Simon Kewin

Tag der Erinnerung

Magnus behielt die Marsianer im Auge. Fünf von ihnen saßen in der Ecke der Bar und lachten lauthals. Sie bedeuteten Ärger. Hooligan-Touristen aus den äquatorialen Städten wie Wells oder Bradbury. Nach ein paar hemmungslosen Tagen im rechtsfreien Ring fuhren sie wieder nach Hause und erzählten jedem, wie »Crazy!« es gewesen sei. Es war immer dasselbe. Die Leute, die tatsächlich auf Möbius lebten, machten selten Stress.

Wieder einmal fiel ihm auf, wie sehr das Betreiben einer Bar einem Kriegseinsatz ähnelte: schier endlose Phasen der Langeweile, stete Wachsamkeit, hin und wieder ein Ausbruch von Gewalt. Sein Blick schweifte durch den Raum, während er einem Stammkunden einen Mars Red einschenkte. In Wahrheit machten ihm die polternden Marsianer keine allzu großen Kopfschmerzen. Mit denen würde er schon fertig werden. Es war der Geist zwei Tische weiter, der ihm Sorgen bereitete. Ein Geist aus seiner Vergangenheit, der alleine da saß, an einem Drink nippte und ihn musterte. Es konnte keine Zufall sein, dass sie hier war.

Bilder schossen ihm durch den Kopf. Fetzen der Erinnerung. Wie sie Hand in Hand durch den Trubel irgendeiner Erdstadt liefen. Die Wärme ihres Körpers, wenn sie sich umarmten. Der Geruch ihres Haares. Die Erinnerungen kamen zufällig, sprunghaft, nicht chronologisch. Er wünschte, er hätte mehr von ihnen.

Gläser zersprangen, als einer der Marsianer ihren Tisch umstieß. Die anderen jubelten ihm zu. Ein Trucker aus dem Asteroidengürtel, der am Nebentisch saß und trank, erhob sich. Seine Haare waren mit Glassplittern übersät. Er grummelte irgendetwas und marschierte auf die Marsianer zu. Dabei zog er eine Handfeuerwaffe aus einem Holster.

Magnus nahm den Zapper, der geladen unter der Theke lag, und richtete ihn auf den Marsianer. Fünfzehn Meter, unbewegliches Zielobjekt — kein Problem. Er hätte mit geschlossenen Augen getroffen. Er drückte ab und blies den Marsianer durch die Luft und schmetterte ihn gegen die Wand. Für einen Moment wurde es ganz still in der Bar. Der Trucker nickte ihm zu — der Gerechtigkeit war Genüge getan — und setzte sich wieder vor seinen Drink. Magnus ging hinüber zu dem Marsianer, der in dem Wirrwarr seiner Extremitäten bewusstlos auf dem Boden lag. Er würde wieder auf die Beine kommen. Der Schuss war nicht tödlich gewesen. Wenn die Leute befürchten mussten, dass sie tatsächlich erschossen werden könnten, gingen sie in andere Bars.

Es machte nicht den Anschein, als würden die anderen Marsianer seine Umsicht sonderlich schätzen. Sie bedrängten ihn mit weit aufgerissenen Augen und stachelten sich gegenseitig an. Magnus fand, dass sie kaum mehr als kleine Jungs waren.

»Du hast Dev kalt gemacht!« Einer von ihnen hielt ein Messer in der Hand. Er stürzte sich auf Magnus.

Magnus machte einen Schritt beiseite. Das Messer streifte seinen Unterarm. Es war ein Spaß für Magnus. Wahrscheinlich hatten sie sogar Schusswaffen dabei, die sie sich im Ring gekauft hatten, um sich mächtig gefährlich zu fühlen. Aber er konnte sie einfach nicht ernst nehmen. Er hatte gegen die Basilisken gekämpft, drei Jahre lang in vorderster Front.

Magnus nickte dem Mech zu, der wie ein gewaltiger metallener Kriegsgott in der Mitte des Raumes stand. Touristen hielten ihn oft für reine Dekoration, ein drei Meter hohes Requisit, das der Bar einen Hauch von Atmosphäre verlieh. Ihre Gesichter waren immer ein köstlicher Anblick, wenn der Mech sich bewegte und zu schießen begann.

Der Mech machte eine Drehung und rückte gegen die Marsianer vor. Magnus instruierte ihn über ihre tPath-Kopplung: Schmeiß sie raus. Der Mech hielt einen Moment inne, nachdem er sich vor den Störenfrieden aufgebaut hatte, als ob er seine Aufgabe so lange wie möglich auskosten wollte. Dann packte er die fünf Marsianer mit einer Klaue und marschierte mit ihnen zur Eingangstür. Einige Gäste fielen von ihren Stühlen, als sie den Weg für den Mech frei machten. Die fünf Marsianer traten und schlugen vergeblich um sich. Der Mech warf sie hinaus auf die Ringstraße und machte sich in der Tür breit für den Fall, dass sie versuchen sollten, wieder in die Bar zu gelangen.

»Aber... Dev!«, schrie einer von ihnen auf dem Boden liegend. »Wir können ihn nicht einfach zurücklassen!«

»Macht euch keine Sorgen«, sagte Magnus. »Sobald er aufwacht, werfen wir ihn auch hinaus.«

Magnus begann, die umgekippten Stühle aufzuheben. Manchmal wünschte er sich, dass seine Bar nicht so retro wäre. Nicht so eine verdammt typische Weltraum-Spelunke. Wer benutzte denn noch Gläser aus Glas, bitteschön? Aber den Gästen gefiel’s.

