Graham Wynd

Nenn mich nicht Liebling

Luke brach gerade Finger für den Boss, als der Anruf kam. Ich schaute ihm dabei zu, denn das war sein Job. Mein Job war es zu reden und geredet hatten wir genug.

»Ich besorge das Geld!«, schrie Mr. Irving.

»Wann?«

»Donnerstag!«

Ich blickte hinüber zu Luke, diesem starrköpfigen Hundesohn, der zu viele Statham-Filme geschaut hatte und sich selbst für einen Actionstar hielt. Es scherte ihn nicht, dass Hollywood weit weg war, sein rasierter Schädel nicht gerade sexy aussah und sein Körper die Form einer labbrigen Kartoffel hatte. Früher oder später, so glaubte er, würde schon irgendwer seinen mannhaften Astralkörper entdecken.

»Donnerstag okay für dich?«, grunzte Luke. Für seine Verhältnisse klang das fast poetisch.

»Ich denke, das könnte der Boss akzeptieren.« Ich kramte das vibrierende Handy aus meiner Tasche. »Hey, Boss. Er sagt...«

Der Boss unterbrach mich. »Fiona kommt.«

»Was zum Henker erzählst du da?« Ich war sicher niemand, der den Boss anzweifelte, aber der Wahrheitsgehalt dieser beiden Worte wollte sich mir nicht sofort erschließen. Genauso gut hätte er mir erzählen können, dass Elvis in der Stadt ist — und Elvis den Boss und jeden, der sich ihm in den Weg stellte, über den Haufen schießen will.

»Die alte Furie ist wieder da. Ich will ein Empfangskomitee für sie. Und zwar fix.«

Zu behaupten, dass der Boss mit seinen Worten sparsam umging, wäre eine Untertreibung. Aber zu Zeiten wie diesen brauchte es nicht vieler Worte. Ich steckte das Handy zurück in meine Tasche.

»Lass uns gehen.«

Luke schaute enttäuscht wie ein kleines Kind, dem zu Weihnachten ein Hund versprochen worden war, aber das dann nur einen Haufen Unterwäsche und Socken bekommen hatte. Er mochte es einfach, Sachen zu zerbrechen. Ich glaube, ihm gefiel das Geräusch. Er war ein Kenner in dieser Beziehung. Ob ihm nun das Knacken der Knochen oder aber die Schmerzensschreie der Leute besser gefielen, war schwer zu sagen. Er guckte mich mit großen, traurigen Augen an und öffnete den Mund, um zu protestieren.

Ich wusste, was ihn davon abhalten würde: »Fiona kommt.«

Das reichte, um ihn an seine Pflichten zu erinnern. Er ließ Mr. Irving zu Boden plumpsen, wo der Mann stöhnte und heulte, und zog sich sein Jackett über die riesigen Gorillaschultern. Wie schon so oft überlegte ich, wo zum Henker Luke seine Anzüge kaufte, aber wie üblich war es nicht der richtige Zeitpunkt, um danach zu fragen.

»Lass uns gehen.«

Aber es stellte sich heraus, dass wir zu spät kamen.

»Ihr seid zu spät«, sagte Milo, als wir die Werkstatt erreichten. Heute hatte er es fertig gebracht, sich das Motoröl in Streifen über die Visage zu verteilen. Er sah aus wie das neueste Mitglied von Adam and the Ants. Aber ich bezweifelte, dass das der Fall war.

»Zu spät, weil der Boss schon losgezogen ist oder...«

Er schüttelte den Kopf. »Der Boss ist abgetaucht. Das Komitee ist losgezogen.«

Ich sah, dass Luke untröstlich war. Aber wir konnten immer noch bei dem Schabernack dabei sein.

»Wohin sind sie gegangen?«

»Das Industriegelände draußen in Riverside.«

»Oh ja. Das kenne ich gut«, sagte ich und wir machten uns auf die Socken. Der Ort war so gut wie jeder andere, um dem aufziehenden Sturm zwischen ihr und dem Boss zu begegnen. Wenn ich Fiona richtig kannte — und leider kannte ich sie ganz genau — dann wäre das der erste Platz, an dem sie nach ihm suchen würde. Sollte sie ihn dort nicht finden, dann würde sie zumindest das ganze gute Zeugs, das dort lagerte, in Schutt und Asche legen.

