Paul D. Brazill

Das Beste zum Schluss

Die tintenschwarze Nacht zerschmolz zu einem schmuddelig grauen Herbstmorgen. Zwei hungrige Seemöwen segelten durch den granitfarbenen Himmel und landeten auf der rostigen Reling, die die nasse Promenade säumte. Einen Moment lang starrten sie Quigley an, bevor sie wieder abhoben und sich auf den Rorschachtest aus Blut und Schleim stürzten, der auf die Statue von Colonel William Wainright geklatscht war, als Quigley den Schädel von Butler weggepustet hatte.

Quigley erinnerte sich vage, dass Colonel Wainright vor langer Zeit ein Lokalheld gewesen war. Er hatte im Krimkrieg gekämpft. Oder war's der Burenkrieg? Jedenfalls war er ein Held, einer aus der Zeit, als die Welt noch Helden hatte. Heute war seine Statue mit Graffiti übersät und mit Urin und Erbrochenem besudelt. Weggeworfene Kebabs lagen vor seinen Füßen, ein gezackter Riss zog sich über seinen Torso, ein rosafarbener Clownshut zierte seinen Kopf. Wainrights Statue war das verdreckte Relikt einer ruhmvollen Vergangenheit. Genau wie der Rest von Quigleys Heimatstadt.

Quigley wandte sich angewidert ab, als die Vögel sich die Mägen vollschlugen. Seiner hatte sich immer noch nicht wieder beruhigt. Vielleicht würde ein Gin Tonic helfen, wenn er zurück im Hotel war. Wahrscheinlich sogar besser als der letzte Stapel Pillen, den der Doktor ihm gegeben hatte. Die Pillen dämpften den Schmerz, aber das Schwindelgefühl, das sie verursachten, war beinahe genau so schlimm.

Einige seiner ehemaligen Kollegen fanden es amüsant, dass jemand in Quigleys Metier derart zimperlich war, auch wenn seine Effizient noch nie darunter gelitten hatte. Quigley war nur froh, dass der Job ihn nicht völlig gefühllos hatte werden lassen. Er empfand noch immer ein gewisses Maß an Empathie für die Zielpersonen, ganz gleich wie verabscheuenswert diese auch waren. Wacko Jacko Butler war so widerwärtig, wie ein Mensch nur sein konnte.

Drogendealer, Zuhälter, Menschenhändler, Mörder. Dazu kamen noch andere Abscheulichkeiten, an die Quigley nicht einmal denken mochte. Jacko Butler war die Verkörperung von Abschaum, und es gab eine Reihe von Leuten, die für seine Liquidierung bezahlt hätten. Aber dieser Job ging aufs Haus. Quigley hatte ganz persönliche Gründe für Butlers Ableben. Es war ihm ein Vergnügen gewesen.

Er packte den Rest von Butlers Leiche bei den Beinen und zerrte ihn zu einer Lücke in der Reling. Er schaute sich noch einmal um. Es war kurz nach Tagesanbruch. Der Platz war menschenleer. Draußen auf der See wog sich ein einsames, mit Lichterketten verziertes Fischerboot in den Wellen.

Quigley hob Butlers Leiche ohne große Mühe auf und warf sie hinunter auf die Felsen. Für einen Moment wurde ihm schwindelig. Er stützte sich an der nassen Reling ab und schloss seine Augen. Ihm fröstelte. Er war müde und gähnte. Er fummelte eine frische Packung Marlboro aus seiner Manteltasche, öffnete sie und entschied sich noch zu warten.

Die Gischt des frühen Morgens durchnässte ihn. Er zog seinen schwarzen Mantel eng zusammen. Der kalte Herbstwind blies frisch. Er holte eine Schiebermütze aus seiner Manteltasche und zog sie sich auf seinen glattrasierten Kopf. Er lief die Promenade hinab, den Buckel resignierend gekrümmt. Er würde Marta erst gegen Mittag treffen, also hatte er genug Zeit, zurück zum Seaview Hotel zu gehen und ein Nickerchen zu machen, wenn er denn einschlafen würde. Ein zweites Gähnen kroch ihm aus dem Mund.

