Court Merrigan

Die Wolkenfabrik

Jimmy hatte nur einen Seesack dabei. Er zurrte ihn auf der Ladefläche meines klapprigen Chevys fest.

»Meine letzte Fahrt«, sagte er, als er ins Fahrerhaus kletterte. »Nach Hause fährst du alleine, Gary.«

»Es ist dir also wirklich ernst«, sagte ich.

»So ernst wie ein Hausbrand. Bring mich zum Busbahnhof.«

Ich bog aus dem Seitenweg ab auf die Straße. Wir fuhren an dem Schnellrestaurant vorbei und dann die schmale einspurige Schotterstraße hinunter, die an der Staatsgrenze entlangführte. Alle zwei Wochen kutschierte ich Jimmy nach Cheyenne und kippte ein paar Bier, während er seine Ware an den Mann brachte. Dann ging’s wieder zurück und ich bekam meine zwei Hunnis. So machten wir es seit vier Jahren.

Jimmy steckte sich einen Joint an und hustete laut und feucht. Seine Haut war gelblich, seine Haare verfilzt. Als er mir den Joint reichte, sah ich seine schrumpeligen Fingernägel. Das kommt davon, wenn man Crystal Meth kocht. Dabei war Jimmy nicht wie andere Speedfreaks, die ihren Stoff in irgendeiner versifften Baracke zusammenbrauten. Seine Küche war so sauber, dass man vom Boden essen konnte.

Ich fragte: »Was ist mit deiner Küche?«

»Hab sie abgefackelt.«

Wir glitten über den Schotter. Hinter uns flog Staub hinauf in die grelle Junisonne. Am Horizont war schon der dichte Rauch über dem Kraftwerk zu erkennen, das gleich vor Cheyenne stand. Ich nannte es noch immer die Wolkenfabrik, so wie ich es schon getan hatte, als Jimmy und ich noch Kinder waren.

Jimmy warf mir einen Briefumschlag in den Schoß.

»Eine kleine Abfindung«, sagte er.

Ich quetschte den Umschlag in meine Hosentasche. Er war ziemlich dick.

»Dafür, dass du all die Jahre so’n guter Kumpel warst«, sagte Jimmy. »Sind zwanzig Riesen. Kauf dir ‘nen neuen Pickup. Oder zwei gebrauchte.«

»Jesus, Jimmy. Zwanzig Riesen?«

»Fang jetzt bloß nicht an zu flennen.«

Wir fuhren über die Hügelweiden, dort, wo es nichts gab außer Kühen und Ziegen und fluchenden, unterbezahlten Farmarbeitern. Andere Jimmys. Er hustete wieder gegen seine rissigen Fingerknöchel.

»Und?«, sagte Jimmy. »Was glaubst du, wie viel ich in der Tasche habe?«

»Mehr als zwanzig Riesen.«

»Worauf du einen lassen kannst. Vierhundertfünfzig Tausend und sechshundertdreißig Scheinchen. Hab’s dreimal nachgezählt. Ich zähl’s schon seit vier Jahren.«

»Du hast vierhundert Riesen in einen Seesack gestopft?«

»Jup. Sie schmeißen’s einfach in den Gepäckraum ohne überhaupt draufzuschauen.«

Wir fuhren über die alte Brücke bei Hamond Creek. Die Reifen polternden über die Bretter, die sich langsam von ihren Bolzen lösten. Ich blickte hinüber zu Jimmy um zu sehen, ob er den Hügeln um uns herum vielleicht auf Wiedersehen sagte. Aber er sah aus, als könnte er es nicht erwarten, für immer von hier zu verschwinden.

