DJ Tyrer

Rot und schwarz

Wir gingen in das Gebäude, um das Übernatürliche zu suchen, Dan, Richard und ich. Richard wusste von dem Vorfall von jemandem aus dem Amt für sozialen Wohnungsbau: Eine Familie war aus ihrer Wohnung geflohen, nachdem es dort gespukt hatte. Das Amt hegte große Zweifel an der Geschichte, aber die Familie pochte auf ihre Menschenrechte, und so wagte es niemand Nein zu sagen, als sie eine neue Unterkunft verlangte, ganz gleich wie abstrus ihre Begründung dafür auch war. Dank unserer Kontaktperson erhielten wir entgegen aller Vorschriften Zugang zu der Wohnung.

Wir fuhren in Richards Auto in die Siedlung und stellten es auf der Parkfläche unterhalb des Gebäudes ab. Dort standen nur zwei weitere Fahrzeuge, wovon eines ein ausgebranntes Wrack war, an dem etliche Strafzettel klebten. Richard hatte kein gutes Gefühl dabei, sein Auto unbeaufsichtigt zu lassen, nachdem wir an der Zufahrt zu der Siedlung eine Gruppe von halbstarken Teenagern passiert hatten, die aussahen, als gehörte Vandalismus zu ihren liebsten Beschäftigungen. Der Grund, warum es hier nur wenige Autos zu sehen gab, lag neben der Angst vor Diebstahl und Rowdytum darin, dass die Häuser bereits zur Hälfte verlassen waren und die Leute, die hier noch wohnten, sich schlicht keine leisten konnten.

Die Bewohner waren wegen Abrissplänen nach und nach aus der Siedlung entfernt worden, doch aufgrund der Rezession wurden die Pläne auf Eis gelegt — auch weil es kaum mehr alternative Unterkünfte gab. Das Fehlen von Menschen verschärfte den Eindruck der Verwahrlosung.

Wir betraten das Gebäude durch eine Sicherheitstür, die alles andere als sicher schien: Das schwere Ungetüm aus Metall baumelte an seinen Scharnieren wie die morsche Tür einer Bretterbude. Der Eingang führte in ein düsteres, versifftes Treppenhaus, das roch, als wäre es erst kürzlich als Klo benutzt worden. Engmaschige Metallgitter vor den Fenstern ließen nur wenig von dem zu dieser Jahreszeit ohnehin schwachen Tageslicht ins Innere. Die Wandleuchten brannten entweder gar nicht oder sie flackerten nervös ins Halbdunkel.

Als wir unser Stockwerk erreichten, lag ein schmaler, geschlossener Flur vor uns, der zwischen zwei Reihen von Türen verlief. Die Fenster am linken Ende des Flures waren mit Brettern verschlagen, am rechten fehlten sie völlig, was für ausreichend Licht und einen kühlen Windzug sorgte. Der Boden sah aus, als wäre er irgendwann einmal gewischt worden, aber nur derart, dass der Schmutz in kreisförmigen Bahnen aufgewirbelt wurde, bis er in kleinen Haufen an der einstmals beigefarbenen Fußbodenleiste kleben blieb.

Auf halbem Weg den Flur hinunter fanden wir die Tür zu der Wohnung, die wir suchten. Der Lack der Holztür war zerkratzt und genau wie die Wände des Flures mit Graffiti übersät. Dan steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn herum und öffnete die Tür. Wir gingen hinein. Die Wohnung war kein besonderer Anblick: zwei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, ein Bad, ein Gäste-Klo, eine kleine Küche mit einem Geschirrschrank. Die Räume hatten allesamt mattgraue Wände, nur die Schlafzimmer nicht. Eines war rosa gestrichen und voll mit Postern, die zu einem kleinen Mädchen passten. Das andere war in einem dunklen Rot mit schwarzem Touch gehalten. Das Mobiliar war spärlich. Ich bin mir nicht sicher, ob die Familie nicht die Zeit gefunden hatte, ihre Habseligkeiten abzuholen, oder ob sie sich nur die besten Stücke herausgesucht und den Rest zurückgelassen hatte. Jedenfalls sah die Wohnung alles andere als einladend aus. Auf dem kleinen Balkon, der aus dem Wohnzimmer führte, stand ein Blumentopf mit einer verdorrten Staude. Ich hielt mich von dem Balkon fern, da seine Umrandung aus Glas bestand und ich ein Problem mit Höhen habe.

