CS DeWildt

Der Stier

»Steh auf, Jakey.« Der Junge saß schon in seinem Bett. Er roch Eier. Sein Frühstück. Fünf um fünf, wie jeden Morgen, dazu drei Scheiben Toast ohne Butter. Die Eidotter starrten ihn an wie gelbe Augen. Er zerstach sie mit der Ecke des Brotes und sah zu, wie die zähe Flüssigkeit zerlief. Jake verschlang sie hungrig und voller Vorfreude. Er hatte keine Angst.

Dad brachte ihm ein großes Glas Wasser und ein kleines Glas Saft. Jake wischte den Rest des erkaltenden Dotters mit seinem Finger vom Teller und aß es.

»Wann fahren wir?«, fragte Jake.

»Sobald du fertig bist. Trink dein Wasser.«

»Okay.« Jake hob das Glas und Dad ging raus um zu rauchen. Er rauchte nie in ihrem Wohnwagen. Wegen des Jungen. Er tat nichts, was ihm schaden könnte. Das war eines der wenigen Dinge, die ihm wirklich am Herzen lagen.

Dad kam aus dem Gefängnis, als Jake zehn Jahre alt war. Er wusste nicht einmal, dass es den Jungen gab. Jake war das Ergebnis eines genehmigten Schäferstündchens im Knast. Seine Mom besuchte Dad erst eine ganze Weile nach der Schwangerschaft wieder. Sie erzählte ihm von Jake erst am Tag vor seiner Entlassung. Nachdem sie gegangen war, saß er alleine in seiner Zelle und wartete darauf, dass die Türen ein letztes Mal aufgeschlossen wurden. Es war der längste Tag, den er im Knast erlebte.

Jake wusch sein Geschirr ab und stellte es zum Trocknen neben die Spüle zu der Bratpfanne, die Dad schon abgewaschen hatte. An der Tür zog er seine Sportschuhe an. Er strich mit dem Finger über die dünnen Sohlen. Sie waren abgetragen und glatt, ganz anders als die Narbe auf seiner linken Wange, dem nicht zu übersehenden Überbleibsel eines Hundebisses. Er würde sich sobald es ging einen Bart wachsen lassen.

Jake war fünf Jahre und der Hund ein Streuner, wahrscheinlich in irgendeiner Scheune geboren und sicherlich kein Haustier. Er hatte sich auf ihr Grundstück verirrt und sich in Jake verbissen. Der Junge hätte es wohl nicht überlebt, wenn er nicht so geistesgegenwärtig gewesen wäre, dem Tier ein Taschenmesser in den Bauch zu stoßen. Das Messer mit dem Perlmuttgriff gehörte seinem Vater. Jake hatte es in einer Werkzeugkiste im Keller gefunden. Der Hund lag vor dem Wohnwagen und verweste, bis der Gestank nicht mehr auszuhalten war. Mit einem Tuch vor seinem zusammengeflickten Gesicht, um den Staub und den Geruch fernzuhalten, grub der Junge ein Loch und stieß den Hund mit seinem Fuß hinein. Jake sah zu, wie sich Maden und Käfer unter dem Fell des Tieres schlängelten. Dann warf er das Messer ebenfalls ins Loch und schüttete es zu.

Dad trat seine Zigarette aus, als Jake aus dem Wohnwagen kam. Der Osthimmel zeigte ein wenig Blau am Horizont. Im Westen war der Himmel noch schwarz und mit Sternen bedeckt. Jake betrachtete den Garten vor ihrem Wohnwagen. Eigentlich war es mehr ein Acker ohne erkennbare Grenzen. Nur braune Erde und Kieselsteine und hier und da wuchernde Sträucher. Uralte Riesenkakteen wankten in der Ferne am Fuß der Berge. Nachbarn gab es hier nicht. Nur den alten Mann, dessen Wohnwagen eine halbe Meile die Schotterstraße hinunter stand. Niemanden, der sich über die staubbedeckten Trainingsgeräte vor ihrem Zuhause mit dem Blechdach beschweren würde. Jack berührte die silberfarbenen Gewichte, die über der gepolsterten Bank warteten. Heute würde er keine Gewichte stemmen. Oder in die Pedale des alten Trainingsrads treten. Oder in die braune Erde stampfen.