»Du machst dir überhaupt keinen Kopf, oder?«

Er dreht sich zu mir um. »Wieso?«

»Keine Ahnung. Nur so.«

Jimmy zündete sich eine Zigarette an. Er sagte: »Du kannst das Ding an mir riechen, stimmt’s?« Er holte eine Pistole hervor, eine funkelnde kleine Beretta. »Ich sollte sie verdammt noch mal aus dem Fenster schmeißen. Jetzt gleich.«

»Ich weiß nicht«, sagte ich. »Das Teil lässt dich vielleicht besser schlafen.«

»Das Teil bringt mir nur Probleme, bei denen es mir nicht helfen kann.« Jimmy reichte mir die Beretta. »Willst du sie haben?«

»Verdammt, Jimmy. Ich kenn mich mit den Dingern nicht aus.«

»Nimm sie oder ich schmeiß sie weg.«

Ich nahm sie. Jimmy löste seinen Sicherheitsgurt und zog sein T-Shirt hoch, um das Holster unter seiner Achselhöhle abzuschnallen. Es war eine winzige Ledertasche. Nicht einmal eine Beule war unter Jimmys T-Shirt zu sehen gewesen.

Ich sah wieder auf die Straße. Dort stand ein Mann und winkte.

Ich trat auf die Bremse und zog das Lenkrad herum. Aber die Straße war schmal, und der Mann segelte über meine Windschutzscheibe. Der Pickup schleuderte den Hügel hinunter, überschlug sich einmal und landete wieder auf den Rädern.

Ich saß alleine im Fahrerhaus. Ich hielt die kalte Pistole in der Hand. Jimmys Zigarette lag auf der Fußmatte. Kringel aus Qualm stiegen in die Luft. Überall funkelten Splitter der Windschutzscheibe.

Eine abgetrennte Hand wippte auf der Fläche über dem Handschuhfach.

Ich schnallte mich ab und stieß die Tür auf. Ich taumelte ins Freie und stolperte in einen Kaktus. Ich stand auf und starrte auf die Stacheln in meiner Hand. Ich konnte sie nicht spüren.

Ich ging zur Ladefläche des Chevys und nahm den Seesack an mich. Die vierhundert Riesen schienen vierhundert Pfund zu wiegen.

»Jimmy«, rief ich.

Ich fand ihn, wo er aus dem Fahrerhaus geflogen war. Das Fahrerhaus hatte sich über ihn hinweg gerollt. Mein Magen drehte sich um. Ich drehte mich weg.

Ich stieg den Hügel hinauf. Meine Beine zitterten, trugen mich aber. Der Weg nach oben schien verdammt weit zu sein.

Auf der Straße sah ich eine lange Bremsspur, die in einer Reihe umgepflügter Sträucher endete. Auf der anderen Seite der Fahrbahn stand ein weißer Lincoln mit texanischen Kennzeichen und leuchtenden Warnblinkern. Der hintere Reifen auf der Fahrerseite war platt. Die Radkappe lag auf dem Boden, daneben ein Wagenheber. Jimmy hätte wohl gesagt, dass der Wagen nur einen Reifenwechsel vom Idealzustand entfernt war.

Die Schlüssel baumelten im Zündschloss. Auf dem Navigationsgerät blinkte »kein Signal«. Im Radio lief irgendeine Talkshow. Ich schaltete es ab, verstaute den Seesack auf dem Beifahrersitz und steckte die Pistole in meinen Hosenbund. Ich öffnete den Kofferraum und fand einen Koffer und darin ein sauberes weißes T-Shirt und eine Baseballkappe.

Ich zog mein Hemd aus und das T-Shirt an und setzte mir die Kappe auf. Dann ging ich zum Platten und machte mich an die Arbeit. Auf meiner Jeans entdeckte ich kleine Tupfer aus Blut und Glas. Aber sie fielen nicht weiter auf. Der Umschlang mit meinem Geld war verschwunden. Meine Hand brannte wegen der Kaktusstacheln.

Ich musste noch eine Radmutter aufziehen, als ein Geländewagen am Scheitel des Hügels auftauchte. Ich zog mir das T-Shirt aus der Hose, um die Pistole zu verdecken. Der Geländewagen hielt mitten auf der Straße. Ich hob meine Hand.

»Hey, Stan«, sagte ich.