Wenigsten würden die Marsianer nicht wieder kommen. Es gab noch genügend andere Bars an der Ringstraße. Oder sie würden in ihrer Wut eine Schlägerei anzetteln und irgendeinem armen virtuellen Typen die Fresse polieren. Oder einem armen echten Typen, wenn sie reich genug waren. Es spielte keine Rolle. Sie waren nicht mehr sein Problem.

Er legte den Zapper zurück an seinen Platz unter der Theke. Dort hielt er eine Auswahl verschiedener Waffen bereit. Doch meistens genügte der Zapper. Als er wieder aufblickte, stand sie ihm auf der anderen Seite der Theke gegenüber.

»Hi, Mag.«

Aus der Nähe betrachtet sah sie verdammt gut aus, sogar fantastisch. Die Zeit hatte es mit ihm nicht so gut gemeint, das wusste er. Die Zeit und der Krieg. Sie aber schien makellos. Ihre Augen, ihre Lippen, ihr wunderbares Haar — alles perfekt. Im Gegensatz dazu fühlte er sich, als wäre er aus rauen Metallplatten zusammengeschustert worden. Ihr Lächeln schnitt in ihn hinein, viel tiefer und schärfer als das Messer des Marsianers.

»Was zu trinken?«, fragte er.

»Das Übliche. Du könntest auch einen vertragen, oder?«

Er lachte.

»Deswegen? Nichts, mit dem wir nicht fertig werden.«

»Du und dein Mech. Ich habe von euch beiden gehört. Sieht fast aus, als wärt ihr verheiratet.«

Er zuckte mit den Schultern.

»Wir haben eine Menge durchgemacht, er und ich.«

»Wie hast du’s überhaupt geschafft, ihn mit hierher zu bringen? Es muss doch jemanden auffallen, wenn eine drei Meter große Mordmaschine einfach verschwindet.«

»Sag mir, was du willst, Tia.«

Sie setzte sich auf einen Barhocker.

»Ich dachte, du schenkst mir einen ein?«

Er konnte sich an ihren üblichen Drink nicht erinnern. Ein weiteres Detail, das ihm abhanden gekommen war. Er schenkte ihr von seinem besten Erdwhiskey ein, denn es war das teuerste Getränk, das er verkaufte. Er selbst nahm auch einen. Tia zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts.

»Also?«, fragte er.

»Ach, weißt du, ich bin noch nie im berüchtigten Möbius-Ring gewesen und da dachte ich mir, ich komm’ mal vorbei und schaue, wie du dich so durchschlägst.«

Er grunzte amüsiert.

»Der Krieg ist seit vier Jahren vorbei. Und da kommst du erst jetzt?«

»Du bist es, der nicht zurück zur Erde gekommen ist, Magnus.«

Sie stritten schon wieder. So wie sie es schon immer getan hatten. Wenigstens daran konnte er sich erinnern. Kein belangloses Gezänk wie bei anderen Paaren, sondern große, tobende Schlachten wegen jeder Kleinigkeit. Sie schrien und fluchten, auch vor anderen Leuten, die sich besorgt zu ihnen umsahen und dachten, sie würden sich gleich an die Kehlen gehen. Aber so stritten sie nun mal. Für sie war es ein Spiel. Er erinnerte sich auch lebhaft an leidenschaftliche Versöhnungen.

Er sagte nichts und wartete.

Sie stellte ihr Glas ab.

»Also schön. Es könnte sein, dass ich deine Hilfe brauche. Aber ich wollte dich auch wirklich wiedersehen.«

Der Mech rumpelte zurück an seinen Platz in der Mitte der Bar. Er berichtete Magnus über die tPath-Kopplung, dass die Marsianer sich verzogen hatten.

»Sicher doch«, sagte er mit einem Achselzucken. »Welche Art von Hilfe brauchst du denn?«

»Können wir hier ungestört reden?«

»So ungestört wie irgendwo sonst im Ring. Niemanden kümmert’s. Worum geht’s?«

»Ich muss einen Transport arrangieren. Für eine Person.«

»Wer ist es?«

»Eine Person.«

»Eine gefährliche Person?«

»Eine Person in Gefahr.«

»Kommt aufs Gleiche raus. Und du dachtest, ich könnte etwas arrangieren?«

»Ach, komm schon. Du kennst doch sicher jeden hier auf der Basis. Und ich wette, du kennst hundert Möglichkeiten, jemanden aus dem System zu schmuggeln, ohne dass die Solar-Miliz es bemerkt.«

»Vielleicht. Aber keine davon ist sicher.«

»Ich zahle dafür.«

»Ich brauche kein Geld, Tia. Ich hab den Laden hier.«

»Mag, ich habe viele Freunde. Wenn du mir hilfst, dann besorge ich dir Aufenthaltsrechte. Für den Mars, für Titan... wo immer es dir gefällt.«

»Hab schon alle Aufenthaltsrechte, die ich brauche. Weißt du denn nicht, dass ich ein Kriegsheld bin? Mir gefällt’s hier. Aus dieser Entfernung sieht der Mars gut aus.«

»Es muss einen Weg geben, um dich... zu überzeugen.«

Er bemerkte die kleine Pause in ihrem Satz. Er grinste.

