Eryk Pruitt

Roadkill Blues

Chad sah den Toten zuerst. Er lag bäuchlings zwischen einem riesigen Kuhfladen und einem der Betonpfeiler unter der Brücke. Sein rechter Arm war komplett ausgestreckt; ein einzelner knochiger Finger ragte in die Höhe. Das Gesäusel von Schnaken schwirrte ekstatisch um die zertrümmerte rechte Wange unterhalb seines trüben Auges.

Chad klammerte sich an einen Pfeiler und würgte grimmige, trockene Laute in die stille Sommerluft. Oben raste gerade ein Sattelschlepper über die Brücke, sodass ich das Wehklagen seines Magens kaum hören konnte.

Ich wusste sofort, was geschehen war, als ich das deformierte barfüßige Bein des Toten hinter Chads erschöpfter Silhouette sah.

»Oh, Scheiße«, flüsterte ich. Eine gespenstige Stille erfasste das Flussbett und erstickte jedes Geräusch, das zu entkommen versuchte. Ein paar Vögel zwitscherten, um uns wissen zu lassen, dass es sie gab, und irgendwo in der Ferne beklagte sich eine Kuh über den aufkommenden Regen. Aber sonst war da nichts.

»Ist er...« Chad brachte den Satz nicht zu Ende. Er beugte sich vor und erbrach. Schaumige Stücke eines Tacos klebten sich hartnäckig an seine Haare.

Ich schritt langsam und ehrfürchtig zu dem Toten hinüber. Er war tot. Ich wusste es, bevor ich überhaupt nah genug war, um es zu erkennen. Das abscheuliche Geräusch, das er gemacht hatte, als er auf die Stoßstange von Chads altem Chrysler geschlagen war, dröhnte mir noch immer durch den Kopf. Ich wusste sofort, dass wir ihn nicht lebend finden würden.

Ich ging in die Hocke. Das Brummen der Schnaken wurde lauter. Ich hätte ja nach einem Puls oder Herzschlag gesucht — oder was immer es auch war, nach dem George Clooney in den Wiederholungen von Emergency Room an einem leblosen Körper suchte. Aber der Gedanke daran, den Toten zu berühren, verursachte in meinem Magen einen hysterischen Anfall.

»Ich hab ihn umgebracht.« Chad stöhnte verzweifelt. »Verdammte Scheiße, ich hab ihn umgebracht. Oder?«

»Vielleicht ist er gar nicht tot.« Ich schloss die Augen, senkte den Kopf und lauschte. Nichts.

Ein Auto fuhr über die Brücke und schickte ein Donnern zu uns hinunter, das mir den Schrei, den ich kaum unterdrücken konnte, aus meiner Kehle stahl.

»Kein Herzschlag«, sagte ich.

»Oh, Scheiße.« Chad stand hinter mir wie ein Idiot mit herunterhängenden Armen. Ich erinnerte mich, dass er vor ein paar Stunden am Strand genauso dastand, als ein paar Typen seinen Wagen aus dem Sand buddelten: hilflos.

Seine Augen tanzten überall hin, nur nicht auf den Toten.

Ich ließ mich auf den Hintern plumpsen. Ich konnte meinen Blick nicht von dem Toten lösen. Eine echte tote Leiche. Der Typ war tot und wir hatten ihn getötet. Die einzigen Toten, die ich bis dahin gesehen hatte, waren Verwandte gewesen. Und die hatten friedlich in ihren Särgen gelegen und darauf gewartet, auf dem Friedhof von Lake Caster unter die Erde gebracht zu werden.

Das hier war ganz etwas anderes.

Der Typ war vielleicht fünfundzwanzig. Nur vier Jahre älter als Chad und ich. Seine Haare klebten in blutverschmierten Büscheln an seinem Kopf. Die rechte Wange war bis zur Unterseite des Kinns aufgerissen. Die Augen, die nichts mehr sahen, starrten geradeaus. Der Mund war in einem stummen Schrei erstarrt, die Lippen und Zähne mit Blut befleckt.