Der Boss hasste es sein Zeugs zu verlieren — fast so sehr wie den Gedanken daran, kalt gemacht zu werden. Er war halt ein Vernunftmensch.

Luke nutze die Zeit, um sich angemessen mit Waffen aus dem Fach unterhalb seines Sitzes zu versorgen, während ich über die Straßen bretterte. Zum Glück kam niemand auf die Idee, in dieser Gegend spazieren zu gehen. Es gab hier auch nichts, was sich anzusehen lohnte. Nur jede Menge leer stehender Lagerhallen.

»Gib mir die Beretta.« Ich wollte nicht mit einer seiner Kanonen hantieren müssen. Wie so viele andere große Kerle glaubte auch Luke, dass er eine monstermäßige Knarre brauchte. Wie bei einer Krawatte und einem Taschentuch, die zusammenpassten. So viel zu seinem Sinn für Mode.

Wir konnten die Schüsse schon hören, bevor wir den Ort erreichten. Es klang nach einem wilden Gefecht, was es vermutlich auch war. Zweifellos würde sich schon bald jemand aus der Gegend hier über den Krach beschweren. Aber die Bullen wurden fürstlich dafür entlohnt, dass sie sich für Erkundigungen in dieser — wie nannte es die Lokalzeitung noch gleich? – ‚Brutstätte für schändliches kriminelles Verhalten‘ recht viel Zeit ließen.

Der Boss hatte den Zeitungsartikel an seine Pinnwand geheftet.

Wir parkten den Wagen hinter einer Lagerhalle, die uns sicher erschien, und machten uns von dort aus auf den Weg zum Getöse. Ich versuchte meinen Kopf unten zu halten und abzuschätzen, von wo die Schüsse kamen. Luke hatte bereits auf Einzelkämpfer geschaltet und schlüpfte mit zwei Kanonen in den Händen um die Häuserecken. Er brannte darauf, auf irgendetwas zu schießen.

»Am besten verschaffen wir uns erst einmal einen Überblick, bevor wir auf jemanden schießen«, sagte ich. Ich blieb in seinem Rücken, denn wenn jemand auf uns das Feuer eröffnete, wollte ich nicht derjenige sein, der vorneweg lief.

»Fiona hat ihre Brut dabei, da stellen wir keine Fragen.« Luke sah mich mit seinem patentierten Scharfschützenblick an, was meiner Meinung verdammt albern wirkte. Natürlich interessierte sich niemand für meine Meinung.

»Nun, vielleicht sollten wir uns fragen, wo sie sind und wo unsere Jungs sind. Nur damit wir nicht auf die falschen Leute ballern.« Mein Hinweis schien mir ziemlich vernünftig zu sein.

Luke ignorierte mich und wir steuerten weiter auf den Lärm zu. Als erstes entdeckte ich Chino, also bewegten wir uns in die richtige Richtung — was beruhigend war, denn dem Lärm nach zu urteilen, hatte Fiona eine ziemlich große Brut mitgebracht.

Ich schmiss mich zu Chino auf den Boden. Er war ein cooler Typ. Redete nicht viel, was mich irgendwie immer aus dem Konzept brachte. Aber wenn er etwas sagte, dann hatte es Hand und Fuß. Das war in dieser Bande eine Seltenheit. Ich stupste ihn an. »Warum sind die denn so in Rage?«

Er sah mich schief von der Seite an. »Hab’ sie nicht gefragt.«

»Wie viele von uns sind dort draußen?«

»So ungefähr alle.« Chino schüttelte den Kopf. »Uns blieb nicht viel Zeit. Wer konnte denn ahnen, dass Fiona so einen Aufstand machen würde?« Er blickte mich an, als ob ich dieser Wer war.

»Ich wusste von nichts! Sonst hätte ich’s dem Boss gesagt!«

»Sei dir nur im Klaren darüber, auf wessen Seite du stehst, mein Freund«, sagte Chino.

»Das bin ich, verdammt.«

Und dann verlor jemand die Geduld. Ich sah, wie Luke aufsprang und über einen großen grünen Müllcontainer lugte, um auf irgendetwas, ganz egal was, zu schießen. Dann hagelte es Kugeln und Luke ging zu Boden. Er schrie und hielt sein Bein. Chino fluchte. Ich hüpfte zu Luke hinüber wie eine übergroße Krabbe und zerrte ihn aus dem Schussfeld.