Stan betrachtete die Bremsspuren, die Sträucher, mich. »Was zum Henker«, sagte er. »Wo ist dein Pickup? Wem gehört der Wagen?«

»Keine Ahnung. Es gab einen Unfall. Ich bekomme hier keinen Empfang. Du?«

»Nein«, sagte Stan. Er stieg aus und strich mit dem Schuh über die Bremsspur. »Der Wagen stand einfach da? Wo ist der Fahrer?«

»Dort unten«, sagte ich. »Überall... dort unten.«

Stan ging an den Rand der Straße und blickte den Hügel hinunter. Er pfiff leise. »Würde sagen, du hattest wirklich einen Unfall.«

Ich schoss Stan in den Hinterkopf. Er stürzte den Hügel hinab und rollte in einen Salbeibusch. Ich ging zu seinem Wagen, fand einen langen Schraubenschlüssel und klemmte ihn zwischen den Fahrersitz und das Gaspedal. Ich riss das Lenkrad herum und drehte den Zündschlüssel. Fast hätte es mir den Arm abgerissen, als der Wagen den Hügel hinunter sauste. Ich ging zurück zum Lincoln und befestigte das Ersatzrad. Dann stieg ich ein und fuhr los in Richtung Wolkenfabrik.

Ein paar Meilen weiter begann ich mich zu fragen, ob Jimmy mich mit der Geschichte von dem Geld nur verkohlen wollte. Ich hielt nicht an um nachzusehen. Ich wollte die Hügel so weit wie möglich hinter mir lassen.

Als ich Cheyenne erreichte, zitterten meine Hände wie verrückt. Ich behielt sie in den Hosentaschen, als ich den Truck Stop betrat. Es fühlte sich an, als ob jeder verdammte Hundesohn in dem Restaurant mich anstarren würde. Ich nahm eine der Fernfahrerduschen in Beschlag und stellte die Reisetasche unter einem Gemälde aus Penissen an der Wand ab. Ich öffnete die Tasche. Jimmy war ein guter Kerl. Das Geld war da. Die Bündel lagen unter einer Schicht aus Büchern, T-Shirts und Sportsocken. Darauf lagen ein Greyhound-Ticket und eine Brieftasche mit einem kalifornischen Personalausweis ohne Bild und ausgestellt auf David Shandy.

»David Shandy«, sagte ich zu mir selbst. »Dave. Freut mich, dich kennenzulernen.«

In der Dusche gab es keinen Spiegel. Ich blickte in mein verzerrtes Spiegelbild im Papiertuchspender und richtete mich so gut es ging her. Ich vergrub meine alte Brieftasche tief im Abfalleimer unter matschigen Papiertüchern. Dann zog ich ein paar Scheine aus einem der Geldstapel und verstaute sie in meiner neuen Brieftasche. Die Beretta versteckte ich in einer der Socken.

Vorne im Truck Stop kaufte ich eine Coke und eine Tüte Beef Jerky und fuhr in die Innenstadt.

Ich stellte den Lincoln auf dem Parkplatz eines Supermarktes ab, warf die Schlüssel in einen Mülleimer und lief zum Busbahnhof. Am Schalter schob ich mein Ticket durch den Schlitz im zerkratzten Sicherheitsglas, hinter dem die Dame saß. Ich konnte mein Gesicht schemenhaft im Glas sehen. Ich versuchte zu erkennen, ob ich noch immer ich selbst war oder nicht. Es war schwer zu sagen. Dann bemerkte ich, dass die Dame hinter dem Glas mit mir redete.

»Sir? Las Cruces?«

»Was?« sagte ich.

»Las Cruces. Ist das ihr Reiseziel, Sir?«

»Ja«, sagte ich. »Las Cruces. Das ist mein Ziel.«

»Bitte nehmen Sie im Wartebereich Platz, Sir«, sagte die Dame.

Ich nahm im Wartebereich Platz und legte meine Füße auf den Seesack. Ich beobachtete die Autos, die die Hauptstraße entlangfuhren und zählte Beulen im Blech und Risse in den Windschutzscheiben. Als es Zeit war in den Bus zu steigen, ließ ich sie den Seesack in den Gepäckraum schmeißen. Jimmy hatte recht gehabt. Niemand schaute drauf.

Court ist der Autor von Moondog Over The Mekong (Snubnose Press) und Kurzgeschichten, die in Needle, Weird Tales, Plots With Guns, Noir Nation und anderen Magazinen erschienen sind. Er lebt mit seiner Familie in Wyoming.

Übersetzt von Heiner Eden.