Kurt Newton

Besuche bei Mutter

Jedes Mal, wenn ich meine Mutter besuchte, gab sie mir Sachen.

Zuerst den Toaster. Das Brot wird viel zu trocken und zu hart zum Kauen.

Dann irgendwelchen Krimskrams. Ich mag den Krempel nicht mehr sehen.

Ich dachte, Mom wäre einfach nur pragmatisch. Genauso wie ich. Deshalb nahm ich ihre »Geschenke« auch immer an, denn ich wusste, dass sie durchaus zu gebrauchen waren, um im Pfandhaus eine schnelle Mark zu machen.

Essteller. Was soll ich mit acht, wo ich doch ganz alleine bin?

Bilderrahmen. Ich hab’s satt, wie mich die Gesichter anstarren.

Lampenschirme. Kein Witz. Ohne sie kann ich besser sehen.

Sie verstehen, was ich meine. Wenn es nicht funktionierte oder keinen erkennbaren Nutzen hatte, wollte Mom es nicht behalten.

Außer Miezi.

Miezi war Moms fünfzehn Jahre alte siamesische Katze mit den Zweifachpfoten, bis ich sie aus Versehen in der Einfahrt überfuhr. Natürlich sagte ich das Mom nicht. Für sie ist Miezi davongelaufen. Die einzigen Bilder, die sie behielt, waren die von Miezi. Manchmal denke ich, sie liebte die Katze mehr als uns.

Als Mom letzten Mai ihren achtundsiebzigsten Geburtstag feierte, stand das kleine Holzrahmenhaus mit den vier Zimmern, in denen sie lebte, so gut wie leer, abgesehen von ein paar Katzenfotos, der Couch, auf der sie schlief, ihrem Radiowecker und einem Stapel Reader's-Digest-Magazine, die sie gerne »Das Dritte Testament« nannte. (Machte das Jesus zum Chefredakteur?) Die paar Lebensmittel, die Mom benötigte, brachte ich ihr auf meinem Weg zur Rennbahn oder wenn ich gerade vom Blutspenden zurückkehrte.

Alles war in bester Ordnung, bis Mom anfing, mir Sachen zu geben, die ich nicht brauchen konnte — und der Ire mir die Kniescheiben wegen nicht zurückgezahlter Darlehen zertrümmern wollte.

Aber ich greife vor. Zurück zu Mom...

»Du warst immer gut zu mir, Sonny.« (Das ist mein Name. Sonny Cataldo. Ich weiß, wie affig das klingt.) »Anders als dein nichtsnutziger Bruder...«

Petey — mein nichtsnutziger Bruder — hat Erfolg im Beruf, ein Haus, eine wunderschöne Frau und zwei wunderschöne Kinder. Wahrscheinlich wird er fett und zufrieden sterben. Ich dagegen habe einen Scheißdreck vorzuweisen. Ich hangle mich von Job zu Job wie eine Nutte, die sich für nichts zu schade ist. Ich lebe in verlausten Wohnungen und hatte noch nie eine anständige Freundin — wenigstens keine, die es lange mit mir ausgehalten hätte. Das Einzige, worauf ich zählen konnte, war Mom. Oder besser gesagt: Moms Vertrauen. Das würde sich eines Tages in eine ordentliche Summe aus ihrer Lebensversicherung und meinem eigenen Haus ummünzen, wenn ich mein Blatt nur richtig ausspielte.

»Sonny, du sollst wissen, dass du der beste Sohn bist, den eine Mutter sich wünschen kann.«

»Danke, Mom.« Mom saß auf ihrer Couch. Die nackte Glühbirne der Tischlampe blendete mich wie die Morgensonne.

»Ich möchte, dass du etwas für mich tust.«

»Alles, was du willst, Mom.«

»Ich möchte, dass du meine Hand nimmst.«

Mom streckte mir eine ihrer verkrüppelten Klauen entgegen; die, die sie sich letztes Jahr bei einem Sturz verstaucht und nie ganz auskuriert hatte.

»Möchtest du aufstehen, Mom?« Ich bot ihr meine Hand an.