»Bereit?«, fragte Dad.

»Jup.«

***

Vater und Sohn saßen wie seitenverkehrte Zwillinge nebeneinander auf den kühlen Plastiksitzen des 79er Oldsmobile, die Köpfe zurückgelehnt, die Arme aus den Seitenfenstern hängend, die Hände im Fahrtwind. Sie fuhren nach Westen, während sich die Sonne von hinten an sie heranschlich. Jake kam es vor, als versuchten sie, dem Feuerball davonzulaufen. Es machte ihm nichts aus. Genauso wenig wie der Traum, der ihm immer wieder in den Sinn kam. Er wusste nie, ob die Erinnerung daran neu oder nur kürzlich zurückdatiert war. Er wollte aufschreiben, wann er zuletzt an den Traum gedacht hatte. Er tat es nie. Und so spielte es sich ab wie immer, und ihm blieb nichts weiter, als das leere Versprechen an sich selbst, sich zu erinnern.

Im Radio erzählten die Nachrichten von gewalttätigen Jugendlichen. Die Täter wurden immer jünger und immer häufiger mischten Mädchen im Teenager-Alter mit. Dad stellte das Radio ab.

»Dort draußen ist es nicht so schlimm, wie es sich anhört«, sagte Dad.

»Ich weiß«, sagte Jake.

»Tust du das?« Dad blickte ihn an. Jake spürte seinen Blick, während er die Catalina Mountains im Norden betrachtete.

»Jup.«

»Gewalt gibt es seit Anbeginn der Welt.«

»Ich weiß.«

»Gut.«

Es war strahlend hell und unbestreitbar heiß, als sie zur Tankstelle abbogen. Vor ihr stand der grün-weiße Truck einer Grenzpatrouille neben einem Pritschenwagen voll Indianer, die Wasser und Branntwein tranken. Jake sah einen Hund, einen schwarz-grauen Hirtenhund, der hechelnd neben dem Eingang lag. Seine Augen waren so glänzend wie seine Rippen sichtbar. Jake beobachtet das Tier, den Kopf gegen die Autotür gelehnt, während Dad hinter ihm den Wagen betankte.

»Darf ich mir den Hund ansehen?«

Dad löste seinen Blick von den rotierenden Zahlen auf der Zapfsäule und sah sich um.

»Aber sei vorsichtig. Und iss was.«

Jake griff durch das offene Seitenfenster, öffnete das Handschuhfach und nahm sich sein Sandwich.

Der Hund beäugte Jake, als er sich ihm näherte. Er sah etwas in der Hand des Jungen, sah, wie der Junge ihm zulächelte. Der Hund roch das Sandwich und sein Schwanz klatschte wedelnd auf den Asphalt.

»Komm, Hündchen.« Der Hund stand langsam auf und lief dem Jungen entgegen. Jake riss die Plastikfolie von seinem Sandwich und biss hinein. Er kraulte den Kopf des Hundes. Jake brach ein Stück von seinem Sandwich ab. Der Hund nahm es vorsichtig. Dabei leckte er dem Jungen die Fingerspitzen ab.

»Guter Hund«, sagte Jake. Der Hund schmatzte auf der Erdnussbutter, die in seinem Maul klebte. Sie teilten sich den Rest des Sandwiches.

»Komm jetzt, Jakey«, rief Dad, als er aus dem Verkaufsraum zurückkehrte. Dad reichte ihm eine Flasche Wasser. Jake schraubte den Deckel ab, goss etwas davon aus und ließ den Hund trinken. Dann nahm er selbst einen großen Schluck und folgte Dad zum Wagen. Er blickte in den Rückspiegel. Der Hund sah ihnen hinterher, bevor er seine ganze Aufmerksamkeit auf den trocknenden Wasserfleck auf dem Asphalt richtete.