Wir verbrachten eine Weile damit uns umzuschauen. Es geschah nichts Außergewöhnliches oder Übernatürliches. Es war alles ziemlich ereignislos. Das Magnetometer und das Thermometer, die wir mitgebracht hatten, registrierten keinerlei Abweichungen. Ich stellte im Wohnzimmer eine Videokamera auf in der Hoffnung, sie würde während unseres Aufenthaltes etwas Verwertbares aufzeichnen.

Das Einzige, was einem übernatürlichen Ereignis nahe kam, war ein seltsames Geräusch aus dem Wohnzimmer. Es stellte sich heraus, dass, nachdem wir das Licht eingeschaltet hatten, eine Schnake oder Langbeinmücke wie wild mit ihren Flügeln gegen die Glühbirne schlug, bis sie schließlich aufgab und sich wie ein übergroßer Moskito an der Zimmerdecke niederließ.

Obwohl eigentlich nichts passierte, fühlten wir uns schnell nervös, ungeduldig, schreckhaft. Die Atmosphäre in der frostig kalten Wohnung war bedrückend. Ich verspürte tatsächlich Angst, obwohl es dafür absolut keinen vernünftigen Grund gab. Ich kannte Situationen, in denen eine seltsame Begebenheit genügte, um Schrecken zu verbreiten, oder in denen etwas, dass sich nicht eindeutig zuordnen ließ, den Verstand verunsicherte — das Geräusch der Schnake wäre ein gutes Beispiel dafür gewesen, wenn wir dessen Ursache nicht erkannt hätten — und die Angst im Inneren langsam zum Wallen brachte. Aber das hier war anders. Das hier ging tiefer und war durch nichts zu erklären. Schon bald pochte mein Herz und ich dachte daran, einfach zu gehen. Schließlich handelte es sich keineswegs um eine offizielle Untersuchung. Wir konnten jederzeit abbrechen und vielleicht die Videokamera zurücklassen (und hoffen, dass sie nicht davonlief) und am nächsten Morgen wiederkommen, wenn es ein wenig heller war.

Draußen hatte es zu nieseln begonnen und das Licht schwand zusehends. Sogar das Licht der Lampen in der Wohnung schien weniger zu werden, wenigstens ein bisschen. Es waren Energiesparleuchten, keine Glühfadenlampen, was eine Erklärung dafür sein mochte. Ihnen fehlt die Leuchtkraft ihrer Vorgänger, wenn Sie mich fragen.

Da wir uns noch nicht endgültig dazu entschlossen hatten zu gehen, setzten Richard und ich uns ins Wohnzimmer, wo wir nervös auf unseren Plätzen hin und her rutschen und kaum miteinander redeten. Wir saßen da in fast kompletter Stille, beinahe so, als fürchteten wir uns davor, Aufmerksamkeit auf unsere Gegenwart zu erregen.

Die angespannte Atmosphäre machte Dan noch mehr als uns zu schaffen. Von irgendwoher hatte er rote und schwarze Tafelkreide. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob er sie mitgebracht oder in dem Kinderzimmer gefunden hatte. Wir hörten ihn damit in dem schmalen Eingangsbereich kritzeln, der sich von der Wohnungstür erstreckte. Das sanfte Geräusch wurde so unerträglich, dass wir schließlich nachguckten, was Dan trieb.

Er saß auf Händen und Knien auf dem grau gekachelten Fußboden und arbeitete fieberhaft an einem Kreidemuster. Ein schwarzes Rechteck füllte die Fläche vor der Tür. Es war von einem roten, eigenartig gekräuselten Muster durchsetzt, das in sich selbst verflochten und zu verschwimmen schien, je länger ich es anstarrte. Die Bedeutung des Symbols erschloss sich mir nicht, aber irgendetwas in seiner Form und die Art und Weise, mit der Dan die Kreide auf den Boden rieb, um es zu konkretisieren, ließ mein Herz noch lauter und schneller schlagen. Gleichwohl fühlte ich mich nun seltsamerweise ein wenig besser, denn die eigentümliche Kreidezeichnung machte nicht nur meine Furcht greifbar, so irrational diese auch war, sondern versetzte mich in Erstaunen.

»Was ist es?«, fragte ich ihn. »Was machst du?«

Dan würdigte mich keines Blickes. Ich hörte ihn nur etwas wie »vor der Tür« sagen.

Verdutzt lehnte ich mich über die Kreidezeichnung — vorsichtig, um nicht darauf zu treten und sie zu verwischen — und legte die Hände auf die Tür, um mich abzustützen, bevor ich mein Auge zum Türspion führte und in den Hausflur hinaus sah.