»Nein. Setz' dich wieder hin«, hustete sie. Sie fuchtelte mit ihrer Hand vor mir herum. Das Gelenk der Hand war eine Ansammlung von steifen Knoten, ihre Knochen schienen jeden Augenblick durch die Haut zu brechen, außer an der Stelle, wo eine Schwellung groß wie ein Golfball veilchenblau erblühte. »Ich möchte, dass du mir die Hand abnimmst. Sie ist nutzlos. Ständig lasse ich Sachen fallen. Bitte. Sie macht mir nur Umstände.«

»Aber, Mom... das kann ich nicht.«

Mom starrte mich an. Das war vielleicht das erste Mal, dass ich Nein zu ihr gesagt hatte.

Mit einiger Mühe erhob sich Mom von der Couch und schlurfte in die Küche. Ihr Körper war gekrümmt von zu viel Schwerkraft. Sie öffnete die Schublade mit dem Besteck und nahm ein Fleischbeil heraus. Bevor ich »Mom, was zum Henker machst du da?« rufen konnte, hatte sie es schon getan. Es war, als hätte sie eine Hühnerbrust auf dem Küchenbrett halbiert. Das Beil hatte ihr sprödes Handgelenk mit einem abscheulichen Knacks sauber durchquert.

Ich eilte in die Küche und suchte nach etwas, das sich als Druckverband benutzen ließ. Die Menge an Blut war beträchtlich. Nachdem ich ein Geschirrtuch um ihren schwachen Unterarm geknotet hatte, deutete sie mit dem Stumpf auf ihre abgetrennte Hand und sagte: »Sei ein guter Junge und nimm sie.«

Ich nahm sie.

Ich nahm sie mit nach Hause. Ich brachte es nicht übers Herz sie wegzuschmeißen. Außerdem bereitete es vermutlich Ärger, wenn irgendwer sie in einem Mülleimer finden würde. Darum legte ich sie in ein Gurkenglas ohne Gurken in die unnütze, sauer-grüne Flüssigkeit und verstaute sie in dem Schränkchen unterm Waschbecken in meinem Badezimmer — natürlich erst nachdem ich Moms Armstumpf bandagiert, ihr ein Küsschen auf ihre schrumpelige Stirn gedrückt und mich von ihr verabschiedet hatte.

Es war schon seltsam. Es fühlte sich tatsächlich so an, als ob ich Mom einen Gefallen getan hatte. Und erst der Blick in ihren Augen. (Besser gesagt in ihrem Auge. Das rechte, um genau zu sein. Das linke hatte einen grauen Starr und sah aus wie eine geschälte Weintraube.) Ich fühlte mich wie ein echter Sohn. Ich fühlte mich geliebt.

Darüber hinaus war ich meinem schwer verdienten Erbe einen Schritt näher gekommen. Auch mit nur einer Hand konnte Mom den Namen des Begünstigten in ihrem Testament ändern.

***

Es ist schrecklich dunkel hier drinnen. Der Ire weiß wirklich, wie er einen Mann zum Schwitzen bringt.

Wenn ich mich doch nur erinnern könnte, wann ich das letzte Mal gegessen habe. Mir ist ein wenig schwindelig.

Also gut, wo war ich stehengeblieben? Genau, die Geschenke, die immer besser wurden...

***

Es verging ungefähr eine Woche, bis ich Mom wieder besuchte.

Es war eine schlimme Woche gewesen. Ich hatte zwei Riesen, die nicht mir gehörten, auf ein Pferd namens »Ab Durch Die Mitte« gesetzt und verloren. Der Gaul hätte auch »Ab Ins Schlachthaus« heißen können, denn genau dorthin würden mich der Ire und seine »Partner« verfrachten, wenn ich nicht wenigstens mit der ersten Rate rüberkommen würde.

Ich saß da, aß einen Teller von Moms hausgemachter Gemüsesuppe und versuchte, sie mit schönen Worten zu umgarnen und in eine flauschig-warme Laune zu bringen, damit sie den verdammten Namen meines nichtsnutzigen Bruders in ihrem Testament durch meinen ersetzte. Doch dann hatte sie wieder den Blick in ihrem Auge, diesen Du-bist-der-Einzige-der-das-für-mich-tun-würde-Blick, den ich mittlerweile kannte und fürchtete. Ich dachte nur: »Was nun schon wieder?«

»Sonny, ich möchte, dass du meine Haare nimmst.«

Mom deutete mit dem Armstumpf auf ihren Kopf, und mir tropfte ein Löffel voll Suppe hinunter aufs Hemd.