Am Nachmittag begannen sie zu schwitzen. Jake kletterte nach hinten, öffnete die Seitenfenster und kletterte zurück in den Beifahrersitz. Er lehnte seinen Kopf gegen die Tür und versuchte, so viel wie möglich von dem Fahrtwind abzubekommen.

»Du musst trinken«, sagte Dad. Jake nahm einen Schluck aus der Wasserflasche. Als er die letzten Tropfen davon trank, dachte er an den Hund. Er hoffte, er hatte ein schattiges Plätzchen zum Schlafen. Und eine kühlende Brise.

***

Im Gefängnis hatte sich Dad Tattoos stechen lassen. Das SS-Abzeichen auf der Brust und ein kleines Hakenkreuz am Handgelenk, das er unter einer Armbanduhr versteckt hielt. Eines Nachts, lange nachdem Mom sie verlassen hatte, sahen sie im Fernsehen eine Dokumentation über Nazis.

»Hasst du Juden?«, fragte Jake.

»Nein«, sagte Dad.

»Aber das ist es, was deine Tätowierungen bedeuten.«

»Ich weiß.«

Jake saß auf dem Teppich, sah hoch zu seinem Dad und wartete auf eine Erklärung. Dad trank den Rest seines warmen Dosenbiers.

»Ich geh eine rauchen«, sagte er.

Jake saß alleine in einem Gemisch aus dem blauen Licht des Fernsehers und dem gelben Schimmer der Stehlampe neben Dads Sessel. Soldaten der Waffen-SS marschierten im Stechschritt über den Bildschirm des Sony Triniton.

Jake kam aus dem Wohnwagen und trat in die kühle Nachtluft. Er setzte sich auf die schmalen Stufen der Trittleiter. Dad sah ihn nicht an und sprach in die Nacht.

»Manchmal macht man gewisse Sachen mit, weil es einfacher ist, als gegen sie zu kämpfen. Dort drinnen und hier draußen gelten ganz unterschiedliche Regeln, weißt du? Es funktioniert nicht immer so, wie man es gerne möchte... es ist schwer zu verstehen.«

Kojoten kläfften und knurrten irgendwo in der Wüste. Dad zündete sich eine Zigarette nach der anderen an.

»Jakey«, sagte er nach einer Weile. »Du musst lernen zu kämpfen.«

***

Der Reifen platzte weit draußen auf der Indian Road.

Jake stand schwitzend in der prallen Mittagssonne und sah Dad zu. Um sie herum war nichts als offenes, dürres Weideland, auf dem Viehzeug, Esel und Pferde grasten. Weiter westlich stand ein weiteres Gebirge. Jake hatte keine Ahnung, wie es hieß.

»Du musst die Muttern lösen, bevor du den Wagen aufbockst. Sonst ist es die reinste Plackerei.«

»Weil sich das Rad dann drehen lässt?«

»Genau«, sagte Dad. Er zerrte an dem Kreuzschlüssel und lockerte vier der fünf Muttern, die sich letztlich der Schwerkraft ergaben, als er auf einem Fuß stehend und mit der Hand auf die Motorhaube gestützt sein Gewicht auf das Werkzeug legte. Nur die fünfte Mutter erwies sich als stur und gab nicht nach.

»Verdammt, das Miststück sitzt fest. Hol mir das Ersatzrad, Jakey.«

Jakey hob massive Rad aus dem Kofferraum und rollte es durch den Staub zur Vorderachse des Wagens. Das Rad war schon unzählige Male geflickt worden. Sein Profil war genauso abgerieben wie das von Jakes Schuhen. Dad hob das Rad in die Höhe und ließ es mit Schwung auf den Kreuzschlüssel krachen. Die fünfte Mutter sprang sofort von der Nabe.