»Auch dafür habe ich keinen Bedarf. Jeden Tag fragen mich Leute, ob sie ihre Drinks in Naturalien bezahlen können. Frauen, Männer, Aliens und alles, was dazwischen liegt. Die meisten von ihnen sind jünger als du.«

Sie lachte.

»Du hast gut reden. Ich dachte, es wäre der Sinn der Zeitausdehnung, uns alle älter werden zu lassen.«

»Hab ich auch gehört.«

Sie nippte an ihrem Drink und betrachtete ihn. Sie stellte ihr Glas ab und schüttelte den Kopf.

»Was ist?«, fragte er.

»Du und dein angegrautes Sternenkrieger-Gehabe. Und dann dein Gesichtsausdruck... Ich brauche nichts und niemanden! Weißt du, ich kauf’s dir nicht ab. Ich kannte den idealistischen jungen Kerl, der in der Nacht vor seiner ersten Mission in der Außenwelt heulend in meinen Armen lag. Erinnerst du dich?«

Er blickte sie mürrisch an, sagte aber nichts. Er konnte sich nur an wenig erinnern. Er hatte nur einen flüchtigen Eindruck von der Nacht in seinem Gedächtnis, ein paar einzelne Bilder: Tia, die sich zu ihm umdreht. Die Kurven ihrer Brüste. Ihr Haar, das ihn berührt. Ihr ernstes Gesicht. Dazu Musik: ein paar Noten auf dem Klavier. Das war alles, was er hatte. Die Bilder wiederholten sich in seinem Kopf, immer und immer wieder. Er schwieg. Was hätte er auch sagen können? Er nippte an seinem Glas.

»Ich weiß, dass ich eine Menge von dir verlange«, sagte sie. »Hier ist mein letzter Versuch. Es gibt eine Sache, die ich dir als Gegenleistung für deine Hilfe anbieten kann.«

»Das bezweifle ich.«

»Rache. Die Chance, mit denen abzurechnen, die für das verantwortlich sind, was dir geschehen ist.«

»Und wie willst du das anstellen? Hältst du den Basilisken, der es getan hat, vielleicht irgendwo im Ring versteckt?«

»Ich meine es ernst, Mag. Ich kann dir helfen, aus deinem Loch zu klettern.

»Ich bin in keinem Loch.«

Sie zog ihre Augenbrauen in gespielter Überraschung in die Höhe und ließ ihren Blick durch die Bar schweifen, über all die Trinker mit ihren gesenkten Köpfen.

»Bist du dir sicher?«

Er sah zu, wie der gezappte Marsianer sich aufrappelte und mit wackeligen Knien aus der Bar torkelte ohne sich umzusehen. Nach ihm betraten drei Mitglieder der Solar-Milz den Raum. Die Gäste ignorierten sie demonstrativ. Es war nicht ungewöhnlich, die Solar-Miliz im Ring zu sehen. Sie hatten genau wie jeder andere auch das Recht hier zu sein. Was sie nicht hatten, waren besondere Befugnisse. So funktionierte es hier. Sie durften niemanden verhören oder handgreiflich werden. Wenn sie es dennoch taten, hatte ihr Gegenüber das Recht sich dafür zu revanchieren.

Sie suchten jemanden. Zwei von ihnen streiften zwischen den Tischen umher, während der Dritte die Eingangstür bewachte. Ihre technische Ausrüstung funktionierte nicht im Ring, deshalb konnten sie nicht viel mehr machen, als Gesichter kontrollieren. Genau wie die anderen Gäste auch hielt Tia ihren Kopf gesenkt. Sie war immer eine gewesen, die sich einmischte. In Angelegenheiten. In Politik. Sie hatte versucht, ihn dafür zu gewinnen. Daran erinnerte er sich nun — und an ihre Auseinandersetzungen über seinen Entschluss, in den Krieg zu ziehen. Töricht war das höflichste Wort, das sie benutzt hatte.

Sein Blick traf den des ranghöchsten Ordnungshüter. Für das, was er ihm zu sagen hatte, brauchte es keine tPath-Kopplung: Lasst meine Gäste zufrieden. Trinkt etwas oder verschwindet. Der Ordnungshüter betrachtete den Mech. Dann deutete er seinen Männer zu gehen.

Magnus seufzte und blickte Tia an.

»Ich werde tun, was ich kann«, sagte er. »Aber versprechen kann ich nichts. Und ich muss wissen, wer die Person ist.«

Sie dachte einen Moment lang nach, wog ab.

»Ich kann ein Treffen arrangieren. Aber... es könnte gefährlich werden.«

»Ich kann schon auf mich aufpassen.«

»Um dich mache ich mir keine Sorgen.«

»Kenne ich ihn?«

»Nein. Trotzdem musst du mir versprechen, dass du nicht die Nerven verlierst.«

»Tu ich doch nie.«

»Okay«, sagte sie. »Lass uns gehen.«

Magnus nickte Donal zu, dem ehemaligen Soldaten, den er für die Theke angestellt hatte. Ein guter Mann. Donal grinste, als er die beiden zusammen gehen sah. Als sie zur Tür liefen, erwachte der Mech zum Leben und folgte ihnen.

»Kommt das Ding etwa mit?«, fragte sie wieder mit diesem amüsierten Grinsen im Gesicht.

»Sieht ganz danach aus.«

»Ich verstehe. Ihr seid ein Herz und eine Seele.«

»Sag mir einfach, wo wir hingehen.«

»Port Zwölf.«

Der lag am anderen Ende des Rings. Vielleicht ein Kilometer in jede Richtung.