»Sie fallen mir sowieso aus. Ist besser, überhaupt keine zu haben, als sie jeden Morgen vom Kopfkissen aufsammeln zu müssen.«

»Aber Mom«, sagte ich. »Selbst wenn ich dir die Haare herausreiße... ein paar davon werden wieder nachwachsen.«

»Sei nicht albern«, sagte sie und griff nach der Rasierklinge, die schon auf dem Couchtisch lag. Es war eine dieser alten doppelseitigen Klingen, die mein Dad immer für seinem Rasierer benutzt hatte. Ich saß da wie angewurzelt, als Mom ihre zittrige Hand über ihre Stirn zog, vorbei an beiden Ohren und nach hinten herum in den Nacken. Als Mom damit fertig war, legte sie Klinge beiseite und stocherte mit ihrem knochigen Zeigefinger in der Schnittwunde, um die Kopfhaut irgendwie zu greifen, doch die war durch das Blut viel zu glitschig. Außerdem wäre es ziemlich peinlich für Mom geworden, wenn sie versucht hätte, sich ihren eigenen Skalp abzuziehen. Ich glaube kaum, dass sie dafür über genügend Muskelkraft verfügte.

Also erhob ich mich aus meinem Stuhl und half ihr.

Der Widerstand war erstaunlich gering, als ich Moms Skalp wie eine frische Tapete von ihrem Schädel zog. Ich war erstaunt, dass ihr dabei nicht ein einziger Schmerzensschrei über die schrumpeligen Lippen kam.

»Na bitte, Sonny. Es geht doch!«, sagte Mom mit einem Funkeln in ihrem Auge.

»Gern geschehen, Mom. Ich hole etwas zum Verbinden.«

Ich verstaute den feuchten, haarigen Hautfetzen in einen Gefrierbeutel, dann wickelte ich Moms Kopf ein wie den einer Mumie.

Plötzlich dämmerte es mir. Mein Gott! Mom war nicht länger nur pragmatisch. Mom wurde senil.

Ich hätte wissen müssen, dass etwas nicht stimmte, als sie sich ihre eigene Hand abhackte. Aber das hier?

Dann dachte ich mir, dass dieser Zeitpunkt so gut wie jeder andere wäre, um die Sache mit dem Testament zur Sprache zu bringen.

»Hör zu, Mom. Vielleicht ist es nicht der richtige Moment, um damit anzufangen...«

Mom zielte bereits mit der Fernbedienung auf den Fernsehapparat und suchte nach ihrer Lieblings-Soap. Es schien, als hätte sie ihre Skalpierung bereits vergessen.

»...und vermutlich hast du tierische Schmerzen und so...«

Der Fernsehapparat wechselte die Kanäle nicht. Mom drehte die Fernbedienung hin und her, um aus aus unterschiedlichen Winkeln auf den Apparat zu zielen, und drückte immer fester auf die Tasten.

»Aber du hast noch immer, wenn ich mich recht erinnere — vielleicht liege ich ja auch falsch — du hast noch immer Petey als den Alleinerben in deinem Testament stehen, oder?«

Mom hörte auf, die Fernbedienung zu misshandeln und wand ihren Hals wie einen Spüllappen. Ihr gutes Auge blickte mich bohrend an, während das andere kaum durch die Wolke seines Katarakts schimmerte. Ich fuhr trotzdem unbeirrt fort.

»Ich weiß, dass das alles noch weit, weit in der Zukunft liegt, Mom. Aber wer kümmert sich um das Haus, wenn du nicht mehr da bist?«

Mom starrte mich weiter an. Es war schwer zu einzuschätzen, was in dem Kopf unter all dem Verbandsmaterial vor sich ging.