»Geht doch.« Jake sah zu, wie Dad den Wagen aufbockte. In der Ferne hörte er das Brummen eines Motors. Er sah ein Fahrzeug, nicht mehr als kleiner Punkt, am Horizont auftauchen. Es wurde schnell größer und lauter, als es durch die heiße, flimmernde Luft über den Asphalt röhrte. Der Pritschenwagen wirbelte Staub auf, als er an ihnen vorbeizischte. Durch die Staubwolke sah Jake den Truck wieder kleiner werden. Es waren die Indianer von der Tankstelle. Auch sie wurden wieder klein.

»Ich glaube, wir haben's. Bring es in den Kofferraum.«

Jake zog den geplatzten Reifen zum Kofferraum und hievte ihn hinein. Dad legte den Wagenheber dazu und schlug den Deckel zu.

»Sind wir zu spät?«, fragte Jake.

Dad wischte die Schmiere und den Bremsstaub von seiner Armbanduhr. »Nein. Zu spät gibt es für uns nicht, weißt du?«

»Ja, ich denke schon.«

Als sie weiterfuhren, schlich ein mit Narben bedeckter Kojote auf die Fahrbahn. Ein Fahrzeug mit funktionierender Klimaanlage hätte ihm eine Pfütze Kondenswasser hinterlassen. Das Tier schnupperte der verblassenden Fährte des Jungen und seines Vaters hinterher. Dann verließ es die Straße wieder und verschwand in der Landschaft auf der Suche nach Nahrung.

Jake hatte seine Mom nicht mehr gesehen, seit Dad nach Hause gekommen war. Jake kannte ihn von alten Fotografien. Sein liebstes war ein Polaroid, auf dem Dad mit nacktem Oberkörper vor einer Harley stand. Das stahlblaue Motorrad hatte eine lange, dünne Gabel. Eine weißblaue Flamme zierte seinen Tank. Dad hielt eine Dose Budweiser und lächelte.

Dad kam durch die Tür des Wohnwagens. Er hatte eine blaue Geschenkbox dabei, die, so hoffte Jake, für ihn bestimmt war. Jake's Mom hatte ihn in einen Anzug gesteckt. Das Schild des Hemdes kratzte ihn im Nacken.

»Hi, Jakey«, sagte Dad.

»Hi, Dad.«

Nach dem Abendessen gab Dad ihm das Geschenk. Er öffnete es vorsichtig, denn er wollte das glänzende Geschenkpapier nicht zerreißen. Jake schälte das Klebeband ab und holte eine Schachtel aus der Hülle.

»Monopoly. Danke.«

»Schon mal gespielt?«, fragte Dad.

»Ja. Aber es gehörte nicht mir. Wollen wir spielen?«

»Klar doch.«

Dad und Jake saßen zusammen auf dem Boden, während Mom den Abwasch erledigte.

Jake riss die Plastikfolie weniger sorgfältig als das Geschenkpapier von der Schachtel. Er öffnete sie und betrachtete ihren Inhalt: rote Hotels und grüne Häuser, einen Würfel, die Zinnfiguren, Karten, das Spielbrett.

»Das Geld fehlt«, sagte Jake.

»Was?« Dad beugte sich vor und blickte in die leere Schachtel. »Verdammt. Was für ein Beschiss!«

»Haben sie es vergessen?«

»Sieht so aus. Tut mir leid, Jake. Wir bringen es zurück und besorgen dir ein Neues.«

Das Monopol-Spiel wurde beiseite gestellt und landete schließlich auf dem obersten Regal von Jakes Wandschrank. Sie brachten es nie zurück. Das wäre eine Aufgabe für Mom gewesen, aber sie verschwand in jener Nacht. Keiner von ihnen hatte sie seitdem gesehen.

»Wo ist sie denn hin?«

»Weg«, sagte Dad.

»Für wie lange?«

»Wahrscheinlich für immer.«

Es war das letzte Mal, dass sie über Mom sprachen.

Und dann begann das Training.

