Shaun Meeks

Hautnah

Es wurde kalt. Wenigstens kam es ihr so vor. Ihr Körper schwang hin und her. Der Brechreiz kam und ging in Wellen. Tina wollte sich nicht übergeben, nicht auch noch das letzte Bisschen hervor würgen. Sie fürchtete sich davor auszutrocknen. Sie fürchtete sich auch vor dem Rest. Ihre Übelkeit resultierte aus mancherlei Gründen. Und es half kein bisschen, dass sie ihre Augen geschlossen hielt. Und dennoch wollte sie sie nicht öffnen und der Wahrheit ins Gesicht schauen.

Die Wahrheit war, dass sie sterben würde.

Frierend.

Allein.

Ihr Rücken pulsierte. Sie schluckte den Schmerz hinunter, der sich über ihren Körper kräuselte. In ihrer Kehle brannte es säuerlich. Sie wollte weinen, laut schreien. Doch das würde nicht helfen. Es war niemand in der Nähe, der sie hören würde. Es wäre nichts weiter als verschwendete Energie.

Tina fragte sich, wie James diesen Ort gefunden hatte, diese alte, heruntergekommene Lagerhalle, die wie ein faulender Zahn in einem ebenso faulen Mund steckte. Von außen sah das Gebäude aus wie etwas aus einem schlechten Horrorfilm. Verwaist. Als ob böse Erinnerungen und verweste Seelen es heimgesucht hätten.

Beim Anblick der Halle hatte Tina geschworen, dass sie keinen Fuß ins Innere setzen würde. Zweifelsohne beherbergte es Ratten, Wanzen und den einen oder anderen Obdachlosen. Bestimmt dachten einige Leute, dass »ein Freak wie sie« mit ihren Dreadlocks, den Piercings, den Brandings und den Implants auf solch einen Ort abfahren würde. Nichts als Idioten, dachte Tina. Ihr Köperschmuck bedeutete nicht, dass sie an makabren Dingen Interesse hatte. Sie mochte Horrorfilm nicht besonders, und sie wollte mit ihrem Äußeren nicht schockieren. Tina modifizierte ihren Körper aus spirituellen Gründen.

James wusste das. Deshalb verstand sie nicht, warum er sie so spät am Abend hierher gefahren hatte. Eine Überraschung, hatte er gesagt, ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk.

Na klar.

»Wir sind da«, sagte er, zog die Schlüssel aus dem Zündschloss und stieg aus. »Kommst du?«

»Du machst Witze, oder?«

»Nun mach schon, T. Es wird dir gefallen!«

James blickte sie mit diesem diebischen Grinsen an, bei dem sie schon immer weich geworden war.

Mistkerl.

Sie blickte noch einmal auf das Gebäude, das nicht mehr als eine Hülle war und zu düster, aber gleichzeitig auch zu deutlich im schwindenden Tageslicht stand. Sie drehte sich zu James um und verspürte ein Vertrauen, das sie sonst noch niemandem entgegengebracht hatte. Sie hatte keine Ahnung, wieso.

Und nun lag er irgendwo unter ihr, nur teilweise sichtbar im Mondlicht, das durch die zerbrochenen Fenster und die maroden Wände fiel. Was sie sehen konnte, genügte ihr vollkommen. Eine Waschbärfamilie stattete seinem ramponierten Körper einen Besuch ab. Noch immer schwang sie hin und her und konnte nur hören, was sie zum Glück nicht zu sehen bekam.

Feuchte Laute.

Hungrige Laute.

Laute von schmatzenden Essern, die sich an dem Fleisch ihres Freundes zu schaffen machen.

Die Geräusche und der Anblick seiner Konturen, die im Schatten zuckten, jedes Mal, wenn die kleinen Tiere einen Fetzen aus seinem Körper bissen, wären schon Folter genug gewesen.

Sie schloss die Augen wieder und wünschte sich so sehr, dass sie seinem Lächeln nicht verfallen wäre. Sie machte sich selbst fast so große Vorwürfe wie ihm. Es war ja nicht das erste Mal, dass er sie in eine missliche Lage gebracht hatte. Wie damals, als er sie dazu anstiftete, über den Drahtzaun zu klettern, um den Meteorschauer zu beobachten, nur um dann von diesem Farmer mit der Schrotflinte verjagt zu werden. Oder als er sie zum Nacktbaden in einem Teich überredete, der voll mit Blutegeln war. Sie würde nie vergessen, wie es sich angefühlt hatte, die glitschigen, fetten Viecher von ihrer Haut rupfen.