Drei Meter hinter ihm lag sein Rucksack. Der Reißverschluss war offen. Schulbücher verstreuten sich über die Landschaft.

Das hier war alles andere als friedlich.

»Schau dir das an«, sagte ich nachdenklich. »Sieht als, als wäre er noch ein Stück weit gekrochen.«

»Was?«

Ich deutete auf eine kleine Furche im Dreck, die sich bis unter den Toten erstreckte.

»Er muss noch ein, zwei Meter gekrochen sein, nachdem er hier gelandet ist.«

»Du meinst, er hat noch gelebt?« Chad vermied es, den Toten anzusehen. Doch der Schreck stand ihm ins Gesicht geschrieben, als er auf die Furche im Dreck blickte.

»Sieht so aus.« Ich betrachtete wieder den Toten. Wir hatten ihn von hinten erwischt. Das hatte ich zwar nicht gesehen, aber wie ich ihn mir so ansah, sprach vieles dafür. Ich konnte mir vorstellen, wie er sich halb nach uns umgedreht hatte, kurz bevor Chad ihn mit dem Chrysler erwischte und ihn aus seinen Schuhen hinunter in das trockene Flussbett kegelte.

Chads Lippen zitterten. »Was machen wir denn jetzt?«

Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte wirklich keine Ahnung. Was bedeutete es, wenn man jemanden rücksichtlos über den Haufen fuhr, weit weg von zuhause, wo die Leute dich kannten und dir helfen konnten? Ich starrte den Toten an und suchte nach einer Antwort.

»Mord«, flüsterte Chad. Ich fragte mich, ob er meine Gedanken lesen konnte. Er verscheuchte einige Mücken, die um ihn herum schwirrten, ließ sie aber bald gewähren. Eines der Viecher stach ihm in den Nacken und begann zu saugen.

Ein weiteres Auto bretterte mit geschätzten hundertzwanzig Sachen über unseren Köpfen den Highway 80 hinunter.

»Mord«, wiederholte Chad, diesmal ein wenig lauter. »Sie werden sagen, dass es Mord war.« Er betonte das »M« mit Nachdruck.

»Totschlag«, berichtigte ich ihn, obwohl ich mir dessen nicht sicher war. Klar, Chad war viel zu schnell gefahren. Auch hatte er seine Augen nicht auf der Straße. Er hatte an seinem iPod herumgefummelt und nach einem alten Song der Porno for Pyros gesucht, der ihn an ein Mädchen erinnerte – die großartige Janie Barton, die wir, nebenbei bemerkt, auf unserem Weg vom Strand nach Hause eigentlich besuchen wollten – als der Unfall passierte. Ich war in die Straßenkarte vertieft gewesen und hatte sofort aufgeschaut, nachdem ich den Aufprall gehört und gespürt hatte.

Chad ging in die Hocke und zündete sich eine Zigarette an. Seine Augen schimmerten wie in Trance. »Sie stecken mich in den Knast«, murmelte er. »In den Knast, Jeb. Das überlebe ich nicht.«

»Ich glaube nicht, dass du dafür ins Gefängnis kommst«, sagte ich. Und wieder war ich mir dessen nicht sicher. »Die Sonne ging unter und hat uns geblendet. Der Typ war sozusagen im toten Winkel.«

»Aber ich habe ihn auf dem Seitenstreifen erwischt, Jeb. Ich habe irgendeinen Redneck auf dem Seitenstreifen überfahren und dafür schicken sie mich auf den Stuhl!«

»Es war ein Unfall.«

»Aber er ist tot. Und ich habe ihn getötet.«

Ich konnte nichts sagen. Ich wusste nicht, was. Zum ersten Mal im Leben fühlte ich mich gleichzeitig hilflos und ratlos. Ich, Jebediah Craig, der Mann mit den Ideen und den verrückten Plänen, mit denen wir unsere langweiligen Wochenenden füllten (einschließlich diesem verhängnisvollen Strandausflug), brachte kein Wort hervor. Andererseits lag die Schuld an diesem Schlammassel einzig und allein bei Chad. Schließlich war es seine Freundin gewesen, die mit ihm Schluss gemacht hatte und nach zwei Jahren Beziehung (von der er schwor, dass es die treueste war, die er je gehabt hatte) mit all seinen Sachen im Gepäck auf und davon war.