Jake hatte nicht die Zeit, an Mom zu denken oder sie zu vermissen. Dad hielt ihn auf Trab mit einem steten, disziplinierten Trainingsprogramm. Die Eier, das Laufen, das Trainingsrad, die Sandsäcke. Ohne einen einzigen freien Tag.

»Das Gefängnis hat mir einen Weg gezeigt, den ich sonst nie gegangen wäre«, sagte Dad manchmal, während Jake schnaufte und schwitzte. Jake hörte ihm aufmerksam zu, denn bisher hatte ihm kein Mann etwas vom Leben erzählt.

***

Sie erreichten die alte Farm, gerade bevor die Straße in einen Feldweg mündete und in nackter Wüste endete. Ungefähr dreißig Autos und Trucks parkten im Sand. Hinter dem Gebäude hatte sich eine große Gruppe von Männern versammelt. Jake entdecke die Indianer aus dem Pritschenwagen unter ihnen. Ein Kauderwelsch aus Englisch, Spanisch und den Dialekten der Indianer summte durch die Luft. Es roch nach Testosteron und Whiskey.

»Brauchst du 'ne Minute?«, fragte Dad.

»Nein.«

Dad nahm den schwarzen Stoffbeutel vom Rücksitz und stellte ihn zwischen sich und Jake. Jake öffnete den Reißverschluss. Er holte die weiße Bandage heraus und gab sie Dad. Dad zog ein langes Stück von der Rolle. Jake streckte seine rechte Hand aus und spreizte die Finger. Dad legte ihm die Bandage an, während Jake mit der linken Hand im Stoffbeutel zwischen Vaseline, Eispackungen und Flickzeug wühlte. Er fand den roten Mundschutz. Jake blies den Staub von dem Stück Plastik. Als Dad mit der rechten Hand fertig war, reichte Jake ihm die linke.

Dad schrieb mit einem schwarzen Filzstift »DER STIER« quer über Jakes Bandagen.

Die Männer hatten sich in einem Kreis auf dem alten Gehöft versammelt. Jake näherte sich ihnen mit Dad im Schlepptau. Die Männer traten beiseite und öffneten den Weg zu den Metallgattern, deren Enden mit dicken Seilen zusammengeknotet worden waren und nun in einem Ring mit gut zehn Metern Durchmesser standen. Hier hatte irgendwer irgendwann einmal Pferde trainiert und sie im Staub schuften lassen, bis ihr Wille gebrochen war.

Auf der anderen Seite des Ringes stand ein Junge, vielleicht ein bisschen älter als Jake. Auf jeden Fall ein ganzes Stück größer. Jake betrachtete seine bandagierten Fäuste.

»El Toro«, sagte jemand.

Jake zog sein T-Shirt aus und zwängte seinen drahtigen Körper durch die Gatterstäbe. Eine kleine Fanfare ertönte, es wurde geklatscht und gepfiffen. Für das Ereignis, nicht für die Kämpfer.

Der Junge auf der anderen Seite hüpfte und starrte Jake entgegen. Jake fand seinen Blick und hielt ihm stand. Ein zierliches mexikanisches Mädchen betrat die Ringmitte und versperrte den Kämpfern die Sicht auf einander. Sie hielt eine weiße Tafel in die Höhe, auf der die Wettquoten geschrieben standen. Jake war der Underdog. 13 zu 1. Dad setzte immer hundert Dollar auf ihn, Underdog oder nicht.

Jake betrachtete das Mädchen, das kaum älter war als er. Sie drehte sich im Kreis mit der Tafel über ihrem Kopf. Eine Hälfte ihres Gesichts war wunderschön, makellos. Die andere war übersät mit purpurfarbenen Brandnarben. An manchen Stellen war sie kahl. Ein Ohr war zu einem winzigen Klumpen schwarzen Fleisches geschrumpft.

Sie verließ den Ring. Jakes Gegner sprach zu dem Mann in seiner Ecke. Wahrscheinlich sein Vater. Er war klein und alt, gebräunt und verbogen wie gebratener Speck.