Die Schmerzen in ihrem Rücken und ihren Beinen schrien sie an, schrien, wie sie nur so blöd gewesen sein konnte. Sie wusste, was ihre Mutter sagen würde. Dass sie es nicht anders verdient hatte. Dass es ihre gerechte Strafe war für ein paar wirklich dumme Entscheidungen, die sie getroffen hatte.

Als Tina ihren Körper zum ersten Mal modifizieren ließ, hatte ihre Mutter sie einen Freak genannt. Dabei war es nur ein Lippenpiercing gewesen. Je mehr Tina machen ließ, desto heftiger fielen die Reaktionen ihrer Mutter aus. Eine Ausgeburt der Hölle hatte sie sie genannt.

Ihre Mutter kapierte es einfach nicht. Die meisten kapierten es nicht.

Die Dinge, die sie tat, um ihren Körper umzuformen, tat sie nicht des Aussehens wegen, und schon gar nicht um sich einer bestimmten Szene anzubiedern. Ihr ging es darum, wie sie sich dabei fühlte. Für Tina und viele andere war es eine spirituelle Sache; eine Möglichkeit, Dinge zu spüren und zu sehen, die die meisten Menschen nicht zu spüren und zu sehen bekamen. Jedes neue Piercing, jedes neue Tattoo, jede Veränderung an ihrer Haut und ihrem Fleisch brachte sie ein kleines Stückchen näher an etwas Größeres.

Etwas Besonderem.

Doch sobald ein Schnitt sich schloss oder das heiße Rosarot eines Brandings verblasste und heilte, fühlte sie, dass es nicht reichte. Nie war es genug. Sie las über Religionen und Kulturen, die Körpermodifikation benutzen, um spirituelle Erleuchtung zu erreichen, und sie wollte nichts mehr, als jede einzelne Methode selbst zu erleben.

Doch nun hing sie hier in der Dunkelheit. Einige Teile ihres Körpers waren kalt und taub, andere quicklebeding vor Schmerzen. Sie schwang über dem angefressenen Leichnam ihrer großen Liebe und erkannte den Preis für ihre Begierde nach Haken.

James hatte von ihrer Obsession gewusst. Er war ihr auf vielen ihrer Pfade zur Erleuchtung gefolgt. Aber da war diese eine Sache, die sie probieren wollte; diese eine Sache, die den ultimativen Kick versprach. Es war so verlockend, weil es so unmöglich erschien. Ihr Körper, dessen war sie sich sicher, würde es aushalten. Aber es war ziemlich schwer, in ihrer Stadt Leute mit dem nötigen Know-how zu finden.

Dann hatte James sie zu diesem alten Lagerhaus gebracht, und zu der Überraschung, die im Inneren auf sie wartete.

»Oh, mein Gott!« Tina stockte der Atem, als sie das Tor der Halle öffneten. »Wie zum Teufel hast du das nur gemacht?«

»Also gefällt’s dir?«

»Was glaubst du?«

Der Innenraum der Halle war ein Schock. Es war sauber, fast schon klinisch rein. Der beißende Geruch von Bleichmittel lag noch immer in der Luft. Zwar waren die meisten der Fensterscheiben eingeschmissen und die Außenwände und die Decke löchrig, aber ansonsten sah es aus, als hätte eine Putzkolonne ganze Arbeit geleistet.

Es war aber nicht die Reinlichkeit, die sie beeindruckte. Es war die Apparatur in der Mitte des Raumes und die Ausrüstung, die dazu gehörte. Ein wahr gewordener Traum.

»Ich hab auch einen kleinen Generator besorgt. Der wird nicht lange halten, aber es sollte reichen. Schließlich ist es dein erstes Mal.«

»Wer bringt mich hinauf?«

»Ich mache das.«

Tina zog eine Augenbraue hoch. James war zwar selbst ein glühender Anhänger von Modifikationen, aber er noch nie eine selbst durchgeführt. Und schon gar keine, die so kompliziert war, wie diese.

Hätte sie doch nur auf ihre innere Stimme gehört. James war ein Anfänger. Ohne jede Erfahrung. Sie wünschte sich, dass der Gestank der Bleiche, das Schmatzen der Tiere und der pochende Schmerz in ihrem Rücken einfach verschwinden würden. Sie biss die Zähne zusammen, schluckte die Wucht der brennenden Schmerzen auf ihrer Haut hinunter und verlagerte ihr Gewicht, um sich vielleicht ein kleines bisschen Erleichterung zu verschaffen. Es nützte nichts. Das alles wäre nie passiert, wenn sie nicht so verdammt hin und weg von James Bemühungen gewesen wäre.