Regen prasselte von allen Seiten auf ihn hinab. Quigley entschloss sich, die Abkürzung durch das matschige Stadtmoor zu nehmen. Er schnellte umher und griff nach der Pistole in seiner Manteltasche, als er eine alte Frau bemerkte, die auf ihn zu kam. Sie trug ein grelles Kopftuch und einen gelben Anorak. Ein Paar Laufstöcke gaben ihrem Gang Schwung. Sie hielt den Kopf gesenkt und lauschte einem alten, pinkfarbenen Walkman. Ohne aufzublicken lief sie in ihn hinein und stieß mit einem ihrer Laufstöcke gegen seinen Fuß.

»Tut mir leid, Schätzchen«, sagte sie mit starkem örtlichen Akzent.

»Kein Problem«, knurrte Quigley. Er hatte seit drei Tagen mit keiner Menschenseele gesprochen. Seine Kehle war rau wie Schmiergelpapier. Sein Fuß begann zu schmerzen.

Ihre Blicke trafen sich und für einen kurzen Moment sah es aus, als würden sie sich erkennen. Aber die Frau, so schien es, tat solch einen Gedanken schnell als lächerlich ab und lief weiter. Quigley sah zu, wie sie die aus Kopfstein gepflasterte Gasse zur St. Hilda-Kirche hinunterlief. Sie stoppte an der Kirchenpforte und drehte sich noch einmal nach ihm um. Die Tatsache, dass Lydia Mulcahy so schnell und so auffallend gealtert war, erfüllte ihn mit Genugtuung. Ihm war klar, dass es nun nur noch eine Frage der Zeit war, bis sich die Nachricht seiner Rückkehr wie ein Tumor über die Stadt verbreiten würde. Er würde seine Pläne schneller umsetzen müssen. Er machte sich auf den Weg zurück zum Hotel. Mit jedem Schritt fühlte er sich älter und er verspürte eine gewisse Resignation, als stünde ein ganz besonders schlimmer Sturm kurz bevor.

***

Es war schon ziemlich lange her, dass Quigley vor lauter Verlegenheit errötete, doch in Martas Nähe benahm er sich immer wie ein verunsicherter Teenager.

»Oh, Namen und Gesichter kann ich mir nicht merken”, sagte Marta. »Aber ich erinnere mich an die Schuhe.«

Sie lächelte, zwinkerte und nippte an ihrem Becher mit grünem Tee. Sie zog sein Laptop über den Glastisch zu sich hinüber, öffnete ihn und verzog das Gesicht beim Anblick seines Bildschirmschoners.

Während sie auf dem Laptop tippte, blickte Quigley hinunter auf seine ramponierten braunen Budapester. Er seufzte leise. Martas funkelnd-schwarze Schuhe waren makellos und kamen wahrscheinlich von irgendeinem angesagten Designer, von dem er noch nie gehört hatte.

Marta sah immer sehr elegant aus. Genau wie heute. Sie trug langes schwarzes Haar und dezenten roten Lippenstift, dazu einen schwarzen Pulli und schwarze Jeans. Eigentlich nichts Besonderes, aber... nun, elegant eben. Neben ihr fühlte sich Quigley mehr als nur ein bisschen trostlos. Ihm war bisher nicht bewusst gewesen, wie langweilig braune Kordhosen doch aussahen. Er rutschte in seinem Sessel herum, schlug die Beine übereinander, was ihn nur noch unsicherer machte, und nahm sie wieder auseinander. Er sah nach, ob seine Zigaretten noch in der Manteltasche steckten. Dann betrachtete er den die ausgefranste Lehne seines lindgrünen Sessels. Der hatte seine besten Tage schon hinter sich. Wie der Rest des Seaview Hotels. Und die Leute, die in der Bar hockten. Alternde, rotgesichtige Vertreter. Gelangweilte Büroangestellte. Hier und dort angestaubte Hausfrauen. Der Sound von Duran Duran in Dauerschleife verstärkte die gedrückte Stimmung nur.

Marta strahlte in dieser tristen Umgebung. Sie strahlte eigentlich immer. Sie hatte eine ausgeprägte Persönlichkeit. Quigley wusste, dass seine Rolle im Leben immer nur die des Jungen im Hinterzimmer, die des ewigen Arbeitsesels, gewesen war. Kanonenfutter. Es war kaum zu glauben, dass er und Marta miteinander verwandt waren. Und noch weniger, dass sie Vater und Tochter waren. Aber sie hatte viel von ihrer Mutter. Nicht immer unbedingt das Beste, dachte er, als er die Einstichstellen auf ihren Armen entdeckte.