Dad stand hinter dem Gatter mit einem Handtuch in der einen und einer Wasserflasche in der anderen Hand. »Wie gehst du es an?«

»Ich gehe rein.«

»Wann?«

»Sofort.«

»Und dann?«

»Ich schlage zurück, egal, was er versucht.«

»Und warum tust du das?«

»Er wird mich nicht mehr treffen wollen.«

»Genau. Sein Schwachpunkt?«

Jake beäugte sein Gegenüber. Der Junge sah aus wie ein Erwachsener mit dem Kopf eines Jugendlichen. Sein Gesicht war rot vor Akne. Er war muskulös und sein Oberkörper mit grünen, selbstgemachten Tätowierungen verziert. Betende Hände auf der Brust, hier und dort Grabsteine und bedeutungsvolle Daten, auf dem Hals das Gesicht eines Babys mit einem einzigen Wirt darunter: AMORE.

»Kein Schwachpunkt.«

»Ha. Jeder hat einen Schwachpunkt. Du findest ihn und lässt nicht locker.«

»Okay.«

»Und scheiß auf die Quoten. Sie kennen dich nicht. Er lebt nur von seiner Körpergröße. Sie halten ihn für einen harten Kerl, aber sie haben keine Ahnung, was ein harter Kerl ist. Du zeigst ihnen, was das ist, verstanden?«

»Ja.«

»Sag es.«

»Ich bin ein harter Kerl. Nicht er.«

»So ist es richtig, Jakey. Nicht lockerlassen.«

Ein Mexikaner schlug mit einer halben Meter langen Stahlstange oben aufs Gatter. Der Knall war dumpf und schwer. »Runter von dem Gatter, ihr dummen Wichser!«

Drei betrunkene Kerle kletterten hinab. Der Mexikaner schlug wieder aufs Gatter und schickte blecherne Schwingungen in alle Himmelsrichtungen. Er war zufrieden mit dem Klang des improvisierten Gongs.

»Boxt!«, befahl der grauhaarige Ringrichter.

Jake senkte das Kinn und schritt zur Mitte des Rings. Er blickte an seinen erhobenen Fäusten vorbei und schätzte die Reichweite seines Gegenübers ein. Er würde dessen Jabs einstecken. Der Infight war Jakes Platz. Er würde dem grün bepinselten Kerl die Luft abschnüren.

Die Schläge kamen wuchtig und trafen Jake am Kopf. Doch er schob sich weiter vorwärts, durch den brennenden Schmerz hindurch. Noch zwei kurze Geraden, mehr Schmerzen, überall Rauschen. Jake machte weiter und verkürzte die Distanz, während die Meute hinterm Gatter schon ihren Gewinn zählte.

»Komm schon, Jakey! Auf ihn! Auf ihn!«

Jake hörte Dads Worte nicht. Aber sie landeten irgendwo in seinem Unterbewusstsein und er tat, wie ihm befohlen wurde. Er blockte einen Jab, machte einen Schritt zur Seite und ließ eine Salve von wütenden Schlägen auf den Körper seines Gegners los.

Der Junge machte sich krumm und versuchte, seine Rippen zu schützen. Mit jedem Schlag bohrte Jake die Knöchel seiner Finger in die Arme des Jungen, als wollte er sie zerschmettern. Er bearbeitete den Körper vor ihm mit einer wilden Serie, bis der Junge seine Deckung fallen ließ. Mit der Rechten landete Jake einen harten Aufwärtshaken.

Der Junge strauchelte. Seine Augen flackerten. Die Meute tobte. Jake setzte nach. Doch der Junge kam wieder zu sich. Ein kurzer, wütender Austausch von Schlägen, dann ein Clinch.

Der Ringrichter schob die die Kämpfer auseinander und befahl ihnen, weiterzumachen.

Der Junge grinste Jake an. Eine Geste, die zeigen sollte, dass er die Schläge kaum spürte. Doch sie war ein sicheres Zeichen, dass er es tat.