»Lass uns rechts herum gehen.«

Sie hätten den Zug oder die Abkürzung durch den Fallschacht nehmen können, aber er mochte es, den Ring wenigstens einmal am Tag abzulaufen, wenn er seit früh morgens in der Bar eingepfercht gewesen war. Sie gingen nebeneinander. Der Mech stampfte ihnen hinterher. Tia zog sich die Kapuze ihres Mantels über den Kopf, um ihr Gesicht zu verbergen. Viele Leute im Ring machten es so.

Heute war viel los. Die Space Bar befand sich in einer erstklassigen Lage auf halbem Weg entlang des Rundgangs, marswärts. Den Bewohnern der Station bereitete es einen Heidenspaß, Touristen zu erzählen, hier wäre die Stadt zu Ende. Normalerweise kapierten sie den Witz. Bars, Bordelle und Kasinos reihten sich im Ring aneinander. Gelegentlich gab es Lücken, wenn ein Gebäude nicht mehr bewohnbar war. Die Station kam in die Jahre — ein zusammengeflicktes System, das langsam zerfiel. Das war die Kehrseite fehlender Obrigkeit: Niemand fühlte sich für die Infrastruktur verantwortlich. Zwar zahlten sie alle für die notwendigsten Reparaturen, aber eines Tages würden hier die Lichter für immer erlöschen.

Die Station war vor einem Jahrhundert im aerostationären Orbit errichtet worden, kurz bevor die erste Welle der Marskolonisation anrollte. Es war ein Basislager, ein Verschiebebahnhof, die erste bahnbrechende technische Errungenschaft im Zuge der Expansion. Nun lebten fast dreißig Millionen Menschen auf dem Mars, und der Ring — der einzige feste Weltraum-Bahnhof im Sonnensystem — wurde sich selbst überlassen. Er lag außerhalb der Zuständigkeit jeder Verwaltung. Mars hatte kein Interesse daran, für Ordnung zu sorgen. Hier galten eigene Gesetze. Ein Ort, an dem alles erlaubt war. Mars gefiel es so. Sie karrten all ihre Unruhestifter in den Ring, damit die anständigen Leute auf dem Planeten in Frieden leben konnten.

»Ich hab’ gesehen, was dir widerfahren ist«, sagte sie. »Es lief auf allen Kanälen. Du kannst von Glück sagen, dass du noch lebst.«

»Ja.«

»Ich war dabei, als sie dich wieder zusammenflickten. Du wirst dich nicht erinnern, aber ich habe dich in den drei Monaten jeden Tag besucht.«

»Das wusste ich nicht.«

»Als es du wieder aufgewacht bist, dachte ich, dass ich dich besser in Ruhe lasse. Und darauf warte, dass du nach Hause kommst.«

Er blickte sie von der Seite an.

»Du wolltest, dass ich nach Hause komme? Der Held aus dem Basilisken-Krieg?«

»Ich weiß, dass du dachtest, der Krieg wäre gerechtfertigt.«

»Aber du dachtest das nicht.«

Sie seufzte und schwieg für einen Augenblick.

»Erinnerst du dich, was du zu mir gesagt hast, als wir uns verabschiedeten?«

Er ging weiter. Die Menge machte Platz für sie und den Mech. Einheiten der Solar-Miliz liefen im Ring Streife, immer in Dreiergruppen und in schwarz glänzende Panzerwesten gekleidet. Mehr als üblich, dachte Magnus. Er versuchte, sie zu ignorieren.

»Tue ich nicht, Tia. Ich hab keine Ahnung, was ich zu dir gesagt habe. Tut mir leid.«

»Was soll’s. Spielt jetzt keine Rolle mehr.«

Am Port wartete eine Menschenschlange auf ihren Transport aus dem Ring. Magnus betrachtete die Konstellation der Raumfähren, die sich draußen in Position brachten. Es gab keine Eingangskontrollen, kein Prozedere. Sie kamen hinein und flogen wieder hinaus. Nur die Trauben von planetaren Abwehrkanonen an jedem Port sorgten für Regulierung. Wenn eine Fähre zu schnell in die Station flog oder irgendetwas tat, das die Station gefährdete, gingen die Kanonen los.

»Er wartet dort draußen«, sagte sie. »In einem der Schiffe.«

Das gefiel ihm überhaupt nicht. Anscheinend war es zu gefährlich, die Person in die Station zu bringen.

»Und dieser Typ weiß etwas über den Basilisken, der mich erwischt hat?«

Sie nickte.

»Ich weiß nicht.«

»Hast du plötzlich Angst vor einem Ausflug ins All?«

»Nein, das ist es nicht.«

»Hör zu, du bist in einer Stunde zurück. Oder glaubst du etwa, ich will dich entführen oder so etwas?«

Er schüttelte den Kopf. Was zur Hölle machte er hier? Trotzdem, er vertraute ihr. Er wusste nicht, wieso, aber tief im Innern wusste er, dass sie ihm nichts Böses wollte.

»Der Mech kommt mit.«

»Würde mir im Traum nicht einfallen, euch zu trennen.«

Sie schickte einige Instruktionen hoch an ihr Schiff. Kurz darauf gesellte sich eine weitere Fähre zum Tanz um den Port. Sie verfolgte ihre Flugbahn langsam aber stetig und ließ sich nicht von den anderen Transportern, die sich auf kreuzenden Vektoren bewegten, von ihrem Kurs abbringen. Schließlich dockte die Fähre an und Magnus, Tia und der Mech gingen an Bord.

