Zané Sachs

Blauer Engel

Es gibt viele Wege, um auf einem Flughafen ums Leben zu kommen. Und ich rede nicht von Absturz oder Terroranschlägen.

Andere Wege.

Ich arbeite auf einem kleinen Airport in den Rocky Mountains. Schon seit etlichen Jahren. Und mir gefiel mein Job. Bis die neue Chefin auftauchte.

Sie hat ihre Lieblinge. Nicht mich. Sondern Neulinge, die ihren Anweisungen blind folgen, auch wenn sie keinen Sinn ergeben oder gegen die Richtlinien des Flughafens verstoßen. Achtzehnjährige Kinder, die noch nie in ihrem Leben einen Job hatten und nicht wissen, wie der Hase läuft. Sie befördert sie ohne Anlass, gibt ihnen die Wochenenden frei, ermahnt sie nicht, wenn sie während der Schicht schlafen, krankmachen oder Gras rauchen.

Mich ermahnt sie wegen jedem Fliegenschiss.

Vielleicht lächle ich nicht genug. Vielleicht erlaube ich mir eine eigene Meinung. Sie sagt, dass sich die Beschäftigten anzupassen haben. Meinetwegen. Sollen sie sich doch mir anpassen.

Ich versuche ja, den Mund zu halten. Aber sie lässt mich einfach nicht in Ruhe.

»Ihre zehn Jahre hier machen Sie nicht zu etwas Besserem«, verkündet sie mir vor versammelter Belegschaft. »Sie haben genauso viel zu melden wie jemand, der erst seit zwei Wochen bei uns ist.«

Wie nett.

Genau darum geben die Neulinge einen Scheiß auf das, was ich sage.

Ich sehe, wie Koffer von den Transportwagen purzeln und durch die Gegend rollen, weil sie sie mit den Rädern nach unten verladen. Ich sage ihnen, dass sie zuerst die schweren Gepäckstücke verstauen sollen, auf die Seite gelegt und mit den Griffen nach außen, und dann die kleinen Taschen oben drauf. Aber es interessiert sie einfach nicht. Und wenn dann das Gepäck durcheinander gerät, wenn die Stückzahlen nicht mit den Zahlen auf der Ladeliste übereinstimmen, wenn es eine Verzögerung in der Abfertigung gibt, dann schreit die Chefin mich an. Plötzlich bin ich die Beschäftigte mit der Verantwortung.

»Mir gefällt Ihre Art nicht«, sagt sie.

»Welche Art?«, frage ich.

»Ich mag Ihren Tonfall nicht.«

Ich schließe meinen Mund und sag kein Wort.

Aber ich denke nach. Die ganze Zeit.

Auf dem Airport landen hauptsächlich mittelgroße Propellermaschinen. Sie sind für diese Höhenlage besser geeignet als Jets. Ihre Propeller sind unglaublich kraftvoll. Sie drehen sich so schnell, dass du sie nicht sehen kann. Manchmal vergisst du, dass sie überhaupt da sind.

Mal angenommen, du bist müde — was du eigentlich immer bist, wenn du um drei Uhr nachts aufstehst und eine 16-Stunden-Schicht schiebst. Und angenommen, der Flieger hat bereits Verspätung. Dann stehst du unter Druck. Jede Minute zählt. Die Passagiere müssen rechtzeitig nach Denver, um ihre Anschlussflüge zu bekommen. Du hast es eilig. Der Kapitän reicht dir schnell die Unterlagen für die Luftfahrtbehörde, der Steward schließt die Tür, der Motor röhrt und die Propeller fangen an sich zu drehen, und zwar so schnell, dass du sie nicht sehen kann. Die Papiere fliegen dir aus der Hand. Und du rennst hinterher ohne nachzudenken, denn du brauchst diese verdammten Papiere.

Und schwupps.

Deine Körperteile und Gedärme verteilen sich über das Vorfeld und formen blutige Pfützen.

Solche Sachen passieren.

Mich hätte es auch schon fast einmal erwischt.

Wir arbeiten weitestgehend unbemerkt, draußen im Vorfeld oder drinnen in der Gepäckverladung. Wir tragen Uniformen und orangefarbene Schutzwesten. Wir sehen aus wie Kürbisse. Manchmal, wenn ich Koffer schleppe und mir den Rücken ruiniere — für weniger Lohn, als ich bei McDonald's bekommen könnte — dann kommen mir diese Gedanken.

Über meine Chefin.

Wenn wir mal wieder unterbesetzt sind und sie mit mir zusammen schuften muss. So wie heute Nacht. Wie schwer wäre es, ihr einen Schubs in Richtung der Propeller zu geben?

Wie gesagt, solche Sachen passieren.

Eine Kollege von mir fiel aus dem Krankorb, als er ein Flugzeug enteiste. Das Glykol, das wir versprühen, ist glitschig wie Schmiere. Der Wind bläst dir das Zeug ins Gesicht zurück, während du gegen die Uhr arbeitest, um den Flieger in die Luft zu kriegen, bevor er wieder vereist. Mitten in einem Schneesturm stand er hoch oben in dem Krankorb und versprühte das Glykol. Natürlich ohne Sicherung. Wer hat schon die Zeit, sich in diese Zwangsjacke zu quetschen?

Beim Enteisen muss sich der Typ oben im Korb auf den Fahrer unten im Kranwagen verlassen können. Idealerweise sagt der Typ oben im Korb, wo es langgehen soll: von Rumpf hin zu den Flügeln und weiter zum Heck. Aber manchmal läuft etwas schief. Manchmal funktioniert das Funkgerät nicht richtig. Manchmal schneit es so heftig, dass der Fahrer kaum etwas sieht. Dann kann es passieren, dass der Korb gegen einen der Flügel stößt. Der Fahrer tritt zu fest auf die Bremse. Der Typ im Korb rutscht aus und kann sich nicht halten, denn überall klebt das Glykol. Ohne Sicherung fällt der Typ dann sechs Meter tief auf die Rollbahn.

Mein Kollege ist mit dem Kopf aufgeschlagen. Seitdem ist er nicht mehr derselbe.

Obwohl: Etwas Besseres hätte ihm kaum passieren können. Er hat weiterhin seinen Lohn kassiert und den Rest des Winters zuhause vorm Fernseher verbracht. Im darauffolgenden Sommer stimmte er einem Vergleich zu — es ging nur um ein paar Tausend und nicht etwa um Millionen, denn Colorado erlaubt es seinen Unternehmen, Angestellten jederzeit fristlos zu kündigen. Und bei einem Unfall legen sie dich erst recht aus Kreuz. Mein Kollege ist seit dem Unfall derart neben der Spur, dass es nicht einmal mehr zum Tütenpacker im Walmart reicht. Also musste ihm der Staat eine dauernde Erwerbsunfähigkeit bescheinigen. Heute verbringt er seine Zeit im Kasino, wo er sein Geld verzockt und sich in der Teepee Lounge einen hinter die Binde kippt.

Und das Beste: Er ist weg, bevor die neue Chefin auftauchte.

Sie ist ein bemerkenswertes Miststück. Eigentlich kann sie nichts, was sie für ihren Job können müsste. Aber sie weiß, wie der Laden funktioniert. Und sie kann lügen wie keine andere. Das ist eine wichtige Fähigkeit, wenn man es im Amerika der Konzerne zu etwas bringen will. Ich habe in dieser Beziehung einiges von ihr lernen können. So ist es geradezu lebensnotwendig, bei einer Lüge zu bleiben, ganz egal, wie abstrus sie auch sein mag.

Meine Chefin hatte zum Beispiel einen Haufen Papierkram entsorgt, den wir eigentlich für den Fall einer Buchprüfung für sechs Monate aufbewahren müssen. Anstatt ihren Fehler zuzugeben, behauptete sie einfach, dass Vertreter einer anderen Fluglinie in unser Büro eingebrochen wären und die Unterlagen vernichtet hätten. Ihre Lakaien glaubten ihr natürlich. Dabei stank die Geschichte zum Himmel. Warum sollten sich Vertreter einer anderen Fluglinie um unsere Tankbelege, Wetternachrichten und Meldungen über verloren gegangene Gepäckstücke scheren? Tun sie natürlich nicht. Aber meine Chefin blieb bei ihrer Geschichte. Sie kletterte sogar in einen Müllcontainer und tat so, als würde sie nach den Unterlagen suchen. Dafür braucht es schon ein großes Maß an Hingabe und Kaltschnäuzigkeit.

Sie hat beides.

Sie ist eine Lügnerin, ein Miststück, eine Diva. Ohne jeden Zweifel. Aber das ist nicht der Grund, warum ich sie verachte.

Ich verachte sie, weil sie niederträchtig ist. Eine Sadistin. Nicht im sexuellen Sinne, glaube ich — obwohl ich sie mir gut in Lackstiefeln vorstellen kann, mit einer Peitsche in der Hand und einem Cellulite-Hintern, der aus einem Gummikorsett hervorquillt. Das würde ihr zweifelsohne stehen. Sie liebt es zu quälen. Besonders arme Seelen wie mich, die unter ihrer Herrschaft schuften müssen.

Es gibt solche Menschen.

Mal angenommen, du freust dich auf etwas Besonderes, wie zum Beispiel ein Konzert im Red Rocks Park oben in Denver, oder ein Wochenende im Schnee in Telluride, oder die Hochzeit deiner Schwester. Kein Problem, wenn du zu ihren Lieblingen gehörst. Aber wenn du bist wie ich, dann bist du am Arsch. Ich stand heute nicht auf dem Dienstplan. Ich hatte anderes vor, sprach die ganze Woche davon. Und was macht sie? Streicht mir meinen freien Tag. Ohne Grund und ohne Diskussion. Und wenn ich nicht erscheine, dann setzt es wieder eine Ermahnung.

Wir sind immer unterbesetzt. Wen wundert's? Keiner, der halbwegs bei Verstand ist, möchte hier arbeiten.

Heute Nacht sind es nur sie und ich.

Und noch so ein Gedanke... Tod durch Stromschlag.

Das Bodenstromaggregat versorgt die Flugzeuge mit Elektrizität. Das Ding ist — einfach ausgedrückt — ein Generator auf Rädern. Sobald ein Flieger zum Flugsteig rollt, schließen wir ihn an. Nachts lassen wir das Aggregat laufen, um beim Reinemachen der Kabine Licht zu haben. Morgens brauchen wir es als Starthilfe für die Motoren.

Ein Kollege weist dem Flugzeug mit Leuchtstäben den Weg zur Rampe. Ein anderer fährt das Bodenstromaggregat heran, wickelt das schwere Stromkabel von der Rolle, entriegelt den Anschluss am Flugzeug und steckt das Kabel ein. In der Zwischenzeit wartet der erste, bis der Stecker sicher sitzt, und schaltet dann den Strom ein. Macht er es zu früh, könnte der andere dabei ums Leben kommen. Vor allem, wenn die Steckverbindung nicht einwandfrei in Schuss ist.

Solche Sachen passieren.

Du hast keine Zeit zu reagieren, wenn's dich erwischt, denn es passiert in Millisekunden. Starke Schmerzen in der Brust und dann auf Nimmerwiedersehen. Passiert häufiger, als man denkt.

Ich sitze in der Abfertigung neben dem Funkgerät und warte darauf, dass der Flieger sich meldet. Draußen zieht langsam ein Unwetter auf. Meine Chefin sitzt in ihrem Büro und tut so, als sei sie mit Papierkram beschäftigt. Aber ich weiß, dass sie auf Facebook beobachtet, was sie ihre »Freunde« so treiben. Sie hatte mir auch eine Freundschaftsanfrage geschickt, damit sie mich noch besser im Auge haben kann. Ich hab sie ignoriert. Sie war deswegen ziemlich verärgert.

Alles, was ich tue, verärgert sie.

Sie muss mal wieder runterkommen.

Ich stelle mir vor, wie sie ruhig und friedlich in einem Bottich BlueJuice treibt.

Und zwar mit dem Gesicht nach unten.

BlueJuice ist die Flüssigkeit im Abwassersystem eines Flugzeuges. Es ist blauer als das karibische Meer. Kaum jemand verschwendet einen Gedanken daran, wie die Toiletten in einem Flugzeug funktionieren. Es ist eben nicht so, dass die Exkremente wie von Zauberhand weit weg in ein anderes Sonnensystem gespült werden. Nein. Sie werden in einem riesigen Behälter im Bauch des Fliegers gelagert, bis jemand kommt und den Behälter entleert. Dieser Jemand bin ich. Nacht für Nacht karre ich den Servicewagen zum Flugzeug, öffne zuerst die Luke, dann den Verschluss und schraube einen dicken Schlauch darauf. Hört sich vielleicht einfach an, ist aber ganz schön knifflig. Wenn der Schlauch nicht richtig sitzt oder irgendein Depp in Denver den Verschluss nicht richtig eingeklinkt hat, dann prasselt der Inhalt des Behälters auf die Rollbahn — und auf mich. BlueJuice, Klumpen aus Klopapier, alle Arten von ekelhaftem Zeug.

Ist mir letzten Winter gleich zweimal passiert. Anstatt in den Schlauch ist mir das BlueJuice-Gebräu ins Gesicht geflogen. Ich musste das Rollfeld von der Chemie-Soße befreien, obwohl es schon nach Mitternacht war und es heftig schneite — und ich ganz nebenbei nass bis auf die Knochen.

Ich verstand es als Botschaft. Als Metapher für mein beschissenes Leben.

Meine Chefin fand es zum Schreien komisch. Nannte mich nur noch den Blauen Engel.

Und wieder dachte ich nach.

Es braucht nicht viel Flüssigkeit um jemanden zu ersäufen. Leute ertrinken in der Badewanne, in ihrem eigenen Erbrochenen. Sogar in Kloschüsseln.

Es ist kein schöner Tod: Die Lunge kollabiert, vorm Mund bildet sich Schaum. Bereits nach wenigen Minuten ohne Sauerstoff nimmt das Gehirn Schaden. Organe schalten ab. Ertrinken geht oft einher mit panischem Rudern der Arme und Beine, was den Sauerstoffverbrauch nur noch beschleunigt. Der Anteil von Kohlendioxid steigt, was das Verlangen, nach Luft zu schnappen, unendlich macht. Schließlich versucht der Ertrinkende zu atmen und saugt die Flüssigkeit (wie zum Beispiel BlueJuice) in seine Lungen. Der erste Impuls ist zu husten, was zu einer noch größeren Aufnahme von Flüssigkeit führt. Die Kehle schnürt sich zu, um den Weg in die Lunge zu verschließen. Dadurch wandert die Flüssigkeit in den Magen, die Kehle entspannt sich und macht den Weg in die Lunge wieder frei.

Meine Chefin sagt, dass ihr meine Art nicht gefällt.

Ich finde meine Art gar nicht so übel. Ich finde sie sogar großartig.

Zum ersten Mal, seit sie bei uns ist, freue ich mich auf einen neuen Arbeitstag. Ich male mir aus, wie friedlich es sein wird, weil sie nicht mehr da ist, um mir Anweisungen zu geben, um mich zu ermahnen und mir das Leben zur Hölle zu machen. Ich hoffe, sie hat ihre Sachen gepackt und ihren Pass mitgebracht, denn ich schicke sie auf eine verdammt lange Reise.

Es wird Zeit für mich. Der Flieger hat sich gemeldet.

Ich muss sagen, heute Nacht gefällt mir mein Job ausgesprochen gut.

Zané ist das schwer gestörte Alter Ego von Suzanne Tyrpak. Während Suzanne historische Romane schreibt, darf sich Zané in den Psychosen unserer modernen Arbeitswelt herumtreiben, zum Beispiel in den Romanen Sadie the Sadist und Sadie’s Guide to Catching Killers. Auf ihrem Blog verbreitet Zané kostenfreie Ratschläge, Rezepte und anderen Irrsinn.

Übersetzt von Heiner Eden.