Ross E. Lockhart

Ghoul Girl

Ich verstehe nichts von Kunst, aber ich weiß, was mir gefällt. Die Werke von Pick gefielen mir überhaupt nicht. Ich rede nicht von seiner täglichen Arbeit als Fotograf — der Mann schoss Bilder von Suppendosen und nackten Mädchen so gut wie jeder andere Profi in New York. Ich rede von seiner digitalen »schönen« Kunst ... und dem Ghoul Girl. Zu ihr komme ich noch.

Picks Arbeiten rollten mir die Fußnägel hoch. Dabei mag ich Horror eigentlich sehr. Aber die Fans von den wirklich harten Sachen fuhren darauf ab, also kaufte ich sie und benutze sie für die Cover.

Picks Stil liegt irgendwo zwischen Michael Garlington und Joel-Peter Witkin: kunstvolle Porträts von schrägen Typen, intim wie Arbus und Cameron, aber mittels Photoshop ins Monströse verzerrt. Er war furchterregender als Alfrey oder Potter, und etwas in seinem unerschrockenen Blick auf seine Motive drehte mir den Magen um.

Er machte eine große Sache aus seinem Familiennamen — Pickman — und führte sich auf wie H.P. Lovecraft, obwohl er mit seinen fast dreihundert Pfund und seinem Vollbart eher aussah wie ein schwuler Teddybär und nicht wie der große Alte aus Providence. Ich habe mir nie besonders viel aus Lovecraft gemacht. Re-Animator, den Film, könnte ich mir zwar immer und immer wieder anschauen, doch Lovecrafts blumige Prosa, sein Rassismus und seine überzogene Angst vor Thunfischsandwiches lassen mich ziemlich kalt. Aber es wird immer ein Publikum für Tentakeln und Terror geben, und Pick war geneigt, daraus Kapital zu schlagen. Genau wie ich, was sich leicht an dem Zeug, das ich herausgebe, erkennen lässt.

Mein Verlag Smilin' Necrophile lief ordentlich. Die Absätze lagen zwar nicht in den Dimensionen eines Stephen King, waren aber doch hoch genug, um mich mit Zigaretten und Bourbon zu versorgen. Doctor Tallow von Bill Roth durchlief drei Auflagen (das Cover des Buches lässt mich immer noch erschauern) und der Mathis-Band war vom Publishers Weekly mit einem Stern ausgezeichnet worden. Doch dann kam - Boom! - der große Crash am Buchmarkt. Weil Direktverkäufe allein nicht reichten, um mich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken, entschloss ich mich, meine Produktpalette um etwas unverfroren Kommerzielles zu erweitern: Schweinkram. Mit Horrorelementen. Also veröffentlichte ich Organ Grinder, ein Hochglanz-Wichsheft für Splatterfreaks.

Pick und ich planten die ersten drei Ausgaben im örtlichen Hooters, wo Pick Stammkunde war, bei frittierten Gurken, Burgern und Bier. Während ich die Zahlen durchging, flirtete er mit der Bedienung — ein süßes, dunkelhaariges Ding namens Aimee. Ich gab ihr Pick zuliebe mehr Trinkgeld als nötig. Ungefähr einen Monat später, als es an die Bildaufnahmen ging, besorgte ich eine Handvoll Mädchen aus Porn Valley, die wir wie Schlachtopfer, Leichenliebhaberinnen und Nekrohexen herrichteten. Ich heuerte Pick und ein paar andere Fotografen für die Aufnahmen an.

Die ersten drei Ausgaben waren bereits mit den Vorbestellungen ausverkauft. Ich fühlte mich, als wäre ich auf eine Goldgrube gestoßen. Aber die dritte Ausgabe verzögerte sich einige Monate, weil die Druckerei wegen einer von Picks Aufnahmen Stress machte. Es war die mit den siamesischen Zwillingen — Cass und Hell — und Big Bobby Blaque, der eine Ziegenkopfmaske trug. Blöde Wichser.

Ich holte unsere Druckvorlagen zurück und suchte nach einem anderen Ort, um das Heft fertigen zu lassen. Während ich mir darüber die Haare raufte und alle Hebel in Bewegung setzte, erschien im Rue Murder eine mäßige Rezension unserer zweiten Ausgabe. Das machte mich nachdenklich. Ich brauchte etwas Neues für Ausgabe Nummer vier, etwas, das völlig anders war. Deshalb besuchte ich Pick in seinem Atelier in dem Lagerhaus beim alten Friedhof.

Und er zeigte mir das Ghoul Girl.

Sie war... wo fange ich an? Sie war spindeldürr wie eines dieser jüdischen Mädchen in diesem Buch über Kriegsgräuel, das Benny Finkmann gehörte. Für 'nen Vierteldollar ließ er die Nachbarskinder einen Blick darauf werfen. Sie war kreidebleich und hatte lange, eingerissene Fingernägel. Ihr Mund war... wie auf den Bildern: eingefallene Lippen, eine Gaumenspalte, hinter der scharfe, hundeartige Zähne zu sehen waren. Im Gegensatz dazu sahen ihre schwarzen Haare aus wie aus einer Shampoo-Werbung. Und dann diese Augen, die vorwurfsvoll in das Objektiv der Kamera glotzten — als ob sie einem direkt in die Seele blickten. Sie trug ein mit Nieten besetztes Hundehalsband und war an ein metallenes Bettgestell gekettet, auf dem eine nackte Matratze lag. Ein gelber Plastikeimer stand daneben auf dem Boden.

Ich dachte, ich müsste mich übergeben, als Pick durch die hochauflösenden Bilder auf seinem Tablet blätterte. Das Ghoul Girl mit allen Vieren von sich gespreizt auf dem Bett. Das Ghoul Girl, das Knorpel von einem Knochen nagt. Das Ghoul Girl mit dem nackten Knochen zwischen ihren Beinen.

»Jesus, verdammt.« Ich erinnere mich, wie ich die Worte auswürgte. »Das ist echte Serienkiller-Scheiße.«

Pick grinste. »Photoshop und Feenstaub. Alles am Computer gemacht. Komplett virtuell. Hab sie zusammen mit ein paar Freaks aus Kroatien designt. Davon kriegt man 'nen Ständer, den man mit 'nem Hammer bearbeiten möchte, stimmt's?«

Ich nickte benommen. Der Geschmack von Galle stieg mir in den Mund. Pick klickte sich durch die Bilder, eins abscheulicher als das andere. Dann drehte er das Tablet zu mir. Das Bild zeigte Ghoul Girl, die rittlings auf einer riesigen aufblasbaren Gummigurke saß und einen Cowboyhut in ihrer gehobenen Hand hielt. »Das ist mein Lieblingsbild«, sagte Pick.

Ich wollte lachen. Und mich übergeben. Dann sprang ich fast aus meiner Haut, als ein Geräusch — ein Kratzen — durch den Raum huschte.

»Ratten. Im Gemäuer.« Pick schmunzelte. Er reichte mir das Tablet und erhob sich ächzend aus seinem Stuhl. »Entschuldige mich für einen Moment.«

Ich sah mir die Bilder an, bis Pick vielleicht zehn Minuten später zurückkehrte. Ich hörte ein dumpfes Krachen und Klopfen, dann kam Pick zurück ins Zimmer. Er hatte ein Geschirrtuch um seine linke Hand gewickelt. »Das Viech hat mich gebissen.« Er legte sich seine rechte Hand um den Hals. »Aber ich hab's ihr gezeigt. Scheiß Ratten.«

»Soll ich dich ins Krankenhaus fahren? Das verdammte Ding könnte die Tollwut gehabt haben.«

»Nee, ich hab ein bisschen Wasserstoffperoxid draufgeschüttet. Wird schon wieder. Was hältst du denn nun von meinem Ghoul Girl? Ich kann sie tun lassen, was ich will. Wird's den Splatterfreaks gefallen?«

Und wie es ihnen gefiel. Sie liebten das Ghoul Girl. Die nächsten drei Ausgaben — die letzten drei Ausgaben — waren voll mit Bildern von ihr. In Nummer vier brachten wir die besten von denen, die Pick mir in seinem Atelier gezeigt hatte. Die mit dem Bett und dem Eimer in dem — so nannte es Pick – ‚Notzuchtzimmer‘. Nummer fünf zeigte eine Serie mit Lesbensex zwischen dem Ghoul Girl und Britanny Blaze. Ich sah zu, wie Pick die Aufnahmen mit Britanny machte. Ihre Partnerin, Carlotta Cream, trug einen grünen Morphsuit. Dazu ein paar Spezialeffekte aus Karo Maissirup und Lebensmittelfarbe. Der Rest war, wie Pick es sagte, Photoshop und Feenstaub.

Ich brachte das Ghoul Girl auf das Cover der sechsten Ausgabe. Darauf war eine Szene auf dem Friedhof zu sehen, in der das Ghoul Girl ein Grab ausgehoben hatte und gerade das Fleisch vom Gesicht eines jungen Mannes nagte. Es ist die Ausgabe, die erst kürzlich erschienen ist und gleich die Cops auf den Plan rief, weil der junge Mann einem College-Studenten ähnlich sah, der erst vor ein paar Wochen beim Basketballspielen tot auf dem Platz zusammengebrochen war. Die Cops drohten mir mit Gerichtsverfahren und Exhumierung, also rief ich Pick an — das war letzten Mittwoch — und sagte ihm, dass wir eine Pressekonferenz geben müssten und enthüllen, dass das Ghoul Girl und ihr Opfer auf dem Cover nichts weiter seien als visuelle Trickserei, virtuelle Puppen. Er stimmte mir zu. Sagte, ich solle ihn am nächsten Morgen abholen.

Donnerstagmorgen erhielt ich den Anruf. Pick war tot. Er hatte den Ausgang für Feiglinge genommen und sich in seinem VW auf dem Parkplatz vor dem verfluchten Hooters eine Kugel verpasst. Er hinterließ einen Abschiedsbrief für mich, in dem er sich »für alles« entschuldigte. Ich verbrachte drei Stunden auf der Polizeiwache, beantwortete ihre Fragen, machte meine Aussagen und trank miesen Kaffee. Sie fragten mich nach den Kratzern auf Picks Gesicht, nach dem Blut auf seinen Klamotten, das nicht seines war. Ich sagte, ich wüsste von nichts. Gegen Mittag ließen sie mich gehen. Ich hatte mitbekommen, dass die Cops noch damit beschäftigt waren, Picks Wohnung auseinanderzunehmen. Auf sein Atelier waren sie noch nicht gekommen. Ich fuhr direkt hin, um den Cops zuvorzukommen, Picks Computer zu durchsuchen und alle Beweise zu sammeln, die ich brauchte, um zu zeigen, dass das Ghoul Girl nichts weiter war, als eine abartige Ansammlung von Nullen und Einsen.

Ins Atelier zu kommen war einfach. Ich habe einen Schlüssel. Die Trümmer von Picks Computern waren über das gesamte Lagerhaus verteilt. Er hatte mithilfe eines Baseballschlägers, der nun aus einem der Monitore ragte, ganze Arbeit geleistet. Ich fluchte und setzte mich auf meinen üblichen Platz. Da fiel mein Blick auf Picks Tablet, das auf dem Boden lag. Ein tiefer Kratzer überzog das Display, aber ansonsten war das Gerät unbeschädigt. Ich hob es auf und schaltete es ein.

Das Bild auf dem Display zeigte Ghoul Girl, die ans Bett im »Notzuchtzimmer« gefesselt war und wütend in die Kamera stierte. Anders als in den ersten Aufnahmen war nun ein Green Screen und grün gestrichene Kisten zu sehen. Auf dem Boden lag der zerfressene Leichnam eines jungen Mannes. Als ich mich noch fragte, was Requisiten fürs Green-Screen-Verfahren in einer virtuellen Fotosession zu suchen haben, hörte ich wieder dieses rattenhafte Kratzgeräusch. Nur anders. Lauter. Ich legte das Tablet nieder, stand auf und folgte dem Geräusch.

In Picks schmuddeliger Küche stank es, als hätte er ein Paket Schinken seit einigen Monaten ganz hinten im Kühlschrank liegen lassen. Eigentlich war es noch schlimmer: Fäulnis, Erde, Chemikalien und...

Da war wieder das Geräusch. Ganz nahe. Ich blickte in die Richtung, aus der es kam. Die Tür zum Vorratsschrank war nur angelehnt.

Ich öffnete sie. Keine Ahnung, wieso. Keine Ahnung, warum ich nicht einfach gegangen bin.

Der Vorratsschrank war gar keiner. Es war eine Tür. Hinter ihr führte eine holprige Holztreppe hinunter in die Dunkelheit. Und nochmals das Geräusch: Metall auf Beton, dazu ein trockenes Röcheln.

Ich tastete die Wand nach einem Lichtschalter ab. Ich fand und drückte ihn. Eine dieser spiralförmigen Glühbirnen flackerte auf.

Etwas krächzte. Dann hörte ich wieder Metall auf Beton. Dann Metall auf Metall.

Ich stieg die Treppe hinab. Ich wünschte, ich hätte den Baseballschläger mitgenommen.

Ratten. Im Gemäuer.

Ich erreichte die unterste Stufe. Das Licht aus dem Treppenschacht schaffte es nicht, den Raum darunter zu beleuchten — nur etwas, das gerade so aus der Ecke der Dunkelheit ragte. Es war rundlich und... grün.

Eine Gurke? Die Gummigurke aus Picks Lieblingsbild?

Oh, verdammt.

»Hallo?«, rief ich. Aber ich bekam nur Stille als Antwort. Ich trat aus dem viel zu kleinen Schutzkreis des Lichtes und suchte an der Wand nach einem Lichtschalter.

Ich fand ihn. Das Licht warf den Raum in ein grelles, hochauflösendes Relief.

Ich sah den Green Screen. Die Requisiten. Das Bett. Den verwesten, zerfressen Leichnam.

Die Kette.

Das Ghoul Girl in der Mitte des Raumes. Sie fletschte ihre Zähne. Sie schrie.

Ich machte einen Schritt zurück und stolperte über die bescheuerte Gummigurke. Schlug mit dem Hinterkopf auf den Betonboden. Für eine Sekunde wurde mir schwarz vor Augen. Dann krabbelte ich auf allen Vieren zur Wand unter dem Lichtschalter. Das Ghoul Girl streckte ihre Hände aus. Die Kette stand straff zwischen ihrem Halsband und dem Bettgestell. Sie zog an ihrer Fessel. Das Bett krächzte, als sie es Zentimeter für Zentimeter über den Boden zerrte. Sie öffnete ihren geschundenen Mund. Speichel floss heraus. Sie rang nach Luft.

Ratten im Gemäuer. Von wegen.

Ich tat, was jeder vernünftige Mensch getan hätte. Ich rief die verdammten Cops. Dann legte ich ihr meinen Mantel um.

Nun, da ihre Blöße bedeckt war, sank das Mädchen zu Boden und schluchzte in ihre klauenartigen Hände.

»Es tut mir leid«, sagte ich immer und immer wieder. »Es tut mir leid.« Bis die Sirenen lauter wurden. Bis von oben das Geräusch schwerer Stiefel und das Bellen von Schäferhunden zu hören waren.

Sie wissen, wann dann geschah. Zweiundsiebzig Stunden der Demaskierung, der Identifikation, der Diagnose und der Quarantäne. Der zuerst nicht erkannte und höchst ansteckende Stamm von Porphyren. Die Drogen: Ecstasy, Scopolamin und Krok in Dosen, die aus jedem einen gefräßigen Sexzombie gemacht hätten. Die Verbindung zu den Kroaten. Die weltweiten Festnahmen. Das neunzehnjährige Hooters-Mädchen, das seit acht Monaten verschwunden war. Arme kleine Aimee.

Die Presse fing an, Pick den »Ghoulmeister« zu nennen. Und meine Rolle in der Angelegenheit zu hinterfragen. Als nächstes kamen die Todesdrohungen. Meinen Verlag Smilin' Necrophile machte ich dicht. Keine Ahnung, ob ich jemals wieder lächeln werde.

Beinahe zehn Jahre lang brachte ich Horrorstories der extremen Art heraus. Mord und Totschlag und Verstümmelungen. Hab's immer mit Vernunft begründet. Habe gesagt, dass Horror kathartisch sei, ein Mittel zur Stressbewältigung, ein gesellschaftliches Sicherheitsventil. Und dass die Monster nicht echt seien.

Aber sie sind es. Mein Gott, sie sind es.

Manchmal schauen wir ihnen in die Augen, und sie lügen uns an und erzählen uns genau das, was wir hören wollen.

Ross ist Autor, Anthologe, Redakteur und Verleger. Als Veteran der Indie-Szene hat er unzählige hochgeschätzte Bücher aus den Genres Horror, Fantasy und Science Fiction herausgegeben, wie z.B. die Anthologien The Book of Cthulhu I und II, Tales of Jack the Ripper, The Children of Old Leech (mit Justin Steele), Giallo Fantastique, Cthulhu Fhtagn und Eternal Frankenstein (Oktober 2016). Chick Bassist ist sein Debütroman. Er lebt zusammen mit seiner Frau Jennifer, hunderten von Büchern und einem Shih Tzu namens Elinor Phantom in Petaluma, Kalifornien.

Übersetzt von Heiner Eden.