Die Fähre war elegant, gemütlich und teuer. Ganz anders als die Militärtransporter, die er gewohnt war. Die Sitzbänke hier waren gepolstert. Magnus und Tia nahmen Platz. Sie instruierte die Fähre zu ihrem Schiff zurückzufliegen. Der Mech, der zu groß für die Sitze war, stand hinter ihnen und stützte sich an den Wänden des Fähre ab.

Magnus blickte zurück auf die Station. Ihm wurde bewusst, dass er sie nicht mehr verlassen hatte seit dem Tag seiner Ankunft, als die Nanobots noch in ihm schwirrten und seinen Schädel wieder zusammenflickten. Die Station erschien ihm von hier draußen wunderschön. Der Rost und der Dreck waren aus dieser Entfernung nicht mehr zu erkennen. Hinter dem Ring tauchte eine Wölbung des Mars auf wie die Schleife um ein Geschenk.

Es war ein gutes Gefühl wieder zu fliegen.

Kurz darauf konnte er das Schiff sehen. Genau wie die Fähre machte es einen komfortablen Eindruck. Stilvolle Linien, glatt poliertes Silber, unempfindlich gegen kleinere Einschläge. Tia schien es finanziell nicht schlecht zu gehen. Allerdings war es nur ein subluminales Schiff. Man würde beim Versuch, damit aus dem Sonnensystem zu fliehen, alt und grau sterben. Dafür musste man schon verdammt reich sein. Oder dem Militär angehören.

»Bist du bewaffnet?«, fragte sie argwöhnisch.

»Ich betreibe eine Bar im Möbius-Ring. Was glaubst du, Tia?«

»Ich möchte, dass du deine Waffen in der Fähre lässt.«

»Warum?«

»Bitte.«

Er dachte darüber nach. Ein Teil von ihm wollte sich weigern. Ihr sagen, dass sie umkehren und ihn nach Hause bringen soll. Aber sie hatte ihn neugierig gemacht. So wie eigentlich schon immer.

»Meinetwegen«, sagte er. »Aber der Mech kommt mit.«

Sie dockten an und die Sperren an beiden Seiten öffneten sich spiralförmig. Sie hatten sich noch nicht von ihren Sitzen erhoben. Sie blickte zum Mech hinüber und überlegte.

»Du kannst ihn unter Kontrolle halten, oder?«

»Mehr oder weniger. Er ist semi-autonom. Ohne Anweisungen reagiert er so, wie ich es tun würde.«

»Na schön«, sagte sie. »Aber bitte denk daran, dass ihr zwei hier absolut sicher seid. Das garantiere ich.«

Er nickte. Doch er instruierte den Mech, auf mögliche Bedrohungen zu achten. Das war zwar unnötig, aber so fühlte er sich ein wenig besser. Er holte die Blaster und den Minizapper hervor und legte sie neben sich auf die Sitzbank.

Das Schiff war genau so, wie er es erwartet hatte. Mit simulierter Schwerkraft und allem drum und dran. Es war sauber. Er begann darüber nachzudenken, sich selbst solch ein Schiff zuzulegen und sich darin durchs Sonnensystem treiben zu lassen. Es war ein verlockender Gedanke. Vielleicht hockte er schon viel zu lange in der Space Bar.

Sie hielten an einer Tür. Vielleicht die Tür zur Brücke, dachte er. Oder wie auch immer man das auf einem zivilen Schiff nannte.

»Magnus, die Person, die ich aus dem System schleusen muss, ist hier drin.«

Sie war nervös.

»Okay«, sagte er mit einer Stimme voller Sarkasmus. »Dann lass uns Hallo sagen.«

Tia machte einen Schritt zur Tür und öffnete sie. Dahinter wartete ein Basilisk auf sie. Der erste, den seit dem Tag des Massakers vor vier Jahren gesehen hatte.

Magnus griff den Mikroblaster, den er an seinem linken Unterarm versteckt hielt und nicht in der Fähre gelassen hatte und richtete ihn auf den Alien.

»Nein!«, schrie Tina. Der Basilisk hob seine zehnfingrigen Hände. Er rührte sich nicht und machte keine Anstalten, anzugreifen oder zu fliehen. Magnus überlegte, wie er ihn am Besten ausschalten könnte. Auf diese kurze Distanz wäre ein Kopfschuss die effektivste Methode. Aber angesichts der räumlichen Enge erschien ihm ein Schuss in den grün-glänzenden Körper sicherer zu sein.

Er zielte auf den Brustkorb der Kreatur und drückte ab.

Augenblicklich zog sich ein blaues Schutzfeld um den Alien und wehrte den Schuss ab. Bei einem Schiff in dieser Preiskategorie hätte er damit rechnen müssen.

Der Alien drehte sich weg und machte eine Handbewegung, die, das erkannte Magnus, Gleichgültigkeit oder Langeweile bedeutete. Magnus sah, dass der Körper des Alien bereits schwer beschädigt war. Er bewegte sich mit Hilfe eines Fahrwerks. Seine muskulösen Beine waren nutzlos. Vielleicht war er auch ein Kriegsveteran. Vielleicht waren sie sich doch schon einmal im Kampf begegnet.

»Wir müssen weg von hier«, sagt der Alien. »Ein gebrochener Soldat wie er kann uns nicht helfen. Die Solar-Miliz hat drei Kreuzer nach Möbius gesandt. Früher oder später werden sie uns finden.« Die Stimme des Alien war nicht mehr als ein dünnes Pfeifgeräusch und passte nicht wirklich zu dieser imposanten Kreatur.