»Es überrascht mich, dass du nicht eins von diesen Tablet-Dingern hast. Ein iPad oder wie immer das auch heißt”, sagte er. Er hatte seinen Gin Tonic fast ausgetrunken und stemmte sich gegen die Versuchung, noch einen zu bestellen.

»Es überrascht mich, dass du weißt, dass es sowas überhaupt gibt«, sagte Marta. Sie sah immer mehr aus wie ihre Mutter.

»Ich bin nicht komplett von gestern«, sagte er. Er nahm den letzten Schluck Gin Tonic und kaute auf den Eiswürfeln.

Und dann war da wieder diese unbehagliche Stille, die so schwer verdammt schwer zwischen ihnen wog. Marta drehte den Laptop zu Quigley um.

»Hier«, sagte sie. »Wie wär’s damit?«

Er sah das Bild eines leeren Parkplatzes vor einem Pub, den sie auf Google Maps gefunden hatte.

»Scheint ein geeigneter Platz zu sein«, sagte er.

Marta nickte.

»Wenigstens nachdem der Laden zugemacht hat. Wann willst du es tun?”

Er konnte sehen, wie aufgewühlt sie war. Kurz davor, in die Luft zu gehen. Sie hatte keinen Funken Geduld. Wie ihre Mutter.

»Ich habe noch einen Posten auf meiner Liste für heute Nachmittag. Dann können wir raus aus diesem Drecksloch.”

Sein Blut fing an zu kochen, als an den besagten »Posten« dachte.

»Du gönnst dir keine Auszeit, wie?”

»Na ja, die Zeit drängt. Ob’s mir gefällt oder nicht.«

Marta runzelte die Stirn. Sie nahm ein Stück Würfelzucker und lutsche daran. So wie sie es schon als Kind getan hatte.

Quigley tätschelte ihre Hand, während sie sich beide in Schweigen hüllten.

***

Steven Mulcahy hatte schon immer eine grässliche Lache. Sogar als sie noch Kinder waren, ging sie Quigley gehörig auf die Nerven. Dieses Kreischen. Dazu das rote Gesicht. Die Spucke, die ihm dabei über die schwabbeligen Lippen lief.

Quigley knallte den Hammer gegen Mulcahys rechte Kniescheibe. Da war es wieder, dieses Kreischen, auch wenn es jetzt doch irgendwie anders klang. Quigley schlug nochmals zu. Mulcahy ging in seinem kleinen, vollgestopften Büro schreiend zu Boden.

»Ganz genau«, sagte Quigley. »Mein verdammter Hund. Nipper. Seinetwegen bin ich hier.”

»Willst du mich verarschen?«, fragte Mulcahy.

Quigley drosch mit dem Hammer auf Mulcahys linke Kniescheibe ein und wendete sich ab, als sein alter Schulfreund auf den Teppich kotze. Er setzte sich in einen schmierigen Ledersessel und versuchte seine Wut unter Kontrolle zu bekommen.

Quigley war ein Einzelkind, dem es immer schwergefallen war, sich mit den anderen Kindern in der Schule anzufreunden. Sein bester Freund war sein Hund gewesen. Ein ungezähmter Straßenköter namens Nipper. Mulcahy wohnte in derselben Straße wie er. Quigley hatte ihn nie wirklich leiden können. Mulcahys Vater war ein Bulle und seine Mutter hielt sich für was Besseres. Aber hin und wieder spielten die beiden miteinander im Hinterhof von Quigleys Reihenhaus.

Eines Tages, Quiglay war gerade sieben Jahre alt, während eines langen, heißen Sommertages kam Mulcahy von einem Ausflug an den Strand zurück und stürmte überdreht und kichernd in Quigleys Hinterhof. Nipper rannte bellend auf ihn zu. Der Hund mochte Mulcahy ebenfalls nicht.