Ich rutsche nervös auf meinem Stuhl hin und her. Meine Finger klammerten sich an den Gefrierbeutel, so wie sich eine Dame in einer überfüllten U-Bahn an ihre Handtasche klammert. »Sieh mal, Petey hat doch schon ein Haus. Er wird das hier und all deine Sachen vermutlich bei der erstbesten Gelegenheit verkaufen. Würdest du dich nicht viel besser fühlen, wenn ich mich um alles kümmere, sobald der Herrgott, du weißt schon, dich zu sich ruft?«

Moms bohrender Blick wurde sanfter. »Weißt du, Sonny, du bist ein kluges Köpfchen.« Sie lächelte. Dann verwandelte sich ihr Lächeln in eine Grimasse. »Petey steht überhaupt nichts zu. Was hat er denn je für mich getan? Er besucht seine arme, alte Mutter nicht einmal mehr. Als ob es mich gar nicht gäbe! Ich sag dir was, Sonny. Wenn dein Bruder mich nicht braucht, dann braucht er auch hiervon nichts!« Sie gestikulierte in das Zimmer.

Ehrlich gesagt gab es in dem Haus nicht mehr viel zu holen. Es war das Haus selbst, auf das ich es abgesehen hatte. Damals in den Fünfzigern mochte es nichts Besonderes gewesen sein, aber heute war seine Lage extrem begehrt.

»Gleich morgen früh rufe ich den Anwalt an und lasse mir einen Termin geben«, sagte Mom. Dann reichte sie mir die Fernbedienung. »Sei ein Schatz und repariere das Ding. Meine Sendung fängt in ein paar Minuten an.«

Um Himmels willen, es war doch erst früher Nachmittag! Warum machte sie den Anruf nicht sofort? Aber ich dachte mir, dass es wohl besser sei, Mom nicht zu sehr zu drängen.

Ich nahm die Batterien aus der Fernbedienung und steckte sie wieder hinein. Manchmal genügt eine neue Ausrichtung völlig, um die Dinge in Ordnung zu bringen.

Genau das war es, was ich ich wirklich wollte: die Dinge in Ordnung bringen. Ich wollte aus dem Loch heraus, das ich mir selbst geschaufelt hatte und von vorne anfangen.

Ich gab Mom die funktionierende Fernbedienung zurück. Sie lächelte. Die Wärme in ihrem Lächeln reichte fast aus, um mir Schuldgefühle zu machen. Aber nur fast.

Der Ire ließ mich in jener Nacht vergleichsweise ungeschoren davonkommen, als ich ihm erklärte, warum ich das Geld noch nicht ganz beisammen hatte. Seine Partner brachen mir nur zwei Finger — einen für jeden Tausender, denen ich ihnen schuldete. Immerhin war ich ein guter Kunde gewesen.

***

Mein Magen knurrt schon wieder.

Die ganze Grübelei lässt mich wünschen, dass ich in meinem Leben einige Entscheidungen anders getroffen hätte. Aber was sagte John Lennon noch mal? Leben ist das, was passiert, während man damit beschäftigt ist, Pläne zu machen? Junge, Junge, wie sich das für ihn bewahrheitet hat!

Aber was hilft es jetzt, deswegen zu jammern?

***

Am nächsten Tag ging ich wieder zu Mom, um sie ins Büro des Anwalts zu fahren. Ich wollte dafür sorgen, dass sie ein Kopftuch und einen ihrer Schlapphüte trägt. Vielleicht würde ich sogar ihren Arm in eine Schlinge stecken.

Aber als ich ihr Haus erreichte, saßen ihre neunzig Pfund in Nachthemd und Hausschuhen auf der Couch und starrten auf den Fernsehapparat. Die Sache war nur — der Apparat war nicht eingeschaltet.

»Geht es dir gut, Mom?« fragte ich.

Der Verband, den ich ihr tags zuvor um den Kopf gewickelt hatte, war von farbenreicher Kruste durchsetzt und hatte sich wie Gips mit ihrer Schädeldecke verbunden.

»Sonny, ich glaube, ich bekomme eine Grippe.«

»Soll ich dir einen Orangensaft holen?«

»Ja, das wäre schön.«

Mom bemerkte nicht einmal die Fingerschienen an meiner Hand, als ich ihr den Orangensaft gab und mich in den Schaukelstuhl setzte.