Tia warf Magnus einen Blick zu, der so schmerzhaft war, wie der Treffer eines Zappers. Sie ging zu dem Alien.

»Ich glaube doch, dass Magnus uns helfen kann. Er hat das Massaker der Waffenruhe überlebt.«

»Ich werde euch nicht helfen!«, schrie Magnus. In ihm kochte es vor Wut. Er wollte den Mech instruieren, den Alien zu attackieren, aber er wusste, dass die Schutzregeln für Zivilisten es ihm verboten. Selbst bei einem Basilisken.

Tia wandte sich ihm zu.

»Willst du wissen, was wirklich an dem Tag mit dir geschehen ist?«

»Ich weiß verdammt genau, was mit mir geschehen ist, Tia.«

»Das glaube ich nicht.«

»Willst du es mit eigenen Augen sehen? Willst du?«

Er hob seine zitternde Hand an den Hinterkopf und presste mit den Fingern gegen die flachen Narben an seinem Genick so wie die Ärzte es ihm gezeigt hatten. Der hintere Teil seiner Schädeldecke sprang auf. Ein Scharnier führte es hinter sein linkes Ohr. Magnus drehte sich um und zeigte ihnen, was bisher noch niemand zu sehen bekommen hatte: Ein paar Reststücke seines Gehirns, die sie retten konnten. Säuberlich verpackt in organischen Kapseln. Mikrochips, die das fehlende Gewebe ersetzen. Und die leeren Stellen dazwischen.

Er schloss seine Schädeldecke wieder und drehte sich zu ihnen um. Er atmete schwer. Die Haut auf seinem Kopf prickelte, als die Verbindungsstücke sich schlossen.

»Sie mussten mich rekonstruieren. Meine Erinnerungen. Meine Persönlichkeit. Alles. Interpolation haben sie’s genannt. Alles nur wegen deinen Freunden. Und jetzt bittest du mich ernsthaft, einem von denen zu helfen?«

Tia war schockiert. Sie schluckte, als ob ihre Stimme nicht funktionieren wollte. Der Basilisk senkte seinen Kopf. Ein Zeichen des Bedauerns.

»Magnus, es tut mir so leid«, sagte Tia. »Es tut mir leid, dass du das alles durchmachen musstest. Aber gib die Schuld nicht den Basilisken. Sie hatten nichts damit zu tun. Verstehst du es denn nicht? Du kannst deinen Erinnerungen an den Tag nicht trauen. Das Hohe Kommando hat diese Geschichte erfunden und sie dir ins Gehirn gesetzt.«

»Leck mich.«

»Es ist wahr, Magnus.«

»Warum sollte ich das glauben?«

»Weil es jemanden gibt, der an dem Tag dabei war und dir zeigen kann, was wirklich passiert ist.«

»Der Basilisk? Du hast selbst gesagt, dass ich ihn noch nie gesehen habe.«

»Nicht er. Ich meine den Mech.«

»Der Mech?«

Natürlich war der Mech an jenem Tag dabei gewesen. Sie gehörten der Terran-Garde an. Ihre Aufgabe war es, das Hohe Kommando während der feierlichen Unterzeichnung der Friedensverträge zu beschützen. Und dann zeigten die Basilisken ihr wahres Gesicht. Das Hohe Kommando der Terraner wurde niedergemetzelt. Magnus bekam einen Schuss aus nächster Nähe direkt in den Kopf verpasst. Der Mech hatte alles gesehen.

»Sie haben den Datenspeicher des Mech gelöscht und mit falschen Erinnerungen gespeist«, sagte Tia. »Aber wir glauben, dass irgendwo tief in seinem Inneren noch Spiegelungen der Originalbilder vorhanden sind. Wir können sie wiederherstellen.«

»Wir? Wer ist ›wir‹?«

»Die Leute, die versuchen den Krieg mit den Basilisken zu einem Ende zu bringen. Damit das Gemetzel aufhört. Auf beiden Seiten.«

»Er wird uns nicht helfen, Tia«, sagte der Basilisk. »Vergiss ihn.«

»Bitte.« Sie flehte Magnus an. »Es dauert nicht lange. Wenn die wahren Erinnerungen ausgelöscht sind, dann lasse ich dich in Ruhe. Aber wenn wir das, was an dem Tag wirklich geschehen ist, in dem Mech finden können, wäre das von unschätzbarem Wert. Das würde alles verändern.«

Magnus blickte erst sie und dann den Basilisken an. Der Alien stand ruhig da und wartete.

»Wer ist er?«, fragte Magnus. »Warum bist du so versessen darauf, ihn fortzuschaffen?«

»Er führt die Antikriegsbewegung auf Basilion. Mit etwas Glück wird er eines Tages ihr Rex. Er kam wegen zu einer hochrangigen Tagung zur Erde. Aber die Solar-Miliz hatte sie unterwandert. Wir konnten entkommen, aber das Flip-Schiff wurde beschädigt und wir sind nur bis hierhergekommen. Das war vor zwei Monaten. Sie wissen, dass er sich irgendwo hier aufhält. Sie suchen nach ihm, auf jedem Planeten, auf jedem Mond, auf jedem Schiff. Darum brauchen wir deine Hilfe.«

Magnus sagte nichts. Er hatte noch immer den Mikroblaster in seiner Hand und hielt sie auf den Alien gerichtet.