Und doch war ich es gewesen, der den Ausflug an den Strand vorgeschlagen hatte.

Ein paar Mal noch äußerte Chad seine Angst vorm Gefängnis. Ich dachte währenddessen an die halb leere Flasche Maisschnaps, die im Kofferraum lag.

Ein Pritschenwagen knatterte über die Brücke.

»Sie nehmen mir den Führerschein weg«, sagte Chad. Seine Stimme klang fremd und gequält. Er schnippte seine Zigarette fort. Sie flog in einem Bogen über den Toten und landete in einem Ameisenloch.

Ich dachte immer noch darüber nach, was zu tun war.

Eine Brise schlüpfte unter die Brücke, pfiff um die Betonpfeiler herum und tanzte durch die blutverschmierten Haarbüschel des Toten. Sein linkes Auge starrte mich an. Ich wollte es schließen, so wie sie es in den Filmen machten. Aber es zu berühren, würde nur den Schrei loslassen, den ich so krampfhaft für mich behielt.

»Ich wünschte, wir wären nicht gefahren«, murmelte Chad.

Ich riss meinen Kopf herum und starrte ihn an.

»Nun ja, zuerst der Strafzettel, weil ich zu schnell war... und nun das hier. Wenn wir zuhause geblieben wären...«

Seine Worte baumelten unausgesprochen in der Luft. Ich biss mir auf die Zunge.

Wenn es etwas gab, dass Chad besser für sich behalten sollte, dann dass er sich wünschte, er hätte bei einem meiner Pläne lieber nicht mitgemacht.

»Du hast jemanden kaltgemacht, Chad«, spuckte ich ihm entgegen. »Und alles, an das du denkst, ist dein verdammter Führerschein und das verdammte Gefängnis und...«

»Woran sollte ich denn bitteschön sonst denken? An den Typen da? Ich bin es, der noch am Leben ist und hierfür bezahlen muss. Nicht der Typ. Für ihn ist es vorbei. Für mich fängt’s erst an! Manchmal muss man zuallererst an sich selbst denken. Und ich denke, das hier ist so ein Zeitpunkt.«

Ich richtete meinen Blick auf die Furchen im Boden und stellte mir vor, wie der Typ sich durch den Dreck geschleppt hatte, bevor er endlich aufgab und krepierte.

»Was machen wir denn jetzt?«, fragte Chad.

Ich betrachtete den Toten andächtig, als die Sonne einen tiefen Schatten auf sein Gesicht warf. Mich fröstelte. Ich dachte an die Polizei. Die ganzen Fragen (und noch mehr Fragen, wenn sie den Kofferraum öffneten — oder das Handschuhfach, in dem unsere Vorräte lagerten) spukten mir durch den Kopf. Ich hatte zwar nicht hinterm Steuer gesessen, aber trotzdem könnten sie mich ins Gefängnis stecken. Und dann waren da noch unsere Eltern. Wie soll man seiner Mutter erklären, dass man einen Typen mit hundertzwanzig Sachen über den Haufen gefahren hatte?

Aber am schlimmsten nagte mein Gewissen an mir. Ich überlegte mir vergeblich, wie sich das Geschehene auslöschen ließ. Was wir hätten tun können, um es zu vermeiden — zum Beispiel die Tankstelle, an der wir eine Pinkelpause eingelegt hatten, fünf Minuten früher oder später zu verlassen. Mein Verstand schlug Haken, als ob das alles noch eine Rolle gespielt hätte. Die Schwere unseres Tuns lag auf mir wie die Dürre, die das Flussbett überzog.