Jake stieß wieder in Reichweite des Jungen hinein. Er schlug auf den Körper und steckte beißende Jabs ein. Immer wieder versuchte Jake Aufwärtshaken, aber sie trafen nicht sauber. Sie prallten an die Schulter des Jungen oder landeten im Nichts.

Jake ließ nicht locker. Er nahm und verteilte schwere Treffer. Ein linker Haken streifte das Kinn des Jungen. Der machte einen Schritt zurück und jagte eine Gerade in Jakes Magengrube, direkt unterhalb des Sternums. Der Schlag raubte Jake die Luft. Seine Brust brannte. Er schnaufte und taumelte.

Der Junge setzte nach.

»Schnapp ihn dir! Er kann nicht mehr!«, rief jemand in dem Gewirr aus Stimmen. Jakes Blick fand den Vater des Jungen. Er lächelte. Sein Mund formte Worte. »Mach ihn fertig!«

Jake richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Jungen. Dessen rechter Arm war zum Schlag gespannt. Jake wartete, bis die Faust auf ihn zuschoss, dann wich er aus. Er spürte den Windzug des Schlages.

Der Gong beendete die Runde.

Jake taumelte zu Dad. Er fand seinen Atem wieder und kam zu sich. Jake lehnte seinen Kopf zurück. Dad goss Wasser in seinen keuchenden Mund. Jake widerstand dem Verlangen, das Wasser herunterzuschlucken. Er spürte den Gegensatz der Kühle in seinem Mund zu der Hitze in seinem schwitzenden Körper. Die Sonne senkte sich langsam zum Horizont. Sie würde noch lange unnachgiebig scheinen.

»Gute Runde, Jakey. Du musst weiter Druck machen! Hat er dich schlimm erwischt?«

»Die Luft war weg. Bin ausgerutscht.«

»Hast du sie gefunden?«

»Sein rechter Haken ist leicht zu erkennen.«

»So ist es richtig. Und nun zeigst du es ihm. Geh immer wieder auf seinen Körper.«

»Okay.«

»Du weißt, was du zu tun hast?«

»Ja.«

Der Mexikaner schlug seine Stange erneut auf das Gatter. Dad gab Jake einen Klaps auf die Schulter.

Jake marschierte los.

»Du bist tot, Kleiner«, spuckte ihm der Junge entgegen. Die Worte kamen undeutlich, aber ihr Klang ließ keinen Zweifel an ihrer Bedeutung.

Jake erwiderte die Drohung mit seiner Rechten, eine nach der anderen, bis die letzte davon eine ungeschützte Rippe des Jungen fand. Jake spürte den Knacks, hörte den Schrei, sah das Zucken. Jake bearbeitete die Stelle, bis ihn ein Haken traf und das altbekannte Weiß vor seinen Augen aufblitze. Ihm gelang eine wuchtige Gerade. Sofort suchte er wieder die gebrochene Rippe.

Der Junge zog sich zurück, doch Jake folgte seinen Schritten. Der Junge änderte die Richtung. Jake folgte ihm und drängte ihn in die Ecke. Jake schlug eine Gerade. Der Junge konterte mit einer Linken, die Jake an der Schläfe traf. Jakes Beine sackten zusammen. Er ging zu Boden.

»...drei, vier, fünf«, zählte der Ringrichter. Jake spürte den heißen Sand an seiner Wange. Die Meute um den Ring tobte. Jake sah den tätowierten Jungen in seiner Ecke. Er sah zwei von ihnen. Der Vater streckte den Arm des Jungen in die Höhe.

»Komm schon, Jakey! Steh auf!«, rief Dad.

»...sieben, acht«, rief der Ringrichter. Jake raffte sich auf. Er schwankte, als sich die Welt um ihn herum beruhigte und sechs Dimensionen wieder zu dreien schrumpften.

Der Ringrichter baute sich vor ihm auf und nahm seine Hände. »Bist du okay?«

»Ja.«

»Sieh' mir in die Augen«, befahl er. Jake öffnete seine geschwollenen Lider und starrte dem Ringrichter ins Gesicht.