»Magnus, wenn wir recht haben, dann werden deine gelöschten Erinnerungen dir zeigen, was wirklich passiert ist. Aber ich habe versprochen, dir zu helfen. Wenn wir falsch liegen, werden wir alles unternehmen, um die verantwortlichen Basilisken ausfindig zu machen.«

»Warum solltet ihr das tun?«

»Wenn sie dir das wirklich angetan haben, dann verdienen sie es nicht anders.«

Er machte einen Schritt in den Raum hinein. Er war sich nicht sicher, was er tun sollte. Der Mech blieb dicht hinter ihm. Durch die transparenten Außenwände des Schiffes konnte er in der Ferne den Ring vor der grün-braunen Scheibe des Mars erkennen.

»Wer sagt mir, dass ihr dem Mech nicht einfach eure Version implantiert?«

»Du allein kommunizierst mit ihm«, sagte Tia. »Wir geben dir nur die notwendigen Befehle, ein paar Decodierungsschlüssel, die wir selbst erst kürzlich erhalten haben. Fünf Menschen sind dafür gestorben, Magnus.«

Er wusste nicht, was er tun sollte. Er überlegte, was der junge Magnus — der wahre Magnus — getan hätte.

»Also gut, ich tu’s. Weil du es bist. Aber das war’s dann auch. Haben wir uns verstanden?«

»Danke.«

Das Schiff schickte ihm den Code über einen freien tPath-Kanal. Er prüfte ihn gründlich. Ein paar Daten, Befehle und Schlüssel. Wie sie es gesagt hatte. Er öffnete seinen Zugang zum Mech und schickte ihm die Anweisungen.

Der Mech stand in der Mitte des Raumes. Für einen Moment rührte er sich nicht. Dann fing er an zu zittern und zu taumeln. Er sank auf die Knie und sackte zu Boden. Tia machte einen Satz beiseite, als er zusammenbrach. Der Boden bebte. Magnus schaute fassungslos zu. Nichts hatte dem Mech bisher etwas anhaben können, selbst in all den Schlachten nicht. War das alles nur ein Trick? Hatten sie es geschafft, den Mech mit seiner Hilfe zu neutralisieren? War er ihnen in die Falle gegangen?

Wieder riss er den Mikroblaster in die Höhe. Zuerst richtete er sie auf den Basilisken, dann auf Tia. Wen sollte er zuerst erledigen? Nicht einmal das Schutzfeld würde sie vor einem Treffer aus so kurzer Distanz bewahren können.

Warte... warte...

Es war der Mech. Er sprach zu ihm über die tPath-Kopplung.

Was geschieht hier? fragte Magnus ihn.

Warte... warte...

Der Mech zuckte noch einmal. Dann raffte er sich auf, zuerst auf die Knie, dann auf die Füße, bis er wieder stand. Er schwankte noch leicht.

»Frag ihn«, sagte der Basilisk. »Schnell! Frag ihn nach seinen Erinnerungen an den Tag. Schick sie ans Schiff, damit wir sie alle sehen können.«

»Bitte, Magnus«, sagte Tia.

Plötzlich fühlte er sich elend bei dem Gedanken an das, was er vielleicht zu sehen bekommen würde. Aber er musste es wissen. Er schickte seine Instruktionen an den Mech.

Die Bilder erschienen auf einer der transparenten Wände. An die erste Szene erinnerte sich Magnus gut. Die drei Generäle des Hohen Kommandos: Chang, Jackson und Umwe. Ihnen saßen drei Basilisken gegenüber, deren Namen er nie erfahren hatte. Hinter ihnen jeweils eine Wache mit schillernd grüner Haut. Schwer bewaffnet und mit wachsamen Augen. Magnus und zwei weitere menschliche Wachen mit ihrem Mechs im Vordergrund. Der Blickwinkel des Mechs war ungewohnt, aber die Bilder selbst waren ihm bestens bekannt.

Er sah zu, wie die Führer der beiden Rassen sich die Hände reichten. Alles war wie in seiner Erinnerung. Aber dann, plötzlich, sah er den Bruch. Die Ereignisse auf dem Bildschirm begannen von seinen Erinnerungen abzuweichen.

Zuerst waren es nur Kleinigkeiten: eine Handbewegung, ein paar gesprochene Wörter, die anders waren. Dann die Blaster-Strahlen, die plötzlich aus einer anderen Richtung aufblitzten. Sie kamen von den Generälen des Hohen Kommandos der Terraner. Sie trafen und töteten die sechs Basilisken, die keine Chance hatten zu reagieren. Das Hohe Kommando erhob sich. Magnus kam es vor wie ein bestens einstudierter Plan. Jeder der Generäle trug einen Blaster. Magnus sah zu, wie Jackson seine Waffe hob und sie dem Magnus auf dem Bildschirm ans Kinn hielt. Er drückte ab. Der Hinterteil von Magnus Kopf explodierte. Der Strahl des Blasters schoss aus seiner Schädeldecke. Magnus brach zusammen. Er hörte Chang sprechen.

»Geben wir ihnen den Rest?«

»Nein. Wir brauchen einen Zeugen.«

Er stupste Magnus leblosen Körper, der vor seinen Füßen lag.