»Ich schätze, uns bleibt nur eines übrig.«

Chad sah mich an und schien erschrocken vom Klang meiner Stimme. Für einen Moment kehrte die Angst in seine Augen zurück, um gleich wieder zu verschwinden. Es war, als ob er meinen Gedanken las und nur darauf wartete, dass ich sie in Worte fasste.

Meine Finger gruben sich voller Eifer in das lose Erdreich. Die Sonne senkte sich tiefer und tiefer und drohte, schon bald ganz zu verschwinden. Die Zeit lief davon. Für jede Handvoll Erde, die ich aushob, fielen zwei wieder zurück. Ich grub schon eine dreiviertel Stunde und das Loch war nicht einmal einen halben Meter tief.

Chad hatte den Wagenheber aus seinem Auto geholt. Er kniete sich neben mich und stieß die flache Seite des Wagenhebers in den Grund.

»Der Sand ist zu locker«, sagte er.

Ich hasste ihn. Ohne ihn wären wir nicht in dieser Situation, und ich wollte, dass er das kapierte. Ich schaufelte ein Grab für einen wildfremden Menschen unter einer Brücke einer einsamen Landstraße in Texas. Und es war seine Schuld. Meine Zähne knirschten, als sie meine Wut auf ihn gerade so unter Verschluss hielten.

Wir gruben drei lange, heiße Stunden. Die Sonne senkte sich hinter den Horizont. Wir hörten, wie Regen leise auf die Brücke über uns plätscherte. Zwei Autos überquerten sie in dieser Zeit. Schweiß floss von unseren Gesichtern und Achseln, während wir mit müden Händen buddelten. Die Mücken schwärmten ohne Erbarmen um uns, ihre Beute, und attackierten, wann immer sie die Möglichkeit dazu hatten.

Das Loch war gerade einen Meter tief, als wir die rot und blau leuchtenden Lichter des Streifenwagens bemerkten.

Chad erstarrte. Das Buddeln war solch eine unbewusste Routinearbeit für mich geworden, dass ich gedankenverloren weiter machte, bis Chad meinen Arm packte. Mein Herz hörte fast auf zu schlagen.

»Fuck!«, flüsterte er scharf. »Fuck! Fuck! Fuck! Fuck!«

»Pscht!«

Auf der Brücke über uns schlug die Tür des Streifenwagens mit ihrem untrüglichen Klang zu. Nachts, wenn man irgendetwas anstellte, gab es kein Geräusch, das so unverwechselbar und unheilvoll klang, wie die knallende Tür eines Polizeiautos. Das entfernte Rauschen des CB-Funks drang durch die feuchtheiße Nachtluft.

»Was macht er...«

»Pscht!«, zischte ich wieder.

Die Stiefel des Cops klapperten gleichmäßig über die Landstraße, weg von uns.

»Ist der Kofferraum zu?«, fragte ich leise.

Chad nickte.

»Was ist mit dem Warnblinker?«

»Der ist aus«, antwortete er.

Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, der, wie ich hoffte, nicht zu laut gewesen war.

Der Cop sprach in sein Funkgerät. Doch seine Worte und die seines Gesprächspartners verhallten unkenntlich in der Nacht. Dafür tanzte das ominöse Licht einer Taschenlampe entlang der Baumwipfel an der Straße.

»Oh Gott!«, quietschte Chad.

»Er guckt sich nur dein Auto an. Nichts weiter.« Ich versuchte, nicht nur Chad zu überzeugen, sondern auch mich selbst.

»Aber warum?«

»Weil du’s auf dem Seitenstreifen abgestellt hast. Keine Sorge, der verschwindet in einer Minute wieder.«

Mein Bauch, mein Herz und mein Verstand sagten mir, dass das gelogen war. Der Cop würde nicht einfach verschwinden.