Auf dem Couchtisch lag eine Wimpernzange, eine dieser altmodischen, die wie eine Schere funktionierten. Ich dachte mir nichts dabei. Ein weiteres Geschenk von Mom, das sie für mich auf dem Dachboden gefunden hatte.

»Tut mir leid, dass ich wieder davon anfange, Mom. Hast du schon den Anwalt angerufen?«

Ein verwirrter Blick legte sich auf Moms Gesicht wie eine Wolke. Dann verzog sich die Wolke und machte Platz für Verlegenheit.

»Weißt du, Sonny, du wirst mir böse sein.«

»Mom, ich könnte dir niemals böse sein. Warum sollte ich dir böse sein?« Ich spürte, wie sich mein Kiefer anspannte.

»Wegen des Telefons.«

»Was ist mit dem Telefon?«

»Du weißt doch, dass mich ständig Leute anrufen, die mir irgendetwas verkaufen wollen. Zeitschriften-Abos, obwohl ich doch so schlecht sehen kann... Wandverkleidungen fürs Haus, obwohl ich gar nicht mehr nach draußen gehe... und dann diese Fleischleute.«

»Fleischleute?«

»Du weißt schon, die einem Steaks und Braten an die Haustür liefern. Wofür brauche ich das, wenn ich doch dich habe?«

»Da hast du recht, Mom.« Was ist nun mit dem verdammten Anwalt? wollte ich fragen, aber ich biss mir auf die Zunge.

»Gestern Abend, nachdem du gegangen warst, riefen sie wieder an, und ich dachte mir, was soll ich eigentlich mit einem Telefon?«

Oh nein. Ich warf einen Blick über meine Schulter in die Küche. Vor der Hintertür stand ein Pappkarton neben einem Müllbeutel, der darauf wartete an die Straße gebracht zu werden.

»Nicht das Telefon, Mom.«

»Ich möchte, dass du es mitnimmst, Sonny. Es gehört dir.« Sie lächelte schwach.

»Aber... hast du den Anwalt angerufen? Du solltest ihm doch sagen, dass du dein Testament ändern willst.«

»Du bist böse auf mich. Ich hab ja gesagt, du würdest mir böse sein.«

Ich atmete tief durch. Einer achtundsiebzig Jahre alten Frau, die einen Stumpf statt einer Hand hat und obendrein aussieht, als wäre sie gerade aus der Grabkammer eines Pharaos geflüchtet, ist nur schwer mit Argumenten beizukommen. Resigniert hob ich meine Hände.

»Sonny, was ist denn mit deinen Fingern passiert?«

»Nichts weiter, Mom. Nur ein kleiner Unfall.«

Und die Unfälle werden größer und schlimmer, wenn ich nicht sehr schnell zu etwas Geld komme.

Auch das sagte ich ihr nicht. Ich wollte schreien, brachte aber nicht mehr als ein Winseln zustande.

»Ist schon gut, Sonny. Du kannst selbst zum Anwalt gehen und die nötigen Papiere holen. Du hast ja so viel Geduld mit mir.«

Ich stand auf und drückte sie fest an mich. Ich spürte ihr knochiges Rückgrat durch das Nachthemd. Und ihr Kopf roch ziemlich übel. Aber sie war meine Mutter, also drückte ich ihr einen dicken Schmatz auf die Stirn.

»Danke, Mom.«

»Ich möchte dir noch etwas geben.«

Zuerst dachte ich tatsächlich, sie hätte noch irgendwo ein Telefon rumstehen oder vielleicht die alte Wimpernzange im Sinn. Aber nein, Mom hatte noch etwas, das sie Sonnys Museum für Körperteile von alten Frauen spenden wollte.

»Mein Auge, Sonny.«

Gott, ging das schon wieder los?

»Ich mag nicht, wie es mich ansieht. Und mir gefällt nicht, wie es aussieht. Ich möchte, dass du es nimmst.«

»Wie wär's mit einer Augenklappe? So wie Yul Brunner eine in diesem Film hatte, Der König und ich? Er sah toll damit aus!« (Und Haare hatte er da auch schon keine mehr. Ein Detail, das mir in dem Moment nicht bewusst war. Heute finde ich's irgendwie lustig.)