»Du verdammter Idiot!«

»Es tut weh.«

»Nun ja, du hast dir eine Kugel eingefangen.« Das Blut sprudelte aus der Wunde, die aber nicht direkt todbringend aussah, wie ich mit meiner jahrelangen medizinischen Erfahrung feststellte. »Ich glaube, du wirst es überleben.«

»Sie kommen rüber. Zeit für einen taktischen Rückzug«, sagte Chino. Er ließ seinen Worten umgehend Taten folgen und machte sich vom Acker. Er warf mir noch einen Blick zu, der mir nahelegte, es ihm gleichzutun.

Ich zögerte. »Luke, kannst du laufen?«

Der große Kerl schaute zu mir hinauf. Er war wütend und er flennte. Je größer sie sind, desto tiefer fallen sie. Der Spruch hatte schon einen wahren Kern. Auf jeden Fall was Luke betraf.

»Komm schon, Kumpel. Was würde Statham tun? Er würde seinen Mann stehen und kriechen, wenn’s sein muss.«

Luke warf mir einen Blick zu, der finsterer war als ein Stück Kohle um Mitternacht.

»Leck mich.«

Plötzlich überkam mich ein Unbehagen, das nichts mit Lukes Zorn zu tun hatte.

»Kommt’s dir nicht auch verdammt ruhig vor?«

Ich hörte keine Schüsse mehr. Vielleicht war es vorbei. Vielleicht hatten wir gewonnen. Oder vielleicht würde alles noch eine ganze Ecke übler werden.

Und dann stand sie da. Fiona sah gut aus für ihr Alter. Jedes ihrer Haare war an seinem Platz, trotz der Blutspritzer auf ihrer Wange. Verdammt noch eins.

»Hi, Mom.«

Ihr Handrücken traf meine Wange mit voller Wucht. Das konnte sie schon immer ganz hervorragend. Es war sozusagen ihr Markenzeichen.

»Wage es nicht, so mit mir zu reden.«

»Wie bitte?!«

»Wo steckt dein Vater?«

Fiona wischte das Blut aus ihrem Gesicht, als es ihr von der Wange tropfte. Doch sie schmierte es sich nur noch weiter über ihre gebogenen Wangenknochen. Einen Augenblick später schlenderten Frank und Jesse an ihre Seite. Sie betrachteten Luke und mich als wären wir nur Wanzen unter ihren Schuhen.

»Ich habe keinen Schimmer.« Nie und nimmer würde ich den Boss verraten.

»Du warst schon immer ein nichtsnutziger Zwerg«, sagte Jesse mit einem spöttischen Lächeln. Die Zwillinge sahen so sehr wie maskuline Ausgaben von Fiona aus, dass es schon fast unheimlich war. Und in diesem Moment erschienen sie mir außerdem ausgesprochen gefährlich. Zu viel wir-gegen-sie für meinen Geschmack.

Familie. Man kann nicht mit ihnen und man kann nicht ohne sie — so sagt’s die Theorie. Ich wünschte mir, dass ich tatsächlich weggerannt und einem Zirkus gefolgt wäre, so wie ich es als Sechsjähriger angedroht hatte.

»Du weißt, wo er steckt.« Fiona war beharrlich. »Ich muss mit ihm reden.«

»Wenn du nur mit ihm reden willst, warum ballerst du dann auf alles und jeden?«

Eine Wolke legte sich auf Fionas Gesicht. Ich hatte diesen Sturm schon etliche Male aufziehen gesehen, aber irgendwie schien es, als ob diesmal die Finsternis das Licht überdauern würde.

»Mir war danach. Scheint, als wolle dein Vater nicht mit mir reden.«

»Versteh mich bitte nicht falsch, Mom, aber kannst du ihm das verdenken?«

Frank klatschte mir eine auf dieselbe Wange wie Mom. Er hätte wenigstens die andere Seite nehmen können, der Ausgewogenheit wegen.

»Wo hat er sich verkrochen?«

»Ich habe keine Ahnung.«

Nun verpasste mir James eine auf die andere Wange. Ich verspürte einen Hauch von Genugtuung neben den Schmerzen.