Der Strahl der Taschenlampe glitt über die Baumstämme hinunter und suchte den Boden ab. Ich ging davon aus, dass der Cop am Rand der Brücke stand, dort, wo Chads Wagen parkte. Er würde uns nicht sehen können.

Außer er würde den Abhang hinuntersteigen.

Ich riss meinen Blick vom Lichtstrahl los und schaute nach dem Toten. Ein Teil von mir glaubte, dass er nicht mehr an seinem Platz sein würde, dass er sich aufgerichtet hätte, um die Böschung hinaufzuklettern und uns an den Cop auszuliefern.

Doch er lag noch immer da und richtete seinen anklagenden Blick auf mich.

Über uns schlug die Wagentür wieder zu. Der Motor heulte auf und der Wagen fuhr davon. Er nahm die abwechselnd rot und blau blinkenden Lichter mit. Chad ließ seinen Seufzer nur den Bruchteil einer Sekunde vor meinem los.

Eine Gänsehaut überzog meinen Körper. Mein Herz klopfte wie wild, obwohl der Cop schon längst über alle Berge war. Ich schickte einen kurzen Dank an wen auch immer zum Himmel hinauf und stieß meine Finger wieder in den Sand.

Der Regen schlug nun lauter auf die Brücke. Der Wind trug hin und wieder ein paar Tropfen zu uns hinunter. Ansonsten blieben wir vom Regen verschont. Eine halbe Stunde später hatten wir das Loch fertig gegraben. Es maß etwas mehr als einen Meter in die Tiefe. Meine Finger schmerzten. Eine dicke Schicht Dreck bedeckte meine Arme bis hinauf zu den Ellbogen. Ich schmeckte kleine Sandkörner zwischen meinen Zähnen. Nachdem ich mir mit meinem T-Shirt den Schweiß vom Gesicht gewischt hatte, vermutete ich, dass meine Klamotten ebenfalls ziemlich mitgenommen aussahen.

»Ist das tief genug?«, fragte Chad.

»Wird schon.« Am liebsten hätte ich ihm eine verpasst, direkt in die Magengrube. Ich zuckte mit den Schultern. »Es ist mir auch egal. Ich will weg von hier, bevor der Cop wiederkommt.«

»Glaubst du, dass er mein Nummernschild aufgeschrieben hat?«

Ich zuckte wieder mit den Schultern. Ich hoffte inständig, dass der Cop sich das Nummernschild nicht aufgeschrieben hatte.

»Komm, wir werfen ihn rein«, sagte ich leise. Ich wollte mir den Toten nicht länger ansehen müssen. Er würde mich nur anstarren.

Ich drehte mich zu Chad um. Die Nacht verdeckte sein Gesicht, was mir recht war. Ich hätte seinen Anblick genauso wenig ertragen.

»Ich glaube nicht, dass ich ihn anfassen kann.«

»Er muss ins Loch.«

»Jeb, bitte.«

Ich stierte ihn an und hoffte, er würde meinen Zorn trotz der Dunkelheit erkennen. Mein älterer Bruder, Charlie, hatte vor zwei Jahren ein Mädchen geschwängert. Er kannte sie erst ein paar Stunden, als es passierte, und er stand kurz davor zum College zu gehen, als sie es ihm sagte. Er hat sie trotzdem geheiratet. Hat ihr ein zweites Kind gemacht und ist bei ihr in Wilmer geblieben. Zum College ist er nie gegangen. Einmal fragte ich ihn nach dem Grund. Weil ich Verantwortung trage, sagte er mir.

Vielleicht, dachte ich, war er einfach nur dumm. Aber nun wusste ich, wie er sich gefühlt haben muss.

Ich spuckte die Sandkörner aus meinem Mund, beugte mich hinab und griff den ausgestreckten Arm des Toten. Seine Augen verfolgten mich, und wieder unterdrückte ich einen Schrei. Ich musste seine Augen schließen. Mit zitternder Hand legte ich meinen Daumen und Zeigefinger an seine Augenlider. Mein Mageninhalt schwappte mir in den Mund. Ich würgte es wieder hinunter.