»Nein, mein Junge. Ich will es nicht mehr haben.«

Mom nahm die Wimpernzange und stieß sich damit ins Auge. Aber das Ding war für ihr Vorhaben einfach zu groß.

»Mom«, sagte ich.

Sie scharrte und stocherte unbeirrt weiter, doch alles, was es ihr brachte, war ein tränendes Auge.

»Mom!«, sagte ich, ein wenig lauter diesmal.

»Verdammtes, unnützes Ding!« Sie warf die Wimpernzange zu Boden und schluchzte bitterlich.

Ich setzte mich neben sie. »Ist schon gut, Mom.«

Sie drehte mir ihr rot geschwollenes Auge zu.

»Ich mache es.«

Ihr Mund fiel zusammen wie Brotteig. Tränen liefen über die Altersflecken auf ihren Wangen.

Ich kannte einen Typen namens Jimmy Einauge, der immer in den Billardhallen im East End herumhing. Jimmy war einer der besten Billardspieler in der Stadt. Ab und zu, wenn wieder mal gewonnen hatte, drückte er mit einem Trick sein Glasauge heraus und warf es ohne Vorwarnung seinen Gegenspielern zu — besonders wenn die ihre Mädchen dabei hatten. Das sorgte immer für Gelächter.

Für Mom tat ich genau das, was Jimmy immer machte.

Ich zog ihr das untere Augenlid hinunter und bohrte meinen kleinen Finger in die Ecke neben der Nasenwurzel. Moms Augenmuskel war zuerst ein wenig widerspenstig, aber mein Finger war stärker. Ich hielt Moms Hinterkopf fest und drückte, bis ihr Auge mit dem fiesen Geräusch eines Klopümpels hinunter auf ihre Wange hüpfte, wo es an einer dünnen Sehne hängend liegen blieb.

»Sonny?« Mom hielt sich an mir fest, als hätte sie einen Schwindelanfall. Ihr gesundes Auge verdrehte sich. Ich schnappte mir den Augapfel von ihrer Wange und durchtrennte die Sehne. Danach stellte sich Moms Gleichgewichtssinn von selbst wieder ein.

»Ich danke dir, Sonny«, seufzte Mom erleichtert. »Du bist ein guter Junge.« Während sie sprach, rann Blut aus der Ecke ihrer Augenhöhle an ihrer Wange hinab und hinein in ihren Mund.

»Kein Problem«, sagte ich. In meiner Handfläche starrte Moms vernebeltes Auge zu mir hinauf.

***

Ich versetzte das Telefon. Viel gab's dafür nicht. Die alte Wimpernzange dagegen brachte mir in einem Antikladen satte fünfzig Mäuse ein. Das Ding war aus reinem Silber.

Danach ging ich zu dem Anwalt und besorgte die nötigen Formulare, um Moms Testament zu ändern. Ich hatte zwar keine Ahnung, wie ich dem Anwalt beibringen sollte, dass Mom nicht in der Lage war, die Formulare in seinem Büro zu unterschreiben und notariell beglaubigen zu lassen. Vielleicht, so dachte ich, konnte ich ihn mit einem kleinen Aufschlag auf seine Provision davon überzeugen, den Papierkram bei Mom zuhause zu erledigen.

Ich fühlte mich ziemlich gut. So langsam bekam ich meine Angelegenheiten in den Griff und hatte ausnahmsweise die Kontrolle über mein Schicksal.

Mit dem bisschen Geld in meiner Tasche ging ich zur Rennbahn, denn das Glück, so glaubte ich, war heute auf meiner Seite. Und tatsächlich gewann ich genug, um die erste Rate an den Iren zu zahlen und noch etwas für mich übrig zu behalten. Aber dann wurde ich übermütig, dämlich wie ich bin. Dabei hätte ich doch wissen müssen, dass jeder Höhenflug meistens mit einer bösen Bruchlandung endet.

Als ich aus der Herrentoilette kam, wo ich versucht hatte, mir die Angst aus dem Gesicht zu waschen, entdeckte mich einer der Partner vom Iren.