Mulcahy schlug ihm mit einem Spaten auf den Kopf. Der Hund ließ sich das natürlich nicht bieten und biss zu. Mulcahy blutete und flennte wie ein kleines Mädchen. Er rannte nach Hause zu seiner Mutter. Seine Eltern rasteten völlig aus und beschwerten sich bei Quigleys Eltern über den gemeingefährlichen Köter. Quigleys Eltern gaben schließlich klein bei und ließen den Hund einschläfern. Quigley hatte Mulcahy nie vergeben können. Manchmal, an langen, ruhigen Abenden, fragte er sich, ob er nur deswegen zu einem Gangster geworden war.

Mulcahy flennte jetzt wieder wie ein kleines Mädchen. Oder doch eher wie ein verwundetes Tier. Doch das löste in Quigley nicht das geringste Mitgefühl aus. Seine Rachegelüste brodelten schon seit Jahren in ihm. Er hatte sich immer wieder ausgemalt, wie er Mulcahys Qualen in die Länge ziehen würde. Aber jetzt wollte er es nur noch hinter sich bringen. Er stand auf und beugte sich wutschnaufend über Mulcahy. Er stellte seinen Fuß auf Mulcahys Knie und trat zu. Dann wartete er bis das Schreien und Schluchzen weniger wurde und holte sein Handy hervor. Er suchte darauf nach einem Bild und hielt es Mulcahy vor die Nase.

»Schau’s dir an”, sagte er.

Mulcahy starrte nur auf Quigleys Füße. Quigley packte sein Gesicht und zerrte es vor das Handy. Er tippte auf eine Taste, um eine Fotoserie zu starten. Die Aufnahmen zeigten ein Rudel Hunde, die einen Mann in Polizeiuniform in Stücke rissen.

Mulcahys Augen wurden groß wie Untertassen. Wieder übergab er sich.

»Die armen Viecher waren am Verhungern. Was kein Wunder ist. Die Zwinger, die Butler und dein Vater hatten, entsprachen nicht gerade den Tierschutzgesetzen. Aber warum auch? Sie hielten die Hunde ja nur, um sie gegeneinander kämpfen zu lassen.«

Dann drosch er mit dem Hammer auf Mulcahys Kopf ein, bevor er wieder anfing zu schreien.

***

Die Fahrt, die mit solch einer Begeisterung begonnen hatte, trieb Quigley mittlerweile in den Wahnsinn. Es lag nicht nur an der Musik aus dem Radio. Es waren die Scheibenwischer des rostigen Audi A3, die sich steif über die Windschutzscheibe bewegten. Und der unregelmäßige Regen. Die düsteren, verlassenen Landstraßen. Es war England. Diese verdammte Insel. Dieses Drecksloch.

»Aber wie ist Bohnenstroh jemals in den Ruf gekommen, dumm zu sein?«, fragte Marta. »Ist ‘ne ziemlich dumme Redewendung, wenn du mich fragst.«

Mit ihrem breiten Grinsen, dem Zopf, der gepunkteten Bluse, die sie vorne zusammengeknotet hatte, und den abgeschnittenen Jeans sah Marta aus wie jemand aus der Fernsehserie Ein Duke kommt selten allein. Tatsächlich aber ist sie in Yorkshire geboren und aufgewachsen. Genau wie ihre Mutter. Sie trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad im Takt irgendeines schrecklichen Liedes, in dem irgendwer von »starting fires« sang. Für Quigley klang es wie Musik von einem anderen Planeten. Oder aus der Hölle.

Aber er konnte nicht viel mehr machen, als es mit einem Lächeln ertragen. Er und Marta unternahmen diese ganze Reise gemeinsam — nicht nur diese eine nächtliche Fahrt auf dieser deprimierenden, regennassen Straße durch Nord-Yorkshire.

Quigley war erst seit ein paar Tagen wieder in seinem Heimatland, und bevor er sich versah, wünschte er sich wieder zurück in Spanien zu sein, zurück in seinem Vorruhestand, der solch ein jähes Ende gefunden hatte. Er hatte drei Ärzte aufgesucht – einen in Spanien, zwei in Londen – aber sie erzählten ihm alle dasselbe. Sechs Monat, vielleicht noch ein Jahr, und er würde sich die Radieschen von unten anschauen.

