!«

Die Frau lachte. Ihr Körper zersprang in Millionen kleine Insekten. Eve klammerte sich fest an mich. Die Tiere flogen in den Kamin und schwärmten durch den Schornstein nach draußen. Eve und ich rührten uns nicht, als die Stille im Haus uns verhüllte.

»Wo sind die Autoschlüssel?«, fragte ich.

Eve fand sie auf einem Beistelltisch.

»Lass uns gehen.«

***

»Wollen Sie ein neues Haus auf das Grundstück stellen?«, fragte der Chef vom der Abrissfirma.

Ich starrte auf den Kran mit der Abrissbirne, der neben dem Haus in Position gebracht wurde.

»Nein«, sagte ich.

Der Mann sah mich verdutzt an. »Aber was haben Sie denn mit dem Grundstück vor? Wenn Sie’s verkaufen wollen... ich hätte Interesse.«

Der Kranführer fuhr die schwere Abrissbirne nach hinten.

»Wir werden es nicht verkaufen«, sagte ich.

»Wollen Sie hier Blümchen züchten oder was?« Der Mann lachte.

»Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf darüber, was ich vorhabe, okay?

Machen Sie nur einfach Ihren Job und reißen das Haus ab.«

»Okay, okay.«

Der Mann hob entschuldigend die Hände und schlich hinüber zu seinen Arbeitern. Die Abrissbirne wurde losgelassen. Ich hörte das Schreien eines Babys in der Ferne und sah, kurz bevor die Birne einschlug, die Umrisse einer Frau oben im dritten Stock.

C.V. ist die Autorin mehrerer Bücher. Ihr neuestes Werk heißt Ritualistic Human Sacrifice. Sie verbringt ihre Freizeit mit Horrorfilmen oder auf einer ihrer vielen Seiten im Internet.

Übersetzt von Heiner Eden.