Der Mond kam hinter einer Wolke hervor, als ob er dort nur für einen dramatischen Auftritt gewartet hätte, und verteilte sein blasses Licht auf das Gesicht des Toten. Ich drückte seine Augen zu. Für einen Augenblick dachte ich, sie würden wieder aufspringen und mich finden. Aber sie taten es nicht.

»Er ist tot«, flüsterte ich. Chad neigte seinen Kopf zur Seite, und ich lachte hysterisch. Keine Ahnung, worüber.

»Wirf in rein, Jeb.«

Ich zog den Toten in das Loch. Er plumpste auf den Grund und blieb in einer ziemlich misslichen Lage liegen. Sein gebrochenes Bein ragte aus dem Loch hinaus. Ich trat es mit dem Fuß zurück ins Loch.

»Du buddelst ihn ein«, murmelte ich und lehnte mich an einen der Betonpfeiler. Ich zündete mir eine Zigarette an, während Chad den Berg Erde betrachtete.

»Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache«, sagte er.

Ich konnte nur schmunzeln.

Chad schob einen dicken Klumpen Sand hinab auf den Toten. Der Klumpen zerbrach in kleine Stücke, die von dem Toten hinunter auf den Boden des Lochs rollten. Ich raffte mich auf und half Chad.

»Danke«, seufzte er.

»Ich will nur weg von hier.«

Ich schaufelte die Erde in das Loch und wunderte mich, wie wenig davon da war, verglichen mit der Menge, die wir ausgehoben hatten. Chad warf ein paar Handvoll auf das Gesicht des Toten. Die Erde klebte an seinen blutverschmierten Haaren. Ich drehte mich angeekelt beiseite.

»Beeil dich«, sagte Chad.

Ich wandte mich wieder dem Loch zu und war dabei, noch mehr Erde hinein zu schütten, als ich erstarrte. Mein Herzschlag stockte und setzte erst nach einer gefühlten Ewigkeit mit einem kalten, schweren Schnaufen wieder ein. Die Erde fiel mir aus der Hand, und der Schrei, gegen den ich die letzten Stunden gekämpft hatte, löste sich.

Der Tote starrte mich mit seinem fiebrigen linken Auge an.

»Was ist los?«, stammelte Chad. »Was...«

Er brachte den Satz nicht zu Ende. Ein grelles Kreischen aus dem Loch übertönte seine Worte.

Der Tote zuckte wild und gab einen Schrei von sich, der mir so tief in die Knochen fuhr, wie ich es noch nie zuvor und nie seitdem erlebt hatte.

»Oh, mein Gott!«, krächzte ich. Ich begann zu rufen und versuchte, meine Stimme über das Gekreische zu heben. »Er ist noch am Leben. Das ist unmö...« Weiter kam ich nicht. Jeder Muskel in meinem Körper verkrampfte. Mit gerade einmal einundzwanzig Jahren stand ich kurz vor meinem ersten Herzinfarkt.

»Hilfe!«, gurgelte der Tote tief aus seiner Kehle hervor. »Hilfe!« Ich konnte meine Augen nicht von ihm lösen. Sein Mund bewegte sich, in seinem Gesicht stand nackte Todesangst geschrieben. Aber ansonsten blieb sein Körper regungslos.

»Oh, Gott. Hilf mir!« Als ich Chad sah, war es schon zu spät. Er schnappte sich den Wagenheber und sprang in das Loch.

»Das ist unmöglich!«, schrie er. »Du bist tot!«

Er schlug mit dem Wagenhaber auf den mit Dreck und Blut besudelten Kopf ein. Der Tote schrie noch einmal.

»Hiiiilfe!« Er ruderte wild mit seinem rechten Arm — der Arm, an dem ich ihn in das verdammte Loch gezerrt hatte. Er klatsche wie blöde gegen die Seitenwand des Grabes. Seine Finger öffneten und schlossen sich. Manchmal krallten sie sich Erde. Manchmal nicht.