»Den hier bringen wir zurück zur Erde.«

Die Bilder stoppten. Magnus sah sie sich ein zweites Mal an. Er konnte nicht begreifen, was er zu sehen bekam. Immer wieder und wieder sah er sich die Bilder an. Jedes Mal fiel ihm ein neues Detail auf. Das grüne Blut, das aus den Basilisken schoss. Der Ausdruck auf Jacksons Gesicht: methodisch, kalt. Das Dilemma der Mechs, die einerseits ihre menschlichen Partner beschützen wollten, aber andererseits den ranghöheren Generälen zu gehorchen hatten.

»Es tut mir leid«, sagte Tia und stellte sich neben ihn. »Es tut mir leid, was dir geschehen ist. Es tut mir leid, nicht nur deinetwegen, sondern wegen all derer, die sterben mussten oder verletzt wurden. Du warst nicht dort draußen um uns zu verteidigen. Vielleicht wäre es besser gewesen, dir den Glauben nicht zu nehmen.«

»Sie leben noch«, sagte Magnus. »Die Märtyrer der Waffenruhe. Jackson und Chang und Umwe. Sie sind überhaupt nicht umgekommen.«

»Wir wissen, dass Umwe vor Kurzem gesehen wurde. Keine Ahnung, wo die anderen beiden stecken.«

Noch einmal schaute er sich die Szene an. Er dachte daran, wie er seine Version der Geschichte jedem Gast, der sie hören wollte, mit Freude erzählte. War das alles Teil seiner Programmierung?

»Die Kreuzer der Solar-Miliz verlassen die Station«, hörte er den Basilisken sagen. »Alle drei. Vielleicht sind sie uns schon auf der Spur.«

»Die Bilder«, sagte Tia. »Sie sind alles, was zählt. Verschicke sie über sämtliche Leitungen.«

»Ist schon geschehen«, sagte der Alien.

»Dann haben wir getan, was wir konnten.«

»Wir könnten kämpfen«, sagte der Alien.

»Mit diesem Schiff? Ist den Versuch nicht wert«, sagte Tia. »Vielleicht können wir ihnen eine Weile davonlaufen, aber...«

»Nein«, sagte Magnus. »Wir können kämpfen. Ich habe ein Schiff. Das Flip-Schiff, in dem ich damals nach Hause gekommen bin. Zusammen mit dem Mech. Wenigstens können wir damit das System verlassen.«

»Magnus, du hast schon genug getan. Nimm die Fähre. Flieg zurück in dein Leben im Ring.«

»Zurück? Ich kann nicht zurück, Tia. Nicht mehr nachdem, was ich gesehen habe.«

»In Reichweite ihrer Artillerie in dreißig Sekunden«, sagte der Basilisk.

»Magnus, du hattest deine Rache. Die Bilder sind genug. Du musst das nicht tun.«

»Doch, Tia. Verstehst du denn nicht? Was du in der Bar über mich gesagt hast. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Sie haben mir diesen Müll in dem Kopf gesetzt. Das bin nicht ich.«

»Der Krieg hat dich verändert«, sagte sie. »Aber du bist immer noch du selbst.«

»Nein! In dem Mech steckt vielleicht noch mehr von mir. Und von dir, Tia. All meine Erinnerungen an dich. An all das, was wir gemeinsam hatten. Wir kommen mit euch. Mit deiner Hilfe und dem Mech werde ich vielleicht wieder ich.«

Er betrachte die Lichter draußen. Die Flecken der Sterne und der Schiffe, die sich um den Möbius-Ring drängten. Die Station sah so winzig aus. Er erkannte auch deutlich die Phalanx der drei Kreuzer, die auf sie zu flogen.

»Bist du dir sicher, Mag?«

»Ich bin mir sicher.«

»Was ist mit deiner Bar?«

»Donal wird sich darum kümmern, bis ich zurückkehre. Tu’ ich’s nicht, kann er sie gerne haben.«

»Fünf Sekunden«, sagte der Basilisk.

Magnus kommunizierte die Koordinaten seines Schiffes. Sie machten eine Drehung und setzen sich in Bewegung. Das Sternenfeld wirbelte vorüber, als sie sich von der Sonne entfernten. Der Mars und der Möbius-Ring blitzten kurz auf ihrem Bildschirm auf und verschwanden.

»Wohin fliegen wir?«, fragte Tia.

»Das Flip-Schiff liegt verborgen auf einem Felsen im Asteroidengürtel.«

»Wir werden es in achtzehn Tagen erreichen«, sagte der Basilisk. »Nur knapp vor der Solar-Miliz. Wir werden nicht viel Zeit haben, dein Schiff in Betrieb zu nehmen. Bist du dir sicher, dass es funktioniert, Erdling?«

»Es funktioniert, Basilisk.«

Tia stand mit ihm zusammen vor der transparenten Wand. Er betrachtete den Mikroblaster in seiner Hand und ließ ihn auf den Boden fallen.

In dem Moment fiel ihm ein, was er vor all den Jahren zu ihr gesagt hatte. Am Tag als er in den Krieg zog. Er hatte versprochen, zu ihr zurückzukommen, ganz egal was passieren würde.

Letztendlich war sie es gewesen, die ihn gefunden hatte. Und das war, dachte er, gut genug.

Simon hat bisher über 100 Kurzgeschichten veröffentlicht, u.a. im Nature, Daily Science Fiction, Abyss & Apex und vielen anderen Magazinen. Er lebt zusammen mit seiner Frau und ihren Töchtern in England. Zurzeit arbeitet er am letzten Band seiner Fantasy-Trilogie Cloven Land.

Übersetzt von Heiner Eden.