Ich erschauderte. Vor der Tür standen zwei Gestalten in graubeigen Kapuzenpullis. Die größere stand etwas weiter hinten und war kaum im Sichtfeld des Türspions auszumachen. Irgendetwas an ihrer Körperhaltung stimmte nicht. Aber es war die andere Gestalt, die mich in Schrecken versetzte. Mit der Kapuze über ihren gesenkten Kopf konnte ich ihre Gesichtszüge nicht erkennen. Doch dann hob die Gestalt langsam ihren Kopf und ich zuckte erschrocken zurück, als ich das deformierte, entmenschlichte Antlitz erblickte.

Natürlich bestand die Möglichkeit, dass es sich bei den Gestalten nur um zwei entsetzlich missgebildete Teenager handelte. Und doch wusste ich sofort, dass sie auf gar keinen Fall menschlicher Natur waren. Ein kalter Schauer kroch mir den Rücken hinunter. Woher wusste Dan von ihnen? Ich hatte sie nicht kommen hören. Und warum waren sie überhaupt hier? Warum standen sie auf der anderen Seite der Tür? Mir schwirrte der Kopf vor lauter Fragen. Die unerfreulichste war vielleicht die, die mir einen Moment später in den Sinn kam: War das Muster, das Dan zeichnete, eine Art Schutzvorrichtung, das die Gestalten von uns fernhalten sollte, oder diente es vielmehr dazu, sie herbeizurufen? Mich beschlich das Gefühl, dass Dans Zeichnung im Grunde eine Einladung und ein Willkommensgruß zugleich war. Ich fragte mich, wie lange die beiden schon vor der Tür gestanden hatten und wie lange es dauern würde, bis sie versuchen würden, in die Wohnung zu gelangen.

Richard kam in den Flur und fragte, was Dan machte und warum er es machte.

Dan hörte für einen Moment auf, schwarze Kreide auf den Fußboden zu verteilen. »Sie wollen rein«, sagte er regungslos.

»Wer?« fragte Richard verdutzt.

»Draußen. Zwei Typen in Kapuzenpullis«, sagte ich. »Ich... ich glaube nicht, dass es Menschen sind.«

»Sie wollen rein«, sagte Dan nochmals.

Mit seinem letzten Wort hämmerte es von außen gegen die Tür.

Richard fluchte und wich zurück.

Dan kritzelte mit einem schiefen Grinsen im Gesicht weiter.

Im Bruchteil einer Sekunde traf ich eine Entscheidung, von der ich immer noch nicht mit Sicherheit sagen kann, dass sie falsch war. Ich schubste Dan beiseite und wischte das Kreidemuster in einen formlosen Haufen Staub.

Dan kicherte wüst und lauthals, wie wir es noch nie von ihm gehört hatten. »Dieser Witz geht auf euch!« schrie er. »Der Tod erwartet den, der dem lachenden Gott in die Hände fällt!«

Plötzlich begann die Tür zu bersten und aschgraue Fäuste schlugen durch das dünne Holz. Ich weiß, dass die Tür nicht sonderlich stabil war, aber wer — oder was — auch immer auf sie einhämmerte, hatte verdammt leichtes Spiel mit ihr.

Ich war immer der Überzeugung, dass Vorsicht besser ist als Übermut, und so entschloss ich mich zurückzuweichen. Ich hastete den Flur hinab zu den Schlafzimmern. Hinter mir kicherte Dan schauerlich schrill, während das Holz der Tür knirschte und krachte.

Ich hörte, wie die beiden Gestalten sich einen Weg in die Wohnung bahnten. Ich sprang in das erste der beiden Schlafzimmer (das mit den roten Wänden) und schlug die Tür hinter mir zu. Als ich mich nach etwas umschaute, mit dem ich die Tür verbarrikadieren konnte, bemerkte ich zu meinem Entsetzen, dass das Zimmer die gleiche Kombination aus roter und schwarzer Farbe trug wie Dans Muster vor der Eingangstür. Ich entdeckte sogar dieselbe Art von suggestiven Wirbeln in den Pinselstrichen der roten Farbe.

Als ich mich umdrehte, stieß ich mit dem Fuß gegen eine gerahmte Fotografie. Sie kippte um und schepperte auf den alten Vinylfußboden. Auf dem Foto stand ‚Der lachende Mann‘ in kaum entzifferbaren roten Buchstaben geschrieben. Mir stockte der Atem. Eine Art Clown starrte aus dem Bild zu mir hinauf. Statt der üblichen weißen Schminke trug der Clown ein tiefes Schwarz im Gesicht, das sich kaum von seiner dunklen Kleidung und dem gedämpften Hintergrund des Bildes abhob. Seine Lippen waren blutrot verschmiert, ein Make-up aus roten Kreisen schmückte seine Wangen und umgab seine Augen, die eigenartig leblos erschienen und — wahrscheinlich durch den Gebrauch von Kontaktlinsen — ebenfalls rot waren. Am Revers seiner Jacke steckte ein Abzeichen, auf dem ich das Symbol erkannte, das Dan vorhin gekritzelt hatte.