Es war der spanische Quacksalber, der ihm vorgeschlagen hatte, eine Liste zu machen. Anscheinend hatte er es in einem Film mit Jack Nicholson gesehen. Eine Liste mit Dingen, die er vor seinem Tod noch erledigen wollte. Das hatte die Rädchen in Quigleys Kopf zum Surren gebracht. Sie surrten so schnell, dass sie bald zu krächzen begannen. Sie krächzten ein einziges Wort. Rache.

»Vielleicht hat’s was mit Mr. Bean zu tun? Wegen den Bohnen, meine ich«, sagte Quigley, während er an einer kalten Marlboro herumfingerte.

Sie bog in eine enge Seitenstraße und fuhr in Richtung eines großen, abgedunkelten Gebäudes mit einem kleinen Parkplatz davor.

»Wer ist denn das? Nie von ihm gehört”, sagte Marta.

Quigley seufzte. Ein weiteres Anzeichen dafür, dass er kein Teil ihrer Kindheit gewesen war.

»Er war ein ziemlich beliebter Komiker. Ist noch gar nicht so lange her«, sagte er.

»War er einer dieser Perversen von der BBC, die sich an kleinen Kindern vergangen haben?«, fragte sie.

»Nein, ich glaube nicht«, sagte Quigley.

Marta stellte den Wagen auf dem leeren Parkplatz vor dem Pub ab. Der Laden hatte natürlich schon geschlossen. In einem Kaff wie diesem war alleine der Gedanke an eine Tasse lauwarmen Tee nach Mitternacht der Gipfel der Dekadenz. Aber natürlich war dies genau, wonach sie gesucht hatten.

»Und was machen wir jetzt?«, fragte Marta.

»Da gibt’s nicht viel«, sagte Quigley. Er betrachtete sich im Spiegel. Er sah die grauen Stellen in seinem Bart. Die Falten in seinem Gesicht. Sogar seine Ohrläppchen schienen größer zu werden.

»Am besten schaltest du das Licht aus«, sagte er. »Wir wollen kein unnötiges Risiko eingehen.«

Sie saßen in der Dunkelheit und lauschten einer hitzigen Debatte im Radio über schwule Priester.

»Ein Kerl, der ein Kleid trägt und nicht heiraten darf, muss ja schwul werden«, sagte Marta.

»Da könnte was dran sein«, sagte Quigley und nickte ein. Er öffnete die Augen wieder, als eine große, schwarze Limousine mit verdunkelten Seitenscheiben vorfuhr.

»Bist du bereit?«, fragte Quigley. Er gähnte.

»Wenn du es bist”, sagte Marta.

Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange.

»Höchste Zeit, dass die Nachtschicht ihre Arbeit beginnt«, sagte sie.

Sie zogen sich beide lange, schwarze Ledermäntel über und schnappten sich abgesägte Schrotflinten von der Rückbank.

»Darauf freue ich mich schon den ganzen Tag«, sagte Marta.

»Nun ja. Man lebt nur einmal”, sagte Quigley.

Marta hielt einen Moment lang seine Hand und lächelte schwach.

Sie stiegen aus dem Wagen in die kalte Herbstnacht und knallten die Autotüren hinter sich zu. Quigley begann zu husten.

»Immer mit der Ruhe, Dad«, sagte Marta.

Der Fahrer der Limousine öffnete sein Fenster, als sie näher kamen. Sie hielten die Flinten unter ihren Mänteln versteckt. Der Fahrer war sonnengebräunt, hatte gefärbte Haare, gebleichte Zähne und einen irren Blick. Wie ein psychopathischer Showmaster aus dem Fernsehen.

»Sieh an, sieh an«, sagte Tonto. »Du bist es wirklich. Ein Geist aus der Vergangenheit. Wir haben alle geglaubt, du wärst längst tot.”

»Geglaubt oder gehofft?«, fragte Quigley mit rauer Stimme.

»Nicht im Geringsten. Die Vergangenheit soll meinetwegen Vergangenheit bleiben. Weißt du, die Dinge ändern sich. Ich bin jetzt der Boss hier.”

»Ich hab’s mitbekommen, Tonto.”

Tonto zuckte zusammen. Er war die letzten Jahrzehnte Jacko Butlers Mann fürs Grobe und immer nur die zweite Geige gewesen. So war Barry Greenwood an seinen Spitznamen gekommen. Alle fanden ihn schreiend komisch. Außer Tonto natürlich.