Fiona starrte mich an. Ihr Groll wurde immer größer.

»Weiß er es?« Sie deutete auf Luke.

»Kann ich nicht sagen...«

Ohne Vorwarnung schoss sie Luke ins andere Bein. Er schrie und hielt sich die frische Wunde. Sein Blut schwappte auf den Boden und sammelte sich in einem Ring um ihn herum.

»Die nächste Kugel geht in dein Auge«, rief sie ihm zu, laut genug, damit er sie trotz seines Gekreisches hören konnte.

»Er ist im Karussell«, sagte Luke. Er zuckte zusammen, als sie ihre Waffe erneut auf ihn richtete. »Ich schwör’s!«

»Lasst uns gehen.« Fiona verschwendete keine Zeit.

»Was ist mit ihm?« Jesse blickte mit sichtbarer Abneigung hinunter zu Luke.

»Wen kümmert’s?«

Ich hatte geglaubt, dass Fiona damit meinte, sie sollen sich nicht weiter um ihn scheren, aber Frank entschied, dass sie damit »Schieß ihm in die Hand!« sagen wollte, was er auch tat. Luke schrie jetzt noch lauter. Nun machte ich mir schon ein wenig Sorgen, dass er diese Tortur vielleicht doch nicht überleben würde. Was für ein Jammer. Ich mochte den großen Holzkopf zwar nicht wirklich, aber das hier war kein würdiger Abgang.

Nicht, dass ich in dieser Sache ein Mitspracherecht gehabt hätte. Der Rest der Familie schleppte mich für ein nicht geplantes Zusammentreffen mit. Dank Jesses Bleifuß dauerte es keine zehn Minuten, bis wir vor dem Pub standen. Wir stiegen aus dem Auto und sie schoben mich wie eine Art Schutzschild hinüber zur Eingangstür.

Ich steckte meinen Kopf zur Tür rein.

»Hey, Boss, ich bin’s. Und bevor du etwas sagst, es war Luke, der dich verraten hat.

»Gottverdammt, du bist nicht mehr mein Sohn.«

Sie hatten sich alle hinter Tischen am anderen Ende des Raumes verbarrikadiert. Die Spielautomaten an der Wand bimmelten, als ob ihnen die Stille unbehaglich wäre.

»Hör dir doch wenigstens an, was sie zu sagen hat. Vorzugsweise ohne auf mich zu schießen.« Ich blinzelte und versuchte, nicht zusammenzuzucken. Irgendwie gehörte ich nicht in diese Familie.

»Hallo Fiona.«

»Hallo Liebling.« In ihren Worten lag keine Wärme. »Ich hörte, du willst dich scheiden lassen.«

»Nun ja, es ist ja nicht so, als ob wir wirklich verheiratet wären, Fiona. Hab ich recht?« Sein Tonfall fiel zum Ende hin ein wenig ins Weinerliche. Großer Fehler. Sie konnte Heulsusen nicht leiden.

Ich möchte hervorheben, dass die Situation fast etwas von Shakespeare hatte. Sie war voller Feuer und Musik, mit einem Hauch von Wahrheit über den Zustand der Welt im Allgemeinen und über die Makel in uns allen. Ich erzähle gerne, dass ihre letzten Worte ein filmreifes »Bis dass der Tod uns scheidet!« waren.

Das möbelt die Geschichte irgendwie auf, stimmt’s?

Doch die Wahrheit ist ziemlich schmucklos. Sie beschimpften sich gegenseitig und zückten ihre Waffen. Ich schmiss mich auf den Boden und hielt mir die Ohren zu, und deshalb bin ich noch hier und kann die Geschichte erzählen. Aber jetzt schaue ich mich ernsthaft nach einem Zirkus um. Ein ruhiges Leben wäre genau das Richtige für mich.

Graham schreibt raue Geschichten mit Galgenhumor. Er ist in Dundee, Schottland, zu finden, bevorzugt es aber, wenn man nicht nach ihm sucht. Wynd, Englisch-Professor bei Tage, fabriziert seine nachtschwarzen Texte zwischen Abstechern in den örtlichen Pub. Satan’s Sorority und Extricate, sind ab sofort erhältlich.

Übersetzt von Heiner Eden.