»Mir geht's gut.«

Der Ringrichter nickte.

»Boxt!«

Jake ging auf den Jungen los. Er würde nicht locker lassen. Niemals.

Der Junge kam ihm entgegen und schlug eine Rechte, der Jake ohne Mühe auswich. Jake antwortete mit einer Geraden. Sie brach die Nase des Jungen. Fast hätte Jake gelacht beim Anblick des verbogenen Zinkens vor ihm.

Dann begann das Blut zu fließen. Der Junge öffnete seinen Mund, um atmen zu können. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Sein Kinn hing schlaff herab.

Jake beobachtete, wie das Blut aus der Nase des Jungen auf dessen Kinn klatsche und sich dann in einer dreckigen Blutlache im Sand sammelte.

In Jake stieg die Wut hoch. Jake zog sein Kinn ein, straffte seine Muskeln und griff wieder an.

Blutend und wütend hielt der Junge die rechte Hand an seiner Seite zum Schlag bereit.

Jake schob seinen linken Fuß zurück. Er wechselte die Führhand. Der Vater des Jungen schrie. »Pass auf! Seine Linke!«

Aber die rechte Hand des Jungen blieb unten. Er näherte sich Jake und schwang seine Faust.

Jake schätzte die Entfernung und stemmte seine Füße in den Dreck. Eine ungeheure Kraft floss ihm durch Beine, die Hüften entlang, hoch zu den Schultern und hinein in die Arme.

Jakes Faust traf den Jungen unterm Kinn. Die Kiefer des Jungen krachten aufeinander. Er biss sich durch die Zunge.

Jake stellte sich vor, wie er durch den Jungen hindurch schlug, wie sein Gesicht nachgab und in sich zerfiel. Jake spürte Knochen und weiches, feuchtes Gewebe. Er schob seine Faust in den Schädel des Jungen und wuchtete ihn von diesem Planeten.

***

Der Junge schaffte es nicht, aus eigener Kraft aufzustehen und Jake und Dad machten fast drei Riesen.

Dad legte seinen Arm um Jakes Schulter und zog ihn eng an sich heran, als sie zu ihrem Wagen zurückliefen. Die Meute klatschte ihm anerkennend auf den Rücken. »El Toro« wurde zu einem Mantra.

»Danke«, sagte Jake. »Danke.«

Er sah sich nach dem Mädchen um. Er fand sie nicht.

Dad fuhr den Wagen durch die Nacht. Es war still bis auf das Brummen des Motors und dem Zischen des Wüstenwinds, der über das Fahrzeug wehte. Jakes Körper schmerzte, seine Muskeln verkrampften. Sein Gesicht war geschwollen, in seinem Kopf pochte es.

»Hast dich gut geschlagen«, sagte Dad.

»Ich weiß.«

Dad blickte zu ihm hinüber.

»Gut«, sagte er. »Tut's weh?«

»Ist auszuhalten.«

»Mir tut's höllisch weh.«

Jake lachte kurz, bis er vor Schmerzen zusammenzuckte. Er lehnte sich gegen die Beifahrertür und spürte das kalte Glas auf seiner pulsierenden Haut. Er schloss die Augen.

Jake dachte an den Hund von der Tankstelle. Er fragte sich, was aus ihm wohl werden würde. Er sah sich selbst und den Hund hinten auf der Ladefläche des Wagens. Der Hund liebte ihn, diesen Jungen, der ihm vollgesogene Zecken aus dem Fell zog.

Nach einer Weile vergaß er die Schmerzen und schlief ein.

CS ist der Autor von Candy and Cigarettes, The Louisville Problem und dem kürzlich erschienenen Roman Love You to a Pulp. Der Stier erschien als The Bull im Bartleby Snopes-Magazin und in der Kurzgeschichtensammlung Dead Animals (Martin Lit). DeWildt lebt mit seiner Familie im Südwesten der USA.

Übersetzt von Heiner Eden.