»Ich habe versucht, Wacko Jacko zu erreichen”, sagte Quigley. »Aber er schien immer verhindert zu sein.”

»Ja? Nun, wir haben kaum noch Kontakt zueinander. Nicht mehr, seitdem in den Ruhestand gegangen ist.«

Tonto blickte hinüber zu Marta. Sie hatte sich Quigley Mütze ins Gesicht gezogen und den Kragen ihres Mantels hochgeschlagen.

»Wer ist die Kleine?”, fragte Tonto. »Seit wann brauchst du einen Handlanger? Ich dachte immer, du arbeitest allein.”

»Wie du schon sagtest, Tonto. Die Dinge ändern sich. Es sind Umstände außerhalb meiner Kontrolle, die mich zwingen, einen Helfer zu beschäftigen.«

»Ich kann’s dir nicht verdenken. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, stimmt’s?«

Die Beifahrertür öffnete sich und ein Koloss in einem orangefarbenen Anorak stieg aus.

»Du erinnerst dich bestimmt noch an meinen Neffen Darren.”

Darren Greenwood grinste schief, so wie er eigentlich immer schief grinste, seit er als Kind vor einen Eiswagen gelaufen war.

»Wie könnte ich ihn je vergessen?”

»Können wir dann bitte zum geschäftlichen Teil übergehen?«, fragte Tonto. »Dieses Wetter ist nicht gut für mein Rheuma.«

»Wie viel hast du?«

Tonto nickte hinüber zum Kofferraum des Wagens.

»So viel wie du haben willst. Hast du die Knete?«

»Bis auf den letzten Penny.”

Quigley und Tonto blickten sich einen Moment lang in die Augen. Dann gab Tonto einen kurzen Pfiff von sich.

Darren ging zum Kofferraum des Wagens und öffnete ihn.

»Du bist am Zug«, sagte Tonto.

»Bezahl den Mann«, sagte Quigley zu Marta.

Marta machte einen Schritt nach vorne, riss die Schrotflinte hoch und schoss Tonto ins Gesicht. Zeitgleich blies Quigley den Kopf von Darrens Schultern.

Der Rückstoß der Flinte war heftig. Quigley hustete stark. Er beugte sich vor und spuckte Blut auf den nassen Asphalt. Marta legte ihren Arm um ihn, bis er aufhörte zu zittern.

»Ist 'ne Schande, das Zeug abzufackeln«, sagte Marta, als sie auf die vielen Päckchen Kokain im Kofferraum der Limousine blickte. Ihre Zunge berührte ihre Lippen.

»Es ist für alle das Beste«, sagte Quigley. Im Pub ging ein Licht an.

Quigley eilte zurück zum Auto und zog zwei Kanister Benzin heraus.

»Du musst gehen«, sagte er zu Marta. Die Vordertür des Pubs öffnete sich. In der Ferne heulten Sirenen auf.

»Oh, verdammt«, sagte sie. »Tu es jetzt, Dad.«

»Jetzt oder nie, Kleines.«

Er nahm sie in den Arm. Dann schob er sie weg und wartete, bis sie ins Auto stieg, losfuhr und in einer Nebenstraße verschwand.

Jetzt oder nie, dachte er.

Quigley verteilte das Benzin über die Limousine, den Leichen und den Drogen. Dann goss er es über sich selbst. Er schob sich eine Zigarette in den Mund und dachte an einen Song von Duran Duran. Ausgerechnet. Dann klappte er das Zippo-Feuerzeug auf, das er das letzte Mal in den Neunzigern benutzt hatte, und ließ sich von den Flammen umfangen.

Paul wurde in England geboren und lebt in Polen. Er ist Mitglied der International Thriller Writers Inc und hat folgende Bücher geschrieben: A Case of Noir, Guns of Brixton, Cold London Blues, and Kill Me Quick.Seine Kurzgeschichten erschienen in verschiedenen Magazinen und Sammlungen, u.a. in The Mammoth Books of Best British Crime. Außerdem ist er der Herausgeber (zusammen mit Luca Vest) der Anthologie True Brit Grit.

Übersetzt von Heiner Eden.