»Halt’s Maul!«, flehte Chad ihn an. Wieder schlug er zu.

Über uns donnerte es. Als ein Blitz den Himmel erleuchtete, sah ich erst, was wirklich geschah. Chad hob den Wagenheber und schlug damit systematisch auf den Hinterkopf des Typen ein. Jedes Mal zuckten die Schreie hervor, als würde ein unsichtbares Band sie herausreißen.

»Halt...«

Chad schlug zu.

»dein...«

Chad schlug zu.

»verdammtes...«

Chad schlug zu.

»Maul!«

Der letzte Schlag zertrümmerte die Schädeldecke. Anstelle der dumpfen Geräusche, die die ersten Schläge erzeugt hatten, hörte ich ein scheußliches Klatschen, als ob eine flache Hand auf Wasser trifft. Aber trotzdem wurden die erbärmlichen Schreie des Toten immer lauter.

»Er... er stirbt einfach nicht!«, stammelte ich. Meine Beine wurden mit jeder Sekunde schwerer und schwächer.

Chad warf den Wagenheber beiseite und kroch aus dem Grab. Er schaufelte Handvoll um Handvoll von der Erde zurück ins Loch mit einem Eifer, den er zuvor nicht gezeigt hatte. Doch das langgezogene, sinnlose Schreien des Toten hörte nicht auf.

»Sei doch still«, flüsterte ich. »Sei doch bitte einfach still.«

Chad warf Erde auf den Kopf des Toten. Er arbeitete schnell und systematisch, so wie er es getan hatte, als er mit dem Wagenheber auf ihn eingedroschen hatte. Die Erde dämpfte die Schreie, bis sie kaum mehr zu hören waren. Ich stand noch immer da wie angewurzelt.

Chad stampfte die Erde mit seinen Schuhen fest und glättete den Boden so gut es ging. Der Sturm war schlimmer geworden, doch selbst der Donner konnte die dumpfen Schreie nicht übertünchen.

»Lass uns gehen«, bellte Chad. Er nahm den Wagenheber und stakste den Abhang hinauf zu seinem Wagen. Ich wartete. Ich musste warten, bis der Tote endlich verstummen würde.

»Komm schon!«, rief er mir von oben zu. Ich erwachte aus meiner Lähmung, strauchelte den Hügel hinauf und ließ den schreienden Toten in seinem anderthalb Meter tiefen Loch in dem ausgetrockneten Flussbett zurück.

Als ich oben ankam, hockte Chad vor dem Brückengeländer. Er war klatschnass. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf etwas an dem Geländer gerichtet.

»Schau dir das mal an«, sagte er. Er deutete auf eine riesige Spinne, die sich an ihr Netz klammerte. Ich hatte noch nie so eine große Spinne gesehen. Trotz des Regens thronte sie anmutig auf den seidenen Fäden ihres Netzes. Chad schnappte einen kleinen grünen Grashüpfer und warf ihn in das Netz. Dort blieb er stecken. Chad lächelte.

»Was machst du...«, begann ich. Dann entschied ich zu warten.

Der Grashüpfer strampelte. Die Spinne stürzte sich auf ihn, wickelte ihn in Nullkommanichts ein und kehrte auf ihren Platz zurück.

»Das ist ja so cool!«, murmelte Chad ehrfürchtig.

Ich hob meine Fäuste und stürzte mich auf ihn.

Eryk ist Autor, Drehbuchschreiber und Filmemacher. Er lebt mit seiner Frau Lana und ihrer Katze Busey in Durham, NC. Seine Kurzfilme Foodie und Liyana, On Command gewannen etliche Preise. Seine Kurzgeschichten erschienen u.a. in Pulp Modern, Thuglit, Zymbol und Pantheon Magazine. Seine Romane Dirtbags und Hashtag sind über jeden guten Buchhandel erhältlich.

Übersetzt von Heiner Eden.