Ich hörte grauenhafte Schreie aus dem Flur. Die beiden Gestalten hatten Richard erwischt. Da mir niemand ins Schlafzimmer gefolgt war, obwohl ich durch die Fotografie abgelenkt vergessen hatte, die Tür zu verbarrikadieren, nahm ich an, dass sie sich auf Richard als das nächstbeste Opfer gestürzt hatten. Ich entschloss mich, einen Fluchtversuch zu wagen. Ich weiß, dass es herzlos und feige erscheint, Richard derart im Stich zu lassen, aber ich bezweifelte, dass ich etwas hätte tun können, um ihm zu helfen, und ja, ich glaube fest an den Trieb zur Selbsterhaltung. Außerdem hatte ich nicht das geringste Verlangen danach, in einem Zimmer mit diesem abscheulichen Clown zu bleiben, der mich mit seinen toten Augen angrinste.

Ich stürmte in den Flur, der nun leer war, hin zu den geborstenen Überresten der Wohnungstür und Dans verwischter Zeichnung.

Genau in diesem Moment taumelte Richard aus dem Wohnzimmer und packte den Türrahmen in einem vergeblichen Versuch, nicht zu Boden zu stürzen. Sein entsetzter Blick zerriss mir das Herz, denn ich wusste, dass ich nichts tun konnte, um ihm zu helfen. Seine Kehle war durchtrennt. Blut strömte in verräterischen roten Linien hinunter auf seinen schwarzen Mantel. Als er in sich zusammensackte, ergossen sich kleine Rinnsale aus Blut über den Boden und vermengten sich mit dem Kreidestaub. Hinter ihm sah ich seine beiden Mörder, die sich wie im Zeitraffer auf mich zu bewegten.

Ich drehte mich weg und rannte los. Ich stürzte durch die Wohnungstür und knallte geradewegs gegen die Wand auf der anderen Seite des schmalen Flures. Ich wagte es nicht, mich umzusehen, als ich durch den Flur hin zum Treppenhaus eilte. Ich hastete die Treppen hinunter, immer zwei Stufen auf einmal und immer kurz davor zu stürzen. Nach einer gefühlten Ewigkeit stieß ich die nutzlose Sicherheitstür auf und entkam in die frostige Nacht. Richard hatte die Autoschlüssel. Mir blieb keine Wahl, als meine Flucht zu Fuß fortzusetzen, und so raste ich kopflos durch die Siedlung. Ich sah keine Menschenseele, bis auf die Gruppe von Teenagern, die mich in stummer Faszination beobachteten.

Natürlich ging ich zur Polizei. Sie untersuchten die Wohnung und fanden eine Blutlache, dort, wo Richard zusammengebrochen war. Doch von seiner Leiche fehlte jede Spur. Da Dan ebenfalls verschwunden war, nahmen sie an, dass er mit den beiden Unbekannten unter einer Decke steckte und sie die Leiche zusammen entsorgt hätten. Meine Flucht hätte ihre Pläne durchkreuzt, und deswegen war Dan geflohen. Das war natürlich Blödsinn, aber ich hatte nicht das geringste Verlangen, diese Version in Frage zu stellen und für geisteskrank gehalten zu werden.

Leider hatte die Videokamera nichts Brauchbares aufgenommen, außer Dans bizarren Ausruf und Richards Schreie. Bei seiner Flucht ins Wohnzimmer war er über die Kamera gestolpert, wodurch sie derart fiel, dass ihr Objektiv nur die beigegraue Fußleiste erfasste.

Vielleicht ist es so am besten.

DJ betreibt den Verlag Atlantean Publishing und ist in vielen Sammelbänden und Magazinen vertreten, u.a. Disturbance (Laurel Highlands), Tales of the Black Arts (Hazardous Press), Amok!, Stomping Grounds and Ill-considered Expeditions (all April Moon Books), History and Mystery, Oh My! (Mystery & Horror LLC), Destroy All Robots (Dynatox Ministries), and Sorcery & Sanctity: A Homage to Arthur Machen (Hieroglyphics Press). Seine Novelle The Yellow House ist als Taschenbuch und als E-Book erhältlich.

Übersetzt von Heiner Eden.