Ich musste mich schnellstens vom Acker machen. Irgendetwas sagte mir, dass der Ire es nicht schätzte, wie ich mein Geld auf Pferde wettete anstatt ihm seines zurückzuzahlen — was ich vielleicht getan hätte, wenn ich nicht so ein Armleuchter wäre. Leider fällt mir so etwas immer erst ein, wenn's zu spät ist. Wie zum Beispiel, dass ich vor zwei Tagen (oder waren's schon drei?) besser anständig gegessen hätte. Dann wäre ich jetzt vielleicht nicht so hungrig.

Mein Magen grummelt, als hätte ich eine Schüssel Glasscherben verdrückt.

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Verdammt, hoffentlich lässt mich der Ire bald laufen. Ich glaube, ich verliere den Verstand.

***

Der letzte Besuch bei Mom verlief nicht so gut.

Nachdem ich auf der Rennbahn nur knapp entkommen war, ging ich nicht in meine Wohnung zurück. Der Ire würde dort bestimmt nach mir suchen. Also stieg ich in den Bus und fuhr zu Mom, wo ich mich bis zum Sonnenaufgang in den Büschen versteckte.

Ich muss übel ausgesehen haben, als ich an ihre Tür klopfte und das Haus betrat. Aber verdammt, Mom konnte kaum sehen — jetzt sowieso nicht mehr — warum sollte ich mir deshalb Sorgen machen?

Ich machte mir aber Sorgen, als ich Mom am Küchentisch sitzen sah, ganz nach vorne gebeugt und regungslos.

»Mom? Ist alles in Ordnung?« Ich hatte nur wenig Hoffnung, dass überhaupt noch irgendetwas in Ordnung war. Petey würde das Haus bekommen, und ich würde meine restlichen Tage auf der Flucht verbringen. Mein ganzes verkorkstes Leben zog an meinem geistigen Auge vorüber. Mom war tot. Da war ich mir sicher.

»Sonny, bist du es?«

Moms piepsige Stimme schwirrte durch die abgestandene Luft. Es roch nach vergammeltem Fisch. Sie hob ihren Kopf vom Tisch.

»Meine Güte, Mom!« Mein Herzschlag normalisierte sich wieder. Mir fiel auf, dass sie ihre Kleidung nicht gewechselt hatte. »Tut mir leid, dass ich mich so heranschleiche, aber ich dachte...«

»Lass die Katze nicht nach draußen, Sonny.«

Vor ihr stand ein Teller mit ungekochten Spagetti, die sich wie Mikadostäbchen türmten.

»Miezi ist seit Jahren tot.«

Grüner Schleim quoll unter dem Rand des Verbandes auf ihrem Kopf hervor. Ihr Armstumpf war angeschwollen und doppelt so dick wie gestern.

»Miezi ist tot? Nimm mich nicht auf die Schippe, Sonny.«

»Das mache ich nicht.«

Ihr Kopf schwenkte zu mir herüber. Eine Fliege kroch aus ihrer leeren Augenhöhle und flog davon.

»Gottverdammt!«

»Du sollst doch nicht fluchen! Du weißt, dass ich es nicht leiden kann, wenn du fluchst wie dein nichtsnutziger Vater, Gott hab ihn selig.« Sie bekreuzigte sich. »Warum kannst du nicht so sein wie dein Bruder? Petey flucht nie.« Sie sah mich mürrisch an. »Und warum bist du nicht in der Schule?«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich war wieder ein Kind. Vielleicht bin ich immer eins gewesen. Ich wollte nicht erwachsen werden und all die Dinge tun müssen, die Erwachsene tun müssen. Mom hatte recht. Warum konnte ich nicht so sein wie Petey? Stattdessen kam ich ganz nach meinem alten Herrn.

»Mom, sie haben mich nach Hause geschickt, weil wir doch diesen Ausflug machen wollen und du vergessen hast, die Erlaubnis dafür zu unterschreiben.« Improvisation — eines der vielen Talente, die ich von meinem Vater geerbt hatte.

»Oh«, sagte Mom verdutzt.

Ich schnappte mir einen Stift, faltete das Formular vom Anwalt in der Mitte und legte es vor sie auf den Tisch.

»Du musst hier unterschreiben. Dann kann ich wieder zur Schule. Der Bus wartet schon.«

Von draußen ertönte ein dumpfes Dröhnen, das tatsächlich nach einem Bus klang.

»Wo denn, Sonny? Ich kann nichts sehen.«

Ich drückte Mom den Stift in die Hand und platzierte seine Spitze direkt auf der Linie für die Unterschrift. »Genau hier. Los geht's.«

Sie überlegte einen Augenblick. Dann bewegte sie endlich ihre Hand.

So ziemlich im gleichen Moment hörte ich Autotüren, die zugeschlagen wurden und Schritte vor der Haustür. Dann klopfte es an der Tür. Bevor ich fragen konnte, wer da ist, flog die Tür auf und der Ire trat ein.

»Sonny Cataldo.« Der Ire sagte meinen Namen, als hinterließe er einen üblen Nachgeschmack in seinem Mund. Er hatte zwei seiner Partner dabei. Sie kamen auf mich zu.

»Hey, Leute, ihr hättet euch doch nicht die Mühe machen müssen«, sagte ich und stellte mich vor Mom. Ich wollte nicht, dass sie sie in diesem Zustand sehen. »Ich habe alles unter Kontrolle.«

Als Mom fertig geschrieben hatte, nahm ich das Formular und reichte es dem Iren, damit er es selber lesen konnte.

»Ich zahle dir das Doppelte zurück, wenn du mir nur ein kleines bisschen mehr Zeit gibst«, flehte ich.

Der Ire las das Formular und sah mich an. Dann lachte er. Er zeigte das Formular seinen Partnern, die in sein Lachen einstimmten.

»Die Lady dahinten heißt also ›Frau Miezi‹?«

Er gab mir das Formular zurück. Ich starrte es an und mein blieb Herz stehen. Dann drehte ich mich um zu Mom.

Kein Wunder, dass sie kein Aufheben gemacht hatte, als drei fremde Männer ihre Haustür eintraten.

Mom saß aufrecht da. Ihr Auge war glasig und auf das Küchenfenster gerichtet. Dort hatte Miezi immer auf der Fensterbank gesessen und die Vögel beobachtet, die draußen um das Futterhäuschen schwirrten. Auf Moms Gesicht lag der Hauch eines Lächelns, als ob sie etwas sah, das sie glücklich machte.

Die Männer packten mich von hinten und zogen mich beiseite. Einer von ihnen erhaschte einen Blick auf Mom.

»Heilige Scheiße!« Der Dreihundert-Pfund-Kerl kämpfte gegen einen Brechreiz.

Der Ire beugte sich vor und verzog das Gesicht. Dann drehte er sich zu mir um und sagte: »Was bist du denn für'n kranker Typ?« Er hielt sich ein Taschentuch vor den Mund.

Der Ire schüttelte angewidert seinen Kopf. »Schafft ihn raus. Und auch das, was von der Lady übrig ist.«

***

Verfluchte Katze.

Ich hätte wissen müssen, dass es so für mich enden würde. Pragmatismus und gesunder Menschenverstand sind eben doch nicht dasselbe. Ich denke, da komme ich ganz nach Mom.

Wann der Ire mich wohl wieder laufen lässt?

Wenigstens friert's in diesem Kühlraum nicht. Muss irgendwo in einem alten, verlassenen Lagerhaus sein. Selbst wenn irgendwer zufällig vorbeikäme, würden sie mich nicht schreien hören. Die Wände hier sind ziemlich dick.

Ich habe solchen Hunger.

Na, wenigstens muss ich Mom nicht mehr besuchen. Sie sitzt direkt neben mir. Und sie riecht gar nicht mehr so schlimm. Ich denke, ich hab mich dran gewöhnt.

Erwähnte ich schon, wie hungrig ich bin?

Kurts makabre Geschichten schmückten bereits die Seiten solcher Magazine wie Shock Totem, Bare Bone, Polluto, Flash Fiction Offensive und der Anthologie Murder of Storytellers - Theater B. Seine Mutter hat schon längst das Zeitliche gesegnet, aber Kurt bewahrt ihr Andenken. In Einmachgläsern.

Übersetzt von Heiner Eden.