»Ich habe viel darüber gelesen, Videos geguckt... mich schlau gemacht. Vertrau mir, T. Ich wird’s nicht vermasseln. Es wird großartig.«

Sie lächelte ihn an, ging zur Apparatur und bestaunte die ganze Arbeit, die er sich gemacht hatte.

»Hab’s komplett gereinigt. Das alleine hat acht Stunden gedauert. Und du weißt, wie gerne ich putze.«

»Ja, das weiß ich.«

»Danach war‘s eigentlich ein Kinderspiel. Aber ich musste bis ganz nach oben klettern, um die Ketten an dem Balken anzubringen.«

Sie blickte zu dem Stahlträger hinauf, der gute zwölf Meter über dem Boden unter der Decke hing.

»Du kannst dir aussuchen, wie hoch du gehen willst. Wie es sich für dich am besten anfühlt.«

»Es soll sich anfühlen, als würde ich fliegen.«

Sie betrachtete den Rest der Ausrüstung: die Seile, den Rahmen — und die Haken. Davon gab es zehn Stück, sechs große für den Rücken und vier kleinere, zwei für jedes Bein. Die Haken sahen furchteinflößend aus. Aber Schmerzen waren der Schlüssel. Manchmal muss man über seine Grenzen gehen, um sein wahres Ich zu finden. Natürlich würde es weh tun, aber sie würde es aushalten.

Sie zog sich bis auf ihr Höschen aus, legte sich auf Plastikplane, die James ausgerollt hatte, und machte ihre Atemübungen.

Dann spürte sie, wie der erste Haken in sie eindrang. Sie atmete tief ein und wieder aus, als James die Spitze des Metalls in die Haut zwischen seinen Fingern drückte.

»Alles klar?«

»Alles bestens.«

So ging es Haken für Haken. Mit jedem einzelnen entspannte sie sich mehr. Die Welt um sie herum löste sich langsam auf. Die Lagerhalle verschwamm, als würde jemand einen Lichtdimmer herunter drehen. Die einzigen Geräusche, die sie vernahm, waren ihr Atmen und ihr Herzschlag. Und das Plop der Haken, wenn sie sich durch ihre Haut bohrten.

Sie spürte, wie nah sie dem Ort war, nach dem sie schon immer gesucht hatte. Ihr ganz eigenes Nirwana. Als der letzte Haken an seinem Platz war, streckte sie die Arme aus und wartete.

»Ich fang langsam an. Sag Bescheid, wenn ich aufhören soll.«

Tina sagte nichts, sondern nickt nur kurz. Sie wollte den Fokus nicht verlieren. Sie hörte, wie James die Kurbel betätigte. Sie atmete tief ein und vergaß fast, wieder auszuatmen. Noch nie in ihrem Leben hatte sie gefühlt, was sie in diesem Moment fühlte. Ihre Verbindung zur Erde war verschwunden, als hätte jemand eine Nabelschnur durchtrennt. Sie war dem Mutterlaib entkommen, der sie bisher so schützend umgeben hatte.

Sie flog.

Sie war frei.

Tina war alles und nichts.

Um sie herum wurde es dunkel und still. Ihre Sinne verloren sich im Moment. Zwar spürte sie den Schmerz, als sie emporstieg. Aber es war eher so, als würde sie ihre wahre Existenz erkennen. Für sie wurden die Schmerzen wie Luft zum Atmen; eine Notwendigkeit, um der eigenen Physis zu entkommen.

Sie schloss die Augen. Sie atmete meditativ und flog auf ihrer ganz eigenen spirituellen Ebene.

Es war unvorstellbar. Wunderschön.

Und dann ging das Gefühl verloren.

»Verdammte Scheiße!«

Tina öffnete die Augen und sah James zehn Meter unter ihr an der Kurbel stehen.

»Was ist los?«

»Irgendetwas stimmt nicht. Das Ding blockiert. Verdammt!«

Er sah zu ihr hinauf. »Sieht aus, als wäre das Problem über dir. »Wenn du noch höher willst, muss ich raufkommen und es beseitigen.«

»Beeil dich!« Tina verkniff sich ein Lachen. Ihr Körper füllte sich mit Endorphinen. Sie verspürte ein riesiges natürliches Hochgefühl. Die Schmerzen lösten sich ins Nichts auf.

»Ich werd’s versuchen.«

Tinas Körper stand unter einem Strom, den sie noch nie zuvor erlebt hatte. Jeder Nerv schien zu pulsieren und seinem eigenen, höchst angenehmen Herzschlag zu folgen, bis sie irgendwann in einem Einklang endeten, der der fehlende Schlüssel zu ihrem wahren Ich sein würde.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

Sie sah es bereits vor ihrem geistigen Auge. Ihr wahrgewordener Traum. Ihr ganz eigener Himmel.

Dann. James schrie. Plötzlich und laut.

Sie öffnete die Augen schnell genug, um zu sehen, wie ihr Freund, der Mann, den sie seit drei Jahren liebte, auf den Boden knallte.

Sein Körper schlug hart auf den Beton. Er gab ein Grunzen von sich, das fast von dem dumpfen Geräusch des Aufschlags und dem schrecklichen Knacken seiner Knochen übertönt wurde.

Sie schrie seinen Namen so laut, dass die Haken und Seile, die sie in der Luft hielten, erzitterten. James antwortete nicht. Unter seinem Körper sammelte sich eine Blutlache.

Tina rief augenblicklich um Hilfe. Es dauerte fast fünfzehn Minuten, bis sie sich daran erinnerte, wo sie sich befand. Im Nirgendwo. Weit draußen, in einem längst verlassenen und vergessenen Teil der Stadt.

Schon bald spürte sie, wie die Hoffnung auf Rettung zusehends schwand und purer Verzweiflung Platz machte. Das Hochgefühl ließ nach, und mit ihm die Endorphine. Der Schmerz kehrte langsam aus dem Schatten zurück ans Licht. Die Nervenenden, die bis gerade eben noch so angenehm pulsierten, explodierten jetzt wie kleine Bomben und brannten immer stärker.

Nach einer Stunde gab der Generator seinen Geist auf.

Dann sank auch der letzte Zipfel der untergehenden Sonne und ließ sie alleine und verängstigt zurück.

Die Nacht war klar und der Mond warf genügend fahles Licht in die Halle, sodass sie den Boden sehen konnte, auf dem sich die ersten Räuber – schmutzig-graue Ratten – versammelten und sich an James‘ Körper vergangen. Sie musste mit ansehen, wie die Viecher an seinen Fingern knabberten und dabei ihre fetten Körper mit seinem Blut beschmierten.

Sie wendete sich ab, so gut es ging, von dem, was dem Leichnam ihres Freundes widerfuhr. Aber damit sah sie sich nur wieder ihren eigenen Schwierigkeiten gegenüber.

Ihr war kalt. Sie war nackt bis aufs Höschen. Sie musste aufs Klo. Sie hatte nichts zu essen. Kein Wasser. Keinen Weg hinunter. Wenigstens keinen sicheren. Keine Hilfe. Keine Hoffnung.

Tina versuchte sich zu beruhigen, zu meditieren und so der Hoffnungslosigkeit und den Höllenqualen zu entgehen. Sie atmete tief ein und stieß die Luft langsam und gleichmäßig wieder aus. Eins, zwei, drei, vier... einatmen. Auf sechs wieder aus. Und es funktionierte. Sie führte ihren Geist hinaus in die Wälder, an ein warmes, ruhiges Plätzchen, und vergaß für einen Moment, wo sie war.

Doch dann spürte sie etwas.

Zuerst ignorierte sie es. Ein Jucken hier und ein Kitzeln da waren nichts Ungewöhnliches, wenn sie meditierte. Meistens verschwanden sie von ganz allein. Aber das hier war anders. Irgendetwas war auf ihrem Rücken. Es war mehr als ein Irgendetwas. Und es kitzelte wie verrückt.

Tina drehte sich so weit es ging, um es sehen zu können. Doch es war sinnlos. Der Hautberg, der sich an einem Metallhaken hängend über ihrer Schulter erhob, versperrte ihr die Sicht. Genauso unmöglich war es, die Stelle mit der Hand zu erreichen. Die notwendige Gewichtsverlagerung hätte ihre Schmerzen nur unerträglich gemacht.

Das Kitzeln war hartnäckig. Sie versuchte, nicht in Panik zu geraten. Aber ihr schossen jede Menge mögliche Auslöser in den Kopf. Fliegen. Schaben. Käfer. Was immer es auch war, es ließ sie am ganzen Körper erschauern.

Tina spürte kleine, haarige Beine, die über ihre nackte Haut krabbelten und die brennenden Löcher umkreisten, in denen die Haken steckten. Sie spürte sie und sie sah sie in ihrer Fantasie. Wie sie unter ihre Haut krochen und ihre Eier ablegten, und wie die Larven, nachdem sie geschlüpft waren, an ihrem Fleisch nagen würden.

Panik packte Tina und ließ sie wild um sich schlagen. Sie wollte nur, dass das Getier verschwand, sie in Ruhe ließ. Doch ganz egal, wie sehr sie sich auch wand, sie ließen nicht von ihr ab.

Stunden vergingen. Der Tag brach an. Sie hatte sich eingenässt. Ihr Höschen klebte an ihrer empfindlichen Haut. Es war ein beschämendes Gefühl, aber doch längst nicht ihr größtes Problem. Die Angst und die Schmerzen waren allgegenwärtig. Die Zeit dagegen war unbestimmbar. Der Hunger und der Durst wurden immer größer.

Die Sonne ging unter.

Tina wunderte sich, wie widerstandsfähig ihre Haut doch war, obwohl sie doch sie zerbrechlich erschien. Sie hing seit Stunden an zehn schweren Metallhaken, und trotzdem riss ihre Haut nicht. So einfach wie eine Kugel, ein Messer, oder auch nur ein Stück Papier sie verletzen konnten, so war ihre Haut doch stark genug, um ihr Gewicht von hundert Pfund zu halten.

Aber wie lange noch? Und wie lange würde sie die nagenden Viecher auf ihrem Rücken noch ertragen können? Welche Rolle spielte das überhaupt?

Sie blickte auf James hinunter und fragte sich, wann ihr Körper sich geschlagen geben und sich neben ihn auf den Boden betten würde. Sie wusste nicht was schlimmer war: James verloren zu haben, diese Schmerzen ertragen zu müssen, oder zu wissen, dass sie in ein paar Stunden höchstwahrscheinlich tot sein würde.

Sterben war schlimm, dachte sie. Aber den Tod erwarten und die Minuten und Sekunden bis zu seiner Ankunft herunter zählen, war schlimmer.

Die Viecher schwärmten über ihren ganzen Körper aus. Sie spürte die kratzigen Beinchen und die winzigen Mäuler, die überall an ihr knabberten.

Vermutlich ist es besser, tot zu sein.

Die Waschbären waren noch immer mit James beschäftigt. Sie wollte sie anschreien, sie verscheuchen. Doch ihre Stimme hatte schon längst versagt. Ihre Kehle war zu trocken, zu rau, zu wund. Es tat weh zu schlucken.

Ich liebe dich, James. Du verdammter Idiot.

Er war tot. Sie würde ihm bald folgen. Die Viecher und die Waschbären würden sie wahrscheinlich aufgefressen haben, bevor sich irgendwer an diesen Ort verirrte.

Tina zitterte vor Kälte. Die Seile, an denen sie hing, begannen zu vibrieren. Der Tod war auf dem Weg zu ihr, das wusste sie. Alles was ihr blieb, war zu wählen. Sie konnte hier oben verhungern, verdursten oder warten, bis die Viecher sie aufgefressen hatten. Wie lange das dauern würde, wollte sie sich nicht einmal vorstellen.

So oder so.

Ohne Furcht und auf das Schlimmste gefasst, begann Tina, um sich zu schlagen. Sie ruderte mit den Armen und strampelte mit den Beinen. Zehn brutale Explosionen des Schmerzes trieben ihr Tränen in die Augen. Ein Zischen tief aus ihrer Kehle entwich durch knirschende Zähne. Aber sie konnte nicht aufhören. Sie wusste, was zu tun war.

Sie war fest entschlossen, es nach unten zu schaffen.

Dorthin, wo James auf sie wartete.

Und endlich geschah es.

Einer der Haken riss aus ihrem Fleisch. Der Schmerz war grell und heiß. Aber es war nur der erste von vielen.

Ein zweiter Haken löste sich, aus ihrer linken Wade. Dann ein dritter, einer der großen in ihrem Rücken.

Und so ging es weiter. Das Adrenalin in ihr arbeitete auf Hochtouren. Mit einem verrückten Lächeln auf den Lippen baumelte sie zehn Meter über dem Betonboden. Es blieben nur noch zwei Haken übrig.

Einmal noch. Einmal noch die Arme winden. Eine ruckartige Bewegung des Torsos. Dann gaben die Haken sie frei.

Sie flog nicht. Sie fiel. Aber sie war frei.

Shaun lebt mit seiner Partnerin Mina LaFleur in Toronto, Ontario, wo sie ein Geschäft für Korsetts betreiben. Er ist ein Mitglied der Horror Writers Association und der Autor von Earthbound and Down, The Gate at Lake Drive, Shutdown, Down on the Farm, At the Gates of Madness und Brother’s Ilk (zusammen mit James Meeks). Er hat außerdem mehr als fünfzig Kurzgeschichten veröffentlicht. Ein Sammelband, Dark Reaches, erscheint noch im Laufe des Jahres, ein neuer Roman, Maymon, im nächsten Jahr.

Übersetzt